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Die zu früh ausgerufene Götterdämmerung des Anatoli Karpovs

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    Die zu früh ausgerufene Götterdämmerung des Anatoli Karpovs

    Ein wenig überrascht war ich über eine schachpsychologische Analyse von Mark Dworetzki aus der ersten WM-Partie in Moskau 1985 zwischen Garri Kasparov (Weiß) und Anatoli Karpov (Schwarz). In der aufgeführten Stellung im 18. Zug in der Partie steht Karpov, der hier das Zugrecht besitzt, offensichtlich klar schlechter, was auch Mark Dworetzki anhand von einigen eher normalen Varianten belegt. Um sich zu retten, hätte hier Anatoli Karpov also zu besonderen Maßnahmen greifen müssen, und Mark Dworetzki zeigt zwei solcher Ideen auf (bitte nicht von der 1997 von der FIDE verbotenen Notationsschreibweise mit dem Doppelpunkt als Schlagzug irritieren lassen. Vor 1997 war der Doppelpunkt als Schlagzug neben dem x alternativ erlaubt):



    Wenn es nicht gelingt die Probleme der Stellung mit „normalen Mitteln“ zu lösen, dann muß man eben auch über Gewaltmaßnahmen nachdenken, und daher setzte ich die Überprüfung des Zuges 18. ...bc fort. Sogleich stellte ich fest, daß nach 19. Sc8:+ Tdc8: 20. Lb7 Tb7: 21. Tb7: cd 22. Ta7: Sc5 23. Tb1 e5 Schwarz eine hervorragende Kompensation für die geopferte Qualität erhält. Falls Weiß sofort seinen a-Bauern nach vorne schiebt, dann kann sein Turm den Punkt a7 schon nicht mehr verlassen.
    In der zweiten Variante muß sich Schwarz von einer Figur trennen, man sehe:
    18. ...bc!! 19. Tb8: Sb8: 20. dc Sa6! 21. Sc8:+ Tc8: 22. Lb7 Tc5:! (hoffnungslos ist 22. ...Tc6? 23. Lc6: dc 24. Tb1) 23. La6: Ta5 24. Lc8! (dies ist genauer als 24. Lb7) 24. ...Ta2:+ 25. Ke3 Kd8 (25. ...Tc2? 26. Td1) 27. Lb7 Tc2 27. Ta1 (27. La6 Ta2 28. Lb5? a6) 27. ...Tc4: 28. Ta7:. Nach 24. Lb7?! befände sich der schwarze König auf e7 und der Bauer a7 wäre unverwundbar wegen der Fesselung Tc7. Aber auch jetzt trägt das Endspiel remislichen Charakter
    Mark Dworetzki, Moderne Schachtaktik, Edition Olms 1994, S. 21

    Das entsprechende Kapitel in seinem Buch heißt Sonnenflecken, nach dem Lesen der folgenden Zeilen hätte ich aber eher an eine Götterdämmerung gedacht. Denn die Tatsache, daß Karpov diese Idee nicht spielte, bewertete Dworetzki fatal:

    Ein gutes Beispiel für eine Rettungskombination. Ich zweifle nicht daran, daß Karpov sie in seinen besten Zeiten ohne Mühe entdeckt hätte, war er doch verdientermaßen berühmt für seine Kunst der Verteidigung schwieriger Stellungen. Aber mit dem Lebensalter vermindert sich bei fast jedem Schachspieler der Vorrat an Energie, es tritt die Tendenz auf, von der Berechnung schwieriger Varianten Abstand zu nehmen, die Schärfe des kombinatorischen Sehvermögens läßt langsam etwas nach. Offenbar zeigte Karpow während dieser Partie schon einen Anflug dieser Tendenz, denn er machte den passiven Zug 18. ...Sc7?, der mit der Idee des Abtausches des gefährlichen Springers d6 verbunden war. Ich erinnere mich, daß ich dies bereits als schlechtes Omen für den Weltmeister deutete, und wirklich: der höchste Schachtitel ging mit dem Ende des Wettkampfes an Herausforderer Garry Kasparow über.
    Ebd.

