Ein bekanntes Apercu im Schach lautet, nichts ist schwerer als eine gewonnene Stellung zu gewinnen. Obwohl ich persönlich finde, daß verlorene Stellungen noch schwerer zu gewinnen sind, hat dieser Sinnspruch durchaus ein Körnchen Wahrheit. Man muß z. B. stark auf sich selbst achtgeben. Denn während der Gegner noch verzweifelt versucht, nach Möglichkeiten Ausschau zu halten, um einem den Sieg zu erschweren und auch Fallen immer drin sind (bedenkt, der Gegner kämpft ums nackte Überleben und spielt von daher noch mit maximaler Energie!), feiert man möglicherweise schon innerlich seinen „baldigen Sieg“, verliert so an Wachsamkeit und wundert sich, daß man es am Ende doch nicht geschafft hat. Es war doch so leicht... Das Ganze ist übrigens ein sportartübergreifendes Problem. Denn auch der Fußballnationalmannschaft passierte dieser psychologische Fehler beim diesjährigen WM-Qualifikationsspiel zuhause gegen Schweden, als ein sicheres 4:0 nach 60 Min. noch 4:4 ausging.

In diesem Sinne sollte man also erst dann abschalten, wenn der Sieg sicher ist, aber es gibt noch etwas zu beachten. Wie sollte man denn nun konkret spielen, wenn man auf Gewinn steht? Der sowjetische Schachspieler und Theoretiker Benjamin Blumenfeld (1884-1947), der uns auch durch das Blumenfeld-Gambit 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 c5 d4 b5 bekannt sein dürfte, hat sich dieser Fragestellung gewidmet. Er warnte vor einem verfehlten Schönheitsbegriff, daß Schachspieler, berauscht von ihrem eigenen Spiel, nun krampfhaft versuchen, „schön“ zu gewinnen und dabei vom rechten Wege abkommen, wie dies Nikolai Grigoriev mit Schwarz in seiner Partie gegen Alexander Sergejew 1932 passierte:



In dieser Lage verwirklichte Grigoriev erst mit 31. ...Sg5! 32. Sxb7 f3 33. Sxf3 Sxf3+ 34. Lxf3 Lc6! 35. Lxc6 Td3 36. Db2 eine zielgerichtete Kombination. Aber anstatt den Sieg mit dem einfachen 36. ...Sxc6 -+ (eliminiert den Verteidiger) bald nach Hause zu fahren, heckte er nun eine lange, komplizierte Kombination aus, die aber ein Loch hatte: Er spielte 36. ...Dxg4+?? 37. Lg2 Tff3 („Schwarz hatte ein „schönes“ Matt mit der Überführung des Springers nach f4 oder h4 ausgeheckt“ *) 38. Sc5 Sf5 und übersah mit 39. Te4 die Widerlegung, so daß die schwarze Stellung sofort zusammenbrach.

Benjamin Blumenfeld resümiert:

Die Jagd nach der Schönheit brachte Schwarz um den verdienten Sieg. Dieses Beispiel sollte vielen eine Lehre sein. Der beste Zug ist jener, der am direktesten zum Ziel führt. In der Zielstrebigkeit und der Entscheidung für die ökonomischen Methoden zur Erreichung des Zieles liegt die innere Schönheit des Schachs verborgen. Effekthascherei jedoch ist das Resultat eines falsches Begriffs von der Schönheit im Schach und führt häufig zu traurigen Ergebnissen
Dworetzki/Jussupov, Angriff und Verteidigung, Edition Olms, Zürich 2004, S. 86
* Ebd.

Vergleicht dazu bitte meinen Disput mit Frank Mayer von #1-#3: