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Thema: Der größte Meister des Schatrandsch in Aktion

  1. #1
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    Der größte Meister des Schatrandsch in Aktion

    Das arabische Schatrandsch ist der Nachfolger des indischen Urschachs Tschaturanga und der Vorläufer unseres modernen europäischen Schachs. Als sich das Schachspiel auch in Europa verbreitete, wurde bis zu den bekannten Reformen kurz vor dem 16. Jahrhundert mehr oder weniger überall so gespielt wie nach den Regeln des Schatrandsch. Die wichtigsten Unterschiede des Schatrandsch zum heutigen Schach im Überblick:

    - Der Läufer (Alfil) zog zwei Felder diagonal und konnte überspringen
    - Die Dame (Fers) zog nur ein Feld diagonal
    - Es gab keine Rochade, der König verfügte aber über einen Springerzug, den er einmal pro Partie ausführen durfte.
    - Die Bauern durften auch im ersten Zug nur ein Feld weit ziehen und mußten sich im Umwandlungsfall in einen Fers verwandelten.

    Weil das Schatrandsch von seinem Spieltempo her wesentlich bedächtiger war als das vergleichsweise dynamische moderne Schach, konnte auch mit Hilfe von Tabijen die Partie begonnen werden. Tabijen waren festgelegte Eröffnungsaufbauten, denen poetische Namen gegeben wurde wie „reißender Fluß“ oder „die mit Flügeln Versehene“. Man vermutet, die Regeländerungen kurz vor Beginn des 16. Jahrhunderts trugen dem schnelleren Zeitgeist der beginnenden Moderne Rechnung, als die Menschen sich langsam von der mittelalterlichen Trägheit zu lösen begannen, erst in der Antike wieder zurück zu ihren Wurzeln finden wollten (Renaissance), dann aber schnell darüberhinaus gingen. Es war auch die Zeit bedeutender, ja bahnbrechender Erfindungen. Eine Ursache für das kompromißlose Angriffsspiel der Italienischen Schule rund um ihren berühmtesten Verfechter Gioachino Greco könnte die Begeisterung für die neuen starken Figuren Läufer und Dame gewesen sein, die natürlich als neue „Wunderwaffen“ voll zur Geltung kommen sollten. Gerade die Italienische Schule bevorzugte offenes Stellungsspiel mit Spiel auf offenen Linien und Diagonalen.

    Das Schatrandsch hingegen hatte seine Blütezeit nicht in Europa, sondern in Arabien, wo schon viele Jahrhunderte vor den bekannten europäischen Duellen prestigekräftige Zweikämpfe und Turniere stattfanden. Wie in dem verlinkten Thread deutlich wurde, gab es auch schon die Kompositionskunst und eine sprießende Schachliteratur. Die Mansuben genannten Schachprobleme in der damaligen Zeit haben sogar bis heute für unser Schach eine gewisse Bedeutung, vor allem, wenn in den Stellungsbildern keine Ferse und Alfiles vorkamen, so daß die Spielregeln mit unserem heutigen Schach identisch waren. Auch war das Schach in Arabien ein Spiel des Adels mit einer auch sozial exklusiven Funktion. Auch hier wiederum wird Schach als Spiegel der Zeitgeschichte deutlich, das sich an den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen orientiert. Der Islam war in seiner Blütezeit dem Christentum in so manchen Punkten überlegen. Heute dagegen, wo diese Religion im kulturellen Niedergang begriffen ist und sich dagegen mit verzweifelter Radikalisierung wehrt, hat das Schachspiel auch in islamischen Ländern seine Bedeutung fast völlig verloren. Die Hochburgen im Schach sind heute längst woanders.

    Im vorliegenden Video sehen wir einen prestigeträchtigen Kampf zwischen dem „inoffiziellen Weltmeister“ Abu Bakr Muhammed bin Yahya as Suli, der so stark gewesen sein soll, daß er bis zum Beginn der Neuzeit, also auch noch für rund sechs (!) Jahrhunderte nach seiner Zeit, als der stärkste Spieler aller Zeiten angesehen wurde, und dem Kalifen Alnuktadi. Die Partie fand vermutlich Anfang des zehnten Jahrhunderts statt. Der Sieg von as Suli ist dermaßen schön und anschaulich und dermaßen künstlerisch formvollendet, daß diese Partie mich an die berühmte Partie Paul Morphys gegen die sich Beratenden Karl von Braunschweig und Graf Isouard in der Pariser Oper bei den Klängen des Barbiers von Sevilla erinnert. Sie ist damit ein würdiges Anschauungsmaterial für die Schönheit und Logik des Schatrandsch.

    Die Hintergrund-Musik in dem Video läßt einen auch kontemplativ in die Atmosphäre der damaligen Zeit eintauchen.

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  2. #2
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    AW: Der größte Meister des Schatrandsch in Aktion

    Oha eine wirklich sehr interessante Variante von unseren Schach. Türme sind die besten Figuren, Springer und Läufer sind wirklich gleichwertig. Sehr schön würde ich auch gerne mal spielen wenn ich einem Partner dafür finde. Ich muss allerdings sagen das die Partie nicht wirklich gut gespielt war gerade von schwarz auch in Schatrandsch kann es nicht gut sein sinnlos alle Bauern 1 schritt nach vorne zu bewegen.

  3. #3
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    AW: Der größte Meister des Schatrandsch in Aktion

    Erstaunlich, wie schwach die Dame damals war. Würde ich auch gerne mal ausprobieren.

  4. #4
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    AW: Der größte Meister des Schatrandsch in Aktion

    Dragon und ich haben das bei uns im Verein gespielt. Es ist überraschend, wie schön es ist, diesem Spiel quasi wieder auf seine Wurzeln zu schauen. Ursprünglich sollte das Schach ja eine Schlacht spielerisch simulieren, eine Schlacht, wie sie typisch war in dem indischen Kulturkreis. Das Spiel war den damaligen militärischen Verhältnissen in Indien nachempfunden worden, es stellt die Viergliedrigkeit des indischen Heeres dar, mit seinen Waffengattungen der Kriegselefanten (Alfiles bzw. Läufer), der Streitwagen (Türme), der Reiterei (Springer) und der Fußsoldaten (Bauern). Die heutige Dame (Fers) hatte tatsächlich nur eine untergeordnete Bedeutung in dem Spiel, denn sie stellte keine eigene Waffengattung dar, sondern nur den Berater (Wesir) des Königs. Der König konnte dagegen in der Schlacht durchaus eine entscheidende Rolle spielen und teilweise den Kampf entscheidend beeinflussen. Dies wird durch den einmaligen Springerzug deutlich, wo der König auf einmal einen Überraschungsangriff wagen kann. Wer denke da nicht an Alexander dem Großen, der nicht nur ein glänzender Militärstratege war, sondern auch ein glänzender Soldat in der Schlacht. Beide Schlüsselschlachten gegen die Perser entschied er, weil er den Perserkönig Darius jeweils todesmutig angriff und zur Flucht trieb, was bei der gegnerischen Armee dann zur Auflösung führte. Wenn man das Schatrandsch (indisch: Tschaturanga) spielt, kann man sich wirklich vorstellen, wie damals noch gekämpft wurde. Strategische Manöver, alles wallt langsam auf einen Flügel hin, zäher Schlachtverlauf. Das alles kann man mit eigenen Augen sehen und sich in der Rolle eines Feldherren einer indischen Armee wiederfinden. Man sagt, Schach ist ein Geduldsspiel, das gilt für das Schatrandsch umso mehr.

    Durch die bekannten Regeländerungen kurz vor dem 16. Jahrhundert, wodurch das Schach wesentlich dynamischer geworden ist, ist ein Spiel entstanden, das die meisten von uns Schachspielern nicht mehr missen wollen. Das moderne Schachspiel hat durch diese "künstlichen" Veränderungen aber seine ehemalige Bedeutung als antikes Spiel, das Zeitgeschichte repräsentiert, verloren, denn welche Waffengattungen sollen bitte schön die moderne Dame und der moderne Läufer um 1490 darstellen? Wenn man das Spiel Schach dagegen unverfälscht spüren und damit unverfälscht ins Indien von vor 16 Jahrhunderten eintauchen möchte, für den ist Schatrandsch das ideale Spiel.
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