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Thema: Sonnenflecken

  1. #1
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    Sonnenflecken

    Bevor Magnus Carlsen auf dem Schach-Firmament erschien, galten Garri Kasparov und Robert James Fischer als die stärksten Schachmeister aller Zeiten. Doch auch sie hatten ihre Schwächen. Während Garri Kasparov sich etwa ungerne verteidigte und dazu neigte, kramphaft einen Gegenangriff zu suchen, selbst wenn dies objektiv vielleicht nicht angebracht war, und Mark Dworetzki sogar Zweifel an seiner Intuition anmeldete, war Fischer laut Kasparov verwundbar in komplizierten Stellungen, wo genaue Berechnung erforderlich war. Das ist freilich Kritik auf höchstem Niveau, und wenn man so will, so kann man gerne poetisch von Sonnenflecken sprechen. Vom Spielstil her war Robert Fischer laut Schonberg ein Klassiker wie Capablanca und Morphy. Von den Wunderkindern tanzte hier nur Samuel Reshevsky aus der Reihe, der eher komplizierte geschlossene Strukturen anstrebte.

    Efim Geller hatte sich dabei den Ruf eines Weltmeisterschrecks hart erarbeitet. Wer weiß, daß dieser starke Spieler gegen Michail Botwinnik vier mal gewann und nur ein mal verlor (bei fünf Remis); gegen Robert Fischer fünf mal gewann und dreimal verlor (bei zwei Remis); gegen Wassili Smyslow elf mal gewann bei sieben Niederlagen (31 Remis) und gegen Tigran Petrosjan bei 33 Remis gar sechs mal gewann bei nur zwei Niederlagen?

    In dieser Partie, die beim Kandidatenturnier 1962 in Curacao gespielt wurde, zeigte sich Gellers Schachkunst in Vollendung. Er war bekannt für seinen aktiven Stil auf Grundlage „vernünftiger“ Eröffnungen. Hier zeigt er aktives Spiel am Damenflügel in strategischer Vollendung, wir sehen eine Sprengung der schwarzen Blockade im 17. Zug und daraufhin eine spektakuläre Überführung des nur vermeintlich klotzigen Turms auf das starke Feld b6. Das starke Spiel des Weißen auf dem Damenflügel überforderte schließlich die schwarze Verteidigung, so daß Weiß sich auch mit taktischen Mitteln ein verbundenes Freibauernpaar bilden konnte, was die Umwandlung in eine Dame unvermeidlich machte und Schwarz schließlich zur Aufgabe veranlaßte. Robert Fischer erhob nach Curacao schwere Anschuldigungen gegen die „Russen“. Er warf ihnen vor, sich untereinander die Remis zuzuschanzen und gegen ihn und andere Nichtsowjets alles zu geben und sich auch auf russisch während der Partien zu beraten. Doch an der von Geller gezeigten Qualität in diesem Spiel gibt es nichts zu rütteln, und wie schon Schonberg richtig erkannt hat, noch nie hat ein gesunder Spieler eine Partie verloren. Für einen Schachspieler ist mitunter alles höhere Gewalt, wenn er eine Niederlage einstecken muß.

    [Event "Curacao Candidates"]
    [Site "Willemstad CURACAO"]
    [Date "1962.05.03"]
    [Round "2"]
    [White "Efim Geller"]
    [Black "Robert James Fischer"]
    [Result "1-0"]
    [ECO "B92"]
    [PlyCount "80"]
    [EventDate "1962.05.02"]

    1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. Be2 e5 7. Nb3 Be7 8. O-O
    O-O 9. Be3 Qc7 10. a4 Be6 11. a5 Nbd7 12. Nd5 Nxd5 13. exd5 Bf5 14. c4 Bg6 15.
    Rc1 Nc5 16. Nxc5 dxc5 17. b4 Rac8 18. Qb3 Bd6 19. Rfd1 Qe7 20. bxc5 Bxc5 21.
    Bxc5 Rxc5 22. Ra1 Rd8 23. Ra4 Bf5 24. Rb4 Bc8 25. Rb6 Rd6 26. Qb4 Qc7 27. Rxd6
    Qxd6 28. Rb1 Qc7 29. Qa4 Bd7 30. Qa3 Rxa5 31. Rxb7 Qxb7 32. Qxa5 g6 33. h3 Qb1+
    34. Kh2 Bf5 35. Qc3 Qe4 36. Bf3 Qd4 37. Qxd4 exd4 38. g4 Bc8 39. c5 a5 40. c6
    Kf8 1-0

    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Sonnenflecken

    Der Ukrainer Efim Geller scheiterte im WM-Zyklus 1964-1966 und 1967-1969 jeweils mit +0, =5, -3 am späteren Finalisten und WM Boris Spassky.
    Die Partien waren dabei gar nicht so eindeutig wie letztlich das Ergebnis, doch war Geller eben nicht so "allround" gut wie Spassky und kam auch häufiger in Zeitnot.
    Im WM-Zyklus 1970-1972 verlor er gegen Viktor Korchnoi mit 5,5:2,5 und dabei 3 Partien durch7wegen hoher Zeitnot.
    Geller war ein hervorragender Analytiker und Eröffnungsexperte in seinen Systemen, denen er ziemlich treu war, was ihn auch ausrechenbar machte.
    Als Sekundant unterstützte er als "Fischerschreck" sowohl Spassky als auch später Karpov. In Schachkreisen kursiert bis heute die Vermutung, daß die 2. Partie des Kandidatenmatchs Karpov-Korchnoi von 1974, der Opfer-Sturmsieg, von Geller auf dem Analysebrett ausgekocht wurde. Geller spielte ebenfalls die Tartakower-Verteidigung im Damengambit und wie oben gesehen das ruhige Le2 im Najdorf.
    Beides Systeme der Jugend- und WM-Jahre von Karpov.
    Wegen seiner eigenen hohen Ambitionen galt Geller nicht als problemloser Trainer/Sekundant.

