Als Josef Stalin am 5. März 1953 starb, bildete sich in der sowjetischen Gesellschaft schnell der Begriff der „Nach-Stalin-Zeit“ heraus. Wie sein deutsches Pendant der „Nachkriegszeit“ soll dieser Begriff das Zeitalter nach ungeheuren Verwerfungen skizzieren. Natürlich war der Überfall Nazideutschlands im Verbund mit seinem ideologischen Programm des „Vernichtungskrieges“ auf die Sowjetunion, die ungeheure Verwüstung des ganzen westlichen Landstrichs, die Leningrad-Blockade mit 1 Millionen Hungertoten, der Verlust von bis zu 27 Millionen Bürgern davon die Spitze des Eisberges. Der Verlust gerade so vieler junger Männer wirkte sich noch nach Generationen aus und sorgte noch dann für Krater bei den Bevölkerungsstatistiken und Alterspyramiden. Auch die sowjetische Wirtschaft war durch den Krieg schwer getroffen, und der Lebensstandard der Menschen sank auf ein Drittel des ohnehin kläglichen Vorkriegsstatus, indem alleine in der Ukraine sechs Millionen Menschen sterben mußten, weil der Staat lieber Getreide für Devisen exportierte, um seine ehrgeizigen Industrialisierungspläne durchzusetzen, als seinen Fürsorgepflichten gegenüber der hungernden Landbevölkerung nachzukommen. Nein, die Stalin-Zeit umfaßte nicht „nur“ den Krieg, sondern auch die Art, wie dieser furchtbare strafende Gott sein Land regierte. Massensäuberungen, Massenhinrichtungen, die Deportation von Millionen in die Todesarbeitslager nach Sibirien, die Deportation ganzer Völker in diesem Vielvölkerstaat, die aggressiven Kampagnen, die Militarisierung des ganzen Lebens und eine Geheimpolizei, die alles übertraf, was in der Geschichte der Menschheit jemals dagewesen ist, hatten die Bevölkerung in Angst und Schrecken gehalten und sollten jedes abweichende Verhalten schon im Keim ersticken. Josef Stalin ließ sein Land bis zu seinem Tode nicht zur Ruhe kommen. Nur wenige Wochen vor seinem Tod, sollten weitere weitreichenden Säuberungen organisiert werden. Die Ärzte-Kampagne 1953, die „Geständnisse“ der „Schuldigen“ wie immer unter Folter erpreßt, richtete sich diesmal gegen Juden und „Kosmopoliten“ und trug einen kaum noch verhüllten antisemitischen Charakter. Bereits vorher waren im ganzen Land diskriminierende Gesetze gegen die Juden erlassen worden.

Deswegen markierte der Tod Stalins am 5. März 1953 tatsächlich eine Zäsur und einen abrupten Übergang eines staatsterroristischen totalitären Willkürstaates in ein zumindest berechenbares bürokratisch-autoritäres Regime. Viele Menschen nutzten die neuen Freiheiten, und es waren vor allem die Künstler und Intellektuellen, die froh waren, nicht mehr um ihr Leben fürchten zu müssen. Diese Veränderungen waren auch bei den Schachspielern der Sowjetunion zu sehen. Spielte schon Wassili Smyslow um ein Vielfaches „leichtfüßiger“ (Kasparov) als der gestrenge Patriarch und das Symbol des Stalinismus, Michail Botwinnik, so wehte der junge Michail Tal gleich wie ein Orkan durch die erstarrten sowjetischen Strukturen und sorgte für Bewunderung, Entsetzen und Aufruhr. Sein Aufstieg war legendär. Bevor er 1960 Weltmeister Michail Botwinnik herausfordern konnte, hatte er bereits zweimal die sowjetischen Landesmeisterschaften, das Kandidatenturnier (mit 4/4 gegen den jugendlichen Robert Fischer!) und kurz vor der Herausforderung fünf von sechs große Turniere für sich entscheiden können. Michail Botwinnik muß sich angesichts des unaufhaltsamen Nahens dieser nicht beizukommenden Urgewalt gefühlt haben wie 1972 Boris Spasski, als dieser es mit Robert Fischer zu tun bekam.

Doch noch mehr als seine Erfolge beeindruckte sein Stil, der vielen als Wunder erscheinen mußte. Sicherlich war es richtig, daß der in der Sowjetunion gepflegte Stil in Anlehnung an Tschigorin einen konkret-schöpferischen Ansatzpunkt besaß. Doch die Dynamik, die ein Michail Tal dabei an den Tag legte, ging über jedes gewohnte Maß hinaus. Aus dem Nichts heraus opferte er seine Figuren, um die Stellung radikal umkippen zu lassen. Während der Gegner entsetzt war, war Tal in seinem Element und fand zielsicher die Möglichkeiten, die seine Gegner schließlich überfordern sollten. Dabei spielte es für Tal scheinbar keine Rolle, ob seine Opfer „korrekt“ waren oder nicht, die Widerlegungen wurden ohnehin erst post festum gefunden, als der Spuk schon vorbei war. Den „Zauberer aus Riga“ nannte man ihn, und Michail Tal bekannte sich dabei sogar ganz offen zur Magie, die eherne Gesetzmäßigkeiten außer Kraft setzen kann:

Für die einen ist die Schönheit im Schach gleichbedeutend mit dem Triumph der Logik. Eine herrliche Partie ist ihrer Meinung nach ein großartiges klassisches Bauwerk mit tadellosen Proportionen, in dem jedes Element, jeder Ziegelstein an seinem Platze steht. Obwohl auch ich oft rein positionelle Partien gewinnen „mußte“, zieht mich der Triumph des Alogischen, des Irrationalen, des Absurden stärker an. Auf dem Brett wird ein grimmiger Kampf geführt, ein Kampf darum, einen gewissen Plan zu verwirklichen, und den Ausgang dieses Kampfes entscheidet ein unschuldiges Bäuerlein, das mit dem eigentlichen Leitmotiv des Dramas so gar nichts gemein hat. In die Sprache der Mathematik übersetzt hieße dies: Mir gefällt es besser, wenn im Schach die Kathete länger ist als die Hypotenuse
Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 4, Edition Olms 2005, S. 237

Sein Stil richtete sich also strikt gegen den Gegner und war darauf ausgelegt, ihn zu überfordern. Eine von vielen Schachspielern gehuldigte absolute Wahrheit kam darin nicht vor. Gut war für Tal all das, was sich in der Praxis durchsetzen kann. Und er richtete sein Spiel auch an den Besonderheiten des Gegners aus. Nach einem Opfer gegen den strengen Positionsspieler Juri Awerbach, sagte Tal:

Das Opfer hätte nicht die geringste Chance gehabt gegen Spieler wie Kortschnoi oder Cholmow, die gern auf scharfe Komplikationen eingehen mit dem Ziel, Material zu behalten, das gegen sie geopfert wird
Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Becksche Reihe, München 1994, S. 182

Wer fühlt sich da nicht an Emanuel Lasker erinnert und seinen Ausspruch:

Gegen Janowski wäre der Zug gut, gegen Tarrasch wäre der Zug ein Fehler?
Daß der sowjetische Endspielpapst, der zudem chronisch in Zeitnot kam, für überraschende Opfer anfällig war, hatte übrigens auch Boris Spasski erkannt, der ihm aus aussichtsloser Lage mit einem „Jahrhundertzug“ zusetzte. Juri Awerbach hatte Mühe, überhaupt ins Remis entschlüpfen zu können.

Garri Kasparov selbst kommt zu der bemerkenswerten Schlußfolgerung:

Mit seinem mutigen Spiel gewann Tal Millionen von Anhängern auf der ganzen Welt und erwarb den Ruhm eines rastlosen Poeten, der mit Leichtigkeit die als unerschütterlich geltenden Fundamente der positionellen Schule hinwegfegte, die von Botwinnik und Smyslow gelegt wurden. Er verkörperte ohne Zweifel die lichtesten Hoffnungen der poststalinistischen Gesellschaft – eine in dieser Form nie gesehene Freiheit!
Kasparov, S. 141

Diesen wagemutigen Stil konnte sich Michail Tal auch leisten, weil er über eine wunderbare Gabe verfügte, nämlich über eine fruchtbringende Kombination einer einzigartigen Intuition mit einer einzigartigen Rechenfähigkeit. Für jeden kompetenten Spieler waren Analysen mit Tal ein Vergnügen. Er fand in jeder Stellung wunderbare Varianten und konnte diese auch bis zum Ende führen. Botwinnik befand in seiner gewohnt trockenen Art:

Vom Standpunkt der Kybernetik oder der Rechentechnik ist Michail Tal eine Einrichtung zur Verarbeitung von Informationen, die über ein besonderes Gedächtnis und größere Schnelligkeit als andere Großmeister verfügt...
Treppner/Pfleger, S. 181

Doch war auch Tal keine fehlerfreie Maschine. Gerade durch seine gedankliche Tiefe, mit der er seiner Kreativität Substanz einhauchte, passierten ihn mitunter ganz banale Versehen, der Terminus Großmeisterfehler scheint für Tal erfunden zu sein:

Mal erzählt Tal, wie er einen einzügigen Damenverlust, drohend durch Lxh7+, „parierte“, indem er den Bauern von h7 wegzog – danach ging Lh7+ noch immer, und die Dame war weg. Ein andermal machte er größte Anstrengungen, um eine Rochade des Gegners zu verhindern, die gar nicht mehr möglich war, denn der König hatte bereits gezogen; dann wieder glaubte er, ein nach g4 ziehender weißer Bauer könnte en passant genommen werden – er war aber von g3 gekommen -, oder stützte eine „glänzende“ Kombination schlicht und einfach auf einen Zug, der nach den Schachregeln nicht erlaubt war
Treppner/Pfleger, S. 182

Doch waren dies zum Glück Ausnahmen, und so konnte Michail Tal bei der Weltmeisterschaft 1960 in Moskau dann seine Sternstunde feiern. Die akribische Vorbereitung auf diesen Gegner half Michail Botwinnik nicht. Es kam zur Wachablösung, als der 23jährige Tal, damals der jüngste Schach-Weltmeister der Geschichte, Botwinnik klar mit 12,5-8,5 (6 zu 2 Siegen) bezwang, und niemand hätte es damals für möglich gehalten, daß der alternde Patriarch sich die Weltmeisterschaftskrone bereits im nächsten Jahr als 50jähriger zurückholen sollte. Doch zunächst feierte die Schachwelt seinen Erfolg. Längst hatte sich Tal unzählige Anhänger verschaffen, die sein Spiel überall auf der Welt feierten und auch die Turniersaale bestürmten, in denen sie jedes Opfer von Tal wie in einem Fußballstadion frenetisch bejubelten. Wegen des Verhaltens seiner Fans mußte auch bei dieser WM eine Partie in einen Raum ohne Zuschauer verlegt werden, weil die Zuschauer aufgrund des faszinierenden Spielverlaufs mehr und mehr außer Rand und Band gerieten. Es handelt sich um die Partie, die im Anhang vorgestellt ist.

Der Kontrast zwischen den beiden Kontrahenten konnte nicht größer sein. Auf der einen Seite stand der gestrenge Patriarch, der unter den Schrecken des Stalin-Reichs großgeworden war, ein todernster Mann, der sich selbst nichts erlaubte, asketisch lebte und bei dem alles, was er tat, aus Pflicht und Systematik beruhte. Auf der anderen Seite dagegen der junge Tal, zu einer anderen Epoche überleitend, lebensfroh, ungestüm, wagemutig und immer zu Scherzen aufgelegt. Den Kontrast zu diesen beiden großen Männern kann nichts besser veranschaulichen als diese Anekdote, die uns Kasparov, Awerbach wiedergebend, mitteilte:

Ich erinnere mich, wie er am Morgen nach seiner Ausrufung zum Weltmeister von einem Reporter nach seinem Befinden gefragt wurde. Michail erwiderte wie aus der Pistole geschossen: „Mein Kopf ist voller Sonnenschein!“
Der Journalist war ob dieser Improvisation begeistert, obwohl diese Formulierung eigentlich von dem französischen Filmschauspieler und Chansonsänger Yves Montand stammte.
Als Botwinnik hingegen davon hörte, kommentierte er trocken: „Wohin das Schach doch gekommen ist: Ein Schwätzer ist Weltmeister geworden!“
Kasparov, S. 197f.

Ja, Tal verhielt sich auch so wie er spielte. Sein Lebensstil hatte in allem, was er tat, etwas Unbekümmertes. Zu Geld hatte er ein geradezu kindliches Verhältnis. Artur Jussupow, zu Tal interviewt, bemerkte auf die suggestive Frage, ob Tal mit Geld umgehen konnte:

Überhaupt nicht. Es war für ihn zum Ausgeben da. Ich könnte da viele Geschichten erzählen. Ein paar Mal traf ich ihn im Moskauer Hotel „Sport“, das längst abgerissen ist. Nach einem Turnier im Ausland läuft Mischa in der Lobby herum, greift in seine Taschen und befördert ein großes Bündel Geldscheine heraus. Er sieht darauf und sagt. „Meine Güte, das habe ich ganz vergessen.“ Es waren Banknoten in verschiedenen Währungen. Gern lud er Freunde ein, weil er sehr großzügig war. So war sein Lebensstil. Geld wurde sofort ausgegeben, zum Trinken usw. Es war undenkbar für Tal, etwas zu sparen.
Er war ein Freigeist im besten Sinne, der es verstand, ganze Gesellschaften zu unterhalten (vgl. Kasparov, S. 197). Sein Lebensstil hatte nichts von der geradezu fanatischen Selbstdisziplin Botwinniks, ja, sie war das genaue Gegenteil davon. Tal war Kettenraucher und konsumierte mit Vorliebe alkoholische Getränke. Und er beschäftigte sich nicht aus Zwang soviel mit dem Schach, sondern aus echter Hingabe. Hierzu bemerkte Schonberg noch zu Lebtagen Tals:

