Heute ging in der 9. Runde des FIDE-Kandidatenturniers eine Partie zuende, die mit ziemlicher Sicherheit in Erinnerung bleiben wird. Die Rede ist von der Partie Peter Swidler gegen Alexander Grischuk. Diese Partie könnte in Zukunft bekannt sein unter dem Künstlernamen: Unsterbliche Remispartie. Wollen wir uns nun gemeinsam diesem aktuellen Juwel sozusagen als Pioniere annähern. Ich selbst bediene mich dabei als Hilfe eines alten Rechners (6 Jahre) und dem Schachprogramm Fritz 8:

Das Königsindisch hat schon für viele Schmuckstücke in der Schachgeschichte gesorgt, und insofern stimmte schon einmal der Partiebeginn. Grischuk bediente sich hier einer von Bronznik und Terekhin in ihren „Techniken des Positionsspiels“ beschriebenen Technik der Einengung des gegnerischen Springers mit dem Manöver ...g6, ...h5 und ...h4. Im Prinzip sprang die Partie schon ungewöhnlich schnell in den Strudel unwägbarer Ereignisse. Nach der Vertreibung des gegnerischen Springers und der Befragung des eigenen Se5 mittels 12. f4 wurde wohl von den meisten ein Rückzug von Grischuks Springer erwartet. Aber das war nicht im Sinne des Russen, der mit 12. ...Sxc4 wohl eine Kombination im Talschen Sinne anbrachte und im Verbund mit dem linien- und diagonalenöffnenden 13. ...b5 wie der „Feuerkopf aus Riga“ einen Angriff aus dem Nichts erschuf. Peter Swidler, von den Kunstgriffen seines ungestümen Gegners früh überrascht, machte sich nun eigener wichtiger Anteile für die Schönheit dieser Partie verdient, indem er versuchte, taktisch dagegenzuhalten. Die Gegenopfer nach 15. e5 waren wohl deswegen motiviert, weil ein Behaupten der gewonnen Figur mit 15. exd5 eine gefährliche Stellung verursacht hätte, in der Weiß sich auf der e-Linie gegen den unrochierten König, auf der b-Linie und gegen das drohende ...Sg4 zu verteidigen hätte. Da hätten sich auch ganz andere Spieler nicht wohl in ihrer Haut gefühlt. Im 17. Zug finden wir eine weitere Schlüsselstellung vor. Weiß entschied sich dazu, seine Dame gegen ein ganzes Arsenal an schwarzen Figuren zu geben. Die Überlegung scheint einleuchtend zu sein. Wenn Weiß wieder auf Material spielt, wird der schwarze Angriff auf der e-Linie und um sie herum sehr gefährlich, siehe etwa: 17. Da4 d4 18. exf6 Dxf6 19. Se4 De7 20. Lc6 dxe3 21. Lxa8 Txa8 und Weiß kämpft trotz Mehrturms ums Überleben. In der Folge könnten die Materialverhältnisse beider Spieler nicht ungleicher verteilt sein. Nach dem 22. Zug besitzt Schwarz die Dame für drei Leichtfiguren und einen Bauern. Beide Könige waren sehr ungeschützt, so daß der wilde Kampf noch lange nicht vorbei war. Im 25. Zug ging es dann weiter mit einem Opfer Grischuks, der seinen Turm und einen Bauern für den Läufer ins Geschäft steckte, um mit seinem verbliebenen Turm und seiner Dame eine kombinierte Aktion um einen Königsangriff und dem Spiel mit seinem f-Freibauern zu wagen. Zwar konnte Weiß den Königsangriff abblocken, der f-Freibauer schien aber letztendlich das Zünglein an der Waage zu sein, der Swidler trotz großer Figurenüberlegenheit dazu veranlaßte, in den Remisschluß einzuwilligen. Es ist interessant zu beobachten, wie sich der Freibauer nur mit Damenunterstützung gegen eine ganze Armada an weißen Figuren behaupten kann. Die Partie könnte weitergehen mit 42. Tee4 Txc4 43. Txc4 f2 unklar. Weiß muß seinen Turm für den Freibauern opfern. Was meint ihr zu dieser sensationellen Partie?


[Event "FIDE-Kandidatenturnier 2013 London"]
[Site "MyTown"]
[Date "25.3.2013"]
[Round "9"]
[White "Peter Swidler"]
[Black "Alexander Grischuk"]
[Result "1/2 - 1/2"]
[PlyCount "82"]
[TimeControl "2400"]

{767MB, Fritz8.ctg, MYCOMPUTER} 1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. e4 d6 5. f3
O-O 6. Be3 c5 7. Nge2 Nc6 8. d5 Ne5 9. Ng3 h5 10. Be2 h4 11. Nf1 e6 12. f4 Nxc4
13. Bxc4 b5 14. Bxb5 exd5 15. e5 dxe5 16. fxe5 Bg4 17. exf6 Bxd1 18. fxg7 Kxg7
19. Bxc5 h3 20. Rxd1 hxg2 21. Rg1 gxf1=Q+ 22. Kxf1 Qh4 23. Rg2 Rfd8 24. Rd4 Qh5
25. Rf4 d4 26. Bxd4+ Rxd4 27. Rxd4 Rb8 28. a4 a6 29. Bxa6 Qf3+ 30. Rf2 Qh1+ 31.
Ke2 Rxb2+ 32. Rd2 Qc1 33. Kd3 Rb6 34. Bc4 Rd6+ 35. Bd5 Rd7 36. Rf4 f5 37. Rd4
Kh6 38. h4 Rc7 39. Bc4 Qf1+ 40. Re2 f4 41. Kc2 f3 *