Ergebnis 1 bis 7 von 7

Thema: War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

  1. #1
    beteiligt sich aktiv
    Punkte: 4.237, Level: 43
    Level beendet: 92%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 13
    Aktivität: 3,3%
    Errungenschaften:
    Veteran1000 Experience Points
    Avatar von sorim
    Registriert seit
    23.07.2012
    Beiträge
    69
    Punkte
    4.237
    Level
    43

    War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

    Akiba erreichte seinen Höhepunkt in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. 1909 erzielte er eines
    seiner besten Resultate, als er zusammen mit Lasker den ersten Preis im St. Petersburger Turnier teilte,
    3½ Punkte vor dem Rest des Feldes. Dies war der Zeitpunkt, als man in der Öffentlichkeit begann,
    Rubinstein als den wahrscheinlichsten Herausforderer für einen Titelkampf zu favorisieren.
    Sein magisches Jahr hatte er freilich 1912, als er jedes Einzelturnier gewann, an dem er teilnahm. Dies
    waren lange Turniere, bei denen um die 20 Runden gespielt wurden. Daher war eine solch absolute
    Überlegenheit alles andere als leicht zu erringen, und seit den Tagen Morphys hatte man sie auch nicht
    wieder gesehen.
    Sehr zu Akibas Verdruss war jedoch Emanuel Lasker in den Vorkriegsjahren im Besitz des
    Weltmeistertitels. Lasker war nicht nur ein sehr starker Spieler, sondern er verstand es auch, aus seinem
    Recht, den Herausforderer zu bestimmen, vollen Nutzen zu ziehen. So zwang er beispielsweise Schlechter
    dazu, ein Match unter skandalös ungerechten Bedingungen zu spielen (obwohl erwähnt werden sollte,
    dass er seinen Titel trotzdem nur mit einer gehörigen Portion Glück behielt). Von daher verwundert es
    kaum, dass er 27 Jahre auf dem Schachthron residieren konnte.
    Auch wenn es nicht viele historischen Belege dafür gibt, so können wir doch vermuten, dass Lasker
    alles daran setzte, das offensichtlich unvermeidliche Match gegen Rubinstein hinauszuzögern. Nach
    langen Verhandlungen wurde das Aufeinandertreffen für den Oktober 1914 anberaumt, doch dann
    kam der Krieg und mit ihm das Schachleben praktisch zum Stillstand. Akibas Nerven scheinen unter
    dem Weltbrand arg gelitten zu haben, und auch wenn er bis zu seinem letzten bedeutenden Turnier
    (Schacholympiade in Prag 1931) ein gefürchteter Kontrahent blieb, war er doch nie wieder der gleiche
    Spieler wie zuvor. Und in der Konsequenz verschwand er auch, in den Augen der öffentlichen Meinung,
    von der Bühne der potenziellen Herausforderer.

    Von den Legenden Lernen – Schachkönige im Exkurs
    Mihail Marin

  2. #2
    Administrator
    Punkte: 108.434, Level: 100
    Level beendet: 0%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 0
    Aktivität: 100,0%
    Errungenschaften:
    Three FriendsRecommendation First ClassOverdriveYour first GroupCreated Album pictures
    Auszeichnungen:
    Posting AwardFrequent PosterDiscussion EnderUser with most referrersActivity Award
    Avatar von Kiffing
    Registriert seit
    06.07.2011
    Ort
    Wuppertal
    Rating
    1722/1854
    Verein
    SC Tornado Wuppertal
    Beiträge
    4.759
    Punkte
    108.434
    Level
    100

    AW: War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

    Emanuel Lasker war sicherlich nicht allzu kooperativ bei seinen Titelverteidigungen, allerdings sollte man auch bedenken, daß Lasker dadurch, daß er von seinem Herausforderer immer eine hohe Gage forderte, viel zur Professionalisierung des Schachsports getan hatte. Er war gewissermaßen in der Beziehung ein Vorreiter von Robert James Fischer. So meinte Lasker:

    Ich bin bereit, gegen jeden der Anwärter anzutreten, doch wenn die Schach-Welt einen WM-Kampf mit mir und einem der Anwärter sehen will, so muß sie nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch materielle Werte bieten. Ich lasse mich nicht ausbeuten. Ich möchte nicht das gleiche Schicksal von Schachspielern erleiden, die emtweder wie Kieseritzky, Zukertort und Mackenzie, Hungers starben, oder, ähnlich wie Pillsbury und Steinitz, gesellschaftliche Fürsorge in Anspruch nehmen mußten und, heruntergekommen, in geistiger Umnachtung, ihr Leben im Krankenhaus beendeten. Ich bin bereit, der Welt einen Einblick in meine Kunst und Gedankenwelt zu gewähren und damit die Entwicklung des Schachspiels voranzutreiben, doch ich will auch, daß sie sich ihrer Verantwortung den Schachspielern gegenüber bewußt ist und danach handelt
    Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 1, Edition Olms, 2006, S. 221

    Daß es am Ende nicht zu einem WM-Kampf Lasker gegen Rubinstein kam, der zweifelsohne ungeheuer interessant gewesen wäre, lag auch laut Kasparov ein bißchen an Rubinstein selbst:

    Es bleibt unklar, ob es an dem nahenden Ersten Weltkrieg lag, oder ob Rubinstein doch einfach der Mut fehlte fehlte – jedenfalls konnte er sich letztendlich nicht dazu durchringen, den Champion offiziell zu fordern. Er war ein ruhiger und bescheidener und sehr zurückgezogen lebender Mensch, der vor allem nicht pragmatisch handeln konnte, wie es aber in gewissen Situationen nun einmal unerläßlich ist
    Ebd. S. 220

    Akiba Rubinstein hatte sicherlich außergewöhnliche Stärken, der Partien gespielt hatte, die seine hohe Meisterschaft in Vollendung zeigten. Jedoch stand ihm zeitlebens eine gewisse Nervosität im Wege, durch die er sich selbst, etwa durch Patzer in Gewinnstellungen oder in den letzten Runden von Turnieren, kurz vor dem Ziele noch ein Bein stellte. Sein Versagen beim so wichtigen Turnier 1914 in St. Petersburg (also schon vor dem Ersten Weltkrieg, der für seine Anspannungen im Eingangsbeitrag als Grund genannt wurde!) war etwa so ein Schlüsselereignis, und nach dem Ersten Weltkrieg fiel er richtig ab, weil seine nervlichen Überspannungen einfach zu groß wurden. Von da an drängten sich andere in den Vordergrund. Von seiner nervlichen Beeinträchtigung zeugt die folgende Quelle von Grigori Löwenfisch:

    Ich half dem Organisationskomitee [des Großmeisterturniers in St. Petersburg 1914] bei der Unterbringung der Teilnehmer. Rubinstein kam eine Woche vor Beginn des Turniers an, und ihm wurde ein ausgezeichnetes Zimmer im ‚Europäischen Hotel‘ zugewiesen. Aber schon zwei Tage später äußerte er Unzufriedenheit mit seinem Quartier: ihn belästigten die Geräusche des Fahrstuhls. Eines der Organisationsmitglieder bot ihm daraufhin Aufenthalt in seinem Hause an, wo Rubinstein ein beliebiges Zimmer zur Verfügung stünde. Es gab sechs zur Auswahl, und der Gastgeber war der einzige Bewohner des Hauses. Rubinstein fuhr hin, doch wiederum tauchten Unannehmlichkeiten auf: die Stille des Hauses bedrückte ihn. Er wurde wieder zurück ins Hotel gebracht. Mir wurde klar: Akibas Nervensystem war zerrüttet. Dies hat ihm auch späterhin nichts Gutes gebracht:
    Sogar, was seine spielerischen Leistungen angeht, gab es Sonnenflecken. Kasparov urteilt bei der Analyse seiner verdorbenen Remispartie gegen Capablanca in der Vorrunde von St. Petersburg:

