Die Schach-WM 1935 zwischen Max Euwe und Alexander Aljechin zählt nicht zuletzt durch das Verhalten Aljechins zu den spektakulärsten Auseinandersetzungen um den Weltmeistertitel in der Schachgeschichte. Alexander Aljechin hatte bis dato alle überfahren und glänzende Turniererfolge in Serie produziert, während Max Euwe, der als Gymnasiallehrer eines Lyzeums Amateur war, nicht unbedingt überragend in der Schachwelt war. Der gewissenhafte Niederländer hatte sich aber professionell mit einem eigens entwickelten Trainingsprogramm, das auch körperliche Fitness miteinschloß, auf das Match vorbereitet und damit gewisserweise schon die Methoden der Sowjetischen Schachschule antizipiert, die vor allem Michail Botwinnik so gerne benutzt hatte. Von solch einer gewissenhaften Vorbereitung auf das Match konnte bei Alexander Aljechin keine Rede sein. Daß er seinen Gegner unterschätzte, ist belegt. So verkündete Aljechin kurz vor dem Match, er sehe derzeit keinen Spieler, der ihn bezwingen könne (Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 2, PraxisSchach, 2006, S. 307). Aljechin spielte „gekünstelt“ (Kasparov) und verwegen, so als wolle er der „Schachwelt zeigen, daß er sich alles erlauben kann“ (Flohr). Als er in der 7. Partie etwa mit 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. Se2 dxe4 5. a3 Le7 6. Sxe4 Sc6! 7. g4?! einen zweifelhaften Flankenangriff wagte, waren die Reaktionen der im Turniersaal versammelten Schachprominenz eher skeptisch, um es betont milde auszudrücken:

An diesem Tag weilten unter den Zuschauern auch die drei ältesten Schachgroßmeister der Welt: der 70jährige Mieses, der 67jährige Lasker und der 65jährige Maroczy. Nach dem Zug 7. g4?! murmelte Lasker, der von einer ganzen Menschentraube umringt war, Aljechin sei nun zu weit gegangen. Und Tartakower, der neben Lasker stand, fügte ein lateinisches Sprichwort hinzu: „Gewalt erzeugt Gegengewalt“.
Ebd. S. 313

Dabei hätte Aljechin doch angesichts der eigenen Erfahrungen mit diesem Gegner gewarnt sein müssen, denn schon 1926/27, als sich beide einen Zweikampf lieferten, hatte Aljechin bei seinem denkbar knappen 5,5-4,5-Sieg mit Euwe mehr Probleme als ihm lieb war, und nur ein Jahr zuvor gelang Euwe gegen Aljechin 1934 in Zürich gar ein glänzender Sieg.

Wie dem auch sei, Aljechins Hasardeur-Spiel mag am Anfang noch gut gegangen sein, so führte Aljechin nach 7 Partien bereits mit 5:2 und behielt bis zur zehnten Partie diesen Drei-Punkte-Vorsprung. Aber als Max Euwe sich schließlich immer besser auf diesen Gegner einstellte und seine Stärken und Schwächen studierte (ebd. S. 314), kam Aljechin nicht mehr mit diesem unerwarteten Gegendruck zurecht und verschenkte ganze Partien. Als Sinnbilder für seine schwache Form seien etwa die 12., die 14. und die 25. Partie genannt, wo Aljechin schreckliche Fehler unterliefen.

Im Jahre 1935 war die Schachwelt noch nicht „so weit“, daß die Schachveranstaltungen von einer sterilen Atmosphäre geprägt waren. Alkohol und Zigaretten am Brett waren noch nicht verpönt, es gab keinen Partieverlust durch Verspätungen, und als Schachspieler konnte man sich noch kleiden wie man wollte. Trotzdem war es natürlich auch damals schon ein Skandal, daß einer der Teilnehmer eines Weltmeisterschaftskampfes, der auf hohes mediales und Zuschauerinteresse stieß, während des Matches dem Alkohol frönte. Diese Weltmeisterschaft besitzt von daher eine reiche Legendenwelt, wo Aljechin teilweise als ständig betrunken dargestellt wurde. Ganz so stimmt es natürlich nicht, aber ein Körnchen Wahrheit steckte auch in dieser Legende, und mehr als das. Anstatt sich zu besaufen, soll Aljechin nach Flohr vielmehr nach der richtigen Dosis gesucht haben, um sich in Kampfstimmung zu bringen. Flohr:

Wenn er ein Glas trank und daraufhin gewann, trank er danach ein Glas mehr und verlor dann aber. Bis zum Ende des Matches wußte er nicht, was sein Organismus brauchte: Keinen Alkohol, oder mehr Alkohol
Ebd. S. 320

