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Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

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    Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

    Schach ist ein Spiel, das im Gleichgewicht beginnt und dessen Ziel es ist ein deutliches Übergewicht zu erlangen und daraus den vollen Punkt zu erzielen.

    Es ist ein Stück vergleichbar mit dem Ablauf im Judo, wo beide Seiten versuchen, den gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen, mal attackierend, mal trickreich zurückhaltend, dabei die eine oder andere Wertung oder einen guten Eindruck bei den ampfrichtern sammelnd.
    Ab und zu kommt es zu einem Haltegriff, Hebel oder zum Bodenkampf.
    Ein scheinbar kleiner Fehler und der Kampf ist plötzlich per Ippon entschieden, selbst wenn der Unterlegene vorher den Kampf bestimmt und schon kleinere Wertungen gesammelt hat.

    Ähnlich ist es beim Schach, was zum Bonmot "Der vorletzte Fehler gewinnt!" führte.

    Doch Schach ist, was Fehler angeht noch strenger als Judo und viele andere Sportarten.
    Dort hat der Gegner ein Tor geschossen, Punkte erzielt, einen Satz gewonnen.
    Er ist im Vorteil, doch der Anstoß beginnt wieder in der Mitte, der nächste Satz bei 0:0 und ohne weitere Fehler kann man bei einigen Spielen zumindest (theoretisch) nicht verlieren.

    Anders ist es beim Schach. Den Nachteil durch einen Fehler schleppt man mit.
    Um diesen Nachteil wettzumachen reicht eigenes gutes Spiel nicht mehr aus.
    Es ist zwar hilfreich, doch wenn der Gegner keinen Fehler oder nur noch einen klitzekleinen Fehler mehr macht, dann verliert man die Partie.

    Das erklärt die hohe Nervenanspannung und Kräfteverschleiß beim Schach.
    Ein Fehler kann das Ende sein. Ganz anders beim Tennis, anders beim Handball oder Basketball, wenn noch zumindest eine Halbzeit/Viertel zu spielen ist.

    Fehler gehören zum Spiel dazu, das gilt auch für Schach, doch ist hier die Fehlervermeidung von entscheidender Bedeutung.
    20-, 30-, 40-mal und mehr muß eine brauchbare, möglichst fehlerfreie Entscheidung getroffen werden.
    Ein einziger Mißgriff macht die anderen Entscheidungen zunichte, wenn der Spielpartner den Fehler entdeckt und ausnutzt.

    Die Fehlermöglichkeiten auf dem Schachbrett sind so vielfältig wie das Spiel.
    Psychische Komponenten kommen hinzu.

    Erstaunlich ist, daß selbst große Meister und Meisterinnen genauso offensichtlich und leicht verständlich patzen können wie die große Gruppe der Kleinmeister und "Candidate Beginner".
    Fehler und auch größere werden also immer zum menschlichen Schach dazugehören und es kommt darauf an, Ihre Quote geringzuhalten, die großen Knaller" zu vermeiden und die Fehler der Gegner/Spielpartner zu erkennen und auszunutzen.

    Es lohnt sich gerade im Schach aus Fehlern zu lernen, auch wenn es hier gar nicht so leicht ist, einen Fehler wirklich nur einmal zu begehen.

    Ich will diesen Thread als "Fehlerparade" gestalten und versuchen die Fehlerursachen anzusprechen und Vermeidungsmöglichkeiten zu suchen.
    Jeder ist eingeladen, eigene, fremde und insbesondere (groß)meisterliche Irrtümer und Mißgeschicke hier vorzustellen.

    #2
    Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen - erste Fundstücke

    Eine erste Kost- bzw. Mutprobe - gefunden in John Nunn's Chess Puzzle Book (1999):

    Die Großmeister Glenn Flear und Mickey Adams saßen sich zu Hastings um den Jahreswechsel 1996/1997 nach offensichtlich hartem Kampf in dieser Stellung gegenüber:



    Die Partie wurde fortgesetzt:

    1 ... b3, 2. Sf6 Kd8, 3. Td7+ Kc8, 4. Tg7 Kd8, 5. Td7+ Kc8, 6. Tg7 und Punkteteilung

    Was hat dazu nicht nur Dr. Nunn zu sagen?


    Und zum Thema "Aus Fehlern lernen":

    Wer hier die Lösung findet, der hat eine Schlüsselidee angewandt, die sich auch in diesem Beispiel (siehe Thread http://www.schachburg.de/showthread....ll=1#post18427) wiederfindet:



    Schwarz am Zug gewinnt im Teamwork!

    Das oben geannte kleine, aber feine buch hat auch ein Kapitel "Finde den falschen Zug - "Find the Wrong Move" - ein sehr interessanter, etwas andersartiger Übungsansatz.

    Zu diesem Thema auch gleich eine Stellung:



    Weiß steht im Schach und es gilt den Zug zu finden, der recht instruktiv verliert.
    Natürlich auch warum er verliert:..:hmpf:

    Zum Abschluß ein Blick zurück:

    Emanuel Lasker verlor gegen Jose Raoul Capablanca 1921 mit 0:4 bei 10 Remisen den WM-Kampf. Das hatte einige Gründe und Ursachen. Genies waren beide, doch das "Fehlermanagement" versagte aus verschiedenen Gründen beim älteren Lasker.
    Hier seine erste Niederlage im Match, die ihn vielleicht schon innerlich zerbrach (diesmal, der Kämpfer Lasker kam wieder!).
    Schwarz überlegte rund 15 Minuten und fand den Verlustzug. Anderweitig bestanden begründete Remisaussichten.
    Welcher Zug verliert warum?

    Zuletzt geändert von zugzwang; 12.03.2013, 21:53.

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      #3
      AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen - erste Fundstücke


      1. Nach b3 Sf6 Kd8 übersieht weiß Kb7 und Td7#Matt??? Jetzt ist mir das Motiv aufgefallen bevor ich mir alle Züge angeschaut habe. Haben Dr. Nunn und die Anderen überhaupt irgendetwas gesagt oder sind die einfach umgefallen.

      2. Kf3!! Th8 Tg3 Kh4 Kg2!! Tg8 Sxg8. Kf3 Th8 Tg3 Kh2 Sg4 Kh1 Sf2 Kh2 Tg2#. Kf3 Kh4 Kg2!! Txf6 Txf6. Kf3 Kh2 Kf2!! Th8 einziger Zug Tg2 (Kh3 Tg3 Kh4 Kg2!!) Kh1 Tg1 Kh2 Sg4 Kh3 Th1 Kxg4 Txh8.

      3. Kg1 De1 Kg2 De2 Lf2 und weiß gewinnt. Verliert: Kh1 Df1 Lg1 Th3# oder Dg2 Txh3 (Kxh3 Dh5#) Kg1 De1 Df1 Txg3 Kh2 Dxf1 Kxg3 Dd3 und schwarz gewinnt.

      4. Kd8 und Ke8 verlieren wegen Th8 Dxh8 Db8 und Kf8 verliert nach Db8 Ke7 Te5 (Kf6 Dh8) Kd7 Dxa7 Kc6 Da8 Kd6 Db8 Kc6 De8!! Kb7 Te7 Ka6 Da8 Kb5 Da4 Dxa4 bxa4 Kxa4 Txe3. Kd6 sieht mir im Remis sinne am besten aus.

      Zuletzt geändert von Endspielprofi; 13.03.2013, 12:49.

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        #4
        AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

        Die Beschäftigung mit Mißgeschicken, Fehlern und Irrtümern führt zur Ursachenforschung und Analyse.

        GM Flear und Weltklasse-GM Adams haben genauso wie Ex-Weltmeister und vllt. Weltmeister in spe (wer weiß?!) Vladimir Kramnik ein für sie und auch manchen Amateur einfaches Matt übersehen.
        Mir ist nicht bekannt, ob es damals besondere äußere Umstände gab (Lärm, Licht) und ob und wie die Spieler den Aussetzer kommentierten. Vielleicht wurde dieser auch wesentlich später erst entdeckt und kiebitzende Zuschauer und Spieler gingen von akkuratem Spiel aus? Schließlich liefen damals keine engines mit, lösten Alarm ausund die Schachjournalisten und Beobachter mußten selbst mitdenken.
        Damals rutschten viel mehr Fehler durch und wurden manchmal erst sehr viel später entdeckt (bzw. liegen noch unentdeckt in den Archiven der Datenbanken und fehlerhaften Partiekommentaren, -analysen).

