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Thema: Ein Friedenslicht von Bernhard Kagan

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    Ein Friedenslicht von Bernhard Kagan



    Im Oktober 1918 legte sich langsam eine Götterdämmerung über das Deutsche Reich. Zwar war der Coup glänzend gelungen, Lenin in einem Panzerzug nach Rußland zu schicken, damit dieser der russischen Ostfront in den Rücken fiel, so daß der wie ein Alp auf dem Deutschen Reich lastende Zweifrontenkrieg praktisch vorbei war. Dafür lag der einzige ernsthafte Verbündete Österreich-Ungarn schon am Boden, und der Kriegseintritt der Amerikaner hatte viele frische Reserven an die Front gespült, so daß die Deutschen es schwer hatten, sich an der Westfront zu verteidigen und nach zähem Kampfverlauf langsam zurückgedrängt wurden. Vor allem stimmte das Militär bedenklich, daß die Moral an der „Heimatfront“ und in den Truppen selbst in den letzten Monaten spürbar gesunken war. Es kam zu Streiks und Protesten, und die Zahl der Deserteure nahm sprunghaft zu. Man fürchtete russische Verhältnisse.

    In dieser Situation gelang es dem bekannten Berliner Schachverleger, Sponsor und Turnierorganisator, Bernhard Kagan, ein Friedenslicht anzuzünden, indem er mitten in dem in dieser Zeit schon sehr unruhigen Berlin ein Schachturnier mit vier anerkannten Meistern auf die Beine stellte und den Spielern damit die Möglichkeit bot, die Turnierdürre im Weltkrieg zu beenden. Dieser Thread, in dem über dieses historische Turnier berichtet werden soll, ist gleichzeitig auch eine Hommage an Bernhard Kagan, den auch die Berliner Zeitung 1997 schon würdigte:

    Allzeit hat die stille Kunst des Schachspiels enthusiastische Förderer gebraucht. Die bedeutendsten in der Geschichte, die man erinnern wird, waren weniger die kühl kalkulierenden Sponsoren von heute, die bei jeder Gelegenheit von Umwegrentabilität und Publicity sprechen, sondern, ähnlich wie die Kunstsammler, die Liebhaber und Aficionados des Spiels. Der heute fast vergessene Bernhard Kagan war einer von ihnen.
    Mir ist Bernhard Kagan etwa begegnet als Verleger von Aljechins Büchlein Das Schachspiel in Sowjet-Russland, was nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. So schreibt etwa Savielly Tartakower in das Vorwort dieses 1921 erschienen Büchleins u. a.:

    Daß es dem bekannten Berliner Schachverleger gelungen ist, gerade den moskowitischen Großmeister und Schachdiktator a.D. Alexander Alexandrowitsch von Aljechin zur Schilderung jener wundersamen Schicksale zu gewinnen und daß er bei der Redigierung des Buches in deutscher Sprache wertvolles Belegmaterial beigefügt hat, kann man als einen besonderen Griff bezeichnen, für den ihm die gesamte Schachwelt Anerkennung zollen wird
    Bernhard Kagan hat freilich noch mehr als Verleger geleistet, er hat ein Schachmagazin herausgegeben und selbständig etwas über das damalige Wunderkind Samuel Reshevsky geschrieben. Und wer weiß, daß von den zahlreichen Schachbüchern, die er verlegte, Mein System von Aaron Nimzowitsch gehört, das später zur Bibel vieler Schachmeister wurde? Ein ernster Makel ist allerdings, daß er leider auch dem antisemitischen Schmierfinken Franz Gutmayer aus Österreich Raum bot, seine ebenso gehaltlosen wie menschenverachtenden Ergüsse zu verbreiten. Ein gemeinsamer Boykott der Schachverlage wäre besser gewesen.

    Es waren wirklich sehr verdiente Schachmeister, die dieses vierköpfige Turnier schmückten, wahrlich große Namen mit Siegbert Tarrasch, Emanuel Lasker, Akiba Rubinstein und Carl Schlechter. Fast könnte man das Turnier als eine Art inoffizielles Nostalgie-Turnier betrachten, denn der 56jährige Tarrasch hatte seine beste Zeit im Schach längst hinter sich. Der noch amtierende Weltmeister Emanuel Lasker (50) war zwar noch ein gefährlicher Gegner, vor dem man sich in Acht nehmen sollte, aber auch er war nicht mehr auf seinem Zenit, und drei Jahre später sollte er seinen WM-Titel gegen Capablanca ohne einen einzigen Sieg sang- und klanglos verlieren. Carl Schlechter war zwar erst 40, aber sollte nur zwei Monate nach dem Turnier sterben, während der Jüngste im Feld, der 36jährige Akiba Rubinstein nervlich angeschlagen war. Er hatte einen Großteil seines Vermögens durch die Abwertung des Rubels, der auch in Kongreßpolen („Weichselland“) Zahlungsmittel war, verloren, litt aber schon vor dem Kriegsausbruch und sollte ebenso wie die anderen Turnierspieler nicht mehr seine frühere Rolle im Schach spielen.

    Hier ein Turnierfoto der vier Gladiatoren mit dem rührigen Turnierveranstalter Bernhard Kagan:


    Der Krieg hatte die Menschen, aber auch die vier Schachmeister verändert. Siegbert Tarrasch hatte von 1912-1916 seine drei Söhne verloren. Aber nur einer der Söhne starb im Krieg, der andere kam bei einem Unfall ums Leben und der andere aus Liebeskummer, was allerdings geheimgehalten wurde, damit auf die Familie Tarrasch kein schwerer Makel fiel. Die Selbsttötung war tabuisiert und galt als Sünde. Tarrasch selbst war altersmilde geworden und hatte auch mit seinem früheren Intimfeind Lasker seinen Frieden geschlossen, dessen Leistung er nun ausdrücklich anerkannte. Carl Schlechter dagegen war dünn geworden und abgemagert. Er war durch den Krieg bitter verarmt, litt Hunger, wollte aber niemanden um Hilfe bitten und starb zwei Monate später. Beide Spieler brachen im Laufe des Turniers ein. So machten Akiba Rubinstein und Emanuel Lasker den Turniersieg unter sich aus, wobei sich der Weltmeister schließlich mit 4,5/6 durchsetzen konnte. Auf den Plätzen 2 (4P) Rubinstein, 3 (2P) Schlechter, 4 (1,5P.) Tarrasch.
    Geändert von Kiffing (11.08.2014 um 00:42 Uhr) Grund: verschollenes Bild ersetzt
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

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