Der zweite moderne Weltmeister der Schachgeschichte, Emanuel Lasker, ist aus dieser natürlich nicht mehr wegzudenken. Nicht nur, daß er 27 Jahre auf dem Schachthron saß und ihn damit von allen modernen Schachweltmeistern am längsten behauptete, er hat das Schach auch grundlegend weiterentwickelt. Um diesen Gedanken zu rekapitulieren, so laßt uns einmal in die Zeit zurückschauen, als sein Vorgänger Wilhelm Steinitz Weltmeister gewesen ist. Steinitz war der Begründer der modernen Schule, der das Schach wissenschaftlich von Grund auf analysiert hatte und aus diesen Erkenntnissen seine schachlichen Gesetze entwickelte, wie man am besten in der jeweiligen Situation zu spielen hat. Nicht mehr stürmische und abenteuerlustige Königsangriffe sollten aus dem Nichts heraus gewagt werden, sondern es sollte nur noch angegriffen werden, wenn die Stellung dafür geeignet war. In diesem Denken – und genau das vertrat noch Siegbert Tarrasch, der Steinitz´ Lehren in seiner einfachen und klaren Sprache popularisiert hatte - gab es nur einen richtigen Zug, nämlich den objektiv besten, der ganz wissenschaftlich herausgefunden werden konnte.

Doch Lasker stellte sich hier die Frage, wo bei den ganzen Überlegungen denn eigentlich der Mensch blieb. Spielten denn nicht zwei Menschen gegeneinander mit ihren Wünschen, Bedürfnissen, Stärken und Schwächen und Zielen, anstatt zwei seelenlose Maschinen? Deswegen war es Laskers Verdienst gewesen, als vielleicht erster die menschliche Persönlichkeit des Gegners in seine Überlegungen miteinzubeziehen. Er war gewissermaßen der erste Psychologe des Schachspiels. Für Lasker gab es nicht den besten Zug, sondern den für seinen Gegner am unangenehmsten. „Gegen Janowski wäre der Zug gut, gegen Tarrasch wäre der Zug ein Fehler“, bemerkte er mal bei einer Analyse. In seinem Kampf zwischen zwei Persönlichkeiten, spielte Lasker also genau so, wie es am unangenehmsten für den Gegner sein mußte. Er konnte seinen Gegner auch zu „überstürzten, aggressiven Handlungen verleiten, die sie dann trotz objektiv besserer, inzwischen aber schwierigerer Position nicht immer gedanklich-analytisch bewältigen konnten“. (Ernst Bönsch, Schachlehre – ein Handbuch für Lehrende und Lernende, Sportverlag Berlin 1985, S. 28) Ganz bekannt für diese Strategie ist etwa die 4. WM-Partie 1908 in Düsseldorf gegen Siegbert Tarrasch. Nicht zufällig nannte Lasker sein Schachbuch von 1895 Gesunder Menschenverstand im Schach, Lasker war ein Mensch, sein Gegner war ein Mensch, also mußte man gegen ihn kämpfen. Das war übrigens auch der Grund, warum sich Lasker gegen den gemeinhin wesentlich schwächer eingestuften Carl Schlechter bei der WM 1910 so schwer tat und fast verloren hätte. Nach Botwinnik fehlten Schlechter ganz einfach die Ecken und Kanten, an denen Lasker ansetzen konnte.

Der Zeitgenosse von Freud und Einstein, der mit Letzterem sogar eine gute und fruchtbare Freundschaft pflegte, hatte als Philosoph nicht nur einen sehr psychologischen, sondern auch einen sehr philosophischen Stil. Seine Philosophie im Schach war der Kampf. Und wie Nietzsche seinen „Übermenschen“ schuf, um seine Philosophie zu untermauern, so schuf Lasker den Macheiden, den Helden in der von ihm selbst entwickelten Philosophie des Kampfes, der Machologie, der quasi der ideale Kämpfer auf dem Schachbrett ist. Ernst Bönsch stellt diesen Macheiden vor:

Er [Lasker] wollte den Willen des Gegners bezwingen. In der von ihm entwickelten Lehre der „Machologie“*, strebte er nach einem idealen Schachspieler, der vertraut mit allen Kampfmethoden, ausgestattet mit Logik und Erfahrung, alle Vorzüge in sich vereint. Diesen Idealtyp nennt er den „Macheiden“. Ausgerüstet mit optimalen Strategien, die ihm für die verschiedenen Situationen zur Verfügung stehen – das heißt in jeder speziellen Situation richtig und zweckmäßig handelnd -, soll er in der Lage sein, die ideale Schachpartie zu spielen. Nach Hannak wird es die Schachpartie sein, „in die nicht nur die Regeln des Spiels und des restlosen Kennens seiner Theorie und seines unbändigen Reichtums an Varianten und Kombinationen eingehen werden, sondern das ganze Triebleben des Menschen, sein Geist, seine Sehnsucht, sein Schönheitsdrang, sein Sinn für Ökonomie, Freiheit, Unbegrenztheit und Unsterblichkeit“ (1952, S. 154).
Emanuel Laskers bahnbrechende Ideen scheinen mir auch unter diesem Gesichtspunkt interessant zu sein, daß gerade heute, im Zeitalter der Computer, an denen sich mehr und mehr orientiert wird, der Mensch mit seinen speziellen Fertigkeiten, die übrigens auch eine Maschine nicht haben kann, vielleicht zu kurz kommt. Doch es spielen ja nicht, zumindest nicht in einem Schachturnier für menschliche Spieler, zwei Computer gegeneinander, sondern zwei Menschen. Das scheint mir heute mehr und mehr vergessen zu werden.

Laskers Gedanken erscheinen, zumal sie als erstes von ihm vollständig selbst gedacht worden sind, genial zu sein. Doch dessen Freund, sein entfernter Verwandter und Namensvetter Eduard Lasker, der mit Lasker eine enge Freundschaft pflegte, sah auch Schwächen in dessen theoretischem Gerüst, die der mit 29 Jahren als Edward Lasker in die USA Emigrierte in seinem Werk Chess secrets - I learned von the masters veröffentlichte. Natürlich würdigte Edward das geradezu faustische Streben Emanuels, das ausformuliert gigantisch erscheinen muß:

Der auffallendste Unterschied zwischen ihm und den anderen Meistern bestand darin, dass er kaum jemals irgendwelche Zeit am Schachbrett verbrachte, es sei denn, er hatte dafür berufliche Gründe, weil er z.B. einen Schach-Artikel schrieb oder während eines Schach-Zweikampfs. Er schien immer mit Problemen der Mathematik oder Philosophie beschäftigt zu sein. Als er erfuhr, dass der Bruder des berühmen Philosophen Ernst Cassirer mit meiner Cousine verheiratet war, ruhte er nicht eher, bis ich ein Treffen mit Cassirer arrangiert hatte. Lasker erklärte ihm gewisse Ideen, die er zum Problem der Wahrnehmung entwickelt hatte, und schlug vor, darüber ein Buch zu schreiben. Aus dem ersten Zusammentreffen entwickelte sich eine Reihe langer Spaziergänge, die Cassirer, Lasker und ich unternahmen und während denen Lasker seinen ungewöhnlichen mathematischen Zugang zum Konzept des freien Willens und des Automatismus ausbreitete. Ermutigt durch Cassirer, der von Laskers originellen Ideen beeindruckt war, verfolgte letzterer seinen Plan mit ungeheurer Energie fünf Jahre lang, wobei er seine Arbeit nur für kurze Perioden unterbrach, um seine Weltmeisterschafts-Zweikämpfe mit Tarrasch und Schlechter zu absolvieren. Im Jahr 1913 erschien sein Buch mit dem ehrgeizigen Titel: Das Begreifen der Welt. Ich sah tatsächlich Laskers Haar grau werden, während er an diesem Buch arbeitete. Es fiel ihm niemals ein, dass die Lösung des Problems der Kausalität und des freien Willens, die die Philosophen von zwei Jahrtausenden herausgefordert hatte, vielleicht eine Aufgabe war, die die Fähigkeiten des menschlichen Geistes überstieg. Er verfolgte diese Idee, bis er dachte, dass er den mathematischen Beweis dafür erbracht hätte, dass der Wille frei sei.
Da fragt man sich natürlich, wo denn da noch Zeit für das Schachspiel geblieben ist.

