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Thema: Schach-WM 1948 - die erste einheitliche Weltmeisterschaft

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    Schach-WM 1948 - die erste einheitliche Weltmeisterschaft



    Die Schach-Weltmeisterschaft von 1948 bildete in der Schachgeschichte gewissermaßen eine Zäsur, denn zum ersten Mal wurde die Weltmeisterschaft einheitlich geregelt, die somit dem direkten Zugriff der Titelinhaber entzogen worden war. Diese Maßnahme war notwendig geworden, weil viele Weltmeister wie Emanuel Lasker, Jose Raul Capablanca und Alexander Aljechin mit ihrem Titel doch recht willkürlich verfuhren. Ihnen wurde vor allem vorgeworfen, den von ihnen gefürchteten Gegnern Bedingungen zu unterwerfen, die diese entweder finanziell nicht stemmen oder aus sportlichen Gründen nur ablehnen konnten. So kamen solche von der Schachwelt heißersehnten Matches zwischen Lasker und Rubinstein in dessen Glanzzeit ebensowenig zustande wie die Revanche zwischen Alexander Aljechin und Jose Raul Capablanca nach dessen Entthronung durch ersteren. Auch wurde bemängelt, daß der Titelkampf zwischen Lasker und Capablanca 1921 in Havanna erst recht spät zustandekam. Wir erinnern uns, bereits seit zehn Jahren, seit dessen Sieg 1911 beim hochkarätigen Turnier in San Sebastian, spielte Jose Raul Capablanca auf absoluter Weltspitze.

    Der amtierende Schachweltmeister Alexander Aljechin starb 1946 in Estoril (Portugal). Überlegungen, seinen Vorgänger Max Euwe zum Titelinhaber zu erklären, wurden von sowjetischer Seite abgelehnt, aber auch Max Euwe selbst wollte solch ein „Geschenk“ nicht annehmen, sondern den Titel lieber sportlich gewinnen. Die FIDE beschloß daraufhin ein Rundenturnier, in dem die sechs besten Spieler der Welt um den Titel ringen sollten. Nachdem Reuben Fine (USA) seine Teilnahme aus beruflichen Gründen absagte, sollte kein Ersatzspieler nominiert werden. Die Anzahl an Runden wurde stattdessen von vier auf fünf erhöht, so daß jeder Teilnehmer also zwanzig Partien zu bestreiten hatte und gegen jeden Gegner fünfmal antrat. Das Turnier selbst wurde zwischen zwei Nationen aufgeteilt. Die ersten beiden Runden sollten in der holländischen Stadt Den Haag stattfinden, wo auch der Sitz der holländischen Regierung liegt, während die verbleibenden drei Runden in der sowjetischen Hauptstadt Moskau ausgefochten werden sollten. Es war kein Zufall, daß die Wahl auf diese beiden Nationen fiel. Denn die Niederlande war das Land des letzten noch lebenden Weltmeisters, und seit dessen Sieg über Alexander Aljechin 1935 hatte in den ohnehin schon schachbegeisterten Niederlanden ein ungeheurer Schachboom eingesetzt, von dem das Land heute noch zehrt. Die Sowjetunion dagegen war bereits das Schachland schlechthin, deren Erfolge spätestens nach dem berühmten Radiomatch 1945 gegen die USA, wo die USA von der Sowjetunion mit 15,5:4,5 deklassiert wurden, in aller Deutlichkeit sichtbar geworden waren. Auch stellte die UdSSR bereits zahlreiche starke Spieler, die schon in die Weltspitze vorgedrungen waren, angeführt von dem WM-Favoriten Michail Botwinnik.

    Die Spieler, die an der Schach-WM teilnahmen, waren die sowjetischen Spieler Michail Botwinnik (36), Wassili Smyslow (26) und Paul Keres (32), der Niederländer Max Euwe (46) und der US-Amerikaner Samuel Reshevsky (36). Daß Paul Keres unter sowjetischer Flagge antrat, war indes keine Selbstverständlichkeit. Paul Keres war wie Alexander Aljechin Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen worden, weil er an Turnieren in deren Machtbereich teilgenommen hatte. Obwohl ihm Freunde die Immigration möglich gemacht hätten, wollte Keres in seiner estnischen Heimat bleiben – wer die politischen Verhältnisse der neuen estnischen Machthaber kennt, weiß, daß das ein riskantes Spiel war. Doch im Gegensatz zu Alexander Aljechin, der nach seinem WM-Erfolg von 1937 im Revanchematch gegen Max Euwe überraschend versucht hatte, als eine Art verlorener Sohn in die Sowjetunion zurückzukehren, verziehen die Sowjets Paul Keres. Wahrscheinlich war der Hauptgrund dafür, daß Paul Keres 24 Jahre jünger war als Alexander Aljechin und ihm somit noch die Zukunft gehörte.

    Michail Botwinnik wurde bei diesem Turnier seiner Favoritenrolle gerecht und erspielte sich einen klassischen-Start-und-Zielsieg. Schon nach dem ersten Durchgang führte er mit einem Punkt Vorsprung und baute diesen im Laufe des Turniers auf stolze drei Punkte aus. Er hatte in diesem Turnier jeden Gegner geschlagen, Smyslow mit 3:2, Keres mit 4:1, Reshewsky mit 3,5-1,5 und Euwe ebenfalls mit 3,5-1,5. Heute sind sich die Experten darüber einig, daß Botwinnik in dieser Zeit am stärksten war und eine Dominanz gegenüber dem Rest der Schachwelt aufwies, die er später nie mehr erreichen sollte. Der renommierte Schachkritiker Arnold C. Schonberg hat das Spiel von Botwinnik in diesem Turnier unter die Lupe genommen und einer gründlichen Kritik unterzogen:

    Bei seiner wissenschaftlichen, logischen Denkweise nimmt es nicht wunder, daß er komplizierte, aber logisch aufgebaute Stellungen bevorzugte. Was er im Schach sah, erklärte er einmal so: „Wenn die Akustik eine Wissenschaft ist, die den Menschen über die Welt der Töne informiert, so ist die Musik eine Kunst, die ihm die Schönheit dieser Welt enthüllt. Und wenn die Logik eine Wissenschaft ist, die sich mit den Denkgesetzen beschäftigt, so ist Schach eine Kunst, die in bildlicher Darstellung die logische Seite des Denkens widerspiegelt.“ In jeder systematisch erfaßbaren Stellung spielte Botwinnik mit absoluter Genauigkeit. Solche Partien verlor er höchst selten, und meist gelang es ihm, seine Partien in die gewünschte Richtung zu lenken und Stellungen zu erreichen, die ihm lagen. Hingegen bemerkte man, daß er sich in undurchsichtigen Positionen gelegentlich unwohl fühlte
    Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 225

    Michail Botwinnik erwies sich bei dieser Weltmeisterschaft dabei in jeder Hinsicht als ein Aushängeschild seines Systems, das auch wesentliche Züge von ihm angenommen hatte. In einer Partie gegen Reshevsky, ließ er kühl sein Blättchen fallen ohne aufgrund der Verwirrungen einer langen Zeitnotschlacht zu wissen, ob er bereits seinen 40. Zug ausgeführt hatte. Die Lösung für sein Handeln verrät die ihm eigene Disziplin, Rationalität und stählerne Selbstbeherrschung. Der oberste Schiedsrichter Milan Vidmar berichtet:

    Botwinnik erzählte mir nach dieser Partie, er hätte nicht gewußt, ob er vor dem vierzigsten oder dem einundvierzigsten Zug stehe, als das Kontrollblättchen zu warnen anfing. Er dachte sich indessen, daß ein übereilter Zug in der vor ihm liegenden, sehr schwierigen Stellung mit größter Wahrscheinlichkeit zum Verlust der Partie führen müsse. Vor zwei Partieverlustmöglichkeiten stehend, wählte er die ihm allen Anschein nach mehr versprechende. Selbstverständlich hatte er recht, aber die Ruhe, mit der er sein Zeitnotproblem in die Hand nahm, war bewunderungswürdig. Der Sieg, den sie einbrachte, war sehr verdient
    Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter & Co 1974, S. 131

    Wer hätte hier nicht noch schnell einen Zug ausgeführt? Und noch ein Ereignis zeigt Botwinnik als ein Kind des Systems. Milan Vidmar berichtet von der Abschlußfeier der Weltmeisterschaft:

    Nach beendetem Weltmeisterschaftsturnier gab es im großen, prachtvollen Saal des Moskauer Künstlerklubs eine Sieges- bzw. Abschlußfeier, an der indessen Reshevsky nicht teilnahm. Das Turnierkomitee, der neue Weltmeister und das Schiedsrichterkollegium nahmen Platz auf der Bühne, ein zahlreiches Publikum besetzte den Zuschauerraum
    Der neue Weltmeister, M. M. Botwinnik, erstattete in schlichten Worten den Fachbericht. Er hob hervor, daß das ganze lange Weltmeisterschaftsturnier sowohl in seiner holländischen wie in seiner russischen Hälfte ohne den geringsten Zwischenfall, der etwa eine bemerkenswerte Intervention des Schiedsrichters beansprucht hätte, erledigt werden konnte. Er meinte, daß der obersten Schiedsrichter, Professor M. Vidmar, das Verdienst für diese Makellosigkeit des gewaltigen Schachkampfes zuzuschreiben sei, denn, so sagte er bescheiden, alle Turnierteilnehmer hätten Angst vor ihm gehabt, sogar Reshevsky
    Ebd. S. 129

    Angst war das Markenzeichen der sowjetischen Gesellschaft Stalins und galt als Hauptantriebsmittel der Menschen.

    Die Sowjetunion indes wollte den Triumph eines Landsmanns und dabei jedes Risiko ausschließen. Als die Spieler nach dem zweiten Durchlauf von Den Haag nach Moskau umziehen mußten, wurde Botwinnik zu einer Sitzung des Sekretariats der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) einbestellt. Was dort geschah, darüber informiert Garri Kasparov:

    "Während der "verdienten Ruhepause“ wurde der sowjetische Champion zu einer Sitzung des Sekretariats der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) einbestellt. Sie fand im persönlichen Arbeitszimmer von Andrej Shdanov statt, wo auch Woroschilow, Suslow und andere Kreml-Bonzen versammelt waren.

    ´Wir fürchten, daß der Amerikaner Reshevsky Weltmeister wird´, sagte Shdanow. ´Wie würden Sie es sehen, wenn die sowjetischen Teilnehmer gegen Sie mit Absicht verlieren?´ Botwinnik wies diese Idee nach eigenen Worten zuerst entschieden zurück, doch als Shdanow darauf beharrte, schlug er einen Kompromiß vor: ´Gut, lassen wir diese Frage offen - vielleicht wird das am Ende gar nicht nötig sein?!´

    Shdanow erklärte sich erfreut einverstanden und fügte mit Nachdruck hinzu: ´Wir wünschen Ihnen den Sieg!´"
    Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 3, Edition Olms, 2006, S. 67

    Garri Kasparov hat die zweiwöchige Turnierunterbrechung während des Umzugs von Den Haag nach Moskau in Anführungszeichen gesetzt, diese Pause damit ironisiert und damit seine Zweifel angemeldet. Seiner Meinung nach handelte es sich auch hier um eine der berüchtigten Leges Botwinniks. Er argumentiert so:

    “Wie kann man so ein Turnier durchführen?!“ empörte sich später Bronstein. „Stellen Sie sich vor, daß in einem Zehntausend-Meter-Lauf nach sechstausend Metern plötzlich eine zweistündige Erholungspause angeordnet und danach weitergelaufen wird... Ich erinnere mich, wie ich Keres fragte: ´Paul Petrowitsch, wie konntet ihr das nur zulassen?´ Er warf mir daraufhin einen Blick zu, daß mir der Atem stockte. Mir wurde der Grund dafür sofort selbst klar: Botwinnik hatte nicht nur einmal darauf verwiesen, daß er mehr als fünfzehn Partien nacheinander nicht verkraften würde...“
    Ebd.

    Auch die Tatsache, daß Michail Botwinnik gegen Paul Keres bis zur 5. Runde alle Partien gewann, setzte Spekulationen frei, die vom Umfeld Keres´ allerdings bestritten wurden. Kasparov:

    Diese vernichtende Bilanz zog eine Reihe von Gerüchten und Mutmaßungen nach sich. Charakteristisch ist die folgende Äußerung des englischen Schachmeisters und Schachjournalisten Leonard Barden: „Es scheint so zu sein, daß Keres für seine Rückkehr ins Schach an die sowjetischen Machthaber einen Preis zahlte, der in der Verpflichtung bestand, Botwinnik in dessen Kampf um die Weltmeisterschaft nicht zu behindern.“ Keres´ Witwe Maria und sein Biograph Valter Heuer bestreiten jedoch die Existenz irgendwelcher außerschachlicher Zusammenhänge
    Ebd. S. 45

    Paul Keres´ Reaktion nach der zweiten Partie gegen Botwinnik, in der er regelrecht zertrümmert wurde (die Partie ist im Anhang zu sehen), scheint jedenfalls echte Enttäuschung gewesen zu sein:

    Laut Botwinnik stellte Keres die Uhr ab, unterschrieb das Formular und verließ wortlos das Brett. Eine Reihe von Episoden scheint anzudeuten, daß es in der sowjetischen Elite jener Tage wohl ähnlich zuging wie heute in manchem Profi-Fußballklub: Irgendwie waren alle aufeinander angewiesen, jeder Erfolg bzw. Rückschlag des Sowjetschach wirkte sich auf alle aus, aber unter der Oberfläche brodelte es. Erst später, so Botwinnik, entstand zwischen ihm und Keres ein freundschaftliches Verhältnis
    Treppner/Pfleger, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe 1994, S. 161

    Auch wenn dieser Vorwurf also nicht stimmen mag, so muß hier doch das ominöse Verschwinden von Max Euwes Schachaufzeichnungen während seiner Zugfahrt von Den Haag nach Moskau vermerkt werden. Der später aus der Sowjetunion emigrierte und ab 1980 für die USA spielende IM Lew Alburt berichtet über diese unlautere Vorteilsnahme:

    “Auf der Fahrt von Den Haag nach Moskau wurden in Brest Hefte Euwes von Schachaufzeichnungen konfisziert (wie Botwinnik schreibt, handelte es sich dabei um „geheime Eröffnungsanalysen Euwes“ – G. K.). Die Zöllner bildeten sich ein, daß es sich um eine Geheimschrift handelte. Auf Bitte von Botwinnik wurden die Hefte zurückgegeben. Euwe war gerührt und bedankte sich herzlich, aber ... die Kopie der Aufzeichnungen gelangte irgendwie in die Hände der sowjetischen Großmeister. Die Macht hatte ihre Partie in ausgezeichnetem Stil gespielt“
    Kasparov, S. 67

    Auch der amerikanische Turnierteilnehmer, das einstige Wunderkind, Samuel Reshevsky, vor dem die sowjetischen Machthaber soviel Angst hatten, hatte schon während des Turniers unlautere Mittel vonseiten der Sowjets gewittert, denen er vorwarf, immer als Mannschaft aufzutreten (vgl. Kasparov, S. 67) - ein Vorspiel auf Robert Fischer. Dabei war Samuel Reshevsky ebenfalls wie sein späterer Landsmann und Rivale alles andere als ein pflegeleichter Turnierteilnehmer. Der in der Weltmeisterschaft als Oberster Schiedsrichter mitwirkende Milan Vidmar erinnert sich an einen Vorfall mit Reshevsky, den die Sowjets oberflächlich absolut korrekt behandelt wollten. An einem Donnerstagabend war die Partie Reshevsky gegen Smyslow in einem Turmendspiel abgebrochen worden, in dem Reshevsky das Übergewicht von 3-2 Bauern besaß. Nun sollte die Hängepartie am nächsten Abend ausgespielt worden. Aber dann war bereits der Sabbat für den orthodoxen Juden Reshevsky angebrochen, so daß dieser sich weigerte zu spielen. Nun wurde Milan Vidmar als Oberster Schiedsrichter herangezogen:

    Reshevsky war damals und ist wohl noch heute amerikanischer Staatsbürger. Die Veranstalter der Moskauer Hälfte des Weltmeisterturniers wollten begreiflicherweise jeden Anlaß zu einer begründeten Beschwerde ihres amerikanischen Gastes vermeiden. Sie waren doch so unglaublich entgegenkommend gewesen, daß sie Reshevsky die telephonische Verbindung mit Boston (USA) herstellten, damit er die ersten Laute aus dem Munde seines soeben geborenen Söhnchens hören konnte. [...]
    Ich ließ mir Reshevsky kommen. Die Zumutung, am nächsten Freitagabend anzutreten, wies er mit frommer Entrüstung zurück: „Nun gut“, sagte ich, „Sie werden am Samstagabend spielen.“ „Der Samstag ist mein Feiertag,“ erwiderte er. „Gewiß,“ meinte ich, „aber“, so setzte ich hinzu, „der Sabbat beginnt am Freitag im Augenblick, in dem die Sonne untergeht und endet mit dem Sonnenuntergang am Samstag. Sie werden also am Samstagabend antreten.“
    Trotzig erwiderte der kleine Mann, er hätte mit der Turnierleitung ein Abkommen, das ihm am Samstag noch eine volle Stunde nach dem Sonnenuntergang freihält; er müsse doch aus der Synagoge erst nach Hause, ins Hotel, gehen und sich für den Kampf einrichten. Ich versuchte es gar nicht, ihm irgendwie zu widersprechen, sondern gab einfach den Auftrag, bei der Moskauer astronomischen Zentrale nachzufragen, wann am kommenden Samstag die Sonne untergehe.
    Die Antwort kam sofort: 19 Uhr 28 Minuten. Ich legte sie Reshevsky vor: „Sie werden also um 20 Uhr 30 Minuten antreten, ich habe, wie Sie sehen, sogar zwei Minuten den Verpflichtungen des Turniervorstandes dargelegt.“
    Aber mein Mann war noch nicht erledigt. Er erklärte mit der ihn auszeichnenden Kühnheit, die Feststellung der astronomischen Zentrale sei ihm nicht maßgebend: Wann die Sonne untergehe, habe sein Rabbiner zu bestimmen.
    „Einverstanden,“ beendigte ich die Auseinandersetzung, „Ihnen ist der Rabbiner maßgebend, mir die astronomische Zentrale. Sie können Ihren Glaubensverpflichtungen nachkommen wie Sie wollen, ich dagegen werde als der oberste Schiedsrichter Ihre Uhr um 20 Uhr 30 Minuten in Bewegung setzen.“ Unnötig zu sagen, daß Reshevsky pünktlich meiner Verfügung nachkam und ohne Protest die leidige Hängepartie ausspielte. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, wurden in dieser Partie nur noch einige wenige Züge, vielleicht je drei, gewechselt. Selbstverständlich endete das Spiel mit Remis
    Vidmar, S. 128f.