        Was könnte also dazu geführt haben, daß 2 sehr starke Spieler eine einfache Mattidee übersahen?

        Denkbar sind schlichte Müdigkeit nach stundenlagem Kampf, Zeitnot in der Schlußspurtphase.
        Es könnten aber auch hangengebliebene Eindrücke des bisherigen Partieverlaufs sein. Oder der Wunsch oder die Erwartung eines bestimmten Ergebnisses.
        Es lohnt sich, mal bei Rowson nachzulesen, was bei den "seven deadly sins" so steht.
        Vielleicht ließ ein "wanting" bei Mickey Adams das gefühl für Gefahren versagen, während es bei Glenn Flear Zufriedenheit darüber einkehren ließ nach langem Kampf die respektable Punkteteilung forcieren zu können.
        Für mich steht fest, daß nebenschachliche Aspekte hier eine Rolle spielten und generell spielen, wenn starke Spieler das Gefühl für kritische Stellen und ihren Möglichkeiten und Gefahren verläßt.

        "Finde den falschen Zug":

        In dieser Stellung galt es den Partiezug 1. Dg2 zu "finden", der nach 1. ... Txh3 usw. verliert.
        Der Weißspieler übersah die Mattidee 2. Kh3 Dh5.
        Neben den oben angeführten Erklärungsmöglichkeiten kommt hier eine neue hinzu, wie einige Schachpsychologen stimmig herausgearbeitet haben.
        In der Verteidigung sucht der Mensch Schutz, Unterschlupf bzw. Nähe zuseinen Verteidigern und Beschützern.
        Nun ist schach aber ein Spiel und nicht die Realität und die Verteidigung kann im Schach ganz weit weg vom angegriffenen König erfolgreich geleistet werden.
        Bei Schachspielern gibt es aber den (menschlichen) Reflex, die Verteidiger in der direkten nähe des angegriffenen Königs zu versammeln. Weil man sich da manchmal selbst auf dem Fuß steht, Epauletten abgibt oder Fluchtwege verbaut, ist dies nicht selten ein entscheidender Fehler, der nur mit genauer Kalkulation, ob der verteidiger dicht oder fernstehen muß, zu lösen ist. In Zeitnot zumeist unlösbar. hier entscheiden dann auch außerschachliche Reflexe über das Brettgeschehen.

        Zur Capa-Laskerstellung:

        "EP", ich verstehe Deine komplizierte Variante nicht!
        Kf8 verliert nach Db8 Ke7 Te5 (Kf6 Dh8) Kd7 Dxa7 Kc6 Da8 Kd6 Db8 Kc6 De8!! Kb7 Te7 Ka6 Da8 Kb5 Da4 Dxa4 bxa4 Kxa4 Txe3.[/COLOR][/I]

        Lasker spielte tatsächlich 45. ... Kf8??, woraufhin Capa mit 46. Db8+ Ke7 (46. ... Kg7, 47. Dh8 verliert die sD), 47. De5+! ganz einfach Figur und Partie gewann und keine weitere längere Variante mit einem !!-Zug berechnen oder finden mußte.
        Bei 45... Ke6 oder 45...Kf6 behielt Schwarz nach alten Komentaren und analysen recht gute Remischancen.
        45. ... Kd6 wird dagegen nicht erwähnt, scheint aber im neueren Zeitalter andenkenswert, weil mir meine engine diesen Zug als beste Alternative anzeigt. Die alten Meister sind darauf nicht verfallen.

        Lasker erläuterte seinen Fehler so:
        "Ein grauenhafter Fehlzug... ich hatte eine Viertelstunde Zeit zum Nachdenken, war aber dazu außerstande."

