Als Alexander Aljechin im Herbst 1918 in dem bürgerkriegsgeschüttelten Rußland zur großen ukrainischen Hafenstadt Odessa an der Schwarzmeerküste fuhr, tat er das, um sich von da ins Ausland abzusetzen. Die Reise von Moskau nach Odessa sollte man sich in diesen Tagen nicht so unproblematisch wie heute vorstellen. In den einen Gebieten herrschten die Roten, in den anderen Gebieten die Weißen, mit wechselnden Kriegserfolgen, und wer den jeweiligen Machthabern und deren Soldaten verdächtig erschien, konnte schnell „füsiliert“ werden, wie es in der Militärsprache heißt, und das heißt, erschossen.

Dieser erste Fluchtversuch Aljechins scheiterte. Er spielte im Turnier schwach und erhielt kein Ticket für die Fähre. Trotzdem spielte er da eine bemerkenswerte Partie, die eindrucksvoll beweist, daß das Schachspiel auch in den schlimmsten Zeiten seinen Zauber erhalten konnte. Vor allem der studienartige und auf dem ersten Blick vollkommen paradox anmutende 24. Zug gehört zu den schönsten Zügen der Schachgeschichte. Interessant ist, daß ich die ganze Zeit eher das Gefühl hatte, nicht Alexander Aljechin, sondern Paul Morphy würde die weißen Steine führen. Denn genau diese hier gezeigte weiße Spielweise, das Gambit, das schnelle Tempospiel mit den weißen Steinen in offenen Strukturen und die saubere taktische Verwandlung hatten das amerikanische Genie so ausgezeichnet.

[Event "Odessa 1918"]
[Site "MyTown"]
[Date "????.??.??"]
[Round "?"]
[White "Alexander Aljechin"]
[Black "Boris Berlinski"]
[Result "1-0"]
[PlyCount "51"]
[TimeControl "2400"]

{767MB, Fritz8.ctg, MYCOMPUTER} 1. e4 e5 2. d4 exd4 3. c3 dxc3 4. Nxc3 Nc6 5.
Bc4 d6 6. Nf3 Nf6 7. Qb3 Qd7 8. Ng5 Ne5 9. Bb5 c6 10. f4 cxb5 11. fxe5 dxe5 12.
Be3 Bd6 13. Nxb5 O-O 14. Rd1 Ne8 15. O-O Qe7 16. Nxd6 Nxd6 17. Qa3 Rd8 18. Nxf7 Bg4 19. Rxd6 Re8 20. Bg5 Qc7 21. Qb3 Be2 22. Nxe5+ Kh8 23. Rc1 Rf8 24. Qd1 Qa5 25. Qxe2 Qxe5 26. Rd5 *