Das Schachspiel hatte in Europa immer wieder unterschiedliche Hochburgen, was die Schachentwicklung betraf. In diesen Hochburgen wurde die Entwicklung unseres Spiels wesentlich vorangetrieben. Zunächst waren da die Spanische und Italienische Schule, die unterschiedliche Ansätze für das Schach hatten. Als sich das Bürgertum das Schach erschloß, und das Schachspiel gar zum Instrument der Aufklärung avancierte, war natürlich Frankreich der Schmelztiegel des Schachs in Europa. Später kam England hinzu, das sich mit Frankreich viele wilde Duelle um die Vorherrschaft in Europa lieferte und das Schachspiel um seine nationalen Facetten des Empirismus und Rationalismus bereicherte. In der Spätaufklärung wurde der deutschsprachige Raum dabei immer wichtiger. Diese gestiegene Bedeutung des deutschsprachigen Raums für das Schach wurde z. B. daran deutlich, daß zahlreiche deutschsprachige Schach-Begriffe wie zwischenzug oder zugzwang Eingang in die englische Sprache fanden und von den hiesigen Meistern übernommen wurden.

Doch auch im Osten gab es interessante Entwicklungen, bei denen die in Rußland mit der Russischen Schachschule am bekanntesten ist. Doch vergessen wird dabei nicht selten, daß es in Osteuropa neben Rußland, aber auch Polen ein weiteres Land gab, das auf eine reichhaltige Schachtradition bauen konnte. Die Rede ist von Ungarn, das mit der Ungarischen Schachschule quasi eine dauerhafte Institution bilden konnte. Es ist ein Faden, der sich sehr weit zurückverfolgen läßt, und der bis heute einen kontinuierlichen Verlauf hat.

Garri Kasparov gibt hierfür einen historischen Verlauf an, an dem man sich gut orientieren kann:

Es ist hier höchste Zeit, an die reichen Traditionen der Ungarischen Schachschule zu erinnern. Sie hat, beginnend mit dem 19. Jahrhundert, Namen wie Szen, Löwental, Kolisch, Gunsberg, Charousek, Maroczy und Breyer hervorgebracht. Ab den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es Lilienthal, Szabó und Barcza, von den 50er Jahren an Portisch (den neunfachen Landesmeister!) und nach ihm Ribli, Adorjan und Sax sowie noch später die gegenwärtigen Stars, angeführt von Judit Polgár und Peter Lékó.

Ungarn gehört schon lange zu den stärksten Schachnationen der Welt. Nicht zufällig gewann gerade dieses Land die ersten beiden Goldmedaillen 1927 und 1928. Auch 1978 holten die Magyaren Gold und brachen damit die langjährige Hegemonie der Sowjetunion. Lajos Portisch, die unbestrittene Führungsfigur des ungarischen Schachs, erzielte damals mit 10 Punkten aus 14 Partien das beste Einzelergebnis seiner Mannschaft [...]
Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 5, Edition Olms, S. 113

Um sich über die Hintergründe des Aufstiegs Ungarns zu einer großen Schachnation ein Bild zu machen, so muß man sagen, daß gerade die Spätaufklärung eine sehr fruchtbare Epoche europaweit gewesen ist, wo die ersten Schachvereine gegründet wurden. 1803 wurde in Berlin mit „Schadows Schachclub“ (eigentlich Berliner Schachclub) der erste deutsche Schachverein gegründet. 1827 folgte die Berliner Schachgesellschaft, aus denen die sagenumwobenen „Plejaden“ kamen, eine Gruppe von sieben Berliner Meistern, die sich unermüdlich der Erforschung des Königlichen Spiels verschrieben hatten. Es waren alles Vereine, wo noch nicht sosehr der Wettkampfcharakter im Vordergrund stand. Stattdessen wurde Schach eher als so etwas wie ein Probierstein des Gehirns angesehen, ein Instrumentarium, an dem man sich intellektuell und geistig auf der rationalen Basis der Vernunft messen kann. Schach war zu diesem Zeitpunkt noch wenig erforscht, und so gab es dort für die Forschergeister die vielfältigsten Betätigungsmöglichkeiten.

In dieser Zeit begann sich auch in Ungarn das Schach zu entwickeln. Wer weiß z. B., daß Viktor von Kempelen, der als Erfinder des „Schachtürken“ in die Geschichte einging und der damals die erste schachliche Apparatur überhaupt entwickelt hatte, ein Ungar war? In der Zeit der Schach-Cafes, die erheblich dazu beitrugen, daß sich das Bürgertum überhaupt diesem früher den Adligen vorbehaltenen Spiel erschließen konnte, waren auch die Budapester Schach-Cafes sehr beliebt und hochangesehen. Doch auch in Ungarn fand man schließlich mit den Schachvereinen eine Alternative zu den Schachcafes, und so wurde 1839 mit dem Pester Schachclub der erste ungarische Schachverein gegründet, der seine Sache auch sehr ernst nahm. Binnen weniger Jahre schaffte dieser Versammlungsort für alle möglichen Schachfreunde es, zu einem „Zentrum des nationalen Schachlebens“ aufzusteigen. 1845 wurde dann gar das große Paris herausgefordert, und die Pester Schachmeister Johann Jacob Löwental, Joszef Czen und Vincent Grimm bezwangen die Pariser um ihren Frontmann Pierre Saint Amaint. In diesem Wettkampf wurde auch die Ungarische Verteidigung aus der Taufe gehoben. Die Ungarische Schachschule hatte zu dieser Zeit offenbar eher defensiven Charakter. Denn in einer Zeit, wo wildes Angriffsspiel Trumpf war und die Epoche der Romantik das Schachspiel prägte, war die Ungarische Verteidigung, d. h. die Antwort 3. ...Le7 auf die Italienische Partie, rein defensiv ausgerichtet. Es wurde nicht versucht, den weißen Angriffen mit Gegenangriffen zu trotzen. Wichtig war primär, sich gut gegen diese Angriffe zu verteidigen. Das konnte zuweilen allerdings auch nach hinten losgehen. Das sture Verteidigungsspiel schafft Weiß nämlich kaum Probleme, der in Ruhe sein Angriffsspiel entwickeln kann, und so erlitt selbst Meister Tarrasch mit der (verzögerten) Ungarischen Verteidigung eine fürchterliche Niederlage, wenn auch nur im Simultankampf:

[Event "Frankfurt Simultanveranstaltung von Siegbert Tarrasch"]
[Site "Frankfurt"]
[Date "1912.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "1-0"]
[White "Walther Von Holzhausen"]
[Black "Siegbert Tarrasch"]
[ECO "C55"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "27"]

1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bc4 Nf6 4.d4 exd4 5.O-O d6 6.Nxd4 Be7
7.Nc3 O-O 8.h3 Re8 9.Re1 Nd7 10.Bxf7+ Kxf7 11.Ne6 Nde5 12.Qh5+
Kg8 13.Nxd8 Rxd8 14.Nd5 1-0

Allerdings konnten mit dem strengen Positionsspiel, das ein wenig an die Wiener Schachschule erinnert, auch sehenswerte Siege auf Position eingefahren werden. Ein Beispiel ist die Partie Czeresznyés gegen Hay in Pest (Buda und Pest wurden erst 1873 zusammengelegt), wo der ungarische Spieler im 27. Zug eine positionelle Schieflage (vor allem fehlt hier der Tg6, der außer seinem Schutz für den Be6 nichts leistet) zu einem schönen taktischen Schlag ausnutzt.


[Event "Pest 1865"]
[Site "MyTown"]
[Date "????.??.??"]
[Round "?"]
[White "Czeresznyés"]
[Black "Hay"]
[Result "1-0"]
[ECO "B44"]
[Annotator ",User"]
[PlyCount "59"]
[TimeControl "1200"]

{767MB, Fritz8.ctg, MYCOMPUTER} 1. e4 c5 2. Nf3 Nc6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 e6 5.
Be3 Nf6 6. Bd3 Be7 7. O-O O-O 8. Nc3 d5 9. exd5 Nxd5 10. Nxd5 Qxd5 11. c4 Qd7
12. Nxc6 Qxc6 13. Qc2 f5 14. f4 b6 15. Be2 Ba6 16. b3 Rac8 17. Bf3 Qc7 18. Qe2
Rf6 19. Rad1 Bc5 20. Rd2 Bb7 21. Bxb7 Qxb7 22. Bxc5 bxc5 23. Rfd1 Rg6 24. g3
Qc7 25. Rd6 Re8 26. Qe5 Qa5 27. b4 Qxb4 28. Rd8 Qa4 29. Rxe8+ Qxe8 30. Qc7 1-0

Im Prinzip hat Ungarn immer wieder an seine schachlichen Erfolge angeknüpft und war stets eine Hochburg des internationalen Schachs. Bedeutende Turniere fanden in Ungarn statt wie 1896 in Budapest, das Tschigorin vor Charousek und Pillsbury gewann, oder 1928 und 1929 in Budapest, wo jemals der große Capablanca triumphieren konnte. Wie viele Turniere in der damaligen Schachepoche litten auch diese beiden Turniere unter dem Zerwürfnis von Capablanca und Aljechin, das viele Jahre ein Aufeinandertreffen der beiden lebenden Legenden bei Turnieren verhinderte.
Ungarn knüpft auch heute noch an diese gute Turniertradition an. Die bei vielen Meistern beliebte First-Saturday-Turnierserie kommt aus Ungarn und erfreut sich bei vielen Schachspielern großer Beliebtheit, weil sie hier ausschließlich auf fordernde Gegner treffen und hier ihre Meisternorm erwerben können. Auch heute noch unterhält Ungarn spezielle Schachschulen, aus denen z. B. Spieler/Innen wie Petra Papp oder gar der hochtalentierte Richárd Rapport kommen. Richárd Rapport hat mit seinen erst 17 Jahren und seiner aktuellen Elozahl von 2693 eine glänzende Perspektive. Er hat die Möglichkeit, sogar seinen berühmten Landsmann Peter Leko in den Schatten zu stellen, der in den frühen 90er Jahren selbst als Wunderkind in aller Munde war.

Auch generell haben ungarische Schachspieler das Schachspiel in seiner Entwicklung immer wieder vorangetrieben. Der Maroczy-Aufbau ist etwa ein beliebter Aufbau geworden und etwa ebenso bekannt wie die klassischen Stonewall- oder Botwinnik-Strukturen. Gyula Breyer gehörte selbst der Hypermodernen Schule an und erfand mit dem überraschenden Springerrückzug in der spanischen Hauptvariante eine interessante Idee, die auch heute noch gerne angewandt wird. Joszef Szen gehörte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den stärksten Spielern, der sich auch in Schachkompositionen hervorgetan hat und vor allem durch sein klassisches Beispiel mit einem Bauernendspiel mit drei weißen Bauern auf a2, b2 und c2 und König auf d1 und schwarzen Bauern auf f7, g7 und f7 und König auf e8 viel für die Entwicklung der Fähigkeiten in Bauernendspielen getan hat (Beispiel und Lösung siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B3zsef_Sz%C3%A9n. Sein Beispiel schärfte so den Sinn für die Wichtigkeit der verschiedenen Königsoppositionen in Bauernendspielen. In dieser Studie etwa kam Weiß mit der Fernopposition zum Erfolg.

Doch längst nicht mehr ist das Schach so europadominiert wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Insofern bin ich persönlich sehr gespannt auf den Beitrag, den so verschiedene Länder wie Indien, China oder Vietnam für das Schach leisten werden, und mit welchen Philosophien sie das Schachspiel bereichern können. Zwar gibt es in Asien bekanntlich eigene Varianten des Schachspiels, doch das FIDE-Schach erfreut sich da einer wachsenden Popularität.