Nach dieser Überlieferung stand Aljechin also während des gesamten (!) Zweikampfes unter Alkoholeinfluß! Doch dann kam jene schreckliche 21. Partie. Kasparov berichtet:

Die Spieler mußten zuvor von Amsterdam nach Ermelo reisen, wo der Spielbeginn auf sechs Uhr abends angesetzt war. Der Fahrer, der Aljechin abholen sollte, verirrte sich jedoch mit seinem Auto und erschien eine Stunde später als verabredet im Hotel. Der Weltmeister seinerseits hatte sich inzwischen entschieden, mit dem Zug zu fahren und bat deshalb darum, ihn vom Bahnhof in Ermelo abzuholen. Doch der Zug war bereits abgefahren, und so mußte Aljechin auf den nächsten warten. Als er endlich in Ermelo eintraf, roch er stark nach Alkohol. Der Spielbeginn wurde um eine Stunde verschoben. Aljechin fühlte sich, untertrieben ausgedrückt, allerdings sehr unwohl und beantragte eine Verschiebung auf den nächsten Tag. Hans Kmoch, der Euwe sowie die Organisatoren vertrat, antwortete: „Im Saal warten 1000 Zuschauer, sie werden kein Verständnis haben“. Der Weltmeister beugte sich dem Hauptschiedsrichter und erklärte jedoch, daß er dieses Match „unter moralischem Druck“ beginne und daher unter Protest antrete. Das Organisationskomitee war damit nicht einverstanden, und Kmoch bot ihm an, einen Arzt zu holen, der darüber entscheiden sollte, ob der Weltmeister gesundheitlich imstande sei, überhaupt zu spielen. Doch Aljechin lehnte dies kategorisch ab
Ebd. S. 320

Soweit die nüchterne Bestandsaufnahme Kasparovs. Wesentlich kräftiger fällt dagegen die Beurteilung von Emil Joseph Diemer aus (seine schreckliche Gesinnung ist hier unbedeutend):

Die vorletzte Partie wurde gespielt in Ermelo, ganz im Süden von Holland an der belgischen Grenze. Es wäre niemals zum Skandal gekommen, wenn nicht in Ermelo die zentrale Trinkerheilanstalt gewesen wäre!
Das Unheil begann damit, daß sich der Chauffeur, der Aljechin von Amsterdam nach Ermelo brachte, verfahren hatte und zu viel Zeit verbrauchte. Aljechin kam bereits stark angetrunken nach Ermelo. Am nächsten Tag wußte ganz Holland über diese schreckliche Geschichte Bescheid. Der Damm war gebrochen und jede Zeitung und das Radio berichteten über diese schrecklichen Vorkommnisse. Es geschah nahezu unter Ausschluß der Schach-Öffentlichkeit, denn wir Journalisten hatten uns, um Kosten zu sparen, auf Rat von Tartakower entschlossen, in Amsterdam zu bleiben und die Partien in der Redaktion des Telegraaph per Telefon übermitteln zu lassen.

Es wurde bekannt, daß Euwe ununterbrochen das Zimmer verlassen mußte, weil er ganz einfach nicht mehr den Alkoholgeruch ertragen konnte.
Es geschah noch Schlimmeres. Aljechin warf ständig die Figuren vom Tisch, so zitterte er an Händen und Füßen.
Der Eindruck in der holländischen Öffentlichkeit war niederschmetternd. Es wurde ihm mit Ermordung gedroht, wenn er etwa die letzte Partie gewinnen sollte. Euwe schlug vor, die letzte Partie im Ausland zu spielen. Die Organisatoren taten das einzig Richtige, eine achttägige Pause einzulegen, um die Gemüter zu beruhigen, was auch glückte.

Für die letzte Partie wurde der größte Saal in Amsterdam gemietet. 5.000 Menschen konnten die Partie verfolgen. Der Saal mußte polizeilich geschlossen werden. Es gibt ein berühmtes Bild: Vor diesem großen Saal steht ein Polizist, der den Eintritt verwehrt, über sich einen Regenschirm, ausnahmsweise schneite es. Zudem hat er ein Steckschach in der Hand, um die Partie zu verfolgen.
Aljechin kam im Frack. Als Gentleman hat er die bitterste Stunde seines Lebens erlebt.
Der Exilrusse Aljechin, der nach seiner Flucht aus der Sowjetunion 1921 nie wieder seine russische Heimat wiedersehen sollte, soll in dieser Zeit ungeheuer gelitten und seinen Frust mit Alkohol ertränkt haben. Schonberg meinte so etwa, daß Aljechin Brandy wie Wasser in sich hineingegossen habe (vgl. Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, 1994, S. 131). Pfleger und Treppner weiter:

Daß er betrunken ans Brett kam, war wohl nicht selten [...]. Eine andere Anekdote erzählt, daß Aljechin schon in Bled 1931, als seine Frau mit dem Ehepaar Kmoch sprach, lallend seine Zigarette auf Kmochs Torte ausdrückte
Ebd.