    Es ergibt sich die Frage: Blieb Rubinstein der Sieg rein zufällig versagt? Ich denke nicht. Erinnern wir uns an seinen Fehlschlag gegen Capablanca in San Sebastian 1911: 38. Ld5? [...] oder auch an andere „Fehlschüsse“, die mit den Jahren immer häufiger wurden. Sicher war er in erster Linie ein großer Denker und Forscher des Schachs, der auf dem Brett oftmals zu konservativ agierte und daher rein spielerisch Capablanca und Lasker nicht das Wasser treichen konnte. Um eine hohe Spannung aufrecht zu erhalten und derart hartnäckige Gegner bezwingen zu können, muß man wie eine Katze mindestens neun Leben haben!
    Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 2, Edition Olms, 2006, S. 44

    Na ja, Weltmeister wurde er nicht, aber immerhin hat er es zu einem Spieler gebracht, dessen Name immer genannt wird, wenn es um Überlegungen geht, wer der stärkste Nichtweltmeister der Schachgeschichte gewesen sei. Und viele seiner Partien bereiten uns auch heute noch größte Freude!
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  3. #3
    beteiligt sich aktiv
    Punkte: 4.237, Level: 43
    Level beendet: 92%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 13
    Aktivität: 3,3%
    Errungenschaften:
    Veteran1000 Experience Points
    Themenstarter
    Avatar von sorim
    Registriert seit
    23.07.2012
    Beiträge
    69
    Punkte
    4.237
    Level
    43

    AW: War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

    Man kann über die FIDE sagen was man will (ich mag sie auch nicht besonders) Aber immerhin spielen immer die spielstärksten Spieler um die WM und nicht die Spieler mit der größten Geldbörse (bzw. Förderer).

  4. #4
    Candidate Beginner (CB)
    Punkte: 9.950, Level: 68
    Level beendet: 50%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 300
    Aktivität: 6,7%
    Errungenschaften:
    Tagger Second Class5000 Experience PointsVeteran
    Avatar von zugzwang
    Registriert seit
    04.08.2011
    Ort
    Berlin
    Rating
    schwindend
    Verein
    Ex Feldjäger Freakfeld
    Beiträge
    844
    Punkte
    9.950
    Level
    68

    AW: War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

    Zitat Zitat von sorim Beitrag anzeigen
    ...So zwang er beispielsweise Schlechter
    dazu, ein Match unter skandalös ungerechten Bedingungen zu spielen (obwohl erwähnt werden sollte,
    dass er seinen Titel trotzdem nur mit einer gehörigen Portion Glück behielt). Von daher verwundert es
    kaum, dass er 27 Jahre auf dem Schachthron residieren konnte.
    Auch wenn es nicht viele historischen Belege dafür gibt, so können wir doch vermuten, dass Lasker
    alles daran setzte, das offensichtlich unvermeidliche Match gegen Rubinstein hinauszuzögern...
    Ich muß hier etwas "Nebentopic" einsteigen.

    Ich habe meine Zweifel, ob die Untertöne gegen Lasker nicht etwas ungerecht sind.
    Er war bestimmt keine einfache Persönlichkeit, doch standen ihm einige Gegenspieler bestimmt nicht nach.
    Daß Dr. Tarrasch erst spät und nach seinem Zenit gegen Dr. Lasker antreten konnte, hat er wohl nicht zuletzt seiner großen Arroganz gegenüber dem jungen Lasker zu verdanken.
    Zum Match Lasker-Schlechter ist zu sagen, daß sich Lasker selbst in die Finanzierungsangelegenheiten einschaltete, nachdem Schlechter nicht genügend Sponsoren auftreiben konnte. Der Wettkampf wurde aus Finanzgründen im Umfang deutlich reduziert (10 Partien) und Lasker ist damit - wie bekannt - durchaus ein Risiko eingegangen. Auch trug er den Wettkampf zur Hälfte in der Heimat des Herausforderers aus - Wien (1921 sogar aus finanziellen Gründen gänzlich).

    Was waren also die skandalösen Bedingungen des WM-Kampfs 1910?
    Es gibt da nur merkwürdige Gerüchte wegen des Verlaufs der 10. Partie, aber meines Wissens keine Fakten.

    Etwas Lesestoff: Thomas Glavinic "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" - ein Roman, aber vllt. gar nicht so weit von der Realität entfernt...!?