Botwinnik bereitete sich vier Monate lang auf den Wettkampf vor, systematisch wie immer, Tag für Tag nach Plan. Tal brachte sich auf seine Weise in Form: Er stürzte sich in ein Turnier. Tal war – und ist – vom Spielfimmel besessen; er ist stets dafür zu haben, aus reinem Vergnügen Tag und Nacht mit jedem sich bietenden Partner jede beliebige Menge an Spielen auszutragen.
Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag, 1974, S. 236

Doch aus der neuen schönen Epoche wurden nichts, denn ein Jahr später holte sich Botwinnik, für viele völlig überraschend, seinen Weltmeistertitel gegen Tal durch sein Revancherecht zurück. Er siegte sogar deutlich mit 10:5. Es sollte die letzte Schachweltmeisterschaft in der Geschichte der FIDE gewesen sein, die unter Revancherecht stand, denn nach dieser WM wurde dieses WM-Privileg abgeschafft. Für die Niederlage Tals gab es allerdings ein ganzes Bündel an erklärbaren Ursachen. Obwohl es Botwinniks eigentlich bekannte Stärke gewesen ist, sich akribisch auf einen Gegner vorzubereiten und sich genau auf ihn einzustellen, konnte Tal seinen Mitteilungsdrang nicht zügeln und verfaßte 1960 ein Schachbuch, indem er sein Erfolgsrezept gegen den Patriarchen vorstellte. Natürlich wird es keinen interessierteren Leser gegeben haben als Botwinnik selbst. Ein weiterer Grund dürfte ein gewisses psychologisches Phänomen gewesen sein, das sich einstellt, wenn jemand den Gipfel zum Weltmeister erklimmt und dann ein Jahr später wiederum gegen denselben Gegner antreten muß, den man ja eigentlich schon bezwungen hatte. Garri Kasparov macht darauf aufmerksam:

Ich weiß aus eigener Erfahrung um die Schwierigkeit, sich auf eine neuerliche Schlacht einzustellen, wenn man gerade Weltmeister geworden ist. Unwillkürlich meint man, die wichtigsten Prüfungen seien schon bestanden...
Kasparov, S. 115

Zudem machte Tal bereits sein Nierenleiden zu schaffen, das ihn seitdem nicht mehr los gelassen hatte und sein weiteres Leben überschatten sollte. Als der Revanchewettkampf begann, war Tal krank, aber der Patriarch machte nicht den konziliantesten Eindruck. Kasparov:

Unmittelbar vor dem Revanchematch (Moskau, März-Mai 1961) erkrankte er ernstlich und schlug auf Anraten der Rigaer Ärzte die Verschiebung des Matches um einen Monat vor. Das Sportkomitee der UdSSR war bereit, dem Ersuchen des Lettischen Schachverbandes nachzukommen. Aber Botwinnik führte sich weiterhin wie ein Weltmeister auf und forderte, daß Tal zwecks einer offiziellen ärztlichen Untersuchung nach Moskau kommen müsse. „Als er von dieser Forderung erfuhr“, erinnert sich Großmeister Awerbach, „brach Tal in Gelächter aus: ´Nichts da, ich besiege ihn auch so!´ Leider war das ein offensichtlicher Fehler...“ Ich meine, sogar mehr als das: Es bedeutete die Niederlage im psychologischen Duell vor dem Match!
Kasparov, Band 3, S. 144f.

So kam es wie es kommen mußte, und zur Enttäuschung fast der gesamten Schachwelt wurde Michail Tal seinen Weltmeistertitel los. In der Folge wurde er zu einem lebenden Phänomen. Obwohl schwer krank, ließ ihn seine Liebe zum Schach niemals seine Karriere beenden, was angesichts des Ausmaßes seiner Krankheit nicht selbstverständlich ist. Sein chronisches Nierenleiden, das durch seinen exzessiven Lebenswandel sicherlich nicht besser wurde, führte ihn im Laufe seines Lebens dazu, daß er zwölf Operationen (vgl. Kasparov, Band 4, S. 198) überstehen mußte. Wenn allerdings ein interessantes Turnier anstand, dann türmte er zuweilen aus dem Krankenhaus. Und er spielte tatsächlich noch sehr erfolgreich, und umso älter und hinfälliger er wurde, desto mehr staunte man, welche Kraft von diesem körperlich wenig robusten und immer ernsthafter erkrankten Mann ausging. Seine Ergebnisse bei den Schacholympiaden waren phänomenal, und auch bei zahlreichen Kandidatenturnieren zur WM, machte er durch überraschende Erfolge weiter von sich reden und scheiterte zuweilen nur knapp aus dem Titelrennen. In den 70er Jahren stellte er gar einen Rekord auf, indem er 83 Partien in Folge ungeschlagen blieb, und noch 1981 legte er eine Serie von 80 ungeschlagenen Serien hin (vgl. Kasparov, S. 216+234). Solch eine Serie hätte man eher Petrosjan zugetraut! Eine weitere seiner erstaunlichen Leistungen war, als er an seinem Lebensabend, bereits todkrank, doch noch einen WM-Titel holte, nämlich den WM-Titel im Blitzschach 1988 in einem Turnier, bei dem K&K zugegen waren. Treppner und Pfleger erinnern sich an diese Zeit:

Irgendwie möchte man fast glauben, hielt ihn das Schach aufrecht. Schon Jahre vor seinem Tod sah er manchmal wie ein lebendiger Leichnam aus; aber sobald er am Brett saß, schien er ein anderer zu werden. Er spielte alles, selbst Blitz- und Schnellturniere, und es machte ihm offenbar nichts aus, daß er an schlechten tagen immer öfter auch gegen Schwächere verlor. War er aber fit, soweit man bei ihm davon sprechen konnte, dann konnte er selbst in den letzten Jahren noch jeden schlagen
Pfleger, Treppner, S. 193

Dieser Michail Tal, vergöttert von seinen Fans und mißtrauisch beäugt vom Apparat, der ihm zuweilen auch Schwierigkeiten machte und ihm Spielsperren und Auslandsverbote auferlegte, zog eine große, unvergessene Spur durch den Schach-Kosmos. Einen Epochenwechsel konnte er freilich – ein Tribut an seine schwache Gesundheit und seinen Lebenswandel – nicht einleiten, wie Garri Kasparov schrieb:

In der WM-Revanche, die im darauffolgenden Jahr stattfand, blieb der junge Romantiker Tal gegen "das Bollwerk des kommunistischen Systems" chancenlos. Übrigens zeichnete sich gerade im Jahre 1961 das Ende des Tauwetters ab. Die Verfechter der harten Linie kehrten zurück.
Alles hat seine Ursache.

Nun die 6. Partie aus dem WM-Kampf Botwinnik gegen Tal, in der ein Talsches Opfer in Reinkultur zu sehen ist, ein Begriff, der sich in der Schachwelt ähnlich eingebürgert hat wie der Begriff kafkaesk in der Literatur. Achtet hierbei auf seinen 21. Zug:

[Event "Russia"]
[Site "Match, Moscow (6)"]
[Date "1960.03.26"]
[EventDate "?"]
[Round "6"]
[Result "0-1"]
[White "Mikhail Botvinnik"]
[Black "Mikhail Tal"]
[ECO "E69"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "93"]

1.c4 Nf6 2.Nf3 g6 3.g3 Bg7 4.Bg2 O-O 5.d4 d6 6.Nc3 Nbd7 7.O-O
e5 8.e4 c6 9.h3 Qb6 10.d5 cxd5 11.cxd5 Nc5 12.Ne1 Bd7 13.Nd3
Nxd3 14.Qxd3 Rfc8 15.Rb1 Nh5 16.Be3 Qb4 17.Qe2 Rc4 18.Rfc1
Rac8 19.Kh2 f5 20.exf5 Bxf5 21.Ra1 Nf4 22.gxf4 exf4 23.Bd2
Qxb2 24.Rab1 f3 25.Rxb2 fxe2 26.Rb3 Rd4 27.Be1 Be5+ 28.Kg1 Bf4
29.Nxe2 Rxc1 30.Nxd4 Rxe1+ 31.Bf1 Be4 32.Ne2 Be5 33.f4 Bf6
34.Rxb7 Bxd5 35.Rc7 Bxa2 36.Rxa7 Bc4 37.Ra8+ Kf7 38.Ra7+ Ke6
39.Ra3 d5 40.Kf2 Bh4+ 41.Kg2 Kd6 42.Ng3 Bxg3 43.Bxc4 dxc4
44.Kxg3 Kd5 45.Ra7 c3 46.Rc7 Kd4 47.Rd7+ 0-1