    [Event "Wch Moscow i 40/683"]
    [Site "01"]
    [Date "1985.09.03"]
    [EventDate "?"]
    [Round "1"]
    [Result "1-0"]
    [White "Garry Kasparov"]
    [Black "Anatoly Karpov"]
    [ECO "E21"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "83"]

    1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4 4.Nf3 c5 5.g3 Ne4 6.Qd3 Qa5 7.Qxe4
    Bxc3+ 8.Bd2 Bxd2+ 9.Nxd2 Qb6 10.dxc5 Qxb2 11.Rb1 Qc3 12.Qd3
    Qxd3 13.exd3 Na6 14.d4 Rb8 15.Bg2 Ke7 16.Ke2 Rd8 17.Ne4 b6
    18.Nd6 Nc7 19.Rb4 Ne8 20.Nxe8 Kxe8 21.Rhb1 Ba6 22.Ke3 d5
    23.cxd6 Rbc8 24.Kd3 Rxd6 25.Ra4 b5 26.cxb5 Rb8 27.Rab4 Bb7
    28.Bxb7 Rxb7 29.a4 Ke7 30.h4 h6 31.f3 Rd5 32.Rc1 Rbd7 33.a5 g5
    34.hxg5 Rxg5 35.g4 h5 36.b6 axb6 37.axb6 Rb7 38.Rc5 f5 39.gxh5
    Rxh5 40.Kc4 Rh8 41.Kb5 Ra8 42.Rbc4 1-0
    Analysen: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067186

    Nun muß man dazu wissen, daß Karpov selbst zu Beginn dieser Weltmeisterschaft erst 34 Jahre alt war und damit noch lange nicht in einem Zeitalter, wo man sich über ein Nachlassen seiner kognitiven Fähigkeiten wirklich Sorgen machen müßte. Tatsächlich ist heute unter Schachexperten eher die gegenteilige Meinung vorherrschend, daß gerade die nun andauernde Rivalität mit dem so anders spielenden Garri Kasparov und damit auch ihre zahlreichen Spiele untereinander beide Spieler, und damit auch Anatoli Karpov, stark beflügelte, ihren Horizont erweiterte und ihren Ehrgeiz aufs Höchste anstachelte. Kurz gesagt, als Anatoli Karpov in Linares 1994 sein Husarenstück leistete, hatte er qualitativ verglichen mit 1985 einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht.

    Genau dies belegt der produktive Schachexperte Mihail Marin, der in Karl eine lesenswerte und aspektreiche Ausarbeitung über die Evolution der Mittelspieltheorie verfaßt hatte. Im Abschnitt zur Moderne widmet sich Marin den von ihm in seinen Jugendzeiten sehr bewunderten Anatoli Karpov. Er zeigt zwei klassische Modellpartien von Karpov, die seine besonderen Stärken im besten Licht zeigen, seinen Sieg gegen Rafael Waganjan 1976 in Skopje und seinen Sieg gegen Artur Jussupov 1989 in Linares. In diesen 13 Jahren hat Marin eine enorme Weiterentwicklung des ehemaligen Weltmeisters ausgemacht, die er anhand dieser beiden Modellpartien aufzeigt. Marin beruft sich auf Jasser Seirawan, der mit Robert Fischer auch nach dessen Rückzug vom Schach noch Kontakt hatte, und dem „angeblich viele Fehler in [Karpovs] Partien und Analysen des ´sogenannten Weltmeisters´“ (Fischer) aufgefallen waren. Karl, 2/2015, S. 40. Marin gibt Fischer durchaus Recht und belegt das an dem Opfer von Karpov im 23. Zug gegen Waganjan, das bei Annahme zum Remis geführt hätte. Marin gibt als Remisweg die Variante 23. ...gxf5! 24. Td3 f4 25, Dxf4 f6! 26. Dxf6 Tg7 27. De6+ Kh7 28. Df5+ Kh8 an. Marin: „Der Springer leistet gute Arbeit, weil er e7 verteidigt. Es ist nicht zu sehen, wie Weiß mehr als Remis durch Zugwiederholung (durch z. B. 29. Df6) erreicht.“ (ebd. S. 42). Bei Karpovs Sieg gegen Jussupov dagegen war sein Stil dagegen fast zur Vollendung gereift. Marin selbst gibt als Quintessenz nach seiner Analyse an:

    Die Partie zeigt dasselbe abstrakte Muster wie die vorherige - der Zusammenprall der verschiedenen Pläne kulminierte in einer taktischen Explosion. Aber diesmal waren die konkreten Details ohne Makel. Und ich glaube, daß sogar Fischer akzeptiert hätte, daß dies eine große Partie von seinem ´sogenannten Nachfolger´ war.
    Ebd. S. 43

    1994 gewann Karpov das Superturnier in Linares mit 11/13 und einer erst in den jüngsten Tagen durch Magnus Carlsen übertroffenen Performanz von 2985. Wie konnte man bei dem damals 34jährigen 1985 schon von einer Art Götterdämmerung sprechen?

    [Event "01, Skopje"]
    [Site "01, Skopje"]
    [Date "1976.02.29"]
    [EventDate "?"]
    [Round "1"]
    [Result "1-0"]
    [White "Anatoly Karpov"]
    [Black "Rafael Vaganian"]
    [ECO "C07"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "79"]

    1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nd2 c5 4. exd5 exd5 5. Ngf3 a6 6. dxc5
    Bxc5 7. Nb3 Bb6 8. Bd3 Ne7 9. O-O Nbc6 10. Re1 Bg4 11. c3 h6
    12. h3 Bh5 13. Be3 O-O 14. Bxb6 Qxb6 15. Qe2 Rfd8 16. Rad1 a5
    17. Bb1 Bxf3 18. Qxf3 a4 19. Nd4 Qxb2 20. Nxc6 Nxc6 21. Qf5 g6
    22. Qf6 Rd7 23. Bf5 Re7 24. Rxe7 Nxe7 25. Bd3 Nf5 26. Bxf5
    gxf5 27. Re1 Qxa2 28. Qxh6 a3 29. Qg5+ Kf8 30. Qf6 Kg8
    31. Qxf5 Qd2 32. Re7 Rf8 33. Qg4+ Kh7 34. Re5 Qh6 35. Rh5 Ra8
    36. Qf5+ Kg7 37. Rxh6 Kxh6 38. Qf6+ Kh7 39. Qxf7+ Kh8 40. Qxb7
    1-0
    Analysen: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067943

    [Event "Linares 47/142 Karpov,An"]
    [Site "Linares 47/142 Karpov,An"]
    [Date "1989.??.??"]
    [EventDate "?"]
    [Round "?"]
    [Result "1-0"]
    [White "Anatoly Karpov"]
    [Black "Artur Yusupov"]
    [ECO "A88"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "83"]

    1. c4 f5 2. d4 Nf6 3. g3 g6 4. Bg2 Bg7 5. Nc3 d6 6. Nf3 O-O
    7. O-O c6 8. b3 Qc7 9. Ba3 a5 10. Rc1 Na6 11. Qd2 Bd7 12. Rfe1
    Nb4 13. Bb2 e5 14. a3 Na6 15. dxe5 dxe5 16. Nb5 cxb5 17. cxb5
    Nc5 18. Bxe5 Qb6 19. Bxf6 Bxf6 20. Qd5+ Ne6 21. Qxd7 Rad8
    22. Rc6 Rxd7 23. Rxb6 Nc5 24. b4 axb4 25. axb4 Ne4 26. e3 Kf7
    27. h4 Rb8 28. Rc1 Ke7 29. Nd4 Kf7 30. Bxe4 fxe4 31. Ne6 Bd8
    32. Ng5+ Bxg5 33. hxg5 Re8 34. Rc4 Kg7 35. Kg2 Rf7 36. Rd6 h6
    37. gxh6+ Kxh6 38. b6 Re5 39. Rc7 Rf8 40. Rxb7 Ref5 41. Rd2
    Rb5 42. Rd4 1-0
    Analysen: http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1068716
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht
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