Es gab in den 20er Jahren bis weit in die 30er Jahre hinein zwei außergewöhnliche Genies, die in der Schachwelt alle überragten und gegensätzlicher kaum sein konnten: Alexander Aljechin und Jose Raul Capablanca. Da, wo der lebensfrohe und sorglose Kubaner auftauchte, war der Tag, der aber, wie unterschwellig zum Vorschein gekommen sein sollte, sehr fragil war und eher dem Pan ähnelte. Alexander Aljechin hingegen war längst vom Teufel berührt, ihn umgab die Nacht. Wie bereits geschildert, begann die Odyssee des Schreckens des einst begüterten Adelssohns schon beim Großmeisterturnier in Mannheim 1914. Diese Odyssee des Schreckens sollte Aljechin sein ganzes Leben begleiten. Hier soll hingegen ein furchtbarer Höhepunkt in seinem noch jungen Leben geschildert werden, dessen Überschrift auch lauten könnte: Alexander Aljechin in der Hölle.

Die Macht des Zarenhofs war gegen Ende des Ersten Weltkrieges längst zerbröckelt, das sogenannte Zarenregime hatte jedwede Autorität verloren, und an den Fronten desertierten die Soldaten in Scharen. 1917 verwandelte sich die semi-konstitutionelle Monarchie nach der Februarrevolution in eine Demokratie, die von Lenin selbst als die freieste Demokratie der Welt bezeichnet wurde. Das hielt Lenin freilich nicht davon ab, die Masse an den teilweise noch bewaffneten desertierten Soldaten um sich zu sammeln und in einen Staatsstreich die junge russische Demokratie um den liberalen Ministerpräsidenten Alexander Kerenski zu stürzen. Lenin, der den Soldaten Brot und Frieden versprach, verwandelte sich in einen blutrünstigen und grausamen Diktator, der sogar offiziell den „Massenterror“ propagierte. Statt dem Frieden wurde Rußland in einen furchtbaren Bürgerkrieg gestürzt, dessen Tote die Kriegstoten aus dem Ersten Weltkrieg noch um ein Vielfaches überschreiten sollten. Und was das Brot anbelangt, so war die Versorgungslage in ganz Rußland nach der "Revolution" dergestalt, daß die Verhältnisse unter dem Zaren geradezu paradiesisch erscheinen mußten. Rußland erlitt die schlimmste Hungersnot seiner Geschichte mit vielen Millionen an Toten, und über Lenins Land breiteten sich Typhus, Fleckfieber und Cholera aus. Das neue kommunistische Regime schaffte handstreichartig alle bürgerlichen und demokratischen Rechte ab, und blutsaufende Rotgardisten terrorisierten mit der gefürchteten Geheimpolizei Tscheka das Land. Jeder, der ein bißchen mehr als andere besaß, wurde enteignet und mußte um sein Leben fürchten. Das GULAG-System, das unter Stalin schließlich zig Millionen (!) Menschen „beherbergen“ sollte, begann seinen todbringenden Lebenslauf. Zum ersten Mal erhob der Totalitarismus, die Schattenseite der Aufklärung (vgl. Adorno), sein finsteres Haupt. Das war die Realität, in die Aljechin, der nach seiner Freilassung aus der deutschen Kriegsgefangenschaft 1914 für das Rote Kreuz für Rußland kämpfte, hineingestoßen wurde.

Der Adelssohn, dessen Eltern während des Krieges gestorben waren, hatte in dem neuen Regime das Pech, der falschen „Klasse“ anzugehören und wurde erst einmal enteignet. Zu diesen Vorgängen, wie sie natürlich nicht nur Aljechin betrafen, bemerkt der unsterbliche Lev Navrozov sarkastisch:

Wenn der Pöbel alle die massakriert, die wohlhabender oder gebildeter sind, dann nennt man das eine klassenbewußte Revolution; und wenn sich der gleiche Pöbel nur gegen jüdische Geschäfte und Wohnungen wendet, dann nennt man das einen vom Zaren absichtlich provozierten Pogrom – natürlich in der Absicht, jene klassenbewußte Revolution zu unterdrücken
Lev Navrozov, Die Lehrjahre des Lev Navrozov – eine sowjetische Kindheit, Ullstein-Verlag 1980, S. 40

