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Zwischenstopp in New York - Capablanca im Interview während seiner Reise nach Moskau

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    Zwischenstopp in New York - Capablanca im Interview während seiner Reise nach Moskau

    Am 25. Oktober 1925 befand sich Weltmeister Capablanca mit dem Schiff Richtung Rußland, wo am 5. November das Internationale Schachturnier in Moskau beginnen sollte. In New York mußte er einen kleinen Zwischenstopp einlegen, und er gab dabei der New York World ein Interview, das vom Schachhistoriker Edward Winter zusammengetragen wurde. In diesem nährt Capablanca die Legende, daß er tatsächlich überhaupt keine Zeit für Training und Vorbereitung verwende. Immerhin paßt dazu, daß Capablanca in diesem Jahr noch kein Schachturnier bestritten hatte. Dies konnte er sich durch seine Diplomatentätigkeit für den kubanischen Staat finanziell leisten. Interessant in dem Interview ist, daß Capablanca Einblicke in sein schachliches Denken gewährt, das mit bewußtem Denken, wie wir Intelligenz definieren, wenig zu tun hat. Die Angaben des Kubaners decken sich durchaus mit den modernen Forschungen zur Schachintelligenz, die eher spezifisch auftrete; hier würde ich allerdings einwenden, daß Capablanca zu den Schachspielern mit ausgeprägtem intuitiven Zugang gehört, während das Schachdenken von Schachspielern mit ausgeprägt rationalem Zugang schon wieder ein anderes ist.

    Interessant sind ferner Capablancas Auslassungen über den Zusammenhang zwischen Klima und Schachspielern, der für Capablanca sogar der dominierende Faktor ist, in welchem Ausmaß in Ländern gute Schachspieler heranwachsen können, und wo Capablanca die These vertritt, daß Länder mit warmem Klima dadurch stark benachteiligt seien. Mir selbst ist die Klimathese schon durch Eduard Lasker begegnet, und diese erscheint mir schon deshalb nicht schlüssig, weil es mit Italien, Spanien und Frankreich immerhin drei südliche Länder gewesen waren, die parallel oder nacheinander bis in die frühen 40er Jahre des 19. Jahrhunderts schachlich führend gewesen waren (das Beispiel Frankreich ist deswegen schlecht gewählt). Ich selbst würde von daher in der Frage, welche Faktoren ein Land im Schach stark machen können, das Klima vernachlässigen, und eher kulturell argumentieren, daß historisch eine Nation in ihrem Goldenen Zeitalter stets eine oder die führende Rolle im Weltschach eingenommen hat. So war es in Spanien (Kolonialzeitalter, Spanien dominierend auf den Weltmeeren), Italien (Renaissance) und Frankreich (Aufklärung und Bürgertum), aber auch in Arabien, als der Islam dem mittelalterlichen Christentum noch in fast jeder Hinsicht überlegen gewesen war. Heute halte ich für das Entstehen guter Schachspieler eher moderne Faktoren wie Wohlstand, Strukturen und Förderung für relevanter.

    Auch interessant ist der Passus, wo sich Capablanca darüber beklagt, daß in den USA Schachspieler oft pauschal unter Verrücktheitsverdacht gestellt werden würden. Offenbar sind dies Nachwehen des Schachwahns im Morphy-Jahr, wobei es schade ist, daß Harry N. Pillsbury diesen Glauben sehr viel später weiter am Leben hielt, obwohl Pillsbury nachweislich nicht unter Geisteskrankheit litt, sondern an den Folgen einer Syphilis, die er sich beim Turnier in St. Petersburg 1895/96 zugezogen hatte, früh verstorben war. Damals herrschte in der Schachwelt die Meinung vor, das exzessive Blindspielen habe Pillsbury in den Tod getrieben. Leider ist dieses von Capablanca angeprangerte Vorurteil, wie man an dem jüngst im Forum diskutierten entsprechenden Zeit-Artikel sieht, immer noch aktuell.

