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Rudolf Spielmann - Der Schachmeister des Angriffsspiels

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    Rudolf Spielmann - Der Schachmeister des Angriffsspiels

    Rudolf Spielmann
    Der Schachmeister des Angriffsspiels

    Rudolf Spielmann zählte über viele Jahrzehnten zu den besten Schachspielern der Welt. Er entstammt einer jüdischen Familie und wurde am 5. Mai 1883 in Wien geboren und war das zweite von sechs Kindern. Schon früh fasste Rudolf Spielmann den Entschluss, seinen Lebensunterhalt als professioneller Schachspieler zu verdienen. Um sich ganz auf das Schachspiel konzentrieren zu können, entschied er sich nach der Schule gegen ein Mathematikstudium.

    Völlige Gleichberechtigung der Juden
    Moriz Spielmann und Cäcilie Neustädt, die Eltern von Rudolf Spielmann, lebten seit den 1870er Jahren in Wien, nachdem den Juden mit dem sogenannten interkonfessionellen Ausgleich 1868 die völlige Gleichberechtigung zugesichert worden war. Viele Juden, die in anderen Teilen der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn Benachteiligungen ausgesetzt waren, siedelten damals voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Wien. Spielmanns Vater verdiente den Lebensunterhalt für die Familie als Journalist. In der Regel reichte es gerade zum Überleben. Dennoch unterstützten die Spielmanns die künstlerischen Ambitionen ihrer Kinder. Sohn Leopold galt als musikalisches Wunderkind, während sich die Töchter Melanie, Jenny und Irma der Schauspielerei widmen durften.

    Ein Star ohne Starallüren
    Von Rudolf Spielmann ist überliefert, dass er gerne Bier trank. Als Schachspieler war er international bekannt. Der Star ohne Starallüren spielte über hundert Turniere und mehr als fünfzig Wettkämpfe. Um eine Weltmeisterschaft spielte der Spitzenspieler nie. Spielmann blieb bis zum Ende seines Lebens Junggeselle.

    Der Vater als Schachlehrer
    Spielmann begann schon mit vier oder fünf Jahren mit dem Schachspiel. Sein Vater Moriz lehrte ihn das königliche Spiel. Das Jahr 1909 brachte ihm den Durchbruch. Damals teilte er sich bei einem Turnier in St. Petersburg mit Tschechen Oldřich Duras den dritten Platz, hinter Emanuel Lasker und Akiba Rubinstein. Von da an hatte Spielmann sich in der Weltspitze des Schachs etabliert. Im Jahr 1912 siegte er in Abbazio bei einem Thementurnier. Das angenommene Königsgambit war Pflicht, eine Eröffnung, die Rudolf Spielmann mochte. Taktische Stellungen, die kompliziert waren, lagen ihm. Nach dem Sieg in Abbazio wurde er von vielen Freunden des Schachsports respektvoll „letzter Ritter des Königsgambits“ genannt.

    Soldat und neuer Spielstil
    Rudolf Spielmanns Karriere erfuhr durch den 1. Weltkrieg eine Zäsur. Er musste als k. u. k. Soldat in den Krieg ziehen. Nach Kriegsende 1918 begann er wieder als Berufsschachspieler. Er versuchte es mit einem neuen Stil und einem verbesserten Positionsspiel, blieb zugleich seinem risikoreichen Angriffsspiel treu. An guten Tagen war er in der Lage, jeden Gegner zu schlagen, aber gerade sein Mut zum Risiko bescherte ihm manche Niederlage. Dennoch brachte ihm die Umstellung seines Stils große Erfolge. 1926 gewann er ein Turnier auf dem Semmering und ließ dabei Schachgrößen wie Aljechin, Vidmar und Nimzowitsch hinter sich. In Berlin erreichte er 1928 einen dritten und in Karlsbad 1929 einen zweiten Rang. In den 1930er Jahren wendete sich das Blatt. Spielmann verlor etliche Partien gegen jüngere Gegner. Hervorzuheben ist dabei eine Niederlage 1935 bei einem Turnier in Moskau. Schon nach 12 Zügen musste Spielmann aufgeben, weil er einem theoretischen Tipp folgte, der sich als fehlerhaft erwies. Die durch elementare Eröffnungsfehler resultierende Niederlage wurde später in zahlreichen Lehrbüchern abgedruckt. Spielmann selbst veröffentlichte 1935 das Buch „Richtig opfern!“, in dem er die unterschiedlichen Arten des Opferns und seine Auffassung des Angriffsspiels beschrieb.

    Flucht vor den Nazis
    Die Machtergreifung der Nationalsozialosten 1933 griff tiefgehend in das Leben des Juden Spielmann ein. Zuerst suchte er Zuflucht in den Niederlanden. Von dort aus floh er vor den Nazis weiter in die Tschechoslowakei. Dort hatte bereits seine Familie Schutz gesucht. Spielmann besaß keinen gültigen Pass und lebte als „Staatenloser“ in einer Art Obdachlosenunterkunft. Da er mittellos war, sah er keine Möglichkeit, dem drohenden Einmarsch der Deutschen zu entkommen. In seiner Verzweiflung schrieb er einen Brief an den schwedischen Schachfan und Mäzen Ludwig Collijn.