Doch wie ging es weiter mit Aljechin? Des ererbten Vermögens seiner Eltern beraubt, mußte er sich nun natürlich eine Arbeit suchen, um in diesem von Gott verlassenen Land zu überleben, und er nahm schließlich die aufgrund seiner Herkunft doch sehr heikle Stelle in der „Kommission für Konfiszierung des Vermögens der Adelsschicht“ an und trat zu diesem Zweck sogar der Kommunistischen Partei bei. (Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 2, Edition Olms 2006, S. 161f.) Hier zeigte sich bereits ein Wesensmerkmal von Aljechin, der Opportunismus, der sich auch später noch bei ihm zeigen und womöglich sein Überleben und später das seiner Frau sichern sollte. Doch das Leben in diesem Land war gefährlicher, weitaus gefährlicher, wie wir uns als Bürger eines demokratischen Rechtsstaats überhaupt vorstellen können, und so entkam Aljechin zweimal dem Tod, als er in die Mühlen der Justiz geriet, nur knapp. Doch jedesmal rettete ihn seine Schachkunst, und da die neuen Machthaber sich erhofften, daß Aljechin ihnen beim Aufbau des Schachlebens sehr behilflich sein könnte, wurde sein Leben verschont (es braucht nicht erwähnt zu werden, wie es anderen in so einer Lage erging, die diese speziellen Fähigkeiten nicht besaßen).

Es war tatsächlich für Aljechin sehr günstig, daß „die bolschewistischen Machthaber“ sich „wie die wilden Tiere in der Arion-Sage“ den „Schachzauber über sich ergehen“ ließen, wie es Tartakower sehr poetisch ausdrückte (defekter Link entfernt, KiffingInterpretation).

Alexander Aljechin selbst hatte 1921 nach seiner Flucht aus der Sowjetunion in Berlin das vielbeachtete Büchlein Das Schachleben in Sowjet-Russland verfaßt, wo er eindringlich die Bedingungen beschrieb, unter denen die Schachspieler nach dem später als Oktoberrevolution deklarierten bolschewistischen Putsch lebten. Schon 1919 erkannten die neuen Machthaber den Wert des Schachs, was Aljechin beschrieb:

Aus einer „bürgerlichen Unterhaltung“ ist das Schach in ihren Augen zu einer „hochgestellten und nützlichen Kunst“ geworden, „die die geistigen Kräfte der heranwachsenden Generation fördert.“ (Zitat aus der Resolution der Militärausbildungsdelegierten des Moskauer Militärdistrikts de dato Moskau 1920)
Alexander Aljechin, Das Schachleben in Sowjet-Russland, Schachverlag Bernhard Kagan 1921, S. 8

Doch der Erste Weltkrieg hatte seine Spuren hinterlassen, und vor allem Kriegskommunismus und Bürgerkrieg wüteten virulent. Aljechin etwa beschrieb Schicksale großer russischer Schachmeister, die dem Schach teilweise für immer verlorengegangen sind. Aljechin zählt große Namen auf wie Julius Ossipowitsch Sossnitzky, der 1919 an der Typhus-Epidemie verstarb, Peter Petrovich Saburov, der ins Ausland emigrierte, Alexander Moissejewitsch Evensson, der dem weißgardistischen General Denikin zum Opfer fiel. All das waren große Schachmeister, die dem russischen Schach verloren gingen oder z. T. eine andere Funktion hatten, nämlich den Schachspielern von Moskau oder Petrograd (dem späteren Leningrad) in ihrer „Privatwohnung“ eine Spielstätte zu ermöglichen, weil die Vereine schließlich unbesuchbar wurden. Was während der „Revolution“ in den Schachvereinen passierte, dazu sei als Fallbeispiel die Petrograder Schachgesellschaft genannt, wo Aljechin die Vorkommnisse jener Zeit sarkastisch beschreibt:

In Petrograd, in den eleganten Räumen des dortigen Finanz- und Kommerz-Vereins, wo sich seit Jahren bekanntlich die „Petrograder Schachgesellschaft“ befand, wurde auf einige Zeit eine Abteilung Rotgardisten einquartiert, die ihre reichlichen Mußestunden damit ausfüllten, daß sie sich zwar nicht dem Schachspielen, wohl aber dem Spielen mit dem Schach – d. h. mit den Schachfiguren – leidenschaftlich hingaben. Als Resultat dieser „Spielerei“ wurden nach dem schließlichen Exodus der Soldateska alle vorhanden gewesenen Spielkomplexe völlig durcheinandergemischt, alle Steine auf dem Boden liegend vorgefunden, wobei speziell sämtliche Springer spurlos verschwunden sind. Sie sind offenbar zur stolzen Erinnerung der rotgardistischen Nachkommenschaft mitgenommen worden
Aljechin, S. 5

Als nun die neuen Machthaber den Wert des Schachs erkannten und aus den Trümmern das Schach in Rußland neu aufbauen wollten, ergaben sich für Alexander Aljechin auch wieder Spielmöglichkeiten. Der schachliche Höhepunkt in Aljechins Zeit im nachrevolutionären Rußland war sicherlich seine Teilnahme bei der „Allrussische[n] Olympiade“ 1920 in seiner Heimatstadt Moskau, die später zu den traditionsreichen UdSSR-Einzelmeisterschaften gezählt wurde. Wegen den vielen Anmeldungen hatte man das Turnier in zwei Turniere aufgeteilt, und zwar in das Allrussische Championturnier und das Allrussische Amateurturnier. Da Alexander Aljechin das Allrussische Championturnier (vor Romanowski und Löwenfisch) gewann, wurde der spätere Flüchtling quasi erster Titelträger dieses traditionsreichen und prestigeträchtigen Turniers der späteren Sowjetunion. Hier ein Foto von Aljechin (r.) bei diesem Turnier:



Die Spielbedingungen in dieser von Hunger, Kälte und Seuchen ausgezerrten Stadt müssen fürchterlich gewesen sein. Der Raum war schlecht beheizt und beleuchtet (vgl. Kasparov S. 162), und die Spieler drohten etwa mit dem Abbruch des Turniers, wenn sich ihre Versorgungslage nicht besserte, und auch Aljechin schloß sich dem Protest unter dem Hinweis an, daß er es für unzumutbar halte, gegen hungernde Gegner anzutreten (vgl. ebd.). Die nach dem Protest ausgehandelten Bedingungen für die Spieler sahen nun wie folgt aus:

a) Von Geldpreisen wird Abstand genommen und es werden bloß Honorare für gewonnene Partien ausgeteilt und zwar je 2000 Rubel in Championat, bzw. je 1000 Rubel in der Siegergruppe des Amateurturniers, bzw. je 500 Rubel in den Ausscheidungsgruppen. Als Preise werden künstlerische Silbergegenstände ausgesetzt und außerdem erhält der Championssieger von der veranstaltenden Behörde einen Ehrenpreis in Gestalt eines chinesischen Elfenbein-Schachspiels.
b) Es gelang ferner, die Lebensmittelquote der Turnierteilnehmer erhöhen zu lassen und zwar außer 1 Pfd. Brot und der Sowjet-Mahlzeit (Trockengemüsesuppe und – zur Wahl – ein Heringskopf oder ein Heringsschweif) erhielten die Teilnehmer während des Spiels etwas Tee (natürlich auch „sowjetisch“), Käse und Zucker. – Nach Erfüllung dieser bescheidenen Forderungen wurde die Verlosung vorgenommen und dann die endgültige Turnierordnung geregelt
Aljechin, S. 11

Wie schon erwähnt, gewann Alexander Aljechin dieses Turnier, und zwar ungeschlagen mit 12/15. Seine Beschreibungen der anderen 15 Spieler in dem 16 Teilnehmer umfassenden Feld haben dabei einen hohen didaktischen Wert. Hellsichtig etwa seine Aussage über den Turniervierten Rabinowitsch, der die „auf ihn besonders von den Petrogradern in ihn gesetzten Hoffnungen leider nicht ganz erfüllt“ habe:

Im Positionsspiel aufgewachsen, ließ er einige Male die nötige Sicherheit bei der Eskomptierung taktischer, in der Stellung versteckter Möglichkeiten vermissen, wodurch er manchmal auch gegen schwächere Opponenten in Verlustvarianten geriet: ein (leider aber beinahe einziger) gemeinsamer Zug mit Rubinstein!
Aljechin, S. 13

Genau dasselbe über Rubinstein hatte später Garri Kasparov gesagt, der das anhand diverser Rubinsteinscher Partien belegen konnte.

