Immer, wenn ein großer Krieg ausbricht, muß offenbar gerade ein bedeutendes Schachturnier stattfinden. So war es schon in Mannheim 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, und so war es auch in Buenos Aires 1939, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Beide Turniere brachten erhebliche Verwicklungen mit sich, was in Baden-Baden sicherlich ebenso der Fall war. Als das Schachturnier in Baden-Baden 1870 stattfand, sollte es eigentlich einen Höhepunkt im aufstrebenden deutschen Schachleben widerspiegeln. Die Besetzung war hochkarätig und gab dem Turnier einen enormen Glanz. Es soll das bis dato beste Turnier gewesen sein und damit selbst die prestigeträchtigen Turniere um die Weltausstellungen in London 1851 und 1862 und in Paris 1867 übertroffen haben. Doch machte der Krieg dem Turnier, wie Haupt-Organisator Johannes Minckwitz am Ende mit zwei Ausrufezeichen resümierte, „einen großen Strich durch die Rechnung“.

Die Atmosphäre zwischen Frankreich und Preußen war spätestens seit 1866 bereits gefährlich aufgeheizt. 1866 schlug Preußen vernichtend Österreich, und das so schnell, daß Frankreich gar keine Gelegenheit mehr dazu hatte, Vermittlungen anzustrengen. So wurden die französischen Hoffnungen, sich als Preis für ein französisches Stillhalten in diesem Krieg Teile von Belgien und Luxemburg einverleiben zu können, zerschlagen. Deshalb wurde der schnelle Sieg Preußens über Österreich von den Franzosen als Demütigung empfunden, und schon damals traten auf französischer Seite viele Revanchisten auf, die „Rache für Sadowa“ forderten. Sadowa ist der französische Name für Königgrätz, dort wo Österreich gegen Preußen seine vernichtende Niederlage bezog. In beiden Ländern machten sich nun nationalistische Strömungen breit.
Als 1868 die spanische Königin Isabella II. abgesetzt wurde, trat mit Prinz Leopold ein Hohenzollern als ernsthafter Kandidat auf den Königsstuhl auf. Frankreich sah dies als weitere Demütigung und wollte es unter keinen Umständen hinnehmen, daß das Land damit praktisch „umkreist“ werden würde. Es drohte Preußen mit Krieg, so daß der preußische König Wilhelm I., vielleicht gegen den Willen Bismarcks und zur Enttäuschung vieler Deutscher, nach Unterredung mit dem preußischen Kandidaten die Kandidatur für den spanischen Thron zurückzog. Doch anstatt sich mit diesem außenpolitischen Sieg zufriedenzugeben, ging Frankreich nun zu weit und überspannte den Bogen. Frankreich verlangte von Preußen eine Entschuldigung und das Versprechen, nie wieder einen eigenen Kandidaten für den spanischen Thron zuzulassen. Diese Forderung wurde sogar direkt an den preußischen König durch den französischen Botschafter in Berlin, Vincent Graf Benedetti, herangetragen. Während sich Wilhelm I. noch durchaus höflich und zurückhaltend äußerte, wurde das Protokoll von seinem Kanzler Otto Bismarck so verkürzt an die Medien gesandt (Emser Depesche), daß man durchaus von einer schroffen Abweisung Wilhelms gegenüber den französischen Forderungen ausgehen konnte. Die Emotionen in Frankreich kochten über, und Frankreich erklärte Preußen den Krieg. Weil Preußen nun von einer feindlichen Macht angegriffen wurde, griff der Bündnisfall und sämtliche deutschen Kleinstaaten erklärten sich mit Preußen solidarisch und zogen an seiner Seite gegen Frankreich in den Krieg. Das war die Lage in jenem Sommer 1870, als das Turnier in Baden-Baden stattfinden sollte. Von dem abrupten Beginn des Krieges waren sie alle, Teilnehmer wie Organisatoren, aufgeschreckt worden.

Wie schon erwähnt, war die Besetzung des Turniers vorzüglich. Das illustre Teilnehmerfeld umfaßte die großen Spieler Adolf Anderssen, Wilhelm Steinitz, Gustav Richard Neumann, Joseph Henry Blackburne, Louis Paulsen, Cecil Valentine de Vere, Simon Winawer, Samuel Rosenthal, Adolf Stern und den Haupt-Organisator Johannes von Minckwitz. Während die großen Turniere in London und Paris mit der Weltausstellung verknüpft waren, ging Baden-Baden dabei einen anderen Weg. Es sicherte sich die Unterstützung von Gönnern, von denen vor allem der starke österreichische Spieler Ignaz Kolisch hervorzuheben wäre. Kolisch wurde bereits von Rothschild finanziell gefördert, verfügte damit über genügend Kapital und war laut Hermann von Gottschall „die Seele des ganzen Unternehmens ..., dessen rastlosen Bemühungen das Zustandekommen des Turniers zu danken war“. Aber es waren nicht nur private Gönner, die dieses Turnier ermöglichten. Auch der Kurort selbst unterstützte dieses Ereignis tatkräftig mit 5000 Francs, weil Baden-Baden in dem Turnier eine ausgezeichnete Möglichkeit der Fremdenverkehrswerbung sah (ebd.). Nach dem Turnier sollten noch andere Kurorte bedeutende Schachturniere veranstalten.

Als die französische Kriegserklärung an Preußen abging und sämtliche deutschen Kleinstaaten sich an dem Krieg beteiligten, kam es in Baden-Baden zu einer Krisenkonferenz der Veranstalter. Minckwitz wollte das Turnier abbrechen, aber Adolf Anderssen wollte davon nichts wissen und plädierte leidenschaftlich für eine Fortsetzung des Turniers. Er konnte sich schließlich durchsetzen, als feststand, daß die Franzosen den Kurort nicht angreifen werden, auch weil Baden-Baden von zahlreichen französischen Gästen besucht wird. Von den zehn Turnierteilnehmern fiel dann auch nur einer aus, es war der womöglich schwächste Turnierteilnehmer, Adolf Stern, der vom Königreich Bayern eingezogen wurde. Das Turnierkomitee setzte schließlich lediglich fest, daß die einzelnen Spieler nicht dreimal, sondern nur zweimal gegeneinander spielen sollten.

Die Atmosphäre in dem Kurort Baden-Baden mußte in diesen Zeiten gespenstisch anmuten. Die Gäste waren längst geflüchtet und der Ort machte einen verlassenen Eindruck. Trotzdem konnten die Spieler diesen Bedingungen trotzen und dem Turnier noch eine gewisse Atmosphäre einhauchen, wovon diese Quelle zeugt:

Ungeachtet des Krieges, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft abspielte, und der viele Besucher des Kurorts aus Baden-Baden vertrieben hatte, war die Stimmung während des Turniers, wenn man den Berichten Glauben schenken darf, ausgesprochen gut. So fasst Hermann von Gottschall in seiner Anderssen-Biographie Minckwitz' Darstellung in der Schachzeitung wie folgt zusammen: "Um 9 Uhr begann das Spiel, um 1 Uhr wurde meist gemeinschaftlich das Diner in dem Kursaal eingenommen ... Wer frei hatte, vergnügte sich durch Ausflüge. Abends lauschte man im Kursaal den Klängen der vorzüglichen Badekapelle. Beim Eintreffen guter Kriegsnachrichten fanden große patriotische Demonstrationen statt. Zum Abschluß wurde nach dem Konzert noch in einer Weinkneipe dem Gott Bacchus gehuldigt. Das ganze Turnier war durch Kolischs unermüdliche Tätigkeit vortrefflich organisiert und wurde den Teilnehmern ein bis dahin noch nicht dagewesener Komfort geboten. Der Kampf fand in einem geräumigen Spielzimmer an zweckmäßigen, mit grünem Tuche ausgeschlagenen Tischen statt, allerliebste Schwarzwälder Uhren dienten zur Kontrolle der Zeit. Auch das verwendete Spielmaterial war praktisch Ein Schreibtisch, mit gedruckten Partieformularen, mit Bleistiften, Papier und allen anderen Utensilien reichlich versehen, stand zur Verfügung der Spieler. (v. Gottschall, Anderssen, S. 351, vgl. auch Schachzeitung, S. 258-262).
Für die Teilnehmer müssen abseits des Turniergeschehens auch die beiden Telegraphen-Büros des Kurorts interessant gewesen sein, an denen sie sich über die jüngsten Entwicklungen in dem Krieg informieren konnten. Die schnellen deutschen Erfolge über Frankreich führten jedenfalls zu zahlreichen politischen Feiern der überwiegend deutschen Teilnehmer. Doch konnte die durch den günstigen Kriegsverlauf zunehmend bessere Stimmung in diesem Turnier nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Krieg das Turnier schwer in Mitleidenschaft gezogen hatte. Natürlich waren für das Land jetzt andere Dinge wichtiger, und so verlor das Turnier sämtliche Presse mit Ausnahme der vom Teilnehmer Johannes Minckwitz redigierten Schachzeitung, die das Turnier von Anfang bis Ende begleitete. Durch dieses Organ haben wir es auch zu verdanken, daß delikate Einzelheiten bekanntgeworden sind. So führte etwa das Fehlen einer dreimaligen Stellungswiederholungsregel dazu, daß diese Lücke im Regelwerk mitunter ausgenutzt wurde. Wilhelm Steinitz etwa nutzte gegen Gustav Richard Naumann mehrmals die Remisschaukel, bezwang ihn in 124 Zügen und nötigte ihm soviel Kraft ab, daß dieser, nach eigenem Bekunden, für den Rest des Turniers „zum Spielen unfähig“ sei. Auch gaben manche Teilnehmer gelegentlich kampflose Partien ab. Die Gründe sind unbekannt.

Letztendlich entschied Adolf Anderssen das Turnier mit 11/16 für sich vor Wilhelm Steinitz (10,5), Gustav Richard Neumann (10), Joseph Henry Blackburne (10), Louis Paulsen (7,5), Cecil Valentine de Vere (6,5), Simon Winawer (6,5), Samuel Rosenthal (5) und Johannes Minckwitz (5). Der Preisfond war mit 3000 Franken dotiert.

Der Turnierausgang spiegelte dabei ganz gut das Kräfteverhältnis in der damaligen Zeit wieder, das dadurch charakteristisch war, daß die Schachwelt nach dem Abgang von Paul Morphy immer noch nicht den alles überragenden Schachmeister gefunden hatte. Die Spitze war nach wie vor eng beieinander. Für Adolf Anderssen bedeutete der Sieg einen weiteren Erfolg, wobei ihm der Sieg gegen seinen ärgsten Verfolger Wilhelm Steinitz, der ihn in ihrem Wettkampf von 1866 in London noch mit 8:6 besiegt hatte, sicherlich sehr gefreut hatte. Steinitz selbst hatte sich noch nicht mit der Schach-Wissenschaft auseinandergesetzt, damit noch nicht seine Theorien entwickelt und das Turnier im romantischen Stil bestritten. Vor allem für Simon Winawer und Louis Paulsen, der gegen Adolf Anderssen am Ende seiner Karriere einen positiven Score erzielt hatte, dürfte das Turnier spielerisch eine Enttäuschung gewesen sein.