    Ausreise nach Schweden
    Spielmanns verzweifelter Appell an den schwedischen Schachfreund, den er seit über 30 Jahren kannte, blieb nicht ungehört. Collijn ermöglichte Rudolf Spielmann die Ausreise nach Schweden. Sein Bruder Leopold wurde 1939 von der SS verhaftet und starb 1941 im KZ Theresienstadt. Leopolds Töchter konnten mit Hilfe einer Quäkerfamilie nach England fliehen. Rudolf Spielmanns Schwestern Jenny und Irma waren 1934 nach Holland geflohen. Nachdem Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurden sie verhaftet. Irma Spielmann wurde im KZ ermordet, während Jenny zwar das Lager überlebte, aber nach der Befreiung unter schweren Depressionen litt. 1964 beging sie Selbstmord.

    Der unermüdliche Schreiber
    Schweden war kein sicherer Ort vor den Nazis. Im vorauseilenden Gehorsam bereiteten sich viele Schweden bereits auf eine Invasion der Deutschen vor. Kurz nach Spielmanns Eintreffen in Schweden starb dessen Förderer Collijn. Spielmann musste sich neu orientieren. Er hatte den Auftrag bekommen, seine Autobiografie zu schreiben, versehen mit dem Versprechen, die nötigen Mittel für eine Übersiedlung in die USA zu erhalten. Wer der Auftraggeber war und was mit dem Manuskript geschehen ist, konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Spuren scheinen in die USA zu führen. Spielmann schrieb unermüdlich und gab das Manuskript den unbekannten Auftraggebern, die ihn vertrösteten und schließlich den Kontakt abbrachen.

    Tod in Stockholm
    Der österreichische Schachmeister starb am 20. August 1942 in Stockholm. Es kursieren zwei Versionen über seinen Tod. Die eine besagt, er habe sich in sein Zimmer eingeschlossen und sei verhungert. Eine andere Version besagt, dass er an der Parkinson-Krankheit gestorben ist. Als offizielle Todesursache wurde Hypertonie und Kardiosklerose angegeben.




    Verwendete Quellen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Spielmann und http://de.chessbase.com/post/rudolf-...zeitgeschichte
    »Der Junge ist gefährlich«, raunte einer der Polizisten. »Er hat die Raumstruktur manipuliert und mehrere Zeitparadoxa verursacht.«

    #2
    AW: Rudolf Spielmann - Der Schachmeister des Angriffsspiels

    Sehr interessanter Bericht über diesen herausragenden Schachspieler des 19. und 20. Jahrhunderts.
    Ich kannte ihn noch nicht mal vom Namen her, was sicherlich eine Bildungslücke war.

    Babylonia

    Kommentar


      #3
      AW: Rudolf Spielmann - Der Schachmeister des Angriffsspiels

      Danke für den schönen Artikel. Ich selbst bin schon mit schon mit vielen schönen Partien von diesem sympathischen Angriffskünstler in Berührung gekommen. Er war auch der erste, der mit seinem "Buch vom Opfer" das Opfer wissenschaftlich untersuchte und das Opfer dabei in mehrere Kategorien wie "Störopfer" oder "Raumopfer" einteilte. Natürlich gibt es viele Lehrbücher zu Kombinationen, aber Opfer und Kombinationen korrelieren im Schach zwar stark miteinander, sind aber nicht dasselbe. So können Kombinationen, vom Wortlaut her kombinierte Aktionen mehrerer Figuren für ein gemeinsames Ziel, auch ohne Opfer geschehen. Das Opfer ist dabei "nur" Mittel zum Zweck, aber kein Selbstzweck. Sein Lebensweg ist natürlich von großer Tragik und zeigt die Bestialität der Nazis in ihrem Programm der systematischen Judenausrottung deutlich auf, der ein Zivilisations- und Kulturbruch war, der seinesgleichen suchte. Rudolf Spielmann ging es dabei wie viele anderen Schachmeister, die von den Ereignissen zwischen 1914 und 1945 überrollt wurden und sich in im nackten Existenzkampf auf völlig veränderte Lebensbedingungen einstellen mußte. Sie waren Getriebene einer blutigen Zeit. Hut ab, daß er trotz schwerster Zeit einen solch markanten und wegweisenden Einfluß auf die Schachgeschichte nehmen konnte. Seine frische und inspirative Herangehensweise an das Schach war ein Beitrag dafür, der Angst vor dem Remistod zu trotzen und das Schach von den Ketten einer überbordenden Wissenschaftlichkeit seit den Reformen von Wilhelm Steinitz zu befreien, denn, wie einst Wilhelm Leibniz schon erkannte, läßt sich Schach nicht in mathematische Formeln pressen. Jahrhunderte später faßte mit Mischa Tal ein anderer Angriffskünstler dies so zusammen: "Ich möchte dem Gegner zeigen, daß 2+2=5 ist und eine Kathete größer sein kann als eine Hypothenuse".
      Alles wartet auf das Licht
      Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

      Kommentar


        #4
        AW: Rudolf Spielmann - Der Schachmeister des Angriffsspiels

        Nachfolgende Partie Spielmann - Tartakower, von Kiffing 2014 vorgestellt, veranschaulicht den "Schachmeister des Angriffsspiels" noch einmal eindrucksvoll:

        https://www.schachburg.de/showthread...tuitives-Opfer

        PS: Sollte die Notation der Partie nicht angezeigt werden, bitte den Balken über dem Brett (die drei Punkte) anklicken und dann auf "Savielly Tartak". Die Notation erscheint dann neben dem Brett und die Partie kann nachgespielt werden.
        Zuletzt geändert von ToBeFree; 25.08.2017, 01:41. Grund: Problem behoben. Lag am "?highlight=Spielmann" im Link. Die Hervorhebung macht den Viewer kaputt. :/
        „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.“ Karl Kraus

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