Dr. Siegbert Tarrasch hatte in seinem Leben viel durchgemacht. Zwischen 1912 und 1916 starben ihm alle drei Söhne, der eine nach einer Selbsttötung aufgrund Liebeskummers, der andere fiel im Krieg, und der Dritte kam bei einem Unfall ums Leben. Trotz dieser furchtbaren Schicksalsschläge bewies der praeceptor germaniae aber stets Haltung. Vielleicht half ihm hier seine Liebe zum Schach, das, wie er später postulierte, den Menschen ebenso glücklich machen könne wie die Musik.

Gegen Ende seines Lebens fühlte sich der 1862 in Breslau geborene Tarrasch schon zu alt, um weiterhin am Turnierleben mitzuwirken. Er konzentrierte sich nun ganz auf seine journalistischen Tätigkeiten, immer bestrebt, das Schach als Volkssport zu etablieren. In dieser Zeit, 1931, veröffentlichte er sein letztes, aber auch bestes Lehrbuch, das auch heute noch gerne gelesene, weil zeitlose Werk: Das Schachspiel, aus denen viele, noch heute bekannte geflügelte Worte von Tarrasch stammen. Tarrasch, der schon immer gerne viel für andere Schachzeitungen geschrieben hatte, gab ab dem Oktober 1932 nun seine eigene Schachzeitung heraus, die er Tarraschs Schachzeitung nannte.

Einen ruhigen wohlverdienten Lebensabend fand er indes nicht, zu aufgewühlt war die politische Zeit in der Endphase der Weimarer Republik, wo Straßenschlachten und politische Morde an der Tagesordnung waren, die braunen Banden bereits paramilitärisch organisiert waren, ihr Unheil trieben und sich oft genug die Stärkeren durchsetzten. Von der Gefahr durch die Nazis war Siegbert Tarrasch auch persönlich betroffen. Obwohl er sich immer als Deutscher gefühlt hatte (er war bereits so „deutsch“, daß der Schachhistoriker Edmund Bruns ihn zum Prototypen des Wilhelminischen Deutschen erklärte) und 1909 gar zum Luthertum konvertierte, war er von Geburt an jüdisch. Die Konversion konnte Tarrasch von daher nur sehr bedingt schützen, denn im Gegensatz zu den anderen Weltreligionen versteht sich das Judentum nicht nur als Religion, sondern auch als Volk. Einmal jüdisch, immer jüdisch, das wurde sowohl im Judentum so gesehen als auch von den Nazis...

Bereits vor der Zäsur durch die nationalsozialistische Machtergreifung waren Siegbert Tarrasch antisemitische Anfeindungen nicht fremd. Nur waren diese noch nicht staatlich legitimiert, sondern „nur“ zornige Stimmen aus dem Volk. So ätzte bereits der schachjournalistisch zu unverdienter Popularität gekommene Österreicher Franz Gutmayer gegen Tarrasch 1917 in seinem Machwerk Der kleine Feldherr, Optik im Schach:

Wie kann ein Mensch, der weiß, daß er kurzen Atem, schwache Beine [...], Maulwurfsaugen hat – z. B. Tarrasch – wie kann der Charakter in seinem Stil entfalten? Wie, ist das nicht ganz undenkbar? Wie, wird ihm in Not und Tod nicht die Panik Sinne und Verstand rauben? Wie, hätte der an sich – den harten Glauben? (Moralische Depression!!) Merkwürdig, daß die kleinen Zwerge und Mißgeschöpfe – immer trotz alledem die Riesen durchstreichen wollen! Ein Buch des Tarrasch über Morphy müßte zum Totlachen sein. [...] Tarrasch, der an Gallensteinen und moralischen Depressionen leidet, will Schach mit Logarithmen berechnen! Genug, genug. Ich bekomme den großen Ekel. Scharlatanerie und kein Ende. Zorn quillt mir im Auge heiß. Welch verdammtes Fliegenschmeiß! Wie? Solle es Dich nicht verdrießen?? – Überall alles voll – von [...] [zensiert wegen Vulgarität, Kiffing]
Sollten solche Äußerungen noch als Vorboten für kommendes Unheil bestehen – schließlich repräsentierten sie immerhin eine zeitgenössische Geistesströmung – so wurde es ab dem 30. Januar 1933 nun wirklich brenzlig, u. a. für die Juden. Denn nun waren solche Individuen wie Franz Gutmayer an der Macht, die sehr schnell deutlich machten, daß sie es mit der revolutionären Umgestaltung des Deutschen Reichs in ihrem Sinne sehr ernst meinten. Siegbert Tarrasch erlebte z. B. hautnah solche Ereignisse wie den Judenboykott, die Bücherverbrennung oder den Arierparagraphen mit. Und in der gleichgeschalteten Presse wurde jeder Tag der Haß auf die Juden geschürt. Tarrasch selbst wurde dazu gezwungen, in seiner Schachzeitung zu schreiben: „Der Arierparagraph soll eingehalten werden“.

Während sein alter Rivale Emanuel Lasker wie viele andere Geistesgrößen aus dem Deutschen Reich floh, blieb Siegbert Tarrasch im Lande. Vielleicht hoffte er, daß dieser Spuk bald vorbei wäre oder daß der Kelch an ihm vorbeigehen würde. Wie viele Juden in Deutschland trug Tarrasch diese Hoffnungen, denn trotz alledem fühlten sie sich doch auch als Deutsche und hatten sich in den letzten Jahrzehnten immer stärker assimiliert. Obwohl die ersten Anzeichen unverkennbar waren, schien es doch zu unvorstellbar, daß das neue Regime die Ausrottung aller Juden weltweit zum Ziel hatte.