    Dafür relativiert Capablanca in dem Interview die auch von ihm selbst angestoßene Remistodgefahr. Diese vermeintliche Gefahr klingt in dem Interview weitaus weniger dramatisch als in der schon von ihm und anderen Schachspielern in dieser Zeit gehörten Form, und es zeigt, daß Capablanca - für einen Schachspieler seiner Meisterschaft eigentlich wenig überraschend - für die Komplexität dieses Spiels durchaus Verständnis aufbringt. Doch lassen wir den Maestro (Ausdruck von G. Kasparov) nun selbst zu Wort kommen, der Text ist von Edward Winter, die Übersetzung kommt von mir:

    Schach ist nach Meinung von Schachweltmeister Jose Raul Capablanca aus Kuba nicht nur ein Spiel oder ein mentales Training, sondern eine soziale Leistung. Capablanca legt derzeit in New York für ein paar Stunden, bis das nächste Schiff kommt, auf seiner Route von Havanna nach Moskau einen Zwischenstopp ein, wo er am 5. November beim Internationalen Schachmeisterturnier unter der Schirmherrschaft der Sowjetregierung teilnehmen wird.

    „Schach“, sagt Capablanca, „ist mehr als ein Spiel oder mentales Training. Es ist eine gewaltige Leistung. Ich habe immer das Schachspielen geachtet, und ich sehe das Erreichen einer guten Partie als eine Kunst an, die ich ungefähr so bewundere wie das Kunstwerk eines Malers oder eines Bildhauers. Schach ist eher eine geistige Ablenkung als ein Spiel. Es ist Kunst und Wissenschaft zugleich."

    Wir diskutieren den Fortschritt des Schachs in Amerika, Capablanca sagt:

    „Dem Schach wurde in den Vereinigten Staaten ernsthaft geschadet, als vor vielen Jahren zwei seiner großartigsten Spieler [Capablanca meint hier wahrscheinlich Morphy und Pillsbury - Kiffing] durch ihre Schachbeschäftigung ernsthaft geisteskrank wurden. Es gab kein Wort der Wahrheit über diese Männer, als eure Zeitungen ihre Propaganda ausbreiteten, daß Menschen, die Schach spielen, als ein wenig verrückt gelten.

    Ich habe es schon oft erlebt, daß mich Frauen und Männer, die eigentlich recht intelligent sind, tatsächlich fragten, ob ich mich nicht davor fürchte, den Verstand zu verlieren, wenn ich mich weiter mit Schach beschäftige. Es scheint eine Wahnvorstellung unter vielen Amerikanern zu sein, daß Liebe und Verständnis zum Schach zu mentalen Störungen führe.

    "Die Schachweltmeisterschaft zu gewinnen, hat seine Nachteile“, räumt Capablanca ein, oft vergingen Perioden von zwei Jahren, ohne daß er einen Schachspieler getroffen habe, und zwar aus dem einfachen Grund, daß es im Umkreis von 5000 Meilen (sic) niemanden gebe, mit dem er spielen möchte.

    Das Klima, sagt Capablanca, wiegt mehr als jeder andere Faktor, ob ein Schachmeister entstehen kann. Er bezeichnet sich selbst als „Unfall“ in der Schachwelt und behauptet, tropische oder subtropische Länder erzeugen selten einen Schachspieler.

    „Ich begann Schach zu spielen, als ich vier Jahre alt war“, erzählt er. „Ich kann nicht sagen, daß ich es mit irgendeiner Intelligenz spielte, aber ich spielte es. Man sollte es sehr früh beginnen, um einen Fortschritt zu erzielen“.

    Der Weltmeister ist nun (fast) 37. In seinem Erscheinungsbild wirkt er 8-10 Jahre jünger.