  5. #5
    Administrator
    Punkte: 108.434, Level: 100
    Level beendet: 0%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 0
    Aktivität: 100,0%
    Errungenschaften:
    Three FriendsRecommendation First ClassOverdriveYour first GroupCreated Album pictures
    Auszeichnungen:
    Posting AwardFrequent PosterDiscussion EnderUser with most referrersActivity Award
    Avatar von Kiffing
    Registriert seit
    06.07.2011
    Ort
    Wuppertal
    Rating
    1722/1854
    Verein
    SC Tornado Wuppertal
    Beiträge
    4.759
    Punkte
    108.434
    Level
    100

    AW: War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

    Zitat Zitat von zugzwang
    Daß Dr. Tarrasch erst spät und nach seinem Zenit gegen Dr. Lasker antreten konnte, hat er wohl nicht zuletzt seiner großen Arroganz gegenüber dem jungen Lasker zu verdanken.
    Das ist richtig, alleine Tarraschs Einstellung, der amtierende Weltmeister habe ihn als den natürlich besseren Spieler zu fordern, war schon frech. Ergänzen möchte ich freilich, daß auch das vielbeschworene Schicksal da ein Wort mitzureden hatte. Als Tarrasch sich 1904 endlich dazu durchgerungen hatte, Lasker zu fordern, stürzte er beim Eisschuhlaufen schwer und blieb noch Monate später lädiert. So war Tarrasch erst einmal wieder aus dem Spiel. Als es 1908 dann endlich zum Kampf Lasker gegen Tarrasch kam, war es dafür eigentlich schon zu spät, denn der 46 Jahre alte Tarrasch hatte seinen Zenit bereits überschritten. So gehört auch Dr. Tarrasch zu den großen Schachspielern, welche die Möglichkeit dazu gehabt hätten, Weltmeister zu werden, das große Ziel aber nie erreichten.

    Zitat Zitat von zugzwang
    Was waren also die skandalösen Bedingungen des WM-Kampfs 1910?
    Es wird ja kolportiert, Lasker habe als Bedingung für den WM-Kampf gegen Schlechter als Bedingung festgeschrieben, der Herausforderer müsse mit zwei Punkten Vorsprung gewinnen, um neuer Weltmeister zu werden. Dies würde den für viele unverständlichen Sturmlauf des sonst streng positionell agierenden Carl Schlechter erklären, der gerade dann eingesetzt hatte, als Schlechter das Remis hätte erreichen können. Garri Kasparov äußert sich dazu klar. In seinem ersten Band, Meine großen Vorkämpfer, heißt es:

    Weiterhin verständigte man sich darauf, daß der Herausforderer mit zwei Punkten Vprsprung gewinnen muß, um den Titel zu erringen.
    S. 187

    Der Passus sei aber der Presse verschwiegen worden, wohl in der Befürchtung, daß dieses übertriebene WM-Privileg in der Öffentlichkeit keinen guten Eindruck hinterlassen würde.

    Im 2. Band dann die Wende. Als Kasparov diesen umstrittenen Passus erneut erwähnt, melden sich auf einmal „die Bearbeiter“, bestehend aus Astrid Hager und Raymund Stolze, und konfrontieren Kasparovs These mit anderen Quellen:

    Robert Hübner erwähnt allerdings in diesem Zusammenhang im Teil 2 seiner Artikelserie über dieses Match für die deutsche Zeitschrift ´Schach, Heft 6/1999´, Seite 49 ff. die geltenden Spielbedingungen: „Wer die Mehrzahl der Partien gewinnt, ist Sieger und hat den Titel Weltmeister errungen. Beim gleichen Schlußstande hat der Schiedsrichter in Bezug auf die Titelfrage die Entscheidung zu treffen.“ Als Quellen für dieses wichtige Detail, das ganz nebenbei die Version widerlegt, Schlechter habe unbedingt zwei Punkte Vorsprung gebraucht, um die Schachkrone zu holen, weshalb er die zehnte Partie, die er am Ende verlor, unbedingt auf Gewinn spielte, gibt der deutsche Großmeister die Deutsche Schachzeitung 1910, Seiten 30, 31, sowie die Zeitschriften Deutsches Wochenschach 1909, Seite 459 und die Deutschen Schachblätter 1909/1910, Seite 163 an – Die Bearbeiter
    S. 29 f.

