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Thema: Und dann war Krieg... - Berichte und Folgen des Schachturniers 1914 in Mannheim

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    Und dann war Krieg... - Berichte und Folgen des Schachturniers 1914 in Mannheim



    Das Schachturnier in Mannheim 1914 hat viele Ähnlichkeiten mit der Schacholympiade 1939, denn beide Turniere wurden von dem Ausbruch eines Weltkrieges überschattet. Ein gewichtiger Unterschied war allerdings, daß die Schacholympiade 1939 in Argentinien stattfand und damit in einem neutralen Land. Deswegen konnte sie auch, wenn auch nur mit allerhöchsten Schwierigkeiten, fortgesetzt werden. Bei Mannheim 1914 war das aber absolut nicht der Fall. Das Turnier fand im Deutschen Reich statt, dem Aggressor, und zahlreiche Teilnehmer kamen nun aus „feindlichen Ländern“. Dies hatte für die Teilnehmer teilweise fürchterliche Folgen, von denen hier später noch berichtet wird.

    Das Meisterturnier fand dabei mit 18 teilweise namhaften Schachgrößen und das dem Meisterturnier untergeordnete Hauptturnier A mit 17 Spielern statt. Das Turnier begann verheißungsvoll. Der DSB hatte sich richtig ins Zeug gelegt, ein großartiges Turnier auf die Beine zu stellen. Der Ausbruch des Krieges änderte aber alles.

    Die letzten Wochen hatten für die Teilnehmer und Gäste im Mannheimer "Ballhaus" ganz im Zeichen des Schachs gestanden. Während des Turniers hatte nicht nur dort schachlicher Hochbetrieb geherrscht: allabendlich war das Café "Börse" am Paradeplatz [...] das Eldorado all derer, die nie genug kriegen können. Jetzt plötzlich spielte das alles keine Rolle mehr. Das "Ballhaus" erhielt "Einquartierung", d.h. eine Militäreinheit wurde in den Räumlichkeiten untergebracht.
    Für die elf russischen Meister, darunter den erst 22jährigen Alexander Aljechin, begann nun der harte Weg in die Kriegsgefangenschaft. Vor allem für Aljechin, der im Turnier mit 9,5/11 das Teilnehmerfeld noch glänzend angeführt hatte, bedeutete dieses Ereignis den Wendepunkt in seinem bisher sorglosen Leben, in dem er sich ganz dem Schach widmen konnte. Eine lange Leidenszeit brach für ihn an, eine Odyssee durch die schlimmsten Schauplätze des frühen Zweiten Dreißigjährigen Krieges, die ihn wohl für immer verändern sollte.

    Zunächst schien alles noch gut auszugehen, denn die meisten russischen Schachspieler wurden bald darauf wieder freigelassen. Bei Aljechin allerdings fand man bei der Untersuchung ein Foto, auf dem er in der Absolventen-Uniform seiner Hochschule abgebildet war, man hielt ihn für einen Offizier und setzte ihn weiter fest. (Vgl. Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 2, Edition Olms, 2006, S. 154) Nach drei Tagen wurde Aljechin entlassen. Ihm wurde erlaubt, mit den anderen Schachspielern nach Baden-Baden zu reisen, um auf weitere Anweisungen zu warten. Jedoch hatte auf dem Weg davon der Schaffner des Zuges, in dem Aljechin und die anderen russischen Schachspieler saßen, den Militärkommandanten von Rastatt darüber unterrichtet, daß sich im Zuge eine Gruppe verdächtiger Ausländer befände. (Vgl. ebd.) Als die Gruppe am Ziel ausstieg, warteten bereits die Soldaten auf sie, und die Gruppe geriet in einen rasenden Mob, Fjodor Bogatyrtschuk erinnert sich:

    Als wir in Rastatt aus dem Waggon stiegen [...]wurden wir sofort von einer Horde Soldaten umringt und verhaftet. Im Bahnhofssaal verhörte man uns dann und durchsuchte unser Gepäck... Die Soldaten fanden unsere Schachaufzeichnungen und hielten sie für „chiffrierte“ Spionagemitteilungen. Es war schon spät, und so wurden wir kurzerhand ins Militärgefängnis gesteckt. Die ganze Stadt war in heller Aufruhr und ließ ihrer Wut über die vermeintlichen russischen Spione freien Lauf. Auf dem Weg zum Gefängnis wurden wir angepöbelt, man schrie nach sofortiger Bestrafung und manche ließen gar ihre Fäuste sprechen. Selesnjew wurde zudem mit heißen Gegenständen beworfen...“
    Kasparov, S. 154f.

    Aljechin mußte noch mehrere Wochen im Gefängnis bleiben, bis ihm dann endlich die Ausreise in seine Heimat gewährt wurde, wo er das Rote Kreuz bei kriegswichtigen Aufgaben unterstützte und dabei in gefährliches Artilleriefeuer geriet, schwer verwundet wurde und monatelang im Lazarett verweilen mußte. Doch was noch viel schlimmer war, war die Tatsache, daß schließlich das nur vermeintlich erlösende Ende des Krieges in Rußland im Gegensatz zu allen anderen Staaten noch lange nicht das wirkliche Ende des Krieges bedeutete. Im Gegenteil, die Kriege in seinem Land danach sollten die Anzahl an Toten des Ersten Weltkriegs in Rußland um ein Vielfaches überschreiten, und Aljechin geriet in diese Mühlen. Erst 1921, nach seiner Emigration aus der Sowjetunion, endete die siebenjährige Leidenszeit von Aljechin, und endlich konnte er sich ganz dem Schach widmen. 6 Jahre später wurde Aljechin Weltmeister...
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  2. #2
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    AW: Und dann war Krieg... - Berichte und Folgen des Schachturniers 1914 in Mannheim

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag, Kiffing!
    Ein wenig Off-Topic: Es ist erstaunlich, wie plastisch und greifbar (und manchmal traurig) die "trockene" Geschichte wird, wenn ein einzelnes Schicksal betrachtet wird. Solche Lebensläufe hätte ich mir damals im Geschichtsunterricht gewünscht, statt des sturen Faktenlernens.
    Geändert von Kampfkeks (11.11.2012 um 23:24 Uhr)

  3. #3
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    AW: Und dann war Krieg... - Berichte und Folgen des Schachturniers 1914 in Mannheim

    Hier noch einmal Aljechin als zackiger Adliger im zaristischen Rußland, bei einem Turnier in St. Petersburg. Man kann sich diese Umwälzungen in seiner Heimat nach dem Ersten Weltkrieg in seiner Heimat eigentlich nicht vorstellen. Nach seiner Flucht aus der Sowjetunion sah er nie wieder seine russische Heimat, und wie so viele Russen, hat er zeit seines Lebens ungeheuer darunter gelitten. Er war ein echter Russe.

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