Diese Liebe zu eigenem Denken bzw. die für mich durchaus bewundernswerte Fähigkeit, aus sich selbst heraus zu denken, war aber nicht nur eine Stärke von Lasker, sondern nach Edward auch eine Schwäche. So mußte Emanuel Lasker in seinen wissenschaftlichen Arbeiten stets das Rad neu erfinden:

Ernst Cassirer gab, als er Laskers Buch mit mir diskutierte, einen Kommentar zu Laskers Methode bei philosophischen Problemen, die für Schachspieler von Interesse sein dürften, die mit Laskers Partien vertraut sind. Er sagte, dass Lasker einige bemerkenswerte originelle Gedanken zum Gegenstand vorgelegt habe, aber er habe eine gewisse naive Art, allgemeinbekannte alte Ideen zusammen mit seinen neuen Ideen zu erklären, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden, offensichtlich aufgrund der Tatsache, dass er nicht vertraut war mit der enormen philosophischen Literatur der Vergangenheit. Lasker dachte in seinem ursprünglichen Denken von den Ursprüngen an, und er wusste nicht, wieviel von dem, was er herausfand, von anderen vor ihm bereits entdeckt worden war.
Das führte sogar zu Schwächen in seinem Spiel:

Lasker war auch nicht sehr vertraut mit Schach-Literatur. Er dachte, dass es sich nicht lohne, Zeit für das Lesen von Schach-Büchern zu verwenden, da er den Einruck hatte, dass ein vollkommenes Verständnis der allgemeinen Prinzipien der beste Führer im Kampf am Brett darstellte. Die Schachwelt schuldet dieser Einstellung viele originelle Beiträge, die Lasker für die Eröffnungstrategie leistete. Aber Lasker selbst litt gelegentlich unter seiner Einstellung, besonders in späteren Jahren, weil die wissenschaftliche Analyse der Eröffnungen enorme Fortschritte gemacht hatte und das Vertrautsein mit diesen Analysen manchesmal seinem Gegenüber einen Vorteil verschaffte, der nur schwierig wettzumachen war.
Insofern war es denn auch das Problem seines Macheiden, daß dieser Macheide ein Konstrukt war und durch und durch „künstlich“ (ebd.). Doch Lasker wäre nicht Lasker, wenn er nicht er selbst gewesen wäre, und mag sein Macheide auch seine Schwächen gehabt haben, als Idealtyp für den kämpferisch-psychologischen Schachtypus taugt er genauso wie bspw. die „Präzisionsmaschine“, der „Zauberkünstler“ oder die „Urgewalt“. Das Faszinierende am Schach ist schließlich, daß hier zahlreiche Philosophien im friedlichen Wettstreite miteinander konkurrieren können, und Emanuel Lasker hat den von ihm favorisierten Typus eine lebendige Gestalt gegeben, an dem sich viele Schachspieler richten können. Nicht zuletzt hat Lasker ein Ideal geschaffen, das zwar von den wenigsten eins zu eins übernommen wird, aber der Grundgedanke, daß das Schachspiel ein Kampf ist, und daß man auch so spielen könne, daß es für den spezifischen Gegner unangenehm sein könnte, sollte im Prinzip von jedem Schachspieler in seiner Entscheidungsfindung berücksichtigt werden, um in diesem Wettkampfe erfolgreich zu sein.

*“Laskers Macheidischer Kampf wird von Prof. Dr. Klaus als substantieller Grundgedanke der modernen Spieltheorie angesehen. In einer wissenschaftlichen Abhandlung ´Emanuel Lasker – ein philosophischer Vorläufer der Spieltheorie´ würdigte er Laskers philosophische Grundidee, ´die Darwinsche Evolutionstheorie mit Hilfe spieltheoretischer Überlegungen theoretisch zu untermauern“, und erkannte in den durch die Lösungsversuche erhaltenen Abstraktionen bereits ´echtes kybernetisches Gedankengut´(1965, S. 976ff.) Bönsch, S. 58