    Dr. Robert Hübner ist ein überaus gründlicher Mann, der immer streng wissenschaftlich arbeitet. Wenn er so etwas sagt, dann hat das natürlich schon eine gewisse Bedeutung. Es sind wohl wirklich Geheimnisse, die sich um diese WM ranken und irgendwie auch mehr als 100 Jahre später nicht gelüftet werden wollen.
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  6. #6
    Candidate Beginner (CB)
    Punkte: 9.950, Level: 68
    Level beendet: 50%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 300
    Aktivität: 6,7%
    Errungenschaften:
    Tagger Second Class5000 Experience PointsVeteran
    Avatar von zugzwang
    Registriert seit
    04.08.2011
    Ort
    Berlin
    Rating
    schwindend
    Verein
    Ex Feldjäger Freakfeld
    Beiträge
    844
    Punkte
    9.950
    Level
    68

    AW: War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

    Die Begeisterung Marins für Rubinstein ist verständlich, jedoch:

    Zitat Zitat von Marin Beitrag anzeigen
    Akiba erreichte seinen Höhepunkt in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. 1909 erzielte er eines
    seiner besten Resultate, als er zusammen mit Lasker den ersten Preis im St. Petersburger Turnier teilte,
    3½ Punkte vor dem Rest des Feldes...
    3,5 Punkte vor dem Rest des Feldes, allerdings nicht allein sondern geteilt mit dem amtierenden Weltmeister.

    Zitat Zitat von Marin Beitrag anzeigen
    Dies war der Zeitpunkt, als man in der Öffentlichkeit begann, Rubinstein als den wahrscheinlichsten Herausforderer für einen Titelkampf zu favorisieren...
    Absolut berechtigt, doch hätte nur ein Wettkampf Klarheit über die Spielstärke um 1912/1913 gebracht und die früheren wie auch die späteren Ergebnisse sprechen für Lasker.

    Zitat Zitat von Marin Beitrag anzeigen
    Sein magisches Jahr hatte er freilich 1912, als er jedes Einzelturnier gewann, an dem er teilnahm. Dies waren lange Turniere, bei denen um die 20 Runden gespielt wurden. Daher war eine solch absolute Überlegenheit alles andere als leicht zu erringen, und seit den Tagen Morphys hatte man sie auch nicht wieder gesehen....
    Bei allen diesen Turnieren nahmen 2 der stärksten Spieler dieser Zeit nicht teil:

    Emanuel Lasker und Jose Raul Capablanca - die Dominatoren der Epoche von 1894-1927.

    Noch Fragen?

    Der junge Aljechin (20 Jahre) war auch nur einmal in Wilna mit dabei.

    Überragende Turniererfolge von Rubinstein, doch nicht im gemeinsamen Turnier mit den allerstärksten Spielern seiner Zeit errungen.
    Das unterscheidet ihn nicht nur von Lasker und Capablanca sondern auch von Kasparov, der seine Siegesserie 1999/2000 unter Teilnahme einiger seiner größten Widersacher erzielte.

    Bei Rubinsteins Siegen fehlten 2 der größten Kontrahenten seiner Zeit.
    Dafür kann Rubinstein nichts, doch sollte man es bei seiner Siegesserie schon erwähnen.

    Mein Fazit:

    Akiba Rubinstein konnte aufgrund persönlicher Umstände (Krankheit) und der Weltenlage nicht den Versuch unternehmen, den Weltmeister zu entthronen.
    Versuche, ihn zum besten Spieler einer bestimmten (kurzen) Zeit zu erklären, scheinen mit nicht genügend belastbar zu sein, wenn man etwas tiefer geht.