Leider fand sich später im ganzen Land kein Papier mehr für ein Turnierbuch mit den ganzen in diesem Turnier gespielten Partien, weil „nur Schriften, die direkt oder indirekt den kommunistischen Propagandazwecken dienen, auf die Zuweisung des staatlich monopolisierten Papiers rechnen dürfen“ (Aljechin, S. 15).

Als Aljechin endlich aus der Sowjetunion flüchten konnte, irrte er sich in seiner Prognose über die Möglichkeiten des russischen Schachs unter dem neuen Regime:

Was die anderen Städte betrifft, dürfte sich dort das Schachleben in keinem Falle günstiger als in Moskau entwickeln. Nach den letzten Nachrichten, die uns zugekommen waren, beginnen die Schachisten von Petrograd, Kasan und Charkow, sich zu organisieren, doch auch dort – wie überall – hängt alles von dem persönlichen Einfluß irgend eines sowjetischen Regierungsmannes ab, ähnlich wie das Schach in Moskau ein kurzes Aufblühen dank Iljin-Genewsky erlebte.
Es erscheint aber kaum wahrscheinlich, daß man auf einem so unsoliden Fundament etwas Dauerndes bauen könne
Aljechin, S. 16

Tatsächlich begann kurz nach dieser Zeit der Siegeszug der Sowjetischen Schachschule, den man gut in nüchternen Zahlen ausdrücken kann, wie es diese Quelle tut:

1923 gab es in der Sowjetunion eintausend registrierte Schachspieler, 1929 waren es 150.000, 1960 spielten zwei Millionen Sowjetbürger organisiert Schach. Zum Vergleich, der US-Schachverband hatte 1962 ganze 10.000 Mitglieder
Insofern fällt der Appell trübsinnig aus, ein letztes Aufbäumen gegen die furchtbare Allmacht, die sich in seinem Land, dem heiligen Rußland, breitgemacht hatte:

Vorläufig sind die russischen Schachisten nur auf solche zufälligen, momentanen Chancen angewiesen, die sie natürlich so produktiv als möglich ausnützen sollen, bis endlich dasjenige Ereignis eintritt, welches die russische Schachgemeinde ebenso sehnsüchtig wie das ganze ehrlich denkende Rußland erhofft und erwartet
Aljechin, S. 16

Nun eine Gewinnpartie Aljechins, aus „jenen düsteren Tagen“ (ebd. ), vom Allrussischen Championturnier 1920, mit Schwarz gegen den Fünftplazierten Grigoriev

[Event "Allrussisches Championturnier Moskau 1920"]
[Site "MyTown"]
[Date "????.??.??"]
[Round "1"]
[White "Nikolai Grigoriev"]
[Black "Alexander Aljechin"]
[Result "0-1"]
[PlyCount "50"]
[TimeControl "2400"]

{767MB, Fritz8.ctg, MYCOMPUTER} 1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nge7 4. d4 exd4 5.
Nxd4 g6 6. Bg5 Bg7 7. c3 h6 8. Bh4 O-O 9. O-O Nxd4 10. cxd4 c6 11. Bc4 g5 12.
Bg3 d5 13. exd5 Nxd5 14. Be5 Be6 15. Nd2 f6 16. Bg3 Qb6 17. Re1 Rfe8 18. Ne4 f5
19. Nc5 Bf7 20. Bd6 Qxb2 21. Bxd5 Bxd5 22. Rb1 Qxd4 23. Rxb7 Qg4 24. f3 Bd4+
25. Kh1 Bxf3 *