Es hat in der Schachgeschichte immer wieder Kometen gegeben, die erst strahlend am Himmel erschienen, um dann genauso schnell wieder zu verglühen. Vor allem die USA schienen für solcherlei Kometen einen idealen Nährboden zu bilden. Namen wie Paul Morphy, Robert James Fischer und Harry N. Pillsbury fallen einem da als erstes ein, vielleicht auch noch Theophilus Thompson, ein ehemaliger Sklave, der später einem Lynchmob zum Opfer fiel. Zwischen den Weltkriegen gab es dann einen weiteren Fall mit einem Spieler aus Indien, der sogar einen noch ärgeren Status als Theophilus Thompson besaß, der nach der Sklavenbefreiung wenigstens formell kein Sklave mehr war.

Der 1905 in Mittha Tawana im Punjab, d. h. in einer damaligen britisch-indischen Provinz geborene Mir Sultan Khan stand im indischen Kastensystem auf der untersten Stufe, was bedeutete, er war Sklave (das Sultan in seinem Namen war demzufolge kein Titel, sondern nur ein Name). Sein Herr war der Maharadscha Nawab Sir Malik Umar Hayat Khan. Sein Stern ging zwischen 1928-1933 auf, als sein Herr ihn auf seiner Englandreise mitnahm. Mir Sultan Khan war bereits in Indien mit dem Schach vertraut, es gab im indischen Schach allerdings gewisse Unterschiede zu dem sonst üblichen modernen Schach. Wer seinen Gegner Patt setzte („stalemate“), der gewann die Partie; die indische Rochade war anders und bedeutete, daß der König einmal im Laufe der Partie einen Springerzug ausführen durfte; bei einer Bauernumwandlung mußte man in die Figur umwandeln, die sonst in der Umwandlungslinie auf ihrem Ausgangspunkt steht, also z. B. b8S (auf der Königsreihe muß man sich eine Dame wünschen). Die wohl gravierendste Abweichung des indischen Schachs von dem modernen Schach war die, daß es keinen Doppelschritt des Bauern gab. Das bedeutete, Mir Sultan Khan konnte auf praktisch keinerlei Eröffnungstheorie zurückgreifen, als er sich in England mit dem modernen Schach auseinandersetzen mußte.

Das hinderte ihn allerdings nicht an ebenso spektakulären wie sensationellen Erfolgen. Mir Sultan Khan gewann 1929, 1932 und 1933 die englische Meisterschaft, und auch in Turnieren und den Schach-Olympiaden, an denen er für England mitwirkte, spielte er erfolgreich und schlug z. B. Akiba Rubinstein und Salo Flohr. Gegen Savielly Tartakower setzte er sich in einem Zweikampf mit 6,5-5,5 durch, während er Salo Flohr mit 2,5-3,5 unterlag. Seine höchste internationale Elo lag bei 2699. Sein spektakulärster Erfolg während seines schachlichen Wirkens in Europa war dabei sein Sieg gegen Jose Raul Capablanca beim Turnier in Hastings 1930/31, wo er die kubanische Präzisionsmaschine quasi mit ihren eigenen Waffen schlug. Die Partie ist hier im Thread zu sehen.

Vor allem, wenn man in Betracht zieht, daß der Sklave nach übereinstimmender Aussage von Experten ungebildet gewesen sei (die vielfach kolportierte Behauptung, er sei Analphabet gewesen, muß allerdings bezweifelt werden, weil Sultan Khan auf dem ersten Bild zumindest ein Dokument zu lesen scheint), kein Englisch sprach, und weder mit dem europäischen Schach noch mit der gesamten Eröffnungstheorie vor seiner Ankunft in England vertraut gewesen ist, muß es sich bei Mir Sultan Khan um ein Naturtalent gehandelt haben, dessen Gehirn ganz anders als ein „normales“ zu funktionieren schien. Um dieses Phänomen besser veranschaulichen zu können, gibt Harold C Schonberg einen Vergleich zu einem in der Wissenschaftsgeschichte ähnlichen Fall. Schonberg erläutert:

Als einzige Parallele wäre der Fall des indischen Mathematikers Srinivasa Ramanujan zu nennen, von dem niemand je gehört hatte, als er 1913 einen Brief an den großen G. H. Hardy in England schickte. Der Brief enthielt 120 Theoreme, und Hardy war überwältigt. Selbst er vermochte Ramanujans Gedanken in ihrer Tiefe, Vielschichtigkeit und Subtilität nicht zu folgen. Ein einziger Blick auf die Theoreme, schrieb Hardy, genüge, um „deutlich zu machen, daß sie nur von einem überragenden Mathematiker aufgestellt sein konnten. Sie müssen wahr sein, denn wären sie es nicht, so würde niemand die Phantasie besitzen, sie sich auszudenken“. Man brachte Ramanujan nach Cambridge, aber dort wußte man nichts mit ihm anzufangen: „Wo sollte man ansetzen, um ihm moderne Mathematik beizubringen? Seine Wissenslücken waren ebenso verblüffend wie die Tiefe seiner Erkenntnisse. Hier war ein Mensch, der komplizierteste Gleichungen lösen konnte, der Theorien komplexer Multiplikationen in ungeahnten Größenordnungen ararbeitete... und doch nur eine vage Ahnung hatte, um was es sich bei einer simplen mathematischen Funktion handelt... Zu all seinen Ergebnissen, neuen wie alten, richtigen wie falschen, war er durch ein Verfahren gelangt, das aus einer Mischung aus Beweisführung, Intuition und Induktion bestand und über das er keinerlei zusammenhängende Erklärung abzugeben vermochte
Harold C Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer Taschentuch Verlag, 1976, S. 210

So exotisch seine Denkweise, so exotisch war auch sein Auftreten am Brett, wo er in hieratischer Haltung und mit Turban seiner Beschäftigung nachging. Selbst die europäischen Spitzenspieler müssen Mir Sultan Khan dabei ungeheuer schwach vorgekommen sein, denn wie uns sein Trainer in dieser Zeit, Sir Edward Winter, mitteilte, machte er während der WM zwischen Boguljubow und Aljechin sehr despektierliche Bemerkungen über beide WM-Teilnehmer. Dies konnte, wie Winter mutmaßt, allerdings auch aus einem kulturellen Mißverständnis heraus entstanden sein, denn eine so schnelle, konfrontative und kompromißlose Spielweise, wie sie Aljechin und Bogoljubow pflegten, war für den langmütigen Inder, der zudem in einem wesentlich langsameren Schachspiel aufgewachsen war, wohl nicht vorstellbar (vgl. ebd.).

Sehr exotisch dürfte es für die US-amerikanische Schachelite auch 1933 gewesen sein, als sie, 1933 anläßlich der Schacholympiade im malerischen englischen Städtchen Folkestone weilte und von Khans Maharadscha eingeladen wurde. Schonberg berichtet über diesen Kulturschock, der sich dort zugetragen hatte:

Als Oberst Sir Nawab Umar Hayat Khan im Jahre 1933 eines Abends die amerikanische Schach-Nationalmannschaft zu sich nach Hause einlud, mußte Sultan Khan das Essen servieren, was alle außer dem erlauchten Obersten peinlich berührte
Schonberg, S. 211

Und auch sonst schien der Maharadscha in seinem Größenwahn während der festlichen Bewirtung nicht zu merken, daß seine Werte und sein Status außerhalb seiner Heimat wenig zählten. Sir Edward Winter weiß zu berichten:

After the tournament [the 1933 Folkestone Olympiad] the American team was invited to the home of Sultan Khan’s master in London. When we were ushered in we were greeted by the maharajah with the remark, “It is an honor for you to be here; ordinarily I converse only with my greyhounds.” Although he was a Mohammedan, the maharajah had been granted special permission to drink intoxicating beverages, and he made liberal use of this dispensation. He presented us with a four-page printed biography telling of his life and exploits; so far as we could see his greatest achievement was to have been born a maharajah. In the meantime Sultan Khan, who was our real entrée to his presence, was treated as a servant by the maharajah (which in fact he was according to Indian law), and we found ourselves in the peculiar position of being waited on at table by a chess grand master.’
Die Herrlichkeit von Sultan Khan endete jedenfalls abrupt, als sein Herr im Dezember mit seinem Gefolge England verließ und wieder nach Britisch-Indien zurückkehrte. 1944 starb der Maharadscha und hinterließ seinem Sklaven einen kleinen Grundbesitz, so daß dieser nun seine persönliche Unabhängigkeit erreichte. Mir Sultan Khan schien auch die Wirren der Indischen Unabhängigkeit und die Indische Teilung unbeschadet überstanden zu haben, was nicht selbstverständlich war. Denn nach dem Verlust des Kolonialherren brachen nun die lange aufgestauten Konflikte vor allem zwischen Hindus und Moslems aus, Indien durchlitt das, was Europa im Dreißigjährigen Krieges durchlitten hatte. Die Opfer des Bürgerkrieges betrugen mehrere Hunderttausend Menschen bis mehr als eine Millionen, und über 20 Millionen Menschen mußten ihre Heimat verlassen bzw. wurden deportiert. Nach der Indischen Teilung war nun Pakistan die neue Heimat des einstigen Schachgenies. Nur an dem Schachspiel konnte Mir Sultan Khan keine Freude mehr erfinden, und hierin ähnelte er ganz Paul Morphy nach dessen Triumphzug aus Europa. Seinen Kindern hatte Mir Sultan Khan nicht einmal die Schachregeln beigebracht. Die Begründung: sie sollten in ihrem Leben nützlicheres tun als Schach zu spielen.

[Event "Hastings 1930/31"]
[Site "Hastings ENG"]
[Date "1930.12.31"]
[EventDate "1930.12.29"]
[Round "3"]
[Result "1-0"]
[White "Mir Sultan Khan"]
[Black "Jose Raul Capablanca"]
[ECO "E12"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "129"]

1.Nf3 Nf6 2.d4 b6 3.c4 Bb7 4.Nc3 e6 5.a3 d5 6.cxd5 exd5 7.Bg5
Be7 8.e3 O-O 9.Bd3 Ne4 10.Bf4 Nd7 11.Qc2 f5 12.Nb5 Bd6 13.Nxd6
cxd6 14.h4 Rc8 15.Qb3 Qe7 16.Nd2 Ndf6 17.Nxe4 fxe4 18.Be2 Rc6
19.g4 Rfc8 20.g5 Ne8 21.Bg4 Rc1+ 22.Kd2 R8c2+ 23.Qxc2 Rxc2+
24.Kxc2 Qc7+ 25.Kd2 Qc4 26.Be2 Qb3 27.Rab1 Kf7 28.Rhc1 Ke7
29.Rc3 Qa4 30.b4 Qd7 31.Rbc1 a6 32.Rg1 Qa4 33.Rgc1 Qd7 34.h5
Kd8 35.R1c2 Qh3 36.Kc1 Qh4 37.Kb2 Qh3 38.Rc1 Qh4 39.R3c2 Qh3
40.a4 Qh4 41.Ka3 Qh3 42.Bg3 Qf5 43.Bh4 g6 44.h6 Qd7 45.b5 a5
46.Bg3 Qf5 47.Bf4 Qh3 48.Kb2 Qg2 49.Kb1 Qh3 50.Ka1 Qg2 51.Kb2
Qh3 52.Rg1 Bc8 53.Rc6 Qh4 54.Rgc1 Bg4 55.Bf1 Qh5 56.Re1 Qh1
57.Rec1 Qh5 58.Kc3 Qh4 59.Bg3 Qxg5 60.Kd2 Qh5 61.Rxb6 Ke7
62.Rb7+ Ke6 63.b6 Nf6 64.Bb5 Qh3 65.Rb8 1-0