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Thema: Robert Fischer, die Durian unter den Schach-Weltmeistern

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    Robert Fischer, die Durian unter den Schach-Weltmeistern



    Unter den großen Schachmeistern war Robert James Fischer, von vielen liebevoll „Bobby“ genannt, sicherlich die Durian. Von großer geschmacklicher Qualität geht von dieser südostasiatischen Frucht aber auch eine abstoßende Wirkung aus. In Wikipedia heißt es dazu:
    Aufgrund der Geruchsbelästigung ist die Mitnahme von Durianfrüchten in Hotels oder Flugzeugen meist nicht gestattet. Setzt sich der Geruch erst einmal fest, ist es schwierig, ihn wieder loszuwerden. Deshalb ist es in Hotels üblich, bei Verstoß gegen das Durian-Verbot das Zimmer für eine weitere Woche bezahlen zu müssen. In Singapur ist auch das Mitführen von Durians in der MRT (U-Bahn) untersagt, worauf entsprechende Schilder hinweisen; auf eine Strafe wird allerdings verzichtet.
    Der renommierte Schach-Kritiker Arnold C Schonberg hingegen vergleicht Robert Fischer mit Richard Wagner, dem er allerdings eine noch fatalere Wirkung unterstellt. Zu bemerken ist allerdings, daß der Monomanie-Begriff in der Psychiatrie schon zu Schonbergs Zeiten veraltet war:

    Bobby Fischer: Egozentriker, Rebell gegen jegliche Autorität, Idol kulturhungriger Studenten, Monomane und Enfant terrible. Bobby Fischer, der geldgierige, nach der psychischen Vernichtung seiner Gegner lechzende Gigant der Schachwelt. Bobby Fischer, der, seiner Menschenverachtung zum Trotz, mehr dazu beigetragen hat, das Schach in der westlichen Hemisphäre populär zu machen, als jeder andere Spieler vor ihm. Bobby Fischer, dessen Wutanfälle und unerklärliche Handlungen aller Welt Gesprächsstoff bieten, dessen Unnachgiebigkeit an das Gehabe eines absoluten Monarchen erinnern. Bobby Fischer, der so unsagbar egozentrisch, verzogen, dickköpfig und rücksichtslos sei, daß er schon in jungen Jahren zur Legende wurde. Sein Leben strahlt eine Mischung aus Erhabenheit und Lächerlichkeit aus, wie sie nicht nur im Schach, sondern in allen Bereichen menschlicher Betätigung einzigartig dasteht. Nicht einmal Richard Wagner, der egozentrischste aller genialen Künstler, der stets erwartete, die Welt habe sich nach ihm zu richten, war derart monoman veranlagt wie Bobby Fischer
    Harold C Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer Taschenbuch Verlag 1976, S. 258

    Die Newsweek attestierte ihm schlichtweg eine „turbulente Mischung aus Unreife, Arroganz, Paranoia und Überempfindlichkeit“.

    Diese ganzen Beschreibungen und Vergleiche sollen verdeutlichen, daß dieser geniale Schachspieler nicht mit normalen Maßstäben zu messen ist. Dies sollte sich durch sein ganzes Leben ziehen. Der Thread hier will jedoch mehr als eine informative Zusammenfassung der Person Fischers bieten. Es sollen Fragen geklärt werden, die durch Fischers Wirken immer wieder aufgeworfen sind. Es soll so geklärt werden, inwieweit Robert Fischers Einsatz für Professionalisierung die Verdienstmöglichkeiten für heutige Schachmeister gefördert haben. Weiter soll geklärt werden, warum sich Fischer nach seinem Triumph gegen Boris Spasski bei der WM 1972 in Reykjavik völlig vom Schach zurück zog und erst 20 Jahre später in einer Art Nostalgie-Schaukampf gegen denselben Gegner wieder antrat. Eine andere Aufgabe dieses Threads wäre den Grund für den Fischer-Mythos zu suchen, was bei einer solch eindimensional gestrickten Figur für den ein oder anderen durchaus überraschend anmuten darf. Auch soll nach Gründen dafür gesucht werden, warum Robert Fischer schließlich die USA, für die er nach der Weltmeinung gegen Boris Spasski „in den Krieg gezogen ist“, später mit einem solchen Haß bedachte. Auch soll geklärt werden, wie es zu Fischers Verwirrungen am Ende seines Lebens gekommen ist. Er starb ebenso umnachtet wie Morphy, Steinitz oder Rubinstein, aber von allen mit dem größten Aufsehen.

    Wenn Robert Fischer eine Fähigkeit nicht besaß, dann war es die Fähigkeit zur Reflexion, zum Zweifel und damit die Fähigkeit, sich selbst in Frage stellen zu können. Deswegen dürfte es nicht verwundern, daß sich Fischer zeit seines Lebens immer treu geblieben ist. Schon als Kind verweigerte er die an ihn gestellten Anforderungen und gesellschaftlichen Konventionen, was einen Lehrer zu der ironischen Bemerkung veranlaßte: „Wir schafften es, uns ihm anzupassen“. (Schonberg, S. 259). Die meisten anderen solcher als „schwererziehbar“ abgestempelten Kinder schaffen es im Laufe der Reife, dieses egozentrische Denkmuster abzustellen. Bei Fischer dagegen blieb es. In seinem Wahn, immer im Recht sein zu wollen, sorgte er ständig für Ärger und verzweifelte Turnierorganisatoren. Seine Feindschaft zu Bent Larsen und Samuel Reshevsky soll dies verdeutlichen. So weigerte sich Robert Fischer mit einer für einen 15jährigen ganz merkwürdigen Unbescheidenheit, die USA bei der Schacholympiade zu vertreten, weil er hinter Samuel Reshevsky gesetzt wurde (Helmut Pfleger, Gerd Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe 1994, S. 227). 1961 sollte ein Match Fischer vs. Reshevsky die Vormachtstellung in den USA endgültig klären, doch wieder brach Fischer das Match ab. In der 12. Partie hatte der orthodoxe Jude Reshevsky das Match vom Samstag (den Sabbat) auf den Sonntagnachmittag verschoben, jedoch sollte das Match aufgrund der Sponsorin dann noch einmal auf Sonntag 11 Uhr vorverlegt werden, weil diese am Abend gerne noch ihren Mann, einen bekannten Pianisten zum Konzert begleiten wollte. Fischers Kommentar: „Ich soll früh aufstehen, nur weil sie irgendeinem Fiedler zuhören will?“ (Ebd. S. 232) Was Bent Larsen anging, so warf ihm Fischer vor, als sein Sekundant 1959 beim Kandidatenturnier eine vorteilhafte Abbruchstellung gegen Tigran Petrosjan verdorben zu haben und beschimpfte ihn als „russischen Spion“. (Ebd. S. 237) Die Retourkutsche kam spät, aber sie kam. Beim WM-Zyklus 1967 in Sousse (Tunesien) protestierte Fischer gegen den Spielplan, trat nicht an, kassierte eine Null, protestierte erneut, kam dann 50 Minuten zu spät, besiegte trotzdem Reshevsky und fing dann aber erneut an, wegen seiner kampflosen Null zu protestieren. Wieder trat er aus Protest nicht an, kassierte eine zweite Null und ließ sich dann doch noch umstimmen, an der Weltmeisterschafts-Qualifikation weiter teilzunehmen. Doch diesmal sollte er seinen Bogen überspannen. Nach langen Debatten konnte Fischer den Spielort nicht mehr rechtzeitig erreichen, das Turnierkomitee sei „nach einigen Quellen“ (ebd., S. 237) sogar bereit gewesen, die Partie zu verlegen. Doch sein Gegner Bent Larsen verweigerte die Verlegung, Fischer kassierte seine dritte kampflose Null und wurde damit gemäß des Reglements vom Turnier disqualifiziert (vgl. ebd.). Ein Vorspiel auf die „Nervenschlacht“ in Reykjavik.

    Zusätzlich zu seiner kompromißlosen Egozentrik kam ein gewisser Größenwahn, der zwar vielen Starkünstlern eigen ist, bei Fischer aber über jedes Maß hinaus ging. Er wollte in einem „Schachturm“ leben, in seinem Schachclub, den er gründen wollte, dürften nur Leute mit Anzug und Krawatte rein, und er wollte sich alle unterwerfen, auch die Mächtigen auf der Welt (offenbar sah er sich als den Allermächtigsten an). Als er 1965 nicht an dem Capablanca-Memorial-Turnier in Havanna teilnehmen durfte, spielte er kurzerhand per Telefon oder Telegraph. Doch als er durch eine Ente davon erfuhr, daß Fidel Castro seine Teilnahme als „politischen Sieg“ gewertet habe, „da schickte Bobby ein Telegramm, in dem er den kubanischen Diktator wie einen unbotmäßigen Untertanen zusammenstaucht. Er werde nur spielen, wenn Castro persönlich in aller Form versicherte, nie mehr in Verbindung mit ihm, Fischer, eine politische Erklärung, abzugeben.“ (Treppner/Pfleger, S. 236). Erst Castros Erklärung, er habe so etwas nie geäußert und die Angabe der Zeitung, sie habe eine kubanische Falschmeldung als Quelle benutzt, glätteten die Wogen und Fischer spielte, wenn auch nicht ohne wieder für Konflikte zu sorgen. (Ebd.)

    Zu Fischers Auftreten bei Turnieren ist ja schon viel geschrieben worden, immer wieder wird Fischers Verhalten an diesen schachlichen Begegnungskämpfen ans Licht gebracht. Deswegen soll hier abgesehen von der WM 1972 auf weitere Einzelheiten dazu verzichtet werden und nur noch eine etwas witzige Anekdote herausgegriffen werden. Als nämlich 1967 in Monaco ein Schachturnier beginnen sollte, schickten die Monegassen ein Telegramm an die US-Schachföderation: Zwei Großmeister, einer davon Fischer. Im nächsten Jahr las sich das Telegramm dann schon etwas anders. Diesmal hieß es: Zwei Großmeister, keiner davon Fischer (vgl. ebd. S. 236).

    Vielleicht erklärt sich der Fischer-Mythos ja dadurch, daß Fischer die teilweise unbewußten Träume vieler Menschen widerspiegelte, sich nicht um gesellschaftliche Normen, Regeln und Konventionen zu scheren, sondern wirklich das zu tun, was man selbst gerne würde, ohne Rücksicht auf irgendwas und irgendwen, und der damit auch noch durchkommt. Doch ganz sicher trug zu seiner Popularität auch die Blockbildung im Kalten Krieg bei. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs machten die sowjetischen Spieler die WM-Kämpfe unter sich aus, und zum ersten Mal drang jemand anderes in die „sowjetische Hemisphäre“ ein. Durch den Kalten Krieg wurde Robert Fischer zum Symbol und im Ost-West-Konflikt von der eigenen Seite vereinnahmt und nach seinem Sieg zum umjubelten Helden. Titel wie: „Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann“ von David J. Edmonds und John A. Eidinow zeugen noch heute von dieser ideologischen Überhöhung des schachlichen Kräftemessens in Reykjavik 1972.

    In diesem zum Politikum des Kalten Krieges überhöhten WM-Match von 1972 gegen Boris Spasski ließ sich Fischer, ungeachtet der Tatsache, daß er auch über eigene Interessen verfügte, jedenfalls prima einspannen. Das war kein Problem, da Fischer „die Russen“ spätestens seit dem WM-Kandidatenturnier 1962 in Curacao, denen er gemeinschaftlichen Betrug vorwarf, haßte. Fischers Anklage erschien in diesem Jahr im Spiegel, und dort hieß es u. a.:
    In den Jahren 1959 bis 1962 aber wurde die Herrschaft der Russen über das Kandidatenturnier viel deutlicher als zuvor. In Curacao mutete die Sache geradezu abscheulich an. Die Russen arbeiteten unverhohlen zusammen. Sie einigten sich im vorhinein, untereinander remis zu spielen **. Und mit jedem Remis schanzten sie einander einen halben Punkt zu. Der Gewinner des Turniers, Petrosjan, sammelte auf diese Weise 5 1/2 von insgesamt 17 1/2 Punkten.
    Hinzu kam, daß sich die Russen während der Spiele berieten. Wenn ich gegen einen von ihnen antrat, so beobachteten die anderen mein Spiel und kommentierten meine Züge auf eine Weise, die meinem Gegner nur förderlich sein konnte. Die Russen arbeiteten als Team.
    Erst als auf Fischers Betreiben hin die Modalitäten der WM-Qualifikationskämpfe dergestalt geändert wurden, daß nicht mehr im Rundenmodus, sondern im KO-System miteinander gerungen wurde, war der Weg für Fischer frei, wieder bei Kämpfen um die Weltmeisterschaftskämpfe mitzuwirken.

    Seitdem hat Fischer „die Russen“ stets liebevoll bedacht. Er äußerte: „Eher den Tod, als gegen einen Russen zu verlieren“, „Really, I hate just Russians“ und verkündete kurz vor Reykjavik, er habe einen „historischen Auftrag, den Russen den Titel abzunehmen“. (Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 265). Der Haß auf „die Russen“ war also Robert Fischer und dem System dem er entstammte, gemein, und das erklärt diese für Fischer, der sich selbst stets der Nächste war, eigentlich unübliche Zusammenarbeit. So ließ sich Fischer sogar von hochrangigen US-Politikern anfeuern. Als Fischer 1972 in Reykjavik lange auf sich warten ließ und seine Fans schon befürchteten, Fischer würde auch diese Veranstaltung platzen lassen, da war es neben einem weiteren Geld-Check eines Mäzen auch der spätere Außenminister Henry Kissinger, der Fischer zum Kommen bewegen konnte, indem er ihn in der Sprache der Kalten Krieges anfeuerte: „Amerika wünscht sich, dass Sie hinfahren und den Russen besiegen“.

    Fischers Haß auf „die Russen“ ging dabei so weit, daß er sie zu allem möglichen verdächtigte, bishin dazu, ihn umbringen zu wollen. So lehnte er einem Bekannten gegenüber einen Ausflug mit dessen Privatflugzeug ab, zu der dieser anläßlich seines Sieges gegen Tigran Petrosjan beim WM-Zyklus 1972 eingeladen hatte und womit Fischer die letzte Hürde zum WM-Kampf gegen Spasski genommen hatte, mit der Bemerkung ab:

    Ich kenne das Flugzeug nicht. Möglicherweise haben die Russen etwas am Motor oder sonstwo gemacht. Sie können sich ja nicht vorstellen, welche Bedeutung die Schach-Vorherrschaft für sie hat. Jetzt würden sie alles wagen, mich zu beseitigen
    Bruns, S. 265

    Fischer schien jedenfalls dazu prädestiniert, die jahrzehntelange Vorherrschaft der Sowjets zu brechen. Schon seit vielen Jahren spielte er auf Top-Niveau, und gerade in der Qualifikationsphase für die WM 1972, wuchs Fischer geradezu über sich hinaus. Er schlug Larsen und Taimanov jeweils mit 6:0 und schaffte es zu diesem Zeitpunkt 20 Großmeisterpartien in Folge zu gewinnen, was man in der damaligen Zeit nicht mehr für möglich gehalten hatte. Die damalige These war, daß in der Moderne, der zunehmenden Leistungsdichte an der Schachspitze, die Unterschiede zwischen den einzelnen Großmeistern minimal seien. Das war bei Botwinnik so, der sich stets als „primus inter pares“ bezeichnet hatte. Ein Spiegel-Artikel von 1958 hatte Botwinniks Score gegen seine drei ärgsten Verfolger, David Bronstein, Paul Keres und Wassili Smyslow einmal eingefangen. Die Statistik bestätigte Botwinniks Selbsteinschätzung:

    - aus 91 gegen Smyslow gespielten Partien insgesamt drei Pluspunkte mehr als sein Gegner (ein Pluspunkt zählt für eine gewonnene oder zwei unentschiedene Partien),
    - aus 14 gegen Keres gespielten Partien insgesamt drei Pluspunkte,
    - aus 29 gegen Bronstein gespielten Partien insgesamt einen Pluspunkt mehr.
    Und natürlich waren auch andere Weltmeister seit Botwinnik wie Michail Tal, Tigran Petrosjan oder Boris Spasski keine Weltmeister gewesen, bei denen der geringe Abstand zum Rest der Spieler anders war. Als Robert Fischer dann noch deutlich den „besten Torwart“ Petrosjan mit 6,5-2,5 abfertigte, errang er im Westen endgültig Heldenstatus.

    Sein Wirken bot wirklich Stoff für die Medien, und in vielerlei Weise hatte Fischer etwas von einem amerikanischen Superhelden an sich, der, ganz auf sich alleine gestellt, eine unannehmbar scheinende Festung des Bösen stürmt. Für das Schach hatte Fischer alles andere zurückgestellt und alles für sein großes Ziel getan. So brachte er sich russisch bei, um die sowjetische Schachliteratur zu studieren, und durch ein ausgeklügeltes Fitneßtraining brachte er sich die Fähigkeit bei, stundenlang am Brett ausharren zu können. Seine Aura am Brett jagte den Gegnern Angst ein, Arnold C Schonberg meinte gar über diesen Mann, der wiederholt geäußert hatte, wie sehr es ihn Vergnügen bereite, die Persönlichkeit des Gegners zu „vernichten“:

    Man spürt die Mitleidlosigkeit, die unbarmherzige Härte, die eingleisige Besessenheit, die von diesem Mann ausgeht -- man spürt die Mentalität des Mörders
    Und natürlich konnte seine Gegner auch Fischers Auftreten neben dem Brett aus dem Konzept bringen, wenn er unnachgiebig seine Interessen vertrat bzw. diese um jeden Preis durchsetzen wollte. So äußerte auch Tigran Petrosjan rückblickend über sein Duell mit Fischer in Buenos Aires:

    Es ist unmöglich für zwei Spieler, unter ungleichen Bedingungen zu spielen; es ist schwierig, zu kämpfen, wenn man sich schon vor dem ersten Zug den Willen seines Gegners unterwerfen muß. Fischer wollte in Buenos Aires spielen, ich nicht. Wenn Fischer zu spielen wünschte, mußte ich spielen; wenn Fischer Kaffee haben will, trinke ich Kaffee usw. Es klingt komisch, aber so komisch ist es nicht
    Schonberg, S. 270

    Viele sind heute der Meinung, daß Fischers Auftreten neben dem Brett in Reykjavik - und Forderungen und Szenen um Fischer gab es dort bekanntlich reichlich – ihren Teil dazu beigetragen haben, daß Boris Spasski, bis dato immerhin ein Angstgegner Fischers, nach gutem Start schließlich einbrach und „nicht mehr er selbst war“.

    Damit schließt sich das erste, für die meisten erfreulichere Kapitel Fischers, dessen Verhalten danach viele Rätsel aufgab. Bekanntlich spielte Fischer danach abgesehen von dem Revanchematch von 1992 in Belgrad gegen Boris Spasski kein öffentliches Spiel mehr. Viele sind der Meinung, Fischer habe 1975 seine Forderungen, die u. a. ein Ausspielen vorsahen, bis jemand 10 Gewinnpartien hatte, so hoch geschraubt, daß die FIDE nur ablehnen konnte, so daß er, Fischer, seinen Vorwand hatte, nicht anzutreten.

    Helmut Pfleger und Gerd Treppner haben sich dieser Frage gestellt und sind zu folgender Schlußfolgerung gelangt:

    Fischer hatte das Ziel seines Lebens erreicht – dank einer rein aktiven, ja aggressiven Grundeinstellung. Auch im Schach kannte er keine Verteidigung, nur Spiel nach vorn. Aber jetzt konnte er nichts mehr gewinnen, nur noch den Titel verteidigen. Mit diesem psychologisch radikalen Umschwung haben selbst seelisch gesunde, stabil strukturierte Menschen oft ihre Probleme. Doch bei Fischer kamen noch besonders schwerwiegende Aspekte dazu. Im Moment war er zwar der absolute Herrscher im Leben wie in seiner eigenen Welt. Aber das reale Leben ging weiter; in seinem Denken hieß Weltmeister zu sein, darauf deuten seine früheren Phantasien hin, einen paradiesischen Endzustand ewiger göttlicher Allmacht erreicht zu haben, in dem er tun und lassen konnte, was er wollte, ohne je wieder herausgerissen zu werden oder Sorgen zu haben. An diesem Punkt konnte er nun der Konfrontation mit der Realität nicht mehr ausweichen, denn hier war er eben nicht allmächtig, hatte neue Probleme und neue Gegner. Er konnte nur noch verlieren und so seine Gottähnlichkeit (in seiner innerpsychischen Gleichung Schach = Welt) einbüßen.
    Treppner/Pfleger, S. 245

    Während Fischer vor 1972 wenigstens das Schach hatte, hatte der so einseitig orientierte Mann nach 1972 nichts mehr, und das tat ihm mit Sicherheit nicht gut. Es spricht vieles dafür, daß seine schon vor 1972 schwierigen Charaktereigenschaften wahnhafte Züge angenommen hatten, und für die Pathologie spricht auch seine äußere Verwahrlosung am Ende seines Lebens in seinem isländischen Domizil. Fischer, der schon vor 1972 der äußersten Rechten in den USA angehört hatte (s. o.) tat nun politisch einen weiteren Schritt nach rechts, bejubelte die Terroranschläge des Elften Septembers, leugnete den Holocaust und wurde antisemitisch, antiamerikanisch und rechtsextremistisch. Hier stehen seine schlimmsten, vom Haß getragenen Ergüsse in dieser Zeit.

    Für diesen Umschwung gibt es wiederum zwei Erklärungsmuster. Das erste Erklärungsmuster ist seine Mutter gewesen, zu der Fischer ein schwieriges Verhältnis hatte und von der er sich schon als Jugendlicher trennte, weil sie seine Schachbesessenheit für gefährlich hielt, oder, um es mit den Worten von Fischer zu sagen: „weil sie mich vom Schach los reißen wollte“. Doch steckte mehr hinter dieser Feindschaft zu seiner Mutter. Andre Schulz berichtet:

    Fischers Kindheit ist geprägt von seiner spannungsgeladenen Beziehung zu seiner Mutter, deren Charakter die Züge eines Borderliners trägt. Sie wird als prozesssüchtig und von Nachbarn als "unerträglich" beschrieben. Regina Wender wurde in der Schweiz geboren und wuchs in St. Louis auf. Als 19-Jährige ging sie während der Wirtschaftskrise zu ihrem Bruder Max nach Deutschland, dann nach Moskau. Sie war jüdischer Abstammung, überzeugte Pazifistin und sehr wahrscheinlich auch überzeugte Kommunistin. Von 1933 bis 1938 studierte sie am1.Moskauer Medizinischen Institut. In Moskau heiratete sie den deutschen Biophysiker Hans-Gerhardt Fischer (geb. 1909 in Berlin). 1938 wird ihre Tochter Joan geboren. Hans Fischer ist zu dieser Zeit in Spanien und kämpft auf der Seite der internationalen Brigaden gegen Franco. 1939 fliehen die Fischers Richtung USA. Es ist unbekannt, ob Hans-Gerhardt Fischer jemals mit in den USA lebte oder sofort nach Chile ging. Bobby Fischer hatte sich als 18-Jähriger in einem Interview so geäußert, dass sein Vater bald nach seiner Geburt die USA verlassen und er keinerlei Erinnerung an ihn habe. 1945 wird die Ehe zwischen Hans und Regina Fischer geschieden.
    Es ist typisch für Kinder, wenn sie mit einem Elternteil brechen, daß sie daraufhin auch all das ablehnen, wofür das Elternteil stand, und das waren bei Fischer Mutter also Pazifismus, Kommunismus und ... das Judentum. Und hinzu kam noch die Bespitzelung der Familie, und damit auch von Robert Fischer selbst, die sein Verhältnis zu seinem Land sicherlich nicht besser machten. Doch noch hatte Robert Fischer nicht mit seinem Land gebrochen. Der Auslöser dafür war wohl der Pasadena-Zwischenfall 1982. Fischer wurde dort mit einem Bankräuber verwechselt und von Polizisten in Gewahrsam gebracht. Später erhob Fischer schwere Anschuldigungen gegen die Polizisten. Er warf ihnen vor, ihn gefoltert zu haben. Als Fischer schließlich zehn Jahre später mit Boris Spasski in seinem Revanchekampf in Belgrad spielte und damit gegen das Embargo gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien verstieß, brauchte es nun keiner Verwechslung mehr, um Fischer zu verfolgen. Fischer wurde ein Getriebener, wurde schließlich in Japan verhaftet, sollte in die USA ausgeliefert werden und dort in ein Gefängnis kommen, bis Island, das Robert Fischer viel zu verdanken hat, ihm aus humanitären Gründen Asyl gewährte. Fischers politische Ergüsse in dieser Zeit jedenfalls haben es mit sich gebracht, daß heutzutage auch viele Nazis den 11. modernen Weltmeister der Schachgeschichte verehren und einen regelrechten Fischer-Kult betreiben.

    Ein Verdienst von Fischer dagegen bezweifeln selbst dessen Feinde nicht. Denn mit seinem unermüdlichen Eintreten für die, auch materiellen Interessen der Schachspieler hatte Robert Fischer stark dazu beigetragen, die Verdienstmöglichkeiten von Schachspielern zu verbessern. Bemerkenswert ist etwa die Aussage von Vlastimil Hort über Fischer:

    Für Bobby Fischer müssen wir alle eine Kerze anzünden, denn er hat veranlasst, dass im Spitzenschach höhere Preisgelder gezahlt werden
    Tatsächlich sind die Gagen im Schach durch das Wirken von Fischer geradezu astronomisch hochgeschnellt. Wie Schonberg berechnete, erhielt Boris Spasski für seinen Titelgewinn 1969 gegen Tigran Petrosjan nur 1400 Dollar. Nur drei Jahre später dagegen hatte sich Robert Fischer den „Löwenanteil“ der um 250.000 (!) Dollar notierten Wettkampfbörse einverleibt (vgl. Schonberg, S. 259). Dabei war Robert Fischer nach Aussagen all derer, die ihn kannten, nicht wirklich geldgierig. Werbeanfragen lehnte er regelmäßig ab, da er sich nicht „prostituieren“ wollte. Es ging ihm anscheinend ums Prestige der Schachspieler, und da Geld in der westlichen Welt das Statussysmbol schlechthin war, war die Gleichung bei Fischer offenbar: mehr Geld = mehr Prestige.

    Es bleibt dem Ost-West-Konflikt zu verdanken, daß der durch Fischer ausgelöste Schachboom auch nach seinem abrupten Abgang anhielt. Denn die Weltmeisterschaft von 1972 markiert auch eine historische Wende der Schach-Weltmeisterschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Während davor tatsächlich nur die Spieler der Sowjetunion die Weltmeisterschaften unter sich ausmachten, was im Westen nur auf wenig Interesse stieß, waren alle Weltmeisterschaften seit 1972 vom Kalten Krieg getragen und gewissermaßen „Stellvertreterkriege“. 1972 kämpften ein Amerikaner und ein Russe um die Krone, 1978 (1975 fiel nach Fischers Verzicht aus) und 1981 fighteten in ebenso aufgeheizter Atmosphäre ein Russe und ein der Sowjetmacht feindlich gegenüberstehender Exilrusse gegeneinander, und die Kämpfe K&K bedeuteten die Weltmeisterschaftskämpfe zwischen einem Linientreuen und einem Dissidenten.
    Alles wartet auf das Licht
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    AW: Robert Fischer, die Durian unter den Schach-Weltmeistern

    Sehr interessanter und gut geschriebener Artikel!

    Zu Unrecht ist der Pinguin als Haustier bisher stark im Hintertreffen. Sein aufrechter Charakter und nicht zuletzt seine tadeligen Umgangsformen lassen ihn besonders im Winter als idealen Genossen bürgerlicher Häuslichkeit erscheinen. (Loriot)

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