Einen echten Nimzowitsch sehen wir hier in der vorliegenden Partie zwischen Milan Vidmar gegen einen der Väter der Hypermodernen, Aaron Nimzowitsch, beim Turnier in Karlsbad 1929. Wie Vidmar bekennt, war auch für ihn Nimzowitschs Spielansatz oft nicht zu erkennen gewesen, kein Wunder, denn Nimzowitsch spielte, ähnlich etwa wie früher Philidor, idiosynkratisch und unnachahmlich und war damit ebenso wie Philidor ein Unikum gewesen. In „Mein System“ hatte Nimzowitsch ausgeführt, daß die richtige Spielanlage nicht im Ansammeln von kleinen Vorteilen bestünde (wie es die Modernen immer gepredigt hatten), sondern in der Prophylaxe. So war z. B. sein positionelles Manöver ab dem 8. Zug prophylaktisch motiviert, indem er etwas gegen den von ihm selbst vorhergesehenen etwaigen Plan dxc5 gefolgt von b4, a3 und c4 oder dxc5 in Verbindung mit c4 unternimmt bzw. diese, wie er selbst äußert, „im Keime erstickt“, und auch bei 14. ...g6 verhinderte er erstmal Sh5, um sein starkes Läuferpaar zu behalten. Die Vorarbeit für seinen Sieg war dann wieder einmal einer dieser typischen tiefen Züge, die Nimzowitsch eigen waren und die man so schnell nicht versteht. Sein „mysteriöser Turmzug“, auch ein Fachterminus von Aaron Nimzowitsch, 18. ...Th8! war eigentlich wiederum prophylaktisch motiviert. Es sollte 19. Se5 mit 19. ...Sxe5 20. dxe5 h4 21. Sf1 Th5 mit Bauerngewinn unmöglich machen. Vidmar sieht diese Möglichkeit nicht, spielte später Se5 und gibt Nimzowitsch damit sein ganz besonderes Vergnügen, wieder einmal einen weit vorgerückten Bauern, der getrennt von seinen Verbündeten ist, „hinter Schloß und Riegel“ zu bringen. Nimzowitsch hatte durch seinen tiefen Blick wieder mehr als andere gesehen, und so war sein Zug 36. ...Tf5! eine unnachahmliche Vorbereitung für einen erzwungenen totalen Generalabtausch aller Figuren, den Nimzowitsch in seinem Kommentar als „erheiternd“ wahrnahm. Er ärgerte sich, als ihm nach der Partie gezeigt wurde, daß 36. ...Th1+! 37. Ke2 Lxe4 38. Dxf4 Dc4+ 39. Kd1 Dd3+ 40. Dd2 Dxd2+ 41. K/Txd2 Txg2 mit Figurengewinn eine Figur gewinnt. Wie in Studien entwertet eine Nebenlösung eine Kombination. Diese hochoriginelle Partie ist ein echtes Kunstwerk, damit ein Juwel der Schachgeschichte und sollte den Kennern neben dem Vergnügen auch viele interessante spielpraktische Erkenntnisse liefern.

[Event "Karlsbad"]
[Site "Karlsbad CZE"]
[Date "1929.08.22"]
[EventDate "1929.07.31"]
[Round "18"]
[Result "0-1"]
[White "Milan Vidmar"]
[Black "Aron Nimzowitsch"]
[ECO "A46"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "118"]

1.d4 Nf6 2.Nf3 e6 3.Bg5 c5 4.e3 Qb6 5.Qc1 Nc6 6.c3 d5 7.Bd3
Bd6 8.Nbd2 cxd4 9.exd4 Nh5 10.Nf1 h6 11.Bd2 Qc7 12.Ng3 Nf4
13.Bxf4 Bxf4 14.Qd1 g6 15.O-O h5 16.Re1 O-O 17.Qe2 Kg7 18.Rad1
Rh8 19.Nf1 h4 20.Ne5 Nxe5 21.dxe5 Rh5 22.g3 Rxe5 23.Qf3 Rg5
24.Kh1 hxg3 25.fxg3 Bd6 26.Rd2 Bd7 27.Rf2 f5 28.Qe3 Rg4 29.Qe2
Rh8 30.Kg1 Bc6 31.Ne3 Rg5 32.Ng2 f4 33.gxf4 Bxf4 34.Kf1 Rxh2
35.Qf3 d4 36.Be4 Rf5 37.Qg4 Rh1+ 38.Ke2 Rxe1+ 39.Kxe1 Bg3
40.Bxf5 Qe5+ 41.Kf1 exf5 42.cxd4 Bxf2 43.Kxf2 fxg4 44.dxe5
Bxg2 45.Kxg2 Kf7 46.Kg3 Ke6 47.Kxg4 Kxe5 48.Kg5 Ke4 49.Kxg6
Kd3 50.Kf5 Kc2 51.b4 b5 52.Ke5 Kc3 53.Kd5 Kxb4 54.Kc6 a5
55.Kb6 a4 56.Ka6 a3 57.Kb6 Kc4 58.Ka5 b4 59.Ka4 Kc3 0-1