Ergebnis 1 bis 1 von 1

Thema: Fjodor Bohatyrtschuk - das erste Boykottopfer der Sowjetunion

  1. #1
    Administrator
    Punkte: 111.275, Level: 100
    Level beendet: 0%, Punkte für Levelaufstieg benötigt: 0
    Aktivität: 36,0%
    Errungenschaften:
    Three FriendsRecommendation First ClassOverdriveYour first GroupCreated Album pictures
    Auszeichnungen:
    Posting AwardFrequent PosterDiscussion EnderUser with most referrers
    Avatar von Kiffing
    Registriert seit
    06.07.2011
    Ort
    Wuppertal
    Rating
    1722/1854
    Verein
    SC Tornado Wuppertal
    Beiträge
    4.760
    Punkte
    111.275
    Level
    100

    Fjodor Bohatyrtschuk - das erste Boykottopfer der Sowjetunion



    Blicke in die Geschichte lassen immer wieder erstaunliche Kontinuitäten erkennen. So mutet es erstaunlich an, daß einer der schlimmsten Despoten Europas, Nicolae Ceausescu, ausgerechnet einen der schrecklichsten Despoten des Mittelalters, nämlich „Graf Dracula“ zu seinem Vorbild erhob und nicht nur einen selbst im kommunistischen Europa in der Nach-Stalin-Zeit beispiellosen Personenkult auf seine Person erhob, sondern eben auch auf jenen „Grafen Dracula“. „Graf Dracula“ kennen wir im Westen eher als Romanfigur des irischen Literaten Bram Stoker, der damit immerhin eine ganze literarische Strömung einleitete, die sich immer wieder an diesem großen Vorbild messen lassen mußte.

    Tatsächlich ist dieser „Graf Dracula“ aber keine reine Phantasiegestalt, sondern einer historischen Persönlichkeit nachempfunden. Die Rede ist von Vlad III., Woiwode (slawischer Herrschertitel, durchaus mit einem Grafen vergleichbar) des Fürstentums der Walachei, gelegen zwischen Ungarn und dem Osmanischen Reich. Gewütet hatte er dort im 15. Jahrhundert. Sein Beinamen „draculae“ läßt sich laut Historikern auf die Mitgliedschaft seines Vaters Vlad II. Dracul im Drachenorden Kaiser Sigismunds zurückführen. Im Rumänischen wird „draculae“ aber auch als Sohn des Teufels verstanden, denn drac bedeutet im Rumänischen Teufel.

    Das Osmanische Reich war für Europa eine ständige Gefahr und vor allem die Walachei war eines der Haupt-Einfallsländer der Osmanen. Mit ungeheurer Mobilisierung der gesamten Bevölkerung in Verbindung mit unbeschreiblicher Brutalität schaffte es Vlad Draculae, die Osmanen immer wieder abzuwehren und konnte im Rahmen von Kreuzzügen selbst als Eroberer von mehreren Gebieten in die Geschichte eingehen.

    Vlad Draculae, der den Beinamen „der Pfähler“ erhielt, hatte die Angewohnheit, alle möglichen Mitmenschen pfählen zu lassen. Nicht nur zehntausende Türken sind auf diese Weise ums Leben gekommen, sondern auch zahlreiche Untertanen seines eigenen Volkes. Daneben ersann sich der Sadist noch zahlreiche andere Foltermethoden, ausschließlich zum Zwecke, das Leiden derjenigen zu vergrößern, die Draculae für den Tod vorgesehen hatte. Es ist überliefert, wie sich der Woiwode an den Leiden seiner Opfer ergötzte und auch selbst gerne die Hinrichtungsstätten besuchte. Ansonsten waren die Adligen seine Feinde. Er lud sie gerne zu sich ein, um sie danach pfählen zu können. Dasselbe machte er mit den Armen. Armutsbekämpfung hieß für ihn, die Armen zu töten. Und so wurden die Armen, Kranken und Schwachen der Gesellschaft, einschließlich der Säuglinge, der sadistischen Tötungsmaschinerie des Woiwoden übergeben.

    Daß man diesen Herrscher auch anders sehen konnte als ein sadistisches Monster, bewies Nicolae Ceaucescu noch im späten 20. Jahrhundert, den vor allem die Erfolge des Tyrannen gegen die Türken, die „innere Geschlossenheit“ seines Reiches, die Tatsache, daß es im ganzen Land keine Kriminalität mehr gab, weil das Volk vor Angst wie erstarrt war, und wegen der Ausrottung des Adels, begeisterten. In seinem Land erschienen Heldenepen des Woiwoden im Fernsehen, und die Kontinuität zwischen Vlad Draculae und Nicolae Ceaucesu wurde immer wieder betont.

    Ein interessanter Zwilling war in diesem Zusammenhang die Vorliebe von Josef Stalin für einen nicht weniger blutrünstigen alten Herrscher, nämlich für Ivan IV., der das Schreckliche sogar im Namen trug. Uns gut bekannt ist er als Zar Ivan der Schreckliche. Daß die Oktoberrevolution einst angetreten war, um das Joch des Zarentums zu überwinden, hielt Stalin nicht davon ab, ausgerechnet den fürchterlichsten aller Zaren zu verehren. Auch in seinem Land mußten Filme über den Zaren gedreht werden. Bestens bekannt ist in diesem Zusammenhang der Dreiteiler von Sergei Eisenstein, wobei interessant ist, daß der dritte Teil dieses Heldenepos in Stalins Reich nicht erscheinen durfte, weil hier die Schrecklichkeit des Despoten gezeigt wurde.

    Auch Iwan der Schreckliche, der rund ein Jahrhundert nach Vlad Draculae gelebt hatte, war ein Sadist, der aus reiner Mordlust tötete und ebenfalls im Ersinnen von Todesqualen sehr einfallsreich war. So ließ er einen zu Tode Verurteilten in ein Bärenfell stecken, hetzte seine Hunde auf den falschen Bären und sprang dabei vor Vergnügen von einem Bein aufs andere. Zu seinen Untaten gehören die Vernichtung ganzer Städte mit Ausrottung der Bevölkerung, die Ausrottung des Adels (Bojaren), die Vernichtung seiner engsten Freunde, Politikerkreise und sogar seines eigenen Sohns, den er im Zorn erschlug, und womit er seine eigene Erbfolge auslöschte. Interessant: Iwan der Schreckliche war vielleicht der Erste, der eine eigene Geheimpolizei ins Leben rief. Die Opritschniki, wie er sie nannte, wurden in das ganze Land ausgesandt, verbreiteten Angst und Schrecken und töteten die Menschen in Scharen. Genau so hatte nach der Oktoberrevolution die Tscheka gewütet. Noch eine Kontinuität: Die Symbole der Opritschniki waren ein Hundekopf, der für Gehorsam und Spürsinn stand, und ein Besen als Symbol für die Reinigung. Genau diese Metapher wurde später von Stalin bei den großen Säuberungen verwendet. Und schon ein frühes Propagandaplakat der Bolschewisten zeigte einen Lenin, der mit dem Besen Adelige, Kleriker und Bourgeois aus dem Land fegt.

    Stalins Vorliebe für diesen Zaren könnte der gewesen sein, daß dieser mit den Eroberungen der Khanate Kasan und Astrachan den Grundstein für die Expansion Rußlands gelegt hatte, die Bojaren vernichtend schlug und sein Land gegen die Tataren verteidigte. Während in der jungen Sowjetunion außenpolitisch noch ein betont