    Zum Titelkampf Lasker-Schlechter 1910:

    Dr. Hübners Artikelserie in Schach zum Titelkampf findet sich auch im Buch "Der Weltmeisterschaftskampf Lasker-Steinitz 1894" (Edition Marco) wieder (als "Zugabe" ab S.178).
    Ab S. 186 beschäftigt sich der Doc mit Vorgeschichte, Organisation und Regularien des Wettkampfs. Hier findet sich auch der Ansatz für den 2-Punkte-Mythos.
    Ursprünglich war ein Kampf über 30 (!!) Partien geplant und für einen Sieg mindestens 2 Punkte Vorsprung. Stichkampf bei unentschieden.
    Die 2 Punkte Vorsprung galten für beide Seiten lt. Formulierung.
    Unklar bleibt für mich wie ein 15,5:14,5 für eine Partei behandelt worden wäre...:
    Kein "Sieg", aber auch kein Stichkampf bei Unentschieden?!

    Zur letzten,10. Partie meint der "Doc" in einer Zusammenfassung:

    "Die Urheber dieser Darstellungen verzeichnen den Partieverlauf (Dr. Hübner bezieht sich auf Kommentare zum Ablauf und Ausgang der 10. Partie.).
    Es wird verkannt, daß Schlechter nach der Eröffnung völlig verloren war, daß er zu keinem Zeitpunkt auf Gewinn stand und daß er nie auf einfache Weise remis erzwingen konnte."

  7. #7
    Administrator
    Punkte: 108.434, Level: 100
    Level beendet: 0%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 0
    Aktivität: 100,0%
    Errungenschaften:
    Three FriendsRecommendation First ClassOverdriveYour first GroupCreated Album pictures
    Auszeichnungen:
    Posting AwardFrequent PosterDiscussion EnderUser with most referrersActivity Award
    Avatar von Kiffing
    Registriert seit
    06.07.2011
    Ort
    Wuppertal
    Rating
    1722/1854
    Verein
    SC Tornado Wuppertal
    Beiträge
    4.759
    Punkte
    108.434
    Level
    100

    AW: War Akiba Rubinstein jemals der beste Spieler seiner Zeit?

    Danke, zugzwang, für Deine profunden und wohlüberlegten Analysen!

    Rubinsteins Überspannungen lassen sich aus seiner Kindheit herleiten. Wenn regelmäßig ein Geschwisterkind stirbt und einen der Tod jederzeit selber treffen kann, wie geht so ein Kind damit um? Diese Ungewißheit und dieses permanente Bedrohungsgefühl, das Rubinstein vor jedem kleinen Geräusch zurückschrecken ließ, haben wohl in diesem Trauma ihre Wurzel. Aber gut, das ändert natürlich nichts an dem Sachverhalt. Man sollte sich aber schon vor Augen führen, was es für ein Kind bedeuten kann, wenn von 13 Geschwistern 12 sterben. Tartakower hatte übrigens ein ähnlich schlimmes Schicksal zu verarbeiten. Seine jüdischen Eltern wurden von einem rasenden Mob erschlagen, und mit 12 Jahren mußte er sich ganz alleine durchschlagen.

    Wegen des Kampfes Lasker-Schlechter 1910, der übrigens viele Parallelen zu dem Kampf Botwinnik-Bronstein 1950 aufweist, so weisen tatsächlich zahlreiche Indizien darauf hin, daß dieser skandalöse Passus in Wirklichkeit gar nicht existierte. Danke, daß Du einen klaren Grund für diese „Legendenbildung“ eingeführt hast, den ich so verstanden habe, daß dieser 2-Punkte-Vorsprung nur für die ursprüngliche Idee gelte, den Wettkampf auf 30 Spiele anzusetzen (was aber auch nicht ok ist).

    Aber es gibt natürlich auch nach wie vor die anderen Stimmen, die trotz der von Hübner eingebrachten Quellen, die ja auch schon mehr als 100 Jahre alt sind, das Gegenteil verlauten lassen. Hier erstmal zur besprochenen Partie:

    Treppner und Pfleger meinen dazu:

    Leider gibt es keine völlige Klarheit, was die schachlichen Bedingungen anbelangt. Aber am plausibelsten klingt (auch im Hinblick auf die später erwähnte ominöse letzte Partie), was einige Quellen berichten: nämlich daß Schlechter nur, wenn er mit zwei Punkten Vorsprung das Treffen gewann, als Sieger gelten sollte (eine ähnliche Forderung stellte Lasker auch gegenüber Capablanca). Es wäre fast absurd, wenn Schlechter sich bei so wenigen Partien darauf wirklich eingelassen hätte, aber ganz auszuschließen ist es natürlich nicht
    Treppner/Pfleger, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe 1994, S. 94 f.