    Er denkt, England bringe aufgrund seines eigentümlich rauen Klimas exzellente Schachspieler hervor, welches die Menschen ins Innere ihrer Behausungen treibe. Er sagt, daß er in einem Jahr, in dem er in London war, um mit Mitgliedern des Parlaments und des Houses of Lords zu spielen, bemerkte, daß nicht weniger als 300 Mitglieder des britischen Ober- und Unterhauses sowie der King´s Bench Schach spielten, und das gut. In dieser Zeit, fügt er hinzu, habe er oft mit Andrew Bonar Law gespielt, dem Premierminister von 1922-23.

    Capablanca wurde gefragt, ob es nicht eine Grenze an möglichen Spielen im Schach geben würde.

    „So etwas wie eine Grenze ist noch weit entfernt“, antwortet er. „Meiner Meinung nach benötigt es noch 50 Jahre, bis zwei oder drei extrem begabte Spieler in der Lage sind, die Feinheiten des Spiels in einem solchen Ausmaß zu meistern, daß es für sie unmöglich sein wird, sich gegenseitig zu schlagen. Ich sollte sagen, es ist nahezu aussichtslos für jemanden, das Spiel tatsächlich perfekt zu beherrschen. Niemand ist in der Lage, fehlerfrei zu spielen.

    Eine der interessantesten Enthüllungen des Champions ist, daß er nicht die Gewohnheit habe, sich auf seine Spiele und mögliche Züge vorzubereiten oder an seinem Spiel zu feilen. Er habe auf seinem Weg nach Rußland nicht vor, irgendein Spiel zu spielen. Er spiele nur, wenn er gegen einen Gegner am Brett sitzt, und er gewinne seine Hauptzufriedenheit durch das Spielen, wenn er sieht, im richtigen Moment gewinnen zu können.

    „Wie ein Artist, der im richtigen Moment den richtigen Strich mit dem Pinsel zieht und im ordentlichen Stil sein Bild vollendet“, ist die Art und Weise, wie Capablanca dies beschreibt.

    Rußland und die teutonischen Länder*, behauptet Capablanca, brächten ausgezeichnete Schachspieler hervor, und zwar aufgrund ihres kälteren Klimas, während Frankreich in dem Spiel niemals eine Ernte von großem Ausmaß eingefahren habe.

    Darüber informiert, daß seitdem die Sowjets die Macht in Rußland haben, der Charakter der Schachfiguren sich proletarisiert hat, und daß Ambosse die Bauern ersetzt haben, während Schmiede und Ährenleserinnen Springer und Läufer ersetzt haben, sagt Capablanca:

    „Das mag der Außendarstellung dienen, aber ich bin zuversichtlich, daß wir in Moskau die regulären Schachfiguren erhalten werden, die überall auf der Welt genutzt werden, wo Schach gespielt wird.“

    Capablanca ist, abgesehen davon, daß er Schachweltmeister ist, auf Kuba ein geschätzter Mann mit einer bemerkenswerten Reputation, und wo er lange Sitzungen hält und residiert.
    *mit „teutonischen Ländern“ muß nicht nur Deutschland gemeint sein. Ich vermute hier, daß Capablanca sich mit diesem Begriff im Sinne des hier auch gebrauchten pars pro toto auf die germanischen Länder bezieht, womit er m. E. neben Deutschland, Österreich und die Niederlande auch England im Blick hatte, da er sich ja in dem Interview voll des Lobes über das Schachleben in England geäußert hatte. Zur Erinnerung: in England setzten sich im Zuge der germanischen Völkerwanderungen die germanischen Stämme der Angeln und Sachsen durch, welche nach dem Sterben des Imperium Romanums die autochthonen Briten verdrängten.

    Man sieht, es gibt Diskussionsbedarf. Was haltet ihr von den Ausführungen Capablancas?
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

    #2
    AW: Zwischenstopp in New York - Capablanca im Interview während seiner Reise nach Mos

    Wir verneigen uns vor dieser Fleissarbeit mit hochintessanten Neuigkeiten - insbesonders das Interview während de Zwischenstopps in NY. Auch die historische Rückkehr in das frühere Schachleben frischt unsere Erinnerung auf.
    Danke!
    Mit den besten Grüssen Frank Mayer

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