    Die Partien Gellers finden sich in vielen Schachbüchern als Lehrbeispiele.
    Er selbst verfaßte als ausgewiesener Experte das Eröffnungsbuch "Königsindische Verteidigung" (Schmaus 1980), lange Zeit das beliebteste Buch zu dieser Eröffnung.
    The Aplication of Chess Theory (pergamon 1984) heißt die von Geller verfaßte eigene Partiensammlung, die bereit mit dem Titel auf seinen analytischen Spielansatz hinweist.

    Ein Klassiker ist die Zertrümmerung von Smyslovs Grünfeld-Verteidigung in einm Ausscheidungsmatch:

    [Event "Moscow m"]
    [Site "Moscow m"]
    [Date "1965.??.??"]
    [EventDate "?"]
    [Round "5"]
    [Result "1-0"]
    [White "Efim Geller"]
    [Black "Vasily Smyslov"]
    [ECO "D87"]

    1.d4 Nf6 2.c4 g6 3.Nc3 d5 4.cxd5 Nxd5 5.e4 Nxc3 6.bxc3 Bg7
    7.Bc4 c5 8.Ne2 O-O 9.O-O Nc6 10.Be3 Qc7 11.Rc1 Rd8 12.f4 e6
    13.Kh1 b6 14.f5 Na5 15.Bd3 exf5 16.exf5 Bb7 17.Qd2 Re8 18.Ng3
    Qc6 19.Rf2 Rad8 20.Bh6 Bh8 21.Qf4 Rd7 22.Ne4 c4 23.Bc2 Rde7
    24.Rcf1 Rxe4 25.fxg6 f6 26.Qg5 Qd7 27.Kg1 Bg7 28.Rxf6 Rg4
    29.gxh7+ Kh8 30.Bxg7+ Qxg7 31.Qxg4 1-0

    Für Tartakower-Spieler ist Gellers Kurzsieg über einen der damals hoffnungsvollsten jungen
    UdSSR-Spieler, den bereits 2-fachen Landesmeister Lev Psakhis, eine Offenbarung:

    [Event "Erevan zt"]
    [Site "Erevan zt"]
    [Date "1982.??.??"]
    [Result "0-1"]
    [White "Lev Psakhis"]
    [Black "Efim Geller"]
    [ECO "D58"]

    1.d4 d5 2.c4 e6 3.Nc3 Be7 4.Nf3 Nf6 5.Bg5 h6 6.Bh4 O-O 7.e3 b6
    8.Bxf6 Bxf6 9.cxd5 exd5 10.Qd2 Be6 11.Rd1 Qe7 12.g3 c5 13.dxc5
    Rd8 14.cxb6 d4 15.Bg2 Nc6 16.Nxd4 Nxd4 17.exd4 Bh3+ 18.Kf1
    Rxd4 19.Qe3 Qb7 20.f3 Rxd1+ 21.Nxd1 Qa6+ 22.Kg1 Rd8 23.Nf2 Bd4
    24.Qe1 Bxf2+ 0-1

    Mit der Neuerung 14. ... Db7 (Neuerung des (Halb)Jahres bei CI?!) gegen den jungen Jan Timman verbesserte Geller dasschwarze Spiel entlang der berühmten 6. WM-Partie Fischer-Spassky entscheidend. Weiß mußte neue Wege suchen:

    [Event "2nd AVRO"]
    [Site "Hilversum NED"]
    [Date "1973.06.22"]
    [EventDate "1973.06.12"]
    [Round "9"]
    [Result "0-1"]
    [White "Jan Timman"]
    [Black "Efim Geller"]
    [ECO "D59"]

    1.d4 d5 2.c4 e6 3.Nc3 Be7 4.Nf3 Nf6 5.Bg5 O-O 6.e3 h6 7.Bh4 b6
    8.cxd5 Nxd5 9.Bxe7 Qxe7 10.Nxd5 exd5 11.Rc1 Be6 12.Qa4 c5
    13.Qa3 Rc8 14.Bb5 Qb7 15.dxc5 bxc5 16.Rxc5 Rxc5 17.Qxc5 Na6
    18.Bxa6 Qxa6 19.Qa3 Qc4 20.Kd2 Qg4 21.Rg1 d4 22.Nxd4 Qh4
    23.Re1 Qxf2+ 24.Re2 Qf1 25.Nxe6 fxe6 26.Qd6 Kh8 27.e4 Rc8
    28.Ke3 Rf8 29.Rd2 e5 30.Qxe5 Qe1+ 31.Re2 Qg1+ 32.Kd3 Rd8+
    33.Kc3 Qd1 34.Qb5 Qd4+ 35.Kc2 a6 36.Qxa6 Qc5+ 0-1


    So spielte einer der größten Kenner dieser Verteidigung. Er gehört zur Gruppe der stärksten und kreativsten Spieler, die niemals Weltmeister wurden/werden, mit Keres, Bronstein, Korchnoi und Timman.
    Geändert von zugzwang (14.03.2013 um 21:19 Uhr)

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