    Die beiden Autoren setzen fort mit der von mir im verlinkten Thread zur Partie eingebrachten Hypothese:

    Schlechters herausragender Charakterzug war eine immer gleichmütige Bescheidenheit. Das wirkte sich unmittelbar auf seine Spielweise aus. Strategisch hervorragend, besaß er entgegen verbreiteter Meinung auch Kombinationstalent; jedoch ging er fast nie aus sich heraus. Dafür ließ er sich allerdings auch durch nichts erschüttern. Ob er gewann oder verlor, angriff oder verteidigte, schön oder trocken spielte, sein Seelenzustand schien immer derselbe. Viele Partien machte er Remis. Trotz aller Erfolge erhob er nie auf etwas Anspruch. Derselbe Wesenszug wurde ihm im Krieg zum Verhängnis. Er fand sich mit Hunger und zu vielen Entbehrungen widerstandslos ab, bis er bereits 1918 mit nur 44 Jahren starb
    Carl Schlechter erinnert mich sehr stark an einen der vielen Charaktere Franz Kafkas, die fatalistisch ihr Schicksal ertragen. Man fühlt sich unweigerlich an das Verhör im Hotel des jungen Karl Roßmanns erinnert. Sterbe Du, und es wird gestorben...

    Demgegenüber steht freilich die Behauptung in der folgenden Quelle, daß Lasker Schlechter nach dem Match angeboten habe, bis zur Entscheidung weiterzuspielen. Das würde wohl nur passen, wenn Schlechter gerade seinen WM-Titel um einen halben, nicht aber um volle zwei Punkte verfehlt habe.

    Noch ein paar Überlegungen zu Kasparov, der ja ein Anhänger des 2-Punkte-Vorspung-Passus´ ist. Garri Kasparov, das historisch interessierte Schachgenie mit dem perfekten Gedächtnis, das keine Information vergißt, würde wohl jeden auf der Welt in einem schachlichen Detail über den Tisch ziehen, wenn er sich alleine darauf konzentrieren könne. Seine Informationen stammen aber aus seiner voluminösen Vorkämpfer-Reihe, wo Kasparov in relativ kurzer Zeit ein Monumentalwerk geschaffen hat. Auch wenn man annehmen kann, daß Kasparov dabei viele Helfer zur Verfügung standen, verlangt solch eine Herkulesarbeit einem doch eine ungeheure Kraft ab, und wenn man sich um möglicherweise tausende mehr oder weniger wichtige Detailfragen kümmern muß, dann gibt es mal hier und mal da eine Ungenauigkeit, eine Schwachstelle und auch da mal einen Irrtum. Das geht jedem Menschen so, der in kurzer Zeit solch ein gewaltiges Werk schafft, und auch ein Kasparov ist ein Normalsterblicher. Das würde zumindest Kasparovs Aussage ein wenig relativieren, wobei es interessant wäre zu erfahren, wie er auf den Einwand von Stolze und Hager reagiert.

    Aber gut, man merkt meinen Überlegungen vielleicht an, daß ich mich aufgrund des widersprüchlichen Materials noch nicht festlegen kann. Aber ich tendiere doch jetzt schon mehr zu der These hin, daß der 2-Punkte-Vorsprung in dem konkreten 10-Partien-Match nicht existiert hat.
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

Ähnliche Themen

  1. Methoden gegen die sizilianische Rubinstein-Variante
    Von Kiffing im Forum Halboffene Eröffnungen
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 07.01.2018, 01:49
  2. Zug vor seiner Ausführung notieren
    Von Anonym im Forum Schachregeln
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 19.06.2014, 19:37
  3. Aljechin zerlegt Rubinstein
    Von Kiffing im Forum Meisterpartien
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 05.12.2012, 16:53
  4. Eine weitere Musterpartie von Akiba Rubinstein
    Von Kiffing im Forum Meisterpartien
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 20.10.2012, 11:01
  5. Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 18.10.2012, 14:56

Stichworte

Lesezeichen

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  
. . . .