Besonders heimatlich dürfte sich Siegbert Tarrasch aber nicht mehr gefühlt haben. Hatte er den Versuch der Nazis, die Schachbegriffe wie Rochade oder en passant von den ausländischen Begriffen zu „säubern“, noch im Februar 1933 in seiner Schachzeitung mit feinem Spott überzogen, so dürfte ihm bald jeder Witz ausgetrieben worden sein. 1933 hatte er dort noch geschrieben:

Sie lieben Fremdwörter nicht? Ja, ganz ohne Fremdwörter wird man im Schach nicht auskommen. Schach ist ja selbst ein Fremdwort! Und rochieren - man hat versucht, das Wort zu verdeutschen und dafür "wechseln" vorgeschlagen. Aber das gefällt mir nicht, besonders heutzutage, wo die meisten Schachspieler so wenig zum Wechseln haben! Wenn durchaus schon verdeutscht sein muß, dann schlage ich Ihnen lieber ein anderes Wort vor, das in sehr plastischer Weise die Bewegung des Turmes und die Flucht des Königs ausmalt, nämlich:türmen, ein Wort aus dem Verbrecher-Rotwelsch, das aber längst literaturfähig geworden ist. Ich selbst aber, ich bleibe beim Rochieren.
Im April 1933 kam es auch im Schach zu einer Gleichschaltung. Der Deutsche Schachbund beschloß, alle Vereine im Deutschen Reich im „Großdeutschen Schachbund“ zusammenzufassen. Das war nebenbei bemerkt auch das Aus für den Deutschen Arbeiter-Schachbund, dessen Mitglieder - solange keine Juden, aktiven Kommunisten oder Sozialdemokraten - aufgefordert wurden, sich in dieser neuen Massenorganisation zu integrieren. Besonders durfte es Tarrasch erschreckt haben, als wenig später die Juden von diesem Schachbund ausgeschlossen wurden, aber noch sollte ihm seine Konversion 1909 Schutz bieten, oder den Nazis war noch nicht daran gelegen, das lebende Denkmal Tarrasch zu fällen.

Und auch was die neue Ideologie des Schachs als Ausdrucksform der Überlegenheit der „deutschen Rasse“ anbelangt, dürfte wenig mit der idealistischen Liebe Tarraschs gegenüber dem Königlichen Spiel gemein haben. So hieß es in der Schachfibel für Lehrende und Lernende von Joseph Georg Maier, zitiert von Bruns, S. 170, unmißverständlich:

Nach den Zeiten des Zerfalls zieht in den deutschen Landen neuer Kampfgeist in die Herzen der Jugend ein. Für den Schachkämpfer gibt es keine Rast bis zur Niederringung des Gegners, da gibt es keine Kompromisse, nur Sieg oder Untergang. Er muß Kampfeswillen, Mut, Glauben an den Sieg auch dem stärksten Gegner gegenüber haben
Noch zu seinen Lebzeiten setzten sich die neuen Machthaber mit ihm auseinander. Und nur sein früher Tod dürfte ihn vor Schlimmeres bewahrt haben. Hatte Siegbert Tarrasch in seinem 1931 erschienenen Lehrbuch Das Schachspiel noch geäußert, daß jeder, der fleißig trainiere, die Chance dazu habe, ein Meisterspieler zu werden, und damit jedem seiner Schüler Mut und Zuversicht mit auf den Weg gegeben, so giftete der auch in der Nachkriegszeit noch zu Ansehen innerhalb des DSBs gekommene Alfred Brinckmann in Bezug auf „den jüdischen Schachspieler Siegbert Tarrasch“, „daß man aus einem Lamm, dem der Kampfgeist fehle, nie einen Löwen machen könne“. (Vgl. Bruns, S. 205). Da wurde das von den Nazis ideologisch gebrauchte Gegensatzpaar zwischen dem „tapferen arischen Kampfschach“ und dem „feigen jüdischen Sicherheitsschach“ schon sehr deutlich.

Als Siegbert Tarrasch am 17. Februar 1934 in dieser ihm nun doch sehr fremdgewordenen Welt mit 71 Jahren starb, „symbolisiert“[e] sein Tod nach Ansicht von Johannes Fischer in Karl „das Ende einer glanzvollen Ära des deutschen Schachs“. Dies wurde, wenn auch unfreiwillig, von Hermann Ranneforth, dem langjährigen Herausgeber der Deutschen Schachzeitung, indirekt bestätigt. Ranneforth ließ es sich nicht nehmen, dem verdienstvollen Schachmeister in seinem Organ noch folgende Liebenswürdigkeiten mit ins Grab zu geben:

Er war ja der Mann, der nach Anderssens Tod Deutschlands Schachruhm vor der ganzen Welt wieder aufrichtete und zu ungeahnter Höhe brachte, und der durch seine literarische Tätigkeit der Lehrmeister aller geworden ist, die auf den internationalen Turnieren eine Rolle spielen, mögen sie mit der Zeit auch eigene Wege gegangen sein. [...] Unduldsam und oft unduldsam gegen Kritiker, die sich nicht gängeln ließen, war er selber von mimosenhafter Empfindlichkeit
Bruns, S. 205

Doch hatte das Grauen gerade erst begonnen.