    Wie gesagt, wurde der schon als Favorit in die Weltmeisterschaft gegangene Michail Botwinnik mit drei Punkten Vorsprung souverän Weltmeister. Er sollte freilich seine Dominanz im Laufe der Zeit einbüßen und dreimal seinen Titel verlieren, und zwar 1957 an den WM-Zweiten bei diesem Turnier, Wassili Smyslow, 1960 an den neuen Schachstern Michail Tal und 1963 an Tigran Petrosjan. Jeweils ein Jahr nach dem Titelverlust gegen Smyslow und Tal, konnte sich Botwinnik seinen Titel in einem Revanchematch zurückholen. 1963 strich die Fide aber dieses als Lex Botwinnik in Verruf geratene Revancherecht, so daß Michail Botwinnik sich vom aktiven Schach zurückzog. Die Gründe für den Verlust seiner deutlichen Dominanz gegenüber der restlichen Schachwelt liegen vermutlich darin, daß zum einen eine neue Generation an starken Schachspielern heranwuchs, und zum anderen, daß Botwinnik seinem Alter und der Doppelbelastung von seinem Beruf als angesehener Elektrotechniker und dem Schachspiele langsam Tribut zollen mußte. Bspw. machte er zwischen 1948 und 1951 eine dreijährige Pause, was man nicht so ohne weiteres wegstecken kann. Er verlor schon 1951 beinahe seinen Titel an David Bronstein und konnte dieses über 24 Matches gehende Duell nur 12:12-Unentschieden halten.

    In der Endtabelle der Weltmeisterschaft von 1948 siegte Botwinnik mit 14 Punkten vor Wassili Smyslow (11), Paul Keres und Samuel Reshevsky (je 10,5) und Max Euwe (4). Das deutliche Abfallen des Weltmeisters von 1935, Max Euwe, ist wohl als Tribut an das Alter des 46jährigen Euwes zu verstehen, was dieser auch gegenüber David Vidmar zugab:

    Als oberster Schiedsrichter dieses Kandidatenturniers hatte ich reichlich Gelegenheit, Euwes Abstieg zu beobachten. Der Mann interessierte mich ungemein. Gegen das Ende des Ringens um Aljechins Nachlaß, nahm ich eines Tages den einstigen Weltmeister zur Seite und fragte ihn unverblümt: „Was ist mit Ihnen los, Euwe?“ Er fand keine Antwort, aber ich fand sie: „Sie sind im kritischen Mannesalter, indem das Auge alles sehr scharf beobachtet, auch das einst für heilig, unantastbar Gehaltene. Sie glauben an kein Dogma, an keine Theorie. Sie glauben bereits sich selbst nichts mehr.“ Er war überrascht, aber doch gerne bereit, mir zu folgen: „Ich glaube tatsächlich meinen eigenen Schachkombinationen nicht mehr, deshalb habe ich auch keinen Mut mehr, sie meinen Gegnern vorzusetzen,“ gestand er.
    Vidmar, S. 147

    [Event "match-tournament"]
    [Site "Ch World , Hague/Moscow (Neth"]
    [Date "1948.03.25"]
    [EventDate "?"]
    [Round "10"]
    [Result "1-0"]
    [White "Mikhail Botvinnik"]
    [Black "Paul Keres"]
    [ECO "E28"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "45"]

    1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4 4.e3 O-O 5.a3 Bxc3+ 6.bxc3 Re8
    7.Ne2 e5 8.Ng3 d6 9.Be2 Nbd7 10.O-O c5 11.f3 cxd4 12.cxd4 Nb6
    13.Bb2 exd4 14.e4 Be6 15.Rc1 Re7 16.Qxd4 Qc7 17.c5 dxc5
    18.Rxc5 Qf4 19.Bc1 Qb8 20.Rg5 Nbd7 21.Rxg7+ Kxg7 22.Nh5+ Kg6
    23.Qe3 1-0
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    Turnierbuch:

    Dr M. Euwe "Wereldkampioenschap Schaken 1948" (252 S. mit Bildern)

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