Doch es war nicht nur der Alkohol, der dieses WM-Duell in den Ruch einer skandalösen Auseinandersetzung bringen sollte, woran freilich einer der beiden Teilnehmer gänzlich unschuldig war. Aljechin vertraute neben dem Alkohol auch der Mystik. Er setzte auf Horoskope und auf seine Lieblinge, zwei Siamkatzen, die er vor jedem Match in einem Ritual aufs Schachbrett setzte und sich auch während (!) der Spiele mit ihnen beschäftigte. Das hatte er freilich schon vor dem WM-Match als glückverheißendes Ritual gemacht (ebd. S. 132), in diesem Match kam freilich hinzu, daß Euwe bekannt dafür war, etwas gegen Katzen zu haben, was diesen aber nicht nervös machte:

“Vielleicht wollte er mich damit aus dem psychischen Gleichgewicht bringen“, meinte Euwe später. „In der zweiten Hälfte des Matches ließ Aljechin vor jeder Partie die Katzen über das Schachbrett laufen, wobei sie natürlich Spielfiguren umwarfen. Manchmal beschäftigte er sich mit ihnen selbst während der Partie. Doch ich glaube nicht, daß er mich damit stören wollte. Die Katzen brachten ihm Zerstreuung und vielleicht sogar Selbstsicherheit. Einmal trug er einen Pullover, auf dem eine Katze zu sehen war... Doch mich beeindruckten derartige Scherze nicht, genauso wie einige andere (wohl unbeabsichtigte) Eigenheiten seines Verhaltens. So stellte er sich oft hinter mich, während ich nachdachte, lief um den Schachtisch herum, knarrte mit den Türen oder klopfte mit den Fingern ungeduldig auf den Tisch. Mich störte dies nicht, ich dachte nur still bei mir, daß er als der Stärkere anscheinend von mir gelangweilt war“
Kasparov, S. 313

Während der Favorit also soff und herumalberte, spielte der Underdog professionell und ernsthaft. Die sogenannte „Perle von Zandvoort“, die er dabei schuf, gehört zu den besten, aufregendsten und bekanntesten Partien der Schachgeschichte. Das logische Resultat war, daß der Underdog den 3-Punkte-Vorsprung Aljechins aufholen und sogar mit 14:12 in Führung gehen konnte. Das Interesse in seiner Heimat für diesen WM-Kampf wuchs dabei ins Unermeßliche. „Von überall her wurden die Zuschauer in Sonderbussen zum WM-Match gebracht“ (Kasparov, S. 323).

Als der Niederländer dann Weltmeister geworden war, wurde er sofort zum Helden gekrönt und leitete eine Epoche der Schachbegeisterung ein, von der das so kleine, quirlige Land, das regelmäßig Spitzenspieler hervorspült, heute noch zehrt. So vermerkt auch die folgende Quelle:

Sein Sieg war nur von wenigen erwartet worden und verfehlte schon deshalb seine Wirkung auf die Schachöffentlichkeit nicht. Holland war stolz auf seinen Sohn und verlieh Euwe nach dessen Sieg im WM-Kampf einen Orden. Das Interesse für das Schachspiel wuchs in dem kleinen Land sprunghaft an.
Nach dem WM-Triumph von Euwe würdigte ihn der österreichische Schachmeister und moderne Wildromantiker Rudolf Spielmann mit einem unverkennbaren Seitenhieb auf Aljechin:

Zunächst möchte ich meine Freude und mein Erstaunen darüber bekunden, daß der Schachthron nicht nur von einem herausragenden Spieler, sondern vor allem von einem sympathischen Menschen bestiegen wurde. Ich hege nicht die Absicht, mich an dem Streit darüber zu beteiligen, ob der neue Weltmeister nun stärker oder schwächer ist als seine Vorgänger Lasker, Capablanca oder Aljechin ist. Doch eines ist unbestritten: Der neue Weltmeister ist ein ehrenhafter Mann, ein Gentleman mit einer Intelligenz für fünf
Kasparov, S. 334

Der Verlierer Aljechin zog zumindest vorübergehend seine Lehren aus diesem Mißerfolg, entsagte bis zur Revanche 1937 gegen Euwe Alkohol und Nikotingenuß vollends, verzichtete dabei auf jeden Hokuspokus und gewann das Rematch deutlich mit +10, -4, =11, also mit 15,5-9,5 gegen den niederländischen Nationalhelden. Die Schatten der Vergangenheit sollten Aljechin aber auch später wieder einholen.