Das traditionsreiche Schachturnier in Hastings, das seit 1920/1921 immer um die Weihnachtszeit stattfindet und bis ins neue Jahr hineinreicht, ist eine Topadresse im internationalen Schach. Schon 1895, als das Turnier noch im Sommer stattfand, sorgte hier der junge Harry N. Pillsbury, den niemand auf der Rechnung hatte, mit seinem Turniersieg für Furore. Damit brach er abrupt als fünfter in das Quartett der damaligen Spitzenspieler auf der Welt ein, Tarrasch, Lasker, Steinitz und Tschigorin. Heute wollen wir uns an Hastings 1953/54 erinnern, wo es einige Verwicklungen gab, die Krisen auslösten. Der Auslöser war die überraschende Teilnahme zweier Sowjetspieler, nämlich David Bronstein und Alexander Tolusch. Diese Zusage, die erst kurz vor Toresschluß kam, hatte das Turnierkomitee offenbar überrascht. Denn seit 1934 hatte kein sowjetischer Spieler mehr an Hastings teilgenommen, und man fragte in der Sowjetunion nur noch pro forma nach. Der Veranstalter stand nun vor einem Problem, denn da niemand damit gerechnet hatte, daß die Sowjetunion nach 20 Jahren doch noch teilnehmen würde, war man bereits in Spanien vorstellig geworden und hatte dem katalanischen Meister Roman Bordell zwei Tage vorher eine Einladung versandt. Nun wären elf statt den angestrebten zehn Teilnehmern dabei gewesen, und da man auf die sowjetischen Teilnehmer nicht verzichten wollte, wurde das Angebot an Bordell wieder storniert.

Die Teilnahme dieser sowjetischen Großmeister war für das Turnier tatsächlich attraktiv gewesen. Zum einen stand das sowjetische Schach damals hoch im Kurs, und die sowjetischen Spieler galten spätestens seit dem Radiomatch gegen die USA 1945, das die UdSSR mit 15,5-4,5 für sich entschied, als die Allerbesten. Und zum anderen wertete man in Hastings die Teilnahme von sowjetischen Spielern bei diesem Turnier als Anzeichen des Tauwetters, das seit Stalins Tod am 5. März dieses Jahres eingesetzt hatte. Dieser politischen Bedeutung wollte man sich nicht entziehen. Und tatsächlich zog dieses Turnier zahlreiche Fernsehsender und Medien aus aller Welt an. Unser „größtes Ereignis seit 1066“ jubelte man im Fremdenverkehrsheim (ebd.). Hastings 1953/54 sollte ohnehin ein ganz besonderes Turnier werden. Elisabeth II. hatte in diesem Jahr den englischen Thron bestiegen, und so wurde das Turnier kurzerhand zum „Krönungskonkreß“ erklärt. Die Organisation des Turniers hatte offenbar keine Wünsche offengelassen. Der ebenfalls teilnehmende Westdeutsche Rudolf Teschner, der mit 4,5/9 ein respektables Ergebnis erzielte, erklärte Hastings 1953/54 rückblickend gar zu seinem „schönsten Turnier“.

Doch nicht alle sollten mit diesem Turnier so zufrieden sein. Weil David Bronstein zusammen mit dem Lokalmatadoren Alexander nur geteilter Erster wurde, ließ das Sowjetsystem in seiner gleichgeschalteten Presse wieder eine ihrer berüchtigten Denunziationen los und beschimpfte David Bronstein auf das Übelste. Der Co-Sieger, der aufgrund des Stalinschen Terrors bereits seinen Vater verloren hatte, sei „selbstgefällig“ und „eingebildet“, bereite sich „nicht ernst auf die internationalen Turniere vor“ und „kehre nicht als Sieger heim“, hieß es. Offenbar verzieh man Bronstein in Moskau vor allem seine Niederlage gegen Alexander (Partie, siehe Anhang) nicht, denn gegen die anderen (+5, =3) hatte er sich mehr oder weniger schadlos gehalten. Das System machte Ernst und schickte für ihre beiden „Versager“ im nächsten Jahr in Hastings Paul Keres und Wassili Smyslow ins Rennen. David Bronstein indes sollte nie zu einem Freund des Sowjetsystems werden. Der so Gescholtene gehörte zu den wenigen sowjetischen Spielern, die sich 1976 geweigert hatten, eine Protestnote gegen den geflüchteten und von der UdSSR daraufhin bis zum Pasadena-Zwischenfall von 1984 boykottierten Viktor Kortschnoi zu unterzeichnen, und er mußte einen hohen Preis dafür bezahlen. Mit dem drakonischen Urteil einer 14jährigen Auslandssperre zerstörte der Staat praktisch die Schach-Karriere des WM-Finalisten von 1951, der Botwinnik um ein Haar bezwungen hätte.

