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Thema: Stavanger 2013

  1. #1
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    Stavanger 2013

    Norwegen hat durch Magnus Carlsen einen ungeheuren Schachboom erfahren, und so ist der norwegische Schachverband dazu in der Lage, ein neues Super-Turnier aus dem Boden zu stampfen, das sich in der Schachwelt neben den anderen bekannten Traditionsturnieren etablieren soll. Das Turnier findet zwischen dem 7. - 18. Mai statt und bietet ein illustres Teilnehmerfeld, so daß sich schon jetzt dieses neue Turnier nicht hinter anderen etablierten Super-Turnieren in der Schachwelt zu verstecken braucht. Magnus Carlsen tritt an, und auch der Weltmeister ist dabei. Die Schachwelt wird dieses Duell Magnus Carlsen vs. Vishy Anand mit Spannung verfolgen. Weitere bekannten Gesichter aus London sind Lewon Aronian, Peter Swidler und Teimur Radjabow. Spannend wird die Frage sein, ob sich Radjabow von dem furchtbaren Schlag in London wird erholen können. Mit Weselin Topalov, Hikaru Nakamura und Sergei Karjakin sind drei weitere Super-Großmeister dabei, die durchaus das Kandidatenturnier geschmückt hätten. Weselin Topalov ist ein ähnlicher Spielertyp wie Lewon Aronian, und so verspricht dieses Turnier spannendste Duelle. Das Teilnehmerfeld runden ab Wang und Hammer.
    Geändert von Kiffing (10.05.2013 um 23:21 Uhr) Grund: 2 Fehler korrigiert
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  2. #2
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    AW: Stavanger 2013

    ... Weselin Topalov ist ein ähnlicher Spielertyp wie Sergei Aronian, und so verspricht ...
    Levon Karjakin gilt dagegen eher als Spieler klassischen Zuschnitts.

  3. #3
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    AW: Stavanger 2013

    Da bin ich wieder am Vortag dieses so bedeutenden Schachturniers, das insbesondere für den norwegischen Schachverband ein Meilenstein sein dürfte. Das Turnier beginnt also morgen, und zwar um 17:00. Die Zeiten sind freilich etwas gewöhnungsbedürftig, so wird insgesamt an vier verschiedenen Zeiten gespielt, die meiste Zeit aber um 15:00. Hier die Spieltermine im Überblick:

    07/05/2013 - 07/05/2013 Tuesday 17:00
    08/05/2013 - 08/05/2013 Wednesday 15:00
    09/05/2013 - 09/05/2013 Thursday 15:00
    10/05/2013 - 10/05/2013 Friday 15:00
    11/05/2013 - 11/05/2013 Saturday 09:00
    12/05/2013 - 12/05/2013 Sunday 15:00
    13/05/2013 - 13/05/2013 Monday 15:00
    14/05/2013 - 14/05/2013 Tuesday 15:00
    15/05/2013 - 15/05/2013 Wednesday 15:00
    17/05/2013 - 17/05/2013 Friday 15:00
    18/05/2013 - 18/05/2013 Saturday 12:00

    Die Turnierseite ist hier zu finden: http://norwaychess.com/en/

    Wie wird dieses erste Fernduell zwischen den beiden WM-Gegnern Carlsen und Anand laufen? In welcher Form befindet sich Kramnik? Und wird Topalov nach seinem Hurra-Sieg in Zug ein Wörtchen um den Turniersieg mitzureden haben? Fragen über Fragen, die ab morgen geklärt werden können!
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  4. #4
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    AW: Stavanger 2013

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...In welcher Form befindet sich Kramnik? ...
    Nach meinem Informationsstand ist die Form von Kramnik für dieses Turnier eher nebensächlich.
    Die Form von Vielspieler Peter Svidler wird vermutlich wieder ansteigen - die "Pause" legte er ausgerechnet bei seinem halben Heimturnier "Alekhine Memorial" ein.

  5. #5
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    AW: Stavanger 2013

    Ja ist richtig, er hat auf einmal gemerkt, wie voll sein Terminkalender derzeit ist. ^^

    Heute ist übrigens nur Blitzen. Morgen ab 15:00 geht es dann richtig los. Der Termin am 11. 5. scheint auch was vom normalen Turnierverlauf abweichendes zu sein. Deshalb nochmal alle Runden hier im Thread:

    08/05/2013 - 08/05/2013 Wednesday 15:00 1. Runde
    09/05/2013 - 09/05/2013 Thursday 15:00 2. Runde
    10/05/2013 - 10/05/2013 Friday 15:00 3. Runde
    12/05/2013 - 12/05/2013 Sunday 15:00 4. Runde
    13/05/2013 - 13/05/2013 Monday 15:00 5. Runde
    14/05/2013 - 14/05/2013 Tuesday 15:00 6. Runde
    15/05/2013 - 15/05/2013 Wednesday 15:00 7. Runde
    17/05/2013 - 17/05/2013 Friday 15:00 8. Runde
    18/05/2013 - 18/05/2013 Saturday 12:00 9. Runde (e)
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  6. #6
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    AW: Stavanger 2013

    Die erste Runde läuft nun seit einer Stunde mit den Paarungen:

    Magnus Carlsen vs. Weselin Topalov
    Vishy Anand vs. Lewon Aronian
    Hikaru Nakamura vs. Wang Hao
    Peter Swidler vs. Jon Ludwig Hammer
    Sergei Karjakin vs. Teimur Radjabov

    Vor allem die ersten beiden Bretter haben es in sich und sind absolute Gipfeltreffen, wer wird sich durchsetzen im Duell des Topfavoriten gegen den strahlenden Sieger von Zug? Und wie wird sich der Weltmeister gegen den Weltranglistenzweiten Lewon Aronian behaupten? Die Duelle versprechen alle fünf spannendste Erkenntnisse!
    Geändert von Kiffing (08.05.2013 um 19:17 Uhr) Grund: Wortfehler korrigiert
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  7. #7
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    AW: Stavanger 2013

    Am Anfang war ich persönlich ein bißchen enttäuscht vom absoluten Gipfeltreffen zwischen Magnus Carlsen und dem in Zug mit einem Paukenschlag wieder in die absolute Weltspitze vorgedrungenen Weselin Topalov, denn schon schnell verflachte das Spiel nach forcierten Abtäuschen. Doch was danach kam, entschädigte mich dann bei weitem. Es war eine Demonstration des Könnens, die danach stattgefunden hatte. Präzise wie eine Monster-Engine spulten beide Schachmeister ihre Manöver herunter; sie spielten fehlerloses, ja perfektes Schach, schenkten sich nichts, aber neutralisierten sich gegenseitig, sie waren in dieser Begegnung absolut gleichstark. Nach dieser Zelebrierung formvollendeter Kunst bin ich mir sicher, daß derzeit nur Carlsen und Topalov 2900er Niveau spielen können. Sie werden den Turniersieg unter sich ausmachen.

    Der Weltmeister und Lewon Aronian spielen schon beständig auf extrem hohem Niveau und können auch in diesem Turnier wieder eine große Rolle spielen. Wie London 2013 bei beiden und das Aljechin-Memorial bei Aronian gezeigt haben, sind beide Spieler auch derzeit in guter Form - aber in keiner überragenden wie Carlsen oder Topalov. Der Weltmeister hatte mit der Spanischen Partie diesmal ein interessantes Konzept ausgebrütet und wartete mit der Botwinnik-Struktur auf, und das als Weißer! Nachdem sich beide Parteien positioniert hatten, war es dann Lewon Aronian, der, scheinbar ganz in seinem Element, mit einem Scheinopfer seines Läufers das Interesse der Kiebitze auf diese Partie lenkte. Nachdem sich der Rauch gelegt hatte, erkannten dann aber auch die Letzten, daß es sich dabei in Wirklichkeit um eine forcierte taktische Variante handelte, die geradewegs ins Remis führte. Beide Schachmeister werden damit leben können und halten sich für dieses Turnier noch alle Optionen frei.

    Die drei gewonnenen Weißpartien an den anderen Brettern dagegen glichen sich frappierend, denn in allen drei Fällen gelang es Weiß, seinen Gegner zu überspielen, in ein besseres Endspiel überzuleiten und den Vorteil dort in einen verdienten Sieg umzumünzen. Besonders ärgerlich ist die Niederlage für den wieder einmal enttäuschend agierenden Teimur Radjabov. Radjabov, der noch bis vor kurzem 2794 Elo schwer war, setzt seine in London 2013 eingeleitete und in Zug fortgesetzte Talfahrt fort, die dramatische Formen aufweist.

    [Event "Norway Chess Tournament"]
    [Site "0:46:33-0:39:33"]
    [Date "2013.05.08"]
    [EventDate "2013.05.07"]
    [Round "1"]
    [Result "1/2-1/2"]
    [White "Carlsen"]
    [Black "Topalov"]
    [ECO "A30"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "2"]

    1.c4 c5 2.Nf3 Nf6 3.g3 Nc6 4.Bg2 d5 5.cxd5 Nxd5 6.d4 cxd4 7.Nxd4 Ndb4 8.Nxc6 Qxd1+ 9.Kxd1 Nxc6 10.Nc3 Bd7 11.Be3 g6 12.Rc1 Bg7 13.Kc2 Rc8 14.Rhd1 Na5 15.Bd4 Bf5+ 16.e4 Bxd4 17.Rxd4 Be6 18.b3 f6 19.f4 Kf7 20.Kb2 Rhd8 21.Rcd1 Rxd4 22.Rxd4 Nc6 23.Rd2 h6 24.Bf3 Bh3 25.Nb5 h5 26.Be2 h4 27.Bc4+ Be6 28.Bd5 hxg3 29.hxg3 a6 30.Nc3 Rd8 31.Na4 Bxd5 32.exd5 Nb4 33.Nc3 Nc6 34.Ka3 Na7 35.Kb4 Nc8 36.Ne4 Nd6 37.Nc5 Rc8 38.Ne6 b6 39.Rh2 Nf5 40.g4 Ne3 41.Rh7+ Ke8 42.Rh8+ Kd7 43.Rxc8 Kxc8 44.g5 Nxd5+ 45.Kc4 Ne3+ 46.Kd4 Nf5+ 47.Ke4 Kb7 48.Nf8 Nd6+ 49.Kd5 fxg5 50.fxg5 Nf7 51.Nxg6 Nxg5 1/2-1/2
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  8. #8
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    AW: Stavanger 2013

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...
    Die drei gewonnenen Weißpartien an den anderen Brettern dagegen glichen sich frappierend, denn in allen drei Fällen gelang es Weiß, seinen Gegner zu überspielen, in ein besseres Endspiel überzuleiten und den Vorteil dort in einen verdienten Sieg umzumünzen...

    In der Partie Svidler-Hammer sah es für mich wie ein gleiches Endspiel aus, das Hammer nach und nach entglitt.
    Faszinierend und erschreckend zugleich wie eine Stellung, die sogar mal leicht vorteilhaft aussah, sich zu einem Problem verwandelt.
    Und endlich wurde das Thema Turmendspiel mit 4:3-Bauern bei freiem a-Bauern mal wieder auf höchster Ebene behandelt.
    Vor ein paar Jahren gab es ja mal ein paar Artikel dazu in "Schach" anläßlich der Musterpatie Krakops-Dautov und einer verlorenen Partie der KO-WM von Las Vegas zwischen Akopjan und Kiril Georgiev.
    Erkenntnisse und Ergebnisse wurden auch in Dworetzkis Endspieluniversität umfangreich eingearbeitet.

    Die heutige Partie zeigt mir mal wieder, wie wenig "sicher" meine damaligen Erkenntnisse sitzen. Festzustellen bleibt, daß Hammer eine ganzandere Verteidigungsmethode verfolgte, als sie üblicherweise angestrebt wird.
    Hammer ging nicht hinter den Bauern sondern verteidigte seitlich.
    Ich dachte eigentlich, mit dem Verfahrenhinter dem Bauern hätte man immer noch brauchbare Remischancen, wenn man die Bauern am Königsflügel rechtzeitig zu einem Gegenspiel einsetzen kann.
    Die älteren Analysen zeigen wie kompliziert und genau beide Seiten vorgehen müssen.
    Vielleicht zu schwierig nicht nur für Amateure.
    Hammers Verteidigungsplan wirkt verdächtig, aber vieleicht nur für mich, der diese Turmendspiel trotz Bemühens immer nur rudimentärst versteht.

  9. #9
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    AW: Stavanger 2013

    Auch die 2. Runde führte wieder zu drei entschiedenen Partien. Die glücklichen Gewinner waren Lewon Aronian, Sergei Karjakin und Hao Wang. Vor allem für Sergei Karjakin stehen die Zeichen diesmal gut. Karjakin, der in Zug ein eher durchwachsenes Turnier gezeigt hat, liegt nach seinen Siegen gegen Radjabov und Hammer in Führung. Im Spiel zwischen GM und Super-GM war ein deutlicher Spielstärkeunterschied zu sehen. Zeigte Sergei Karjakin erst starkes Positionsspiel wie bspw. 5. ...Lb4+, um den Lc1 auf ein ungünstiges Feld zu zwingen oder eine nachhaltige In-Szene-Setzung seiner Läufer, so riß der gebürtige Ukrainer mit seinem 25. Zug durch eine kreative taktische Idee die Initiative endlich an sich. Der Norweger hatte diesen Zug anscheinend nicht auf dem Radar gehabt und zeigte sich gegenüber dem Gegner zunehmend hilflos. Gekonnt gewann Karjakin immer mehr Terrain, seine beiden Läufer waren gegen den norwegischen König gerichtet, und er eroberte die entscheidende offene e-Linie, die Haupteinfallsstraße für seine Schwerfiguren. Das war zuviel für den Weißen, der längst jeden Handlungsspielraum eingebüßt hatte und zusehen mußte, wie Karjakin forciert in ein gewonnenes Endspiel abwickelte und dort sicher den Punkt holte.

    Auch im Spiel Lewon Aronian gegen Hikaru Nakamura war es wieder die Taktik, welche die entscheidende Wende brachte. Im 24. Zug übersah der gebürtige Japaner einen Zwischenzug, mit dem der Weltranglistenzweite seinen Springer auf d6 überführen und diesem dort eine mächtige Wirkung verleihen konnte. Der Gegner war nun vollständig paralysiert, und jeder, der Nakamura kennt, weiß, daß er sich nun noch unwohler fühlt als andere Spieler in vergleichsweisen Situationen. Der Fehler ließ von daher auch nicht lange auf sich warten. Bei dem Versuch, sich mit der Brechstange zu befreien, spielte Nakamura ein inkorrektes Bauernopfer. Für den so entstandenen Freibauern, der für Weiß aber leicht aufzuhalten war, erhielt Weiß auf dem Damenflügel eine zu gewaltige und mit Figuren optimal unterstützte Zweibauernmehrheit, die schnell die Entscheidung herbeiführte.

    Peter Swidler indes scheiterte mit seinem Bauernopfer für Linienöffnung und Angriffsspiel gegen den klein rochierten König des Chinesen. Nach langem und ausdauerndem Kampf setzte sich der Materialvorteil von Hao Wang durch und verbannte den Russen erst einmal aus den Spitzenregionen des Teilnehmerfeldes.

    Im mit Spannung erwarteten Topspiel - ein Vorgeschmack auf den zukünftigen WM-Kampf in Chennai – zwischen Magnus Carlsen und Vishy Anand gab es ein leistungsgerechtes Unentschieden. Die Vorteile der beiden, Carlsens Zentrum und Anands starker Damenflügel, hielten sich ungefähr die Waage, woran auch das Endspiel nichts änderte. Am Ende hatten sich alle Figuren mit Ausnahme eines weißen Springers abgetauscht. Weselin Topalov wird mit seinem Remis hingegen mit Weiß gegen den krisengeschüttelten Radjabov nicht zufrieden sein. Aber nie hatte er es geschafft, auch nur ansatzweise zu einem Vorteil zu kommen während der Partie. Sein Gegner zeigte sich extrem solide und machte keine Fehler.

    Heutige Paarungen:

    Radjabov – Hammer
    Nakamura – Carlsen
    Karjakin – Wang
    Swidler – Aronian
    Anand – Topalov

    Es wird heute mit einem Sieg von Magnus Carlsen gerechnet, der bekannt dafür ist, gegen andere Topleute nur zu remisieren, aber schon relativ deutlich schwächere Gegner dafür umso sicherer bezwingen zu können. Natürlich ist Hikaru Nakamura mit seinen 2767 Elo alles andere als ein Leichtgewicht. Aber er spielt zuweilen ungenau, was Carlsen in der Regel sehr gut auszunutzen weiß. Sergei Karjakin hat gegen Hao Wang nun die Chance, sich mit 3/3 vom Teilnehmerfeld abzusetzen, und auch für Lewon Aronian geht es gegen Swidler um eine gute Ausgangslage für den Rest des Turniers. Eine weitere Toppartie ist natürlich das Spiel des neuen Himmelsstürmers Topalov gegen den Weltmeister. Es wird sicher wieder sehr spannend und gehaltvoll werden.
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  10. #10
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    AW: Stavanger 2013

    Das Super-Turnier in Stavanger gefällt mir schon jetzt spielerisch weitaus besser als das Aljechin-Memorial. Drei Runden sind nun gespielt worden, und zum dritten Mal in Folge gab es drei Gewinnpartien. Es war vor allem die Klasse der Partien, die beeindruckte. Wenn das so weitergeht, könnte Stavanger 2013 ein unvergessenes Turnier werden, auf einer Stufe mit dem legendärem Zürich 1953.

    Den Vogel schoß heute der Weltmeister ab, ein Spieler, der schon seit Jahrzehnten die Schachwelt mit immer neuen Perlen begeistert und dabei ist, Unsterbliches zu schaffen und sich selbst ein Denkmal aufzusetzen. Er ist ein Mann, vor dem man einfach Respekt haben muß, er ist eine der größten Figuren der Schachgeschichte, eine lebende Legende.

    Der Weltmeister ist ein anderer Spielertyp als Magnus Carlsen. Er weicht nicht den Hauptvarianten aus, sondern spielt sie, und durch sein hohes Eröffnungswissen dringt er tief in die Philosophie dieser Varianten ein. Er und sein gewaltiger Gegner, der Held von Zug, Weselin Topalov, lieferten sich ein spannendes Theorieduell im Englischen Angriff der Najdorf-Variante (weiß jemand, was hier die Neuerung war?). Topalov verfolgte dabei ein fragwürdiges Konzept. Er ging mit seiner Dame nach h2, um von dort aus den Damenflügel zu bedrohen, aber natürlich fehlte die Dame dafür im Zentrum, was der Weltmeister gekonnt auszunutzen wußte. Er hatte definitiv weiter gedacht als sein Gegner, als dieser meinte, mit 31. ...De3 in letzter Minute mit seiner Dame ins Zentrum zurückkehren zu können, um von dort die Stellung zu halten. Dies war aber schon nicht mehr der Fall, denn Anand überraschte den Bulgaren nun mit 32. Dh1!! und damit mit einem Zug, der an Schönheit und Tiefe nicht mehr zu überbieten war. Mit dem überraschenden Damenschwenk sorgte Anand für die endgültige Eroberung des Zentrums, weil die schwarze Dame nun den Angriffen der weißen Türme hilflos ausgesetzt ist, und er droht am Damenflügel mit dem Hebel h5. Unter diesem Druck brach Topalov dann nicht überraschend zusammen, 33. ...De5? war ein grober Fehler, der Anand die Möglichkeit zur sofortigen Entscheidung gab. Mit einer Traumkombination erntete der Weltmeister dann die Früchte seiner glänzenden Spielanlage und sorgte für einen würdigen Abschluß einer Partie, welche die Schachwelt niemals vergessen wird und die immer zu den Klassikern im Schach gehören wird. Der Weltmeister ist nun ein ganz heißer Aspirant auf den Turniersieg, er hat zwar „nur“ 2/3, hat aber mit Magnus Carlsen, Weselin Topalov und Lewon Aronian die gefährlichsten Gegner schon hinter sich. Gegen die „leichteren“ Kaliber muß er nun eifrig punkten, dann gewinnt er das Turnier. Ich drücke ihm die Daumen dafür!

    Der Weltranglistenerste, Lokalmatador Magnus Carlsen, der den Weltmeister bald herausfordern darf, kommt hingegen nicht so richtig in Fahrt. Er zeigte schon das dritte Remis in Folge und ist damit im Turnier noch ohne Sieg. Sein Spiel gegen Hikaru Nakamura wirkte dabei seltsam uninspiriert. Stattdessen gibt es mit Sergei Karjakin nun einen Anwärter auf den Titel, den vorher nur wenige auf der Rechnung gehabt haben dürften. Karjakin behauptet mit 3/3 eine makellose Bilanz und beginnt, dem Teilnehmerfeld langsam bedrohlich zu enteilen. Sein Vorsprung besteht nun nach nur drei Runden schon aus einem ganzen Punkt. Gegen Hao Wang siegte er mit einer technisch eindrucksvollen Vorstellung und tollem Positionsspiel, zermürbte langsam, aber sicher den Gegner, der am Ende keine Chance mehr für sich im Endspiel sah und entnervt aufgab.

    Der Pechvogel der letzten Zeit, Teimur Radjabov, hatte mit dem in diesem Turnier offenbar überforderten Jon Ludwig Hammer den idealen Aufbaugegner und spielte ihn erbarmungslos an die Wand. Das wird ihm hoffentlich wieder das nötige Selbstvertrauen geben, um auch Spiele gegen andere Super-GMs wieder erfolgreicher zu bestreiten. Ansonsten gab es ein eher ruhiges Remis zwischen Peter Swidler und Lewon Aronian. Auch der Weltranglistenzweite ist mit 2/3 noch gut dabei und zusammen mit Anand der zur Zeit gefährlichste Jäger für den Tabellenführer Sergei Karjakin.

    [Event "Norway Chess Tournament"]
    [Site "Sandnes NOR"]
    [Date "2013.05.10"]
    [EventDate "2013.05.08"]
    [Round "3"]
    [Result "1-0"]
    [White "V Anand"]
    [Black "V Topalov"]
    [ECO "B90"]
    [WhiteElo "2783"]
    [BlackElo "2793"]
    [PlyCount "82"]

    1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. Be3 e5 7. Nb3 Be6 8.
    f3 Be7 9. Qd2 O-O 10. O-O-O Nbd7 11. g4 b5 12. Rg1 Nb6 13. Na5 Rc8 14. g5
    Nh5 15. Kb1 Nf4 16. a3 g6 17. h4 Qc7 18. Bxf4 exf4 19. Nd5 Bxd5 20. exd5
    Nxd5 21. Qxd5 Qxa5 22. Rg4 Rc5 23. Qb3 d5 24. Rxf4 Qc7 25. Rfd4 Qh2 26. c3
    Rd8 27. Qc2 Qg3 28. f4 Bd6 29. Bg2 Bxf4 30. Bxd5 Kg7 31. Qe4 Qe3 32. Qh1
    Rd7 33. R1d3 Qe5 34. Qf3 Bh2 35. Be6 Re7 36. Re4 Rxe6 37. Rxe5 Rcxe5 38.
    Rd8 Re4 39. Ka2 Bf4 40. Rd7 Kg8 41. Ra7 1-0
    Geändert von Kiffing (11.05.2013 um 21:54 Uhr) Grund: Namenfehler von einem Spieler korrigiert
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  11. #11
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    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...
    Der Weltranglistenerste, Lokalmatador Magnus Carlsen, der den Weltmeister bald herausfordern darf, kommt hingegen nicht so richtig in Fahrt. Er zeigte schon das dritte Remis in Folge und ist damit im Turnier noch ohne Sieg. Sein Spiel gegen Hikaru Nakamura wirkte dabei seltsam uninspiriert...
    Ich bin nun wirklich kein Carlsen-Fan, obwohl ich es sein müßte. Schließlich war zu meiner Schach-Anfangszeit Karpov die große Nummer.
    Und an dem wurde auch immer wieder herumkritisiert und man fragte sich warum er dies und das gegen die besten der Welt irgendwie gewinnt.
    Ähnlich ergeht es jetzt teilweise Carlsen. Bei manchen Siegen fragt man sich, wo der Gegner eingebrochen und "gefehlert" hat.
    Carlsen hat heute einen gravierenden Nachteil gegenüber dem Tolya aus den 70er und 80er.
    Anhand der engines ist es heute deutlich einfacher, wenn auch nicht gänzlich fehlerfrei, herauszufiltern, wo die Gegner "fehlerten" oder wo der Meister selbst Glück hat.
    Früher blieb da ein größeres Mysterium der Unwissenheit und des Rätsels.

    Trotz allem spielte Karpov auch schon früher tolle Partien für das Auge und Magnus Carlsen macht dies auch heutzutage.

    Bei der Klasse der heutigen Schachspitze sind diese Perlen aber wesentlich seltener zu produzieren. Zu hart sind die anstrengungen schon um einen substantielleren Eröffnungsvorteil, von dem aus man brillieren und den Gegner fast vorführen kann.
    Leute, die teilweise aggressiver und damit mehr für das Zuschauerauge spielen, sind vermutlich Charakter wie Shirov, Morozevich und zeitweise Topalov und Chucky.
    Doch gerade diese Beispiele zeigen, wie schwierig es ist, auf dem Topniveau nach Elo und Turniererfolgen zu bleiben, wenn man "zu kreativ" spielt und den vorgegebenen Stellungen etwas mehr abverlangt, als in ihnen drinsteckt.

    Zur gestrigen Partie:

    Was soll Carlsen als Schwarzer machen?
    Nakamura, ein guter Kunde von ihm, kommt mit einer "Schleichvariante" an. Das kann durchaus giftig werden, wenn man in die Vorbereitung läuft.
    Schwarz, also Carlsen, spielt anscheinend eexzellent. Weiß hat keinen Futzel Vorteil und muß bald genau balancieren, um Ausgleich zu halten. Carlsen opfert als Schwarzer einen Bauern für ein starkes Zentrum und einen giftigen Läufer auf der großen weißfeldrigen Diagonalen.
    Er kann das Spiel aber nicht verhexen. Schach ist kein Wunschkonzert und wenn Naka, ja mittlerweise ein beständiger "Topten-Spieler" der Szene, nicht irgendwo nochmal Luft reinläßt, dann müßte Carlsen die Stellung "mißhandeln", um irgendwelche dubiosen Chancen zu erhalten.
    Ein Spiel auf Fehler des Gegners mit großen eigenen Risiken ist aber nicht unbedingt das, was viele unter Klasse-Schach verstehen. Das ist eher interessante "Schach-Zockerei" und bringt sicher einige Aufregung und Unterhaltung.
    Ich finde, man darf von den Schachspitzenspielern nicht permanent verlangen, daß sie den Entertainer oder Comedian des Schachpublikums machen. Das widerspricht einem erfolgreichen und hochklassigen Schachstil.
    Manche Zuschauerkommentare, z.B. auf chessbomb, zeigen nur, daß die Leute überzogene und unangemessene Erwartungen an eine Schachwettkampfpartie haben.
    Carlsen und Co können schon gar nicht aus jeder Schwarzpartie einen Schachthriller mit vielen Spannungsbögen und einen actionreichen Showdown machen.
    Schachwettkämpfe der Spitzenklasse haben keine Drehbücher ala Hollywood oder so.

    Ich finde den Begriff "uninspiriert" gerade am Beispiel der gestrigen Partie unpassend.

    Und am Vortag gegen Vishy:

    Der Anfang wirkte etwas plätschernd und siehe da, Carlsen erhielt eine Stellung mit durchaus vorhandene Gewinnchancen und Problemen für Vishy. Das gelingt beileibe nicht allen Spitzenspielern. Daß dies nicht mit Opfer, Opfer, Matt usw. oder Schach, Schlag, Schluuußßß gegen einen der besten Spieler aller Zeiten geht, versteht sich von selbst.
    Nach meinem Eindruck hat Carlsen nachgewiesen, daß Vishy nach wie vor Probleme gegen 3. Lb5+ im Sizilianer hat und bestimmt nicht den Stellungstyp erreicht der ihm vorschwebt, wenn er zu Sizilianisch greift.
    Nahezu 0 Gewinnchancen bei der Klasse seines Gegners und ein langer Überlebenskampf.

    Fazit: Im Schach kann man nicht in jeden Stellungstyp "Inspiration" bringen, wenn man erfolgreich spielen will und kein Vabanque-Spiel anstrebt.
    Geändert von zugzwang (11.05.2013 um 21:48 Uhr)

  12. #12
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    Zitat Zitat von zugzwang Beitrag anzeigen
    Bei der Klasse der heutigen Schachspitze sind diese Perlen aber wesentlich seltener zu produzieren. Zu hart sind die anstrengungen schon um einen substantielleren Eröffnungsvorteil, von dem aus man brillieren und den Gegner fast vorführen kann.
    Leute, die teilweise aggressiver und damit mehr für das Zuschauerauge spielen, sind vermutlich Charakter wie Shirov, Morozevich und zeitweise Topalov und Chucky.
    Doch gerade diese Beispiele zeigen, wie schwierig es ist, auf dem Topniveau nach Elo und Turniererfolgen zu bleiben, wenn man "zu kreativ" spielt und den vorgegebenen Stellungen etwas mehr abverlant, als in ihnen drinsteckt.
    Na ja, ganz so pessimistisch sehe ich das jetzt nicht. Ich würde z. B. Deine Auflistung gerne um Lewon Aronian ergänzen, und der ist mit stolzen 2809 immerhin der Weltranglistenzweite. Und der andere absolute Spitzenspieler, der für kreatives Angriffsspiel bekannt ist, Weselin Topalov, hat gerade mit deutlichem Vorsprung das Grand-Prix-Turnier in Zug gewonnen. Schachexperten sind sich darin einig, daß Topalov in der Vergangenheit noch größere Erfolge hätte erzielen können, wenn er sich nicht zuweilen selbst im Weg stand und sich durch unnötige Fehler um die Früchte seiner Arbeit brachte. Und auch so war Topalov mal Weltmeister. Ansonsten hält es sich so die Waage, was den Stil der bisherigen Weltmeister angeht. Karpov und Capablanca etwa waren betont positionell, und Tigran Petrosjan sogar durchaus defensiv orientiert. Aber es gab ja auch die anderen wie Aljechin, Tal, Fischer und - gar nicht solange her - Garri Kasparov. Schach ermöglicht es vielen Spielphilosophien, miteinander auf Augenhöhe ihre Kräfte messen zu lassen. Und die Vorteile einer Offensivstrategie gegenüber eines Perfektionsstils liegen ja auf der Hand. Der Angriffskünstler stellt den Gegner vor mehr Probleme als der Perfektionist, so daß er leichter den Sieg einfahren kann und mehr Partien gewinnt. Natürlich hat er gegenüber dem Perfektionisten auch seine Nachteile. Aber daran, daß Angriffsspieler nicht zur absoluten Weltspitze vordringen können, glaube ich nicht. Das gibt auch empirisch die Schachgeschichte nicht her.

    Was die gestrige Carlsen-Partie angeht, so sollte man meine Beurteilung in Relation zu der Spielstärke Carlsens setzen. Hätte ein Jon Ludwig Hammer gegen Nakamura so gespielt wie gestern Carlsen, hätte ich durchaus von einer ausgezeichneten Leistung Hammers gesprochen. Aber der Schwarzspieler war gestern Carlsen, und da liegen die Erwartungen natürlich ungleich höher. Es ist nun einmal ein Fakt, daß Carlsen mit drei Remis nicht zufrieden sein kann mit dem bisherigen Turnierverlauf. Allerdings gebe ich Dir Recht damit, daß seine Partien bisher auch für seine Verhältnisse nicht schlecht waren. Es fehlt aber durchaus der Reiz des Besonderen, was z. B. Vishy Anand gestern geleistet hat.
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  13. #13
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    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ... Und der andere absolute Spitzenspieler, der für kreatives Angriffsspiel bekannt ist, Weselin Topalov, hat gerade mit deutlichem Vorsprung das Grand-Prix-Turnier in Zug gewonnen. Schachexperten sind sich darin einig, daß Topalov in der Vergangenheit noch größere Erfolge hätte erzielen können, wenn er sich nicht zuweilen selbst im Weg stand und sich durch unnötige Fehler um die Früchte seiner Arbeit brachte. Und auch so war Topalov mal Weltmeister.
    Und in welchem Stil hat Topa in Zug gewonnen?
    Im Hurrastil mit Show und Unterhaltung in jeder Partie?
    Oder das gespielt, was Stellung und/oder Gegner zuließen und notwendig machten?

    Ein Turnier, wie weiland San Luis 2005 mit dem ersten Durchgang gibt es nur alle Jubeljahre.
    Beim einzigen "Halben" im ersten Durchgang gegen Vishy hatte er auch Gewinnstellung, oder ?!

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...
    Ansonsten hält es sich so die Waage, was den Stil der bisherigen Weltmeister angeht. Karpov und Capablanca etwa waren betont positionell, und Tigran Petrosjan sogar durchaus defensiv orientiert. Aber es gab ja auch die anderen wie Aljechin, Tal, Fischer und - gar nicht solange her - Garri Kasparov. Schach ermöglicht es vielen Spielphilosophien, miteinander auf Augenhöhe ihre Kräfte messen zu lassen. Und die Vorteile einer Offensivstrategie gegenüber eines Perfektionsstils liegen ja auf der Hand. Der Angriffskünstler stellt den Gegner vor mehr Probleme als der Perfektionist, so daß er leichter den Sieg einfahren kann und mehr Partien gewinnt. Natürlich hat er gegenüber dem Perfektionisten auch seine Nachteile. Aber daran, daß Angriffsspieler nicht zur absoluten Weltspitze vordringen können, glaube ich nicht. Das gibt auch empirisch die Schachgeschichte nicht her...
    Die "goldenen" Schachzeiten haben sich massiv geändert.
    Heute landen sehr viele "Spitzenpartien" recht früh in damenlosen Mittelspielen mit dem Kampf um klein(st)e Vorteile.
    Den Typus "Angriffsspieler" gibt es heute nicht mehr (in der Weltspitze) und ich glaube nicht, daß er wiederkehrt. Die Weltklasse spielt universell und setzt damit das fort, was seit Spassky Grundkriterium für den Weltmeister bzw. Weltranglistenersten war und ist.
    Natürlich gibt es noch eine gewisse Bandbreite auf der Skala, doch auch und gerade ein Aljechin und auch ein Tal errangen ihre Titel durch "Klein-Klein-Spiel" - Tal etwas weniger, Aljechin dafür umso mehr. Aljechin hatte sich sehr stark umgestellt.
    Warum wohl? Weil ein zu einseitiger Offensivstil wohl nur von einer "Engine" gegen Capa erfolgreich gewesen wäre.

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...
    Was die gestrige Carlsen-Partie angeht, so sollte man meine Beurteilung in Relation zu der Spielstärke Carlsens setzen. Hätte ein Jon Ludwig Hammer gegen Nakamura so gespielt wie gestern Carlsen, hätte ich durchaus von einer ausgezeichneten Leistung Hammers gesprochen. Aber der Schwarzspieler war gestern Carlsen, und da liegen die Erwartungen natürlich ungleich höher. Es ist nun einmal ein Fakt, daß Carlsen mit drei Remis nicht zufrieden sein kann mit dem bisherigen Turnierverlauf. Allerdings gebe ich Dir Recht damit, daß seine Partien bisher auch für seine Verhältnisse nicht schlecht waren. Es fehlt aber durchaus der Reiz des Besonderen, was z. B. Vishy Anand gestern geleistet hat.
    Carlsen ist ein Spieler klassischen Zuschnitts. Ich habe die Statistiken nicht so im Kopf oder zur Hand wie ein "alexmagnus", meine mich aber zu erinnern, daß Carlsen eigentlich ein "Weißriese" ist und mit Schwarz nicht diesen "High-Score" erzielt (Karpov grüßt auch iher!).
    Das entspricht der klassischen Spielauffassung, daß Schwarz zunächst um Ausgleich bemüht sein muß und es eben bei ähnlicher Spielstärke schwieriger ist, mit Schwarz das Spiel zu machen.
    Wie es Carlsen mit Schwarz gestern versucht hat gegen einen Schach-Riesen wie Nakamura, fand ich beeindruckender als viele seiner erfolgreicheren Weißversuche der letzten Jahre.
    Natürlich darf man festhalten, daß aktuell der "Weißnimbus" von Carlsen etwas stottert. Hat er in Wijk zu Jahresanfang kaum ein Remis mit Weiß abgegeben, so hat er im wichtigen Kandidatenturnier mit Weiß sogar seine beiden Niederlagen erlitten.
    Wobei die Partie gegen Svidler unter ganz besonderen vorzeichen stand und sicher nicht zu den normaleren Weißpartien in der Karriere von Magnus Carlsen gehört.
    Und jetzt 2 Weißremisen gegen ehemaligen Weltranglistenerste und (EX-)Weltmeister sowie 2 der erfahrensten und topvorbereiteten Gegner, die auf diesem Planeten rumlaufen.
    Das zeigt nur, wie schwer es auch für einen Weltranglisten-1. mit ungewöhnlichen 50-60 Punkten Vorsprung ist.
    Beeindruckend war und ist, wie Carlsen sich konstant über 3-4 Jahre diesen Status herausspielte.
    Ich gebe gern zu, daß er aus meiner sicht gerne wieder zu den anderen etwas hinabsteigen kann, damit dieser "Hype" um sein Spiel, auch wenn es mal nicht zwischen 2900-3000-Performance, mal wieder normalere und angenehmere Züge annimmt.

    Zu Aronjan:

    Aktuell mein Lieblingsspieler, gerade auch weil in kein Schema einzuordnen ist und auch mal Schwankungen zeigt.

    Zu Hammer:

    Hammer hat Eröffnung und weite Phasen des Mittelspiels in allen 3 Turnierpartien gut überstanden.
    Erst im späten Mittelspiel und dann im Endspiel ist er auseinandergebrochen.
    Gegen Radjabov spielte auch die beiderseitige Zeitnot mit. Die Partie war kein "Solo" oder Spiel auf ein Tor von Radjabov.

    Warum Hammer in der Schlußphase nicht mehr mithalten konnte, kann verschiedene Gründe haben. Fehlende Erfahrung und Praxis auf diesem Niveau eben 6 Stunden mehrere Tage hintereinander schachlich schwerstarbeiten zu müssen. Für einen Halbprofi und Studenten sicher ein großer Nachteil, diese Erfahrungen noch nie gehabt zu haben.
    Geändert von zugzwang (11.05.2013 um 22:42 Uhr)

  14. #14
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    AW: Stavanger 2013

    Ich möchte anmerken, daß ich absolut nichts gegen Magnus Carlsen habe, dessen sensationelle Erfolge mich stets beeindruckt haben. Ich schrieb hier im Forum ja schon davon, daß Carlsen nun eine neue Epoche einleiten könnte mit einer ähnlichen Dominanz gegenüber dem Rest der Welt wie weiland Fischer oder Kasparov. Leider ist die Diskussionskultur im Falle Carlsen teilweise sehr schwierig, weil Carlsen einen ungeheuren Polarisierungsfaktor freisetzt, was die Einstellung gegenüber dem Weltranglistenersten oft zu einer (ungewollten) Weltanschauungsfrage macht. Selbst wenn fair diskutiert wird, müssen sich Kritiker von Carlsen Vorwürfe gefallen lassen, sie seien Neider, die Carlsen den Erfolg nicht gönnen und obendrein respektlos angesichts der ungeheuren Leistungen dieses Ausnahmespielers. Auf der anderen Seite werden Schachfreunde, die Carlsens Entwicklung positiv sehen, was angesichts seiner objektiven Leistungen auch nicht schwer ist, als naive Carlsenjünger beschimpft, die unkritisch auf einen wie auch immer medial erzeugten Hype anspringen und den Norweger glorifizieren. Ich versuche, Magnus Carlsen objektiv zu sehen und seine Leistungen fair zu beschreiben (was dramatische Formulierungen nicht ausschließt), ungeachtet dessen, daß mir vor allem der erste Punkt sehr schwer fällt. Aber ich versuche es zumindest.

    Was die Schachgeschichte angeht, so erinnere ich mich, daß schon in den „Goldenen Schachzeiten“ (ich nehme mal an, Du spielst auf Vidmars Zeiten an) davon gesprochen wurde, das zunehmende Niveau an Eröffnungstheorie und das zunehmende Wissen über die „wissenschaftlichen“ Grundlagen des Schachspiels würde dazu führen, daß das Schachspiel den Remistod erleiden würde. Genau diese Befürchtung impliziert unmißverständlich die Aussage, glanzvolle Siege seien aufgrund des gegnerischen Widerstands nicht mehr möglich. Wir wissen heute, daß diese Befürchtung schon damals falsch war. Nicht nur wurden die kreativen Potentiale des Schachspiels und sein ungeheurer Komplexitätsgrad unterschätzt. Es wurden auch die Methoden zur Verwissenschaftlichung des Spiels überschätzt. Schach ist kein Spiel, das sich nach festen Rezepten leicht erlernen lassen kann, den sehr zähen Spielstärkezuwachs, den viele, auch sehr lernbereite Schachspieler immer wieder bei sich beobachten können, der gerade bei Erwachsenen, selbst wenn diese weiterhin trainieren, ganz zum Erliegen kommen kann, bestätigt diesen Umstand seit Generationen. Es waren vor allem die Hypermodernen, die Sowjetische Schachschule mit ihrem konkret-schöpferischen Ansatz, und Alexander Aljechin, von dem mir neben „Klein-Kleinspiel“ übrigens auch jede Menge glorreicher Angriffssiege bekannt sind, die diese Gefahr verbannen konnten, auch wenn das Gespenst des Remistods nie ganz aus der Versenkung verschwunden ist und immer wieder als Bedrohung am Schach-Firmament kurz erscheint. Es liegt wohl in der Natur von uns Menschen, daß wir den aktuellen Zustand einer Entwicklung zu unkritisch glorifizieren, weil wir bei der Beobachtung und Bewertung dieses Prozesses nur nach unten schauen können, nicht aber nach oben. Wir kennen i. d. R. nichts Besseres als das, was wir derzeit vorfinden, und wir können uns nur schwer vorstellen, daß dieser Prozeß immer weitergetragen wird. Wir haben nur das dumpfe Gefühl der Vorstellung einer weiteren Entwicklung in der Zukunft, aber uns fehlt die Phantasie, diese Vorstellungen mit Farben und Konturen zu füllen. Dieses Bild einer Vorstellung erscheint uns so vage und unbestimmt, daß wir dies zu oft einfach nicht beachten oder beiseite schieben. Ich erinnere mich an die putzigen Bilder, welche die Menschen um 1900 gemalt haben zum Thema, wie stelle ich mir die Welt in 100 Jahren, also im damals utopischen Jahr 2000 vor. Die Menschen waren neben der Vorstellung von Erfüllungen, die bislang noch nicht möglich waren (z. B. Flugmaschinen zum Zwecke des Personentransports), einzig und allein dazu in der Lage, die zeitgemäßen Entwicklungen auf technische Art zu optimieren ohne mögliche Entwicklungen und neue Strömungen auf geistig-kulturellem Niveau zu antizipieren. Bspw. wurde sich eine Schule vorgestellt, wo in den Klassen an der Decke eine Apparatur eingebaut war, mit welcher der Lehrer jedem ausgesuchten Schüler ganz maschinell die Ohren lang ziehen konnte. Daß Schule aber philosophisch ganz anders möglich sein kann, wurde nicht erkannt. Ja, auch in 100 Jahren werden die Schachspieler auf das Jahr 2013 herabblicken und sich über gängige Vorstellungen unserer Zeit amüsieren, die durch den Entwicklungsprozeß längst widerlegt sind.

    Die Vorstellung, daß der Schwarzspieler erst einmal den Ausgleich sicherstellen sollte, ist tatsächlich eine sehr klassische Herangehensweise. Mindestens genauso populär und anerkannt ist allerdings die andere Herangehensweise, daß man auch schon als Schwarzspieler auf Angriff spielen kann, indem man z. B. heterogene und ambivalente Strukturen anstrebt. Gerade Michail Botwinnik hat hier wahre Pionierarbeit geleistet und viele Eröffnungssysteme, die dieses Spiel auf Sieg als Schwarzer von Anfang an ermöglichen, entwickelt. Und auch ein Wladimir Kramnik, der einst bekannt dafür war, als Schwarzer nie zu gewinnen, hat sich (nach meinen Erinnerungen seit der verlorenen WM gegen Anand 2008 in Bonn, wo er mit seiner Spielphilosophie Schiffbruch erlitten hatte) umgestellt und wurde durch zahlreiche Schwarzsiege belohnt, die er seiner Erfolgslegende zugeführt hat.

    In diesem Sinne hat Boris Spasski mit seinem Universalstil keine Entwicklung des Schachspiels abgeschlossen. Sein Stil war nicht wegweisend, sondern einer von vielen Stilen, welche das seiner Natur nach demokratische und pluralistische Schachspiel zuläßt, was die Stilvielfalt der anerkannten Weltmeister der Schachgeschichte beweist. Ein jeder Weltmeister hat anders gespielt als der andere, und hatte seine eigene Philosophie, mit der er die Schachgeschichte bereichert hat, und diese Unterschiede haben unzählige feinere Schattierungen als die extrem grobe Unterteilung in Angriffs- und Positionsspieler. Schon die Nachfolger Spasskis, Fischer, Karpov und Kasparov gingen bereits über den Gehalt von Spasski hinaus und entwickelten das Schach mit ihren Rezepten weiter. Garri Kasparov z. B. hat gezeigt, daß man auch auf höchstem Niveau das Schachspiel so anlegen kann, daß man bereits in der Eröffnung die Weichen schon auf Sieg stellt. Er hat dies oft genug geschafft.

    In diesem Kontext beobachte ich auch auf Spitzenturnieren nicht nur schnelle damenlose Mittelspiele, die zäh bis ins Endspiel getragen werden, sondern auch von vielen als glanzvoll empfundene Siege aufgrund von tollen Angriffen und überraschenden Kombinationen. Was diese Art von Siegen angeht, so ist mir bei Magnus Carlsen in jüngster Vergangenheit nur sein Sieg gegen Nakamura in Erinnerung geblieben. Anderen Spielern wie Topalov, Aronian, Anand, aber auch Karjakin gelingen wesentlich öfter „Glanzsiege“. Damit möchte ich freilich nicht den Stab über Magnus Carlsen brechen, warum sollte ich das auch tun? Es ist ja nur meine subjektive Empfindung, und selbstverständlich hat Magnus Carlsen jedes Recht der Welt, mit seinem Spielverständnis die Schachwelt zu bereichern. Trotzdem habe ich diese meine Einschätzung erwähnt, die Bewertung überlasse ich jedem selbst. Erwähnen möchte ich freilich, daß die Schachgeschichte immer wieder gezeigt hat, daß auf eine Epoche, wo der Weltmeister eher ein Perfektionist ist, oft genug eine Epoche eines Weltmeisters gefolgt ist, wo der Titelträger die Massen begeistern konnte und dem Spiel damit wieder eine neue Popularität zuführte. Beispiele wären der Wechsel von Capablanca zu Aljechin, der Wechsel von Botwinnik zu Tal oder eben der Wechsel von Karpov zu Kasparov.

    Zu Jon Ludwig Hammer, so ist er natürlich kein Spieler mit einer DWZ um 800, der seine Partien in Stavanger immer in 10-15 Zügen verliert. Er ist ein GM im 26xxer Bereich und liegt damit nur wenig mehr als 100 Punkte hinter den anderen. Dieser Spielstärkeunterschied ist allerdings zu spüren, und nicht einmal übertrieben subtil. Ein starker Spieler hat einmal gesagt, gerade in entscheidenden Situationen zeigt sich der Spielstärkeunterschied am stärksten. Wie oft haben wir es nicht selbst schon erlebt, daß wir oder andere Spieler gegen einen klaren DWZ-Favoriten lange sehr gut mithalten können, um dann diese Partie am Ende doch noch zu verlieren? Genau das zeigt sich bei Jon Ludwig Hammer in Stavanger. Alle seine Gegner hatten bisher ein Rezept gegen ihn gefunden, und irgendwann kam bisher immer der Einbruch des Weggefährten von Magnus Carlsen.
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  15. #15
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    AW: Stavanger 2013

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ... Leider ist die Diskussionskultur im Falle Carlsen teilweise sehr schwierig, weil Carlsen einen ungeheuren Polarisierungsfaktor freisetzt, was die Einstellung gegenüber dem Weltranglistenersten oft zu einer (ungewollten) Weltanschauungsfrage macht. Selbst wenn fair diskutiert wird, müssen sich Kritiker von Carlsen Vorwürfe gefallen lassen, sie seien Neider, die Carlsen den Erfolg nicht gönnen und obendrein respektlos angesichts der ungeheuren Leistungen dieses Ausnahmespielers. Auf der anderen Seite werden Schachfreunde, die Carlsens Entwicklung positiv sehen, was angesichts seiner objektiven Leistungen auch nicht schwer ist, als naive Carlsenjünger beschimpft, die unkritisch auf einen wie auch immer medial erzeugten Hype anspringen und den Norweger glorifizieren. Ich versuche, Magnus Carlsen objektiv zu sehen und seine Leistungen fair zu beschreiben (was dramatische Formulierungen nicht ausschließt), ungeachtet dessen, daß mir vor allem der erste Punkt sehr schwer fällt. Aber ich versuche es zumindest...
    Da gibt es einige Ähnlickheiten, aber auch eine gewissen Unterschied.

    Ich selbst mag Carlsen als Person nicht besonders. Das basiert auf auf den glaubhaften Berichten über versuchte Zugzurücknahmen. Belegt sind wohl die Partien gegen Vugar Gashimov und insbesondere Alexandra Kostenjuk mit einer Videosequenz.
    Derartige Vorkommnisse gehen für meine Begriffe gar nicht und sehr, sehr viele Schachspieler von 2800 bis unter 1000 Elo kommen gar nicht erst in die Nähe zu einen derartigen Verhalten.

    Ein anderes Thema ist das Schach, das Magnus Carlsen spielt.
    Hier stört mich das Brimborium, das von Fans sowie Neidern gemacht wird und das häufig keine deratige grundlage in der "gehypten" oder "gebashten" Partie selbst hat.
    Die Turnierergebnisse und die Elo-Performance von M. Carlsen rechtfertigen schon eher einen "Überschwang". Die Konstanz auf höchstem Niveau und gegen aufgewachte Konkurrenz ist beeindruckend und verdient große Anerkennung.
    Einen Popstar des Schachs möchte ich aus diesen Ergebnissen aber nicht erschaffen. Die Vergangenheit kennt zumindest 2 Spieler, deren Status und Rummel um ihr Schach sie (vermutlich) mit beeinflußt hat, ihre Reputaton auch zu Lasten des Schachsports und der anderen herausragenden Spieler einzusetzen.

    Das Gegenteil der Hyper sind die Basher, die nur darauf warten, daß Carlsen mal ein paar Elo-Punkte in der Live-Rangliste abgibt oder in den Partien mal etwas wackelt laut "Ängie Leidt".
    Tatsächlich bilden sich derartige Extrema nur bei Spielern heraus, die tatsächlich etwas herausragendes, besonderes im Schachsport darstellen.
    Auf den überflüssigen Nebenschlachtfeldern geht dann die Energie verloren, die besser in das Verständnis der tatsächlichen Partien einfließen sollte.

    Herausragende Partien von Carlsen aus der letzten Zeit:

    Die beiden Schwarzsiege im Kandidatenturnier gegen Svidler und Gelfand fand ich sehr stark.
    Svidlerwar ja nicht in schlechtester Form und trat noch mit Chancen mit Weiß gegen Carlsen an, der ihn "abtropfen" ließ.
    Das Konzept der Schaffung von Siegchancen (=herbeiführung von Ungleichgewichten) in der Partie gegen Gelfand war beeindruckend.
    Ein so starker Spieler wie fühlte sich erkennbar unwohl in der Situation und verpaßte den immer schwieriger werdenden Ausgleichsweg.
    In Wijk hat Carlsen zu Jahresanfang gleich mal wieder Naka abgefertigt.
    Nicht ganz so brillant und spektakulär wie ein Jahr zuvor, aber auch mit klarer (Hand)kante.
    Der Sieg gegen Judit Polgar bei den London Chess Classics 2012 paßt stilistisch bestens zu einem Capablanca. Die Schlußphase mit wenig Material und einer überspielten Judit ist eine Augenweide und Produkt einer viel Züge früher getroffenen hervorragenden Stellungseinschätzung und -berechnung.
    Diese Partie finde ich faszinierend.

    Hammer:

    Der einzige, der Hammer vor dem Endspiel teilweise überspielte und in Schwierigkeiteen brachte, war Karjakin.
    Svidler und Radjabov konnten den Ratingunterschied erst nach einigen eigenen Leiden und unsicherheiten ausspielen.

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