Wie in diesem Lehrthread deutlich wurde, sollte man, steht man auf Gewinn, das Spiel vereinfachen, um dem Gegner jegliche Konterchancen zu nehmen und die sicherste Pforte zum Gewinn wählen. Steht man auf Verlust, ist natürlich das Gegenteil richtig. Man hat nichts mehr zu verlieren, und geht alles seinen bisherigen Gang, hat man bald sicher verloren. Hier sind aktive Gegenchancen wichtig, für die man auch zu Materialopfern bereit sein sollte. Benjamin Blumenfeld erläutert:

Eine der charakteristischen Eigenschaften des Spiels von Alexander Aljechin ist, daß er es in für ihn nachteiligen Stellungen dem Gegner nicht erlaubt, den Vorteil zu vergrößern, sondern danach strebt, den logischen Fortgang der Ereignisse zu unterbrechen. Er lenkt das Spiel mit Hilfe von Verwicklungen bis hin zu Opfern in andere Fahrwasser. Diese Eigenschaft des Aljechinschen Spiels fiel mir bereits bei den unzähligen (vorzugsweise freien) Partien auf, die ich mit ihm austrug, als er noch nicht den Gipfel seines schachlichen Ruhms erklommen hatte
Dworetzki/Jussupow, Angriff und Verteidigung, Edition Olms, Zürich 2004, S. 86f.

Aljechins Meinung über seinen ehemaligen Spielpartner war übrigens ebenfalls durchweg positiv und von Respekt getragen. Als Aljechin 1920 noch in Moskau weilte und dort an der Allrussischen Olympiade teilnahm, die er für sich entscheiden konnte, schrieb er nach seiner Flucht aus dem bürgerkriegs- und revolutionsgeschüttelten Land 1921 in seinem Büchlein über den Turnierachten Blumenfeld:

In der Nicht-Preisträgergruppe ist vor allem Blumenfeld zu erwähnen, der mit den Jahren eine bedeutende Ausgeglichenheit des Spieles erreichte, wie dies auch aus der minimalen Anzahl von Verlusten hervorgeht. Wenn er in der letzten Runde seine bereits auf Gewinn stehende Partie mit Iljin-Genevsky nicht verloren hätte, würde ihm (und zwar in wohlverdienter Weise) der V. Preis zugefallen sein
Alexander Aljechin, Das Schachleben in Sowjet-Russland, Schachverlag Bernhard Kagan, Berlin 1921, S. 14

Benjamin Blumenfeld selbst erläutert seine aktive Verteidigungsstrategie anhand eines praktischen Beispiels aus der Partie Nimzowitsch – Euwe, Karlsbad 1929:



Er schreibt:

Weiß ist zum Untergang verurteilt. Sein Spiel ist nicht entwickelt. Schwarz verfügt über den Bauern e3, der zur Dame zu schreiten droht. Weiß kann diesen Bauern nicht schlagen, denn auf 23. Txe3 folgt 23. ...Dxd4 mit Turmgewinn. Schlecht ist ebenfalls 23. Txf7+ Txf7 24. Dxc8 e2. Aber Nimzowitsch verlor in dieser schrecklichen Stellung nicht den Kopf und zog 23. Sc3, was den Springer einstehen läßt.
Der spätere Weltmeister hätte nun mit 23. ...Dxd4 24. Taf1 De5+ 25. Kh1 Tc7 usw. sicher gewonnen, doch er nahm den vergifteten Springer und das Unglück nahm seinen Lauf: 23. ...Txc3? 24. Taf1 e2 25. Txf7+ Txf7 26. Dxf7+ Kh6 27. Df8+ 1-0

Benjamin Blumenfeld resümiert:

Manch einer mag meinen, daß Nimzowitsch unverdient gewonnen hat. Dem kann man nicht zustimmen. Selbst der stärkste Meister kann nicht alles bis zum Ende kalkulieren und gerät daher manchmal nicht nur gegen gleichwertige, sondern auch gegen schwächere Gegner in eine schlechtere bzw. gar verlorene Lage. In einer schwierigen Stellung nicht den Kopf zu verlieren und Gegenchancen aufzuspüren, ist unzweifelhaft ein Verdienst. Ein gegnerischer Fehler ist in diesem Falle wahrscheinlich. Denn der Widerpart, der nach einem langen und ermüdenden Kampf entscheidenden Vorteil erzielt hat, hat seine Kräfte in bedeutendem Maße schon verbraucht und befindet sich in einem Zustand der Demobilisierung, d. h. er nimmt an, daß alle Schwierigkeiten bereits gemeistert sind. Wenn eine Partie gerettet wird, ist es daher nicht richtig, von Glück oder Zufall zu sprechen. Das Glück lächelt dem Stärkeren
Nun wißt ihr, was ihr den berüchtigten schlechten Verlierern antworten könnt, wenn sie euch nach einer verlorenen Partie anklagen, ihr hättet nur durch Glück gewonnen.