Ein anderer Zankapfel wurde die Ausbootung des Spaniers Bordell. Der spanische Schachverband reagierte empört, weil die Engländer wegen „den Russen“ auf ihren Landsmann verzichtet hätten, und brach die Beziehung zum englischen Schachverband sogar ab. Besonders pikant war, daß der vom Clubvorsitzenden Morren mit der Absage beauftragte Manager Rhoden dem Spanier eigenmächtig erklärt hatte, die „Russen“ würden sich weigern, zusammen mit „Franco-Spaniern“ ein Turnier zu bestreiten. In England hatte man Mühe, die Wogen wieder zu glätten, und auch die Sowjetunion erklärte, die Angabe Rhodens stimme nicht. In Wirklichkeit würde man sich „freuen“, sich auch mit Spaniern „in olympischem Geiste“ zu messen (vgl.).

[Event "Hastings"]
[Site "7"]
[Date "1953.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "David Bronstein"]
[Black "C H Alexander"]
[ECO "A80"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "240"]

1.d4 f5 2.e4 fxe4 3.Nc3 Nf6 4.f3 exf3 5.Nxf3 g6 6.Bf4 Bg7
7.Qd2 O-O 8.Bh6 d5 9.Bxg7 Kxg7 10.O-O-O Bf5 11.Bd3 Bxd3
12.Qxd3 Nc6 13.Rde1 Qd6 14.Kb1 a6 15.Re2 Rae8 16.Rhe1 e6
17.Ne5 Nd7 18.Nf3 Rf5 19.Re3 e5 20.dxe5 Ndxe5 21.Nxe5 Rfxe5
22.Rxe5 Rxe5 23.Rxe5 Qxe5 24.Qxd5 Qxh2 25.Qd7+ Kh6 26.a3 Qd6
27.Qc8 Nd8 28.g4 Kg7 29.b3 c6 30.g5 Qe7 31.Qg4 Nf7 32.Ne4 Qxa3
33.Qe6 Qa5 34.Nd6 Nxd6 35.Qf6+ Kg8 36.Qxd6 Qe1+ 37.Ka2 Qe8
38.Qc7 b5 39.Kb1 Qe1+ 40.Kb2 Qe6 41.b4 Qe4 42.Qd8+ Kf7 43.Qf6+
Ke8 44.Qd6 Qd5 45.Qf6 Kd7 46.Qg7+ Kd6 47.Qf6+ Kc7 48.Qg7+ Qd7
49.Qe5+ Qd6 50.Qg7+ Kb6 51.Qc3 Qe7 52.Qd4+ Kb7 53.c3 Qf7
54.Qh8 Kb6 55.Qd4+ Kb7 56.Qh8 Qd7 57.Ka3 Qe7 58.Qf6 Qc7 59.Kb2
a5 60.bxa5 Qxa5 61.Qe6 Qc7 62.Kb3 Qf4 63.Qd7+ Kb6 64.Qd8+ Kc5
65.Qe7+ Kb6 66.Qd8+ Kc5 67.Qe7+ Kd5 68.Qd7+ Qd6 69.Qg4 Qc5
70.Qd7+ Ke5 71.Qxh7 Kf5 72.Qd7+ Kxg5 73.Qd2+ Kf6 74.Qd8+ Kf7
75.Qc7+ Qe7 76.Qf4+ Kg7 77.Qd4+ Qf6 78.Qe4 Kf7 79.Kb2 Qd6
80.Qf3+ Qf6 81.Qe4 g5 82.Qh7+ Ke6 83.Qe4+ Kd6 84.Qd3+ Kc7
85.Qh7+ Kb6 86.Kc2 Qf4 87.Qe7 Qf2+ 88.Kb3 Qd2 89.Qe8 Qd5+
90.Kb2 Qd6 91.Qe3+ Qc5 92.Qe8 Qf2+ 93.Kb3 Qf6 94.Qd7 Kc5
95.Kc2 Qe5 96.Qd8 Qe4+ 97.Kb2 g4 98.Qd7 Kc4 99.Qd1 Qg2+
100.Ka1 c5 101.Qc2 Qf1+ 102.Kb2 Kd5 103.Qd2+ Ke4 104.Qg5 Qf5
105.Qh4 Kf3 106.Qh1+ Ke2 107.Qg2+ Ke1+ 108.c4 b4 109.Qg1+ Ke2
110.Qg2+ Ke3+ 111.Kb3 Qd3+ 112.Ka4 Qxc4 113.Qg3+ Kd2 114.Qf2+
Kc3 115.Qe3+ Kb2 116.Qe5+ Qc3 117.Qg5 g3 118.Qg4 g2 119.Qg5
Qc1 120.Qxc5 Qc2+ 0-1