        Dies zeigt deutlich: Er war vom Wettkampf und in dieser Partie müde gespielt. Seine "Schachkondition" reichte nicht mehr aus und schuf Fehlerpotential.
        Zuletzt geändert von zugzwang; 14.03.2013, 19:38. Grund: Sprache

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          #5
          AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen


          Habe De5 einfach übersehen , finde diesen Zug natürlich deutlich besser als Te5, Te5 kam als einziger vorhin für mich in Frage, da mir das gute Zusammenspiel zwischen Dame und Turm aufgefallen ist und ich bis zum Abtausch weitergerechnet habe.

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            #6
            AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

            Zitat von Endspielprofi Beitrag anzeigen
            Habe De5 einfach übersehen , finde diesen Zug natürlich deutlich besser als Te5, Te5 kam als einziger vorhin für mich in Frage, da mir das gute Zusammenspiel zwischen Dame und Turm aufgefallen ist und ich bis zum Abtausch weitergerechnet habe.
            Deine Züge und Überlegungen (nicht nur bei dieser Aufgabe) stammen aus anderen Denk- und Entscheidungsmustern, als ich sie kenne und gewohnt bin.

            Ich will gar nicht weiter drum herumreden und Dir klar sagen, was ich schon länger vermute:
            Deine Zugfolgen werden mit einer engine generiert und wie hoch der "Zentaur-Anteil" dabei ist, kann ich nicht einschätzen.
            Bei der Capa-Lasker-Partie sind sowohl Te5+ als auch der bessere Zug Kd6 für Lasker bei meinem Antikrechner und der 0815-engine "shredder10" nach 30-60 Sekunden die erste Wahl.
            Ein selbst denkender, starker Schachspieler findet De5+ und aus. Ein guter Zentaur auch. Wer Deine Variante berechnet, ist ein sehr starker Spieler, nur berechnet ein sehr starker Spieler so etwas zu 99,9% nicht, weil er De5+ als 1. Option findet.

            Ich fände es besser, wenn Du mitteilst, was Deine engine herausgefunden hat oder was Du mit Steuerung Deiner engine (H3?) zusammen herausgefunden hast.

            Bei den Übungsaufgaben auf der Burg, macht ein engine-Einsatz nur als Kontrolle Sinn. Für Maschinen sind nahezu alle Aufgaben hier eindeutig und schnell lösbar.

            Bei Analysen von unklaren Stellungen oder User-Partien ist eine Engine-Hinzuziehung durchaus denkbar und manchmal der einzige Schritt, um weiter zu kommen.
            Höflichkeit und Klarheit gegenüber allen Lesern gebietet es jedoch, anzugeben, wie man zu bestimmten Aussagen, Ideen, Vorschlägen gekommen ist.

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              #7
              AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen - schnell geschehen

              Bei der kürzlich beendeten Damen-Team-WM saßen sich IM Valentina Gunina und GM Nana Dzagnidze in einem hart umkämpften Mannschaftskampf zwischen Russland und Georgien, den früheren und auch heutigen Großmächten des Frauenschachs, gegenüber.
              Bei den Russinnen, amtierende Olympiasiegerinnen, gab es im Vorfeld Absagen und Querelen (Konsintseva vs. Rublevsky), so daß das russische Team unter gewissem Druck stand.
              Druck übte in der Partie auch die Europameisterin und exzellente Blitz- und Rapidspielerin Gunina (http://de.wikipedia.org/wiki/Walenti...enjewna_Gunina) eingangs des Mittelspiels aus, doch schien es dem Betrachter so, daß Dzagnidze mit aufmerksamer Verteidigung die Probleme abarbeitete und der weißfeldrige Läufer von Gunina sich vom Angreifer zum Verteidiger eigener Bauern entwickelte.
              Der Trend könnte sich in Richtung der schwarzen Seite leicht verlagert haben, doch war die Situation noch beherrschbar, als sich nach dem 58. Zug folgende Stellung ergab:



              Schwarz hatte zuletzt Kd6-e5 gezogen, den König ins Zentrum geführt, aber auch ins Quadrat der Bauern am Königsflügel.
              Trotz deutlicher Warnzeichen (Spannung am Königsflügel, partiell ausgesperrter Läufer) beging Gunina einen dieser unerklärlichen Fehler.
              Das Motiv, dem sie nach 59. Le4?? zum Opfer fiel, kannte sie mit Sicherheit. Man könnte darauf wetten, daß die Supertaktikerin mit Schwarz genauso wie Nana Dzagnidze auf eine derartige Möglichkeit hingearbeitet hätte. In Zeitnot befindet sie sich eher selten und ist als Blitzweltmeisterin in der Lage auch unter Zeitdruck sich zurechtzufinden.
              In dieser Partie, nach langem Duell und angespanntem Mannschaftskampf, war der Blick für Gefahren und taktische Möglichkeiten einen Moment getrübt und schon war es passiert. Nana Dzagnidze holte den vollen Punktzum 2:2 für Georgien.

              Ich bin mir ziemlich sicher, daß Valentina Gunina folgende Motive kannte:



              Aus einer Studie von Teed (1885): Weiß am Zug gewinnt

              oder



              Kharlov mit Weiß bestrafte den Fehlzug g6-g5 von Thomas Ernst (1992).

              Trotz Motivkenntnissen schrillte die Alarmsirene nicht. Der Durchbruch, erst mit Ke5 ermöglicht, geriet für den Moment aus den Augen. Richtig war hier der Abtausch 59. gxh5, um das Durchbruchsmotiv zu unterbinden.
              Nach 59. ... gxh5 folgt 60. Le4, was den schwarzen Springer daran hindert, den Bauern h4 zu belästigen.

              Vielleicht hat Valentina Gunina aufgrund ihrer Überlegungen den 2. Zug vor dem 1. gemacht? Dieses Phänomen ist schon häufiger geschehen.

              Über welche Kombinationsfähigkeiten Valentina Gunina verfügt zeigte sie im Duell mit der chinesischen Spitzenspielerin Ju Wenjun:



              Elegant zeigte sie die Schwachpunkte der schwarzen Stellung auf,beginnend mit einem feinen Nadelstich.

              Hier die gesamte Partie:

              [Event "FIDE Women's World Teams"]
              [Site "Astana KAZ"]
              [Date "2013.03.06"]
              [Round "4.1"]
              [White "Gunina, V."]
              [Black "Ju Wenjun"]
              [Result "1-0"]
              [ECO "A41"]
              [WhiteElo "2505"]
              [BlackElo "2505"]
              [PlyCount "59"]
              [EventDate "2013.03.03"]

              1. d4 d6 2. c4 e5 3. Nf3 Nd7 4. Nc3 g6 5. dxe5 dxe5 6. Bg5 f6 7. Bd2 Nc5 8. Qc2
              Be6 9. e4 c6 10. Be2 Nh6 11. Rd1 Nd7 12. O-O Nf7 13. Nh4 Bh6 14. Nf5 Bf8 15.
              Be3 Qc7 16. f4 exf4 17. Bxf4 Nfe5 18. Nd4 Bc5 19. Kh1 Bxd4 20. Rxd4 O-O 21. Qd2
              Rae8 22. b3 Qa5 23. Rd6 Nc5 24. Bh6 Rf7 25. b4 Qxb4 26. Rd8 Rfe7 27. Rxf6 Ncd7
              28. Nd5 Qa3 29. Qa5 Qd6 30. c5 1-0

              In Kontrast dazu diese Partie von der WM, in der Gunina eine Figur "veropfert" (oder eben doch nur eingestellt hat?):

              [Event "FIDE Women's World Teams"]
              [Site "Astana KAZ"]
              [Date "2013.03.04"]
              [Round "2.1"]
              [White "Gunina, V."]
              [Black "Nakhbayeva, G."]
              [Result "0-1"]
              [ECO "E11"]
              [WhiteElo "2505"]
              [BlackElo "2344"]
              [PlyCount "64"]
              [EventDate "2013.03.03"]

              1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 Bb4+ 4. Bd2 a5 5. Nc3 b6 6. e3 Bb7 7. Bd3 O-O 8. O-O
              d5 9. cxd5 exd5 10. Qc2 Be7 11. Ne5 c5 12. dxc5 bxc5 13. Na4 Qd6 14. Bc3 d4 15.
              exd4 cxd4 16. Rfd1 Qxe5 17. Bxd4 Qg5 18. Bf1 Na6 19. Nb6 Rad8 20. Bxf6 Bxf6 21.
              Nd7 Rfe8 22. Qb3 Nb4 23. a3 Bd5 24. Qa4 Nc6 25. Nb6 Nd4 26. Rxd4 Bxd4 27. Qxd4
              Bxg2 28. h4 Qg6 29. Qc5 Bb7+ 30. Kh2 Re4 31. Bh3 Rxh4 32. Rg1 Rxh3+ 0-1
              Zuletzt geändert von zugzwang; 15.03.2013, 22:39. Grund: gunina-nakhbayeva

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                #8
                AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

                ZEITNOT !

                Die Zeit machte Viktor Korchnoi 1978 einigen Kummer.
                Mit 47 Jahren war er nicht mehr der Allerjüngste, der das Projekt Titelkampf in Angriff nahm. Seine reichhaltigen Schacherfahrungen ließen ihn die Entscheidungsfindung auf dem Brett nicht schnell-entschlossen zum Abschluß bringen. Zuviel war zu bedenken.
                Da war sein junger, starker Gegner, der amtierende Weltmeister und herausragende Turnierspieler der Après-Fischer-Zeit Antoli Karpov, der vom gesamten sowjetischen Schachapparat im Prestigekampf gegen den abtrünnigen Dissidenten Korchnoi unterstützt wurde, da waren Gedanken an die Familie in der UdSSR und die eigene Existenz. Was wird der Gegner alles unternehmen, um ihn am Ziel der Titelerringung zu hindern?

                Viktor Korchnoi vollbrachte auch nach 1978 noch viele, fast einmalige Leistungen.
                Seine Energie und seine Leistung 1978 weiß man erst dann zu schätzen, wennman heutzutage nachliest, welches Schachsystem die UdSSR aufgebaut hatte, um Fischer wieder zu entthronen. Dieses stand aber auch in der Folge im Kampf gegen den verlorenen Sohn zur Verfügung.
                Mit kleinem Sekundantenteam und Beraterstab durchstand Viktor Korchnoi die Kandidatenkämpfe erfolgreich. Der Boykott der Sowjets, der ihn zwang, auf für seine Qualität und Ziele zweitklassigen Turnieren schachlich fit zu bleiben, konnte seiner spielerischen Klasse nicht wirklich schaden.

                Doch die Zeit, das war ein Gegner, den Viktor Korchnoi nicht in den Griff bekam.

                Während des 78er Wettkampfs geriet er häufiger in große Zeitnot und vergab in dieser die Chancen, die er sich in stundenlangem, harten Ringen erarbeitet hatte.
                In der 5. Partie übersah er ein verstecktes 5-zügiges Matt und verpaßte die Matchführung.
                In der 17. Partie beim Stand von 1:3 Gewinnpartien gegen ihn überspielte er Anatoli Karpov, der damals übrigens im Gegensatz zu späteren Tagen eher ein (Zu)Schnellspieler war, und erreichte gewinnverheißenden Vorteil.
                Dieser schmolz in der leider unvermeidlichen Zeitnotphase zusehends und Viktor Korchnoi unterlief ein schrecklicher Fehlgriff:



                Im 39. Zug zog er Ta1-a3?? und erlebte vielleicht seine bitterste Niederlage.

                Trotzdem verwandelte Karpov erst in der 32. Partie in einem der spannendsten und umkämpftesten Matches der WM-Geschichte seinen Matchball, nachdem der große Kämpfer Korchnoi innerhalb von 4 Partien einen fast hoffnungslosen Rückstand von 2:5 in ein 5:5 umwandeln konnte.

                Ich bin mir sicher, ohne die Leistung und das Vorbild Korchnois hätte Kasparov im WM-Match 1984/85 niemals einen vergleichbaren Tanz am Abgrund überstanden.

                Auch wenn man zu einigem, was Viktor Korchnoi angeht, eher Abstand zu ihm suchen mag, unterliegen viele seiner schroff wirkenden Eigenschaften und Eigenarten gleichzeitig wieder größter Hochachtung und Bewunderung.
                "Ein Leben für das Schach" lautet sein 1978 erschienenes, äußerst lesenswertes Buch im Rau-Verlag.
                1978 - das war erst ein "halbes" Leben für das Schach.

                2011 - Viktor Korchnoi besiegt einen vielleicht künftigen Weltmeister.
                Viktor Korchnoi hat die Zeit auf seine Weise doch in den Griff bekommen.
                Wer hat an der Uhr gedreht? Viktor Korchnoi über das Schachbrett!

                [Event "Tradewise Gibraltar"]
                [Site "Caleta ENG"]
                [Date "2011.01.26"]
                [EventDate "2011.01.25"]
                [Round "2"]
                [Result "0-1"]
                [White "Fabiano Caruana"]
                [Black "Viktor Korchnoi"]
                [ECO "C77"]
                [WhiteElo "2721"]
                [BlackElo "2544"]

                1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. d3 d6 6. c3 Be7
                7. O-O O-O 8. Re1 Nd7 9. Be3 Nb6 10. Bb3 Kh8 11. Nbd2 f5
                12. Bxb6 cxb6 13. Bd5 g5 14. h3 g4 15. hxg4 fxg4 16. Nh2 Bg5
                17. Nc4 b5 18. Ne3 Bxe3 19. Rxe3 Qf6 20. Qe1 Ne7 21. f3 Nxd5
                22. exd5 Rg8 23. Qg3 gxf3 24. Qxf3 Bf5 25. Rf1 Rg5 26. Kh1 Qh6
                27. Rf2 Rag8 28. Re1 Qg6 29. Re3 Bxd3 30. Kg1 e4 31. Qh3 Rxd5
                32. Qd7 Rg5 33. g4 Qh6 34. Rf7 R5g7 35. Rxg7 Rxg7 36. Qd8+ Rg8
                37. Qb6 Qf6 38. Qxb7 Rf8 39. Qa7 b4 40. Rh3 Qg7 41. Qe3 bxc3
                42. bxc3 Qxc3 43. Rh5 d5 44. g5 Qa1+ 45. Kg2 Bf1+ 46. Kg3 Qe5+
                0-1
                Zuletzt geändert von zugzwang; 28.03.2013, 22:04.

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                  #9
                  AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

                  Zu #7

                  Stellungen 1-3


                  1) 59.Be4 hxg4 60.fxg4 f3!
                  2) 1.h4 gxh4 (oder hxg4) 2.g5 h3 3.g6+ Kh6 4.g7 h2 5.g8(Q) h1(Q) 6.Qg6#
                  3) 1.gxh5 und das isolierte Freibauernpaar schlägt das verbundene Freibauernpaar

                  Das Motiv des Durchbruchs (zumindest den Namen) hab ich hier total verschlafen. Ich kann mir irgendwie immer nur Freibauer als Name merken. Durchbrüche kann ich zwar, aber nicht benennen




                  Zu Stellung 4 zeigt ja die Partie die Lösung. Schönes Motiv von Ablenkung


                  Zu #8
                  Zeitnot kenne ich zum Glück nur von meinen Gegnern
                  Ich selbst war noch nie wirklich in Zeitnot und muss mich sogar zum Teil zum Überlegen zwingen. Vorallem in der Eröffnung, wo ich intuitiv veranlagt bin (auch ohne Theoriewissen). Ich muss aber wohl auch erstmal an meiner Kondition arbeiten, bevor ich in Zeitnot geraten könnte.
                  Philosophie über einen Donut:
                  Der Optimist sieht den Donut, der Pessimist das Loch!


                  "You like it, it likes you!"
                  Full Dark, No Stars from Stephen King

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                    #10
                    AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

                    Die Fehlerkategorien reichen von "Wahnsinn", "Blackout", "Move first - Think later" bis hinterlistig und heimtückisch.
                    Mit hinterlistig und heimtückisch meine ich versteckte und nicht gerade offensichtliche Nuancen, die aus einem normalen guten Zug einen groben Fehler machen.
                    Umgekehrt bedeutet die Fehlerausnutzung häufig mehr als das Einsammeln gegnerischer Figuren oder ein Matt in #1. Es erfordert den Einsatz besagter kleiner grauer Zellen, mit denen Poirot schachlich und kriminalistisch brilliert.

                    Einem tückischen Motiv fiel der Hercule Poirot des Schachs (Spitzname wegen äußerlicher Ähnlichkeit mit einem Poirot-Filmdarsteller und wegen seines fein durchdachten Spielstils) gegen eine aufmerksame Mickey Mouse (Vorname und der Spieler ist kein körperlicher Hüne, eher ein graziler Gentleman) zum Opfer:



                    In dieser Stellung versuchte Hercule Poirot mit 1. Lxf5 einem lästigen britischen Kreuzverhör zu entgehen.
                    Doch diesmal sitzt ihm nicht Inspektor Japp gegenüber sondern eine höchst gewitzte Maus.
                    Wie wurde Poirots Indizienkette zerrissen und um welche "Schachinspektoren" handelt es sich in Wirklichkeit?

                    Weitere Täter-Opfer-Studien:



                    In dieser Stellung machte sich Weiß am Zug Gedanken, ob er nicht aus dem angegriffenen Randspringer irgendwie Kapital schlagen kann. Geht da nicht ein ein kleiner Taschenspielertrick?
                    Welcher Versuchung erlag Weiß und mit welcher Zugfolge wurde er letztlich verhaftet?

                    Zum Abschluß der Krimiviertelstunde für heute ein Szenenbild aus einem der so beliebten skandinavischen Krimis:



                    Bei den Krimis wird ja häufiger damit gespielt, wer denn nun der Gute und wer der Böse ist.
                    An die Schachkriminologen gerichtet ist dieser Fall mit dem dunkel gekleideten Mann auf g8.
                    Dieser flüchtete hier spontan nach f7.
                    Wie geht dieser Schachkrimi wohl weiter und wer ist Detektiv und wer Übeltäter?
                    Zuletzt geändert von zugzwang; 05.06.2013, 19:27.

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                      #11
                      AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

                      Name der Spieler kann ich nicht benennen, aber es sieht alles nach

                      1. ...Sd1!!

                      aus.
                      Alles wartet auf das Licht
                      Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

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                        #12
                        AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

                        Kommissar Kiffing, bitte keine Schnellschüsse!
                        Gibt es glaubhafte Zeugen oder andere Indizien für Ihren Verdacht?
                        Oder hat auf Ihren Zug, Herr Kommissar, der Weiße doch noch ein Alibi?

                        Zur Anregung oder Entspannung bei der Suche:

                        http://www.youtube.com/watch?v=dUdK87LWHeg

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                          #13
                          AW: Mißgeschicke, Fehlgriffe und Halluzinationen

                          Aus der Reihe "Nepper, Schlepper, Bauernfänger" ein paar Fahndungsbilder:

                          Der ehemalige Weltklasse-GM Kiril Georgiev, aktuell ein "Intimfreund" des zukünftigen Weltklassespielers Borislav Ivanov, mußte sich in der Diagrammstellung entscheiden, ob er seinen Bauern h2 deckt oder den Bauern c5 des Gegners schlägt.
                          Anscheinend hatte er nicht genau genug hingesehen, weil Australiens erster Großmeister überhaupt

                          http://de.wikipedia.org/wiki/Ian_Rogers

                          auf den Fehlzug Sxc5 mit Blitz und Donner in die weiße Stellung einschlug.

                          Eine Meteorologie-Ausbildung hat schon seine Vorteile in bestimmten schachlichen Großwetterlagen:



                          Was ließ Rogers nach 1. Sxc5?? aufblitzen?
                          Zuletzt geändert von zugzwang; 07.06.2013, 22:05.

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