1906 wurde der im Deutschen Reich hochverehrte Dr. Siegbert Tarrasch beim Schachturnier in Nürnberg Opfer eines 21jährigen Spielers, der nur durch eine Bitte an ihm selbst überhaupt in dieses Turnier eingeladen wurde. Die Rede ist von Milan Vidmar. Milan Vidmar siegte dabei ganz in dem seinem Alter entsprechenden Stile des Sturm und Drangs.

[Event "15th DSB Kongress (Nuremberg)"]
[Site "Nuremberg, GER"]
[Date "1906.07.26"]
[EventDate "1906.07.23"]
[Round "4"]
[Result "1-0"]
[White "Milan Vidmar"]
[Black "Siegbert Tarrasch"]
[ECO "D32"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "75"]

1. d4 d5 2. c4 e6 3. Nc3 c5 4. e3 Nf6 5. Nf3 Nc6 6. a3 cxd4
7. exd4 Be7 8. Bf4 O-O 9. Rc1 dxc4 10. Bxc4 Qb6 11. O-O a6
12. b4 Qa7 13. Qd3 Rd8 14. Rfd1 Nd5 15. Bg5 h6 16. Be3 Bf6
17. Ne4 Nce7 18. g4 Kf8 19. h4 Ng8 20. g5 hxg5 21. hxg5 Be7
22. Ne5 f6 23. Ng6+ Kf7 24. Nh8+ Ke8 25. Nc5 f5 26. Qe2 g6
27. Nxg6 b5 28. Bxd5 exd5 29. Qh5 Bxc5 30. Ne5+ Kf8 31. Rxc5
Qg7 32. Ng6+ Kf7 33. Rc7+ Bd7 34. Ne5+ Ke6 35. Nc6 Rdc8
36. Bf4 Nf6 37. Re1+ Ne4 38. Rxe4+ 1-0

Doch, wie Vidmar schnell erfahren mußte, wurde ihm sein Sieg bzw. seine Spielweise im Deutschen Reich als Respektlosigkeit ausgelegt. Davon zeugt die folgende Anekdote:

Als ich "siegestrunken" am nächsten Tage in einem Nürnberger Kaffeehaus Meister R. [Richard] Teichmann die Partie vorführen mußte - Teichmann hat aus irgendwelchen Gründen die Nürnberger Turnierarena nicht betreten können -, erlebte ich bei meinem 18. Zuge einen entsetzten, ja empörten Aufschrei dieses unzweifelhaft sehr bedeutenden Kenners und Meisters: "Was," donnerte er mich an, "sie trauen sich einen so frechen Angriffszug dem gewaltigen Tarrasch aufzutischen?" Er war fast nicht zu beruhigen. Es dauerte lange, bevor sein Brummen und Schimpfen aufhörte. In jenen Augenblicken bekam ich einen tiefen Blick in die Struktur des deutschen hohen Schachs. Tarrasch war damals eben der "praeceptor Germaniae".
Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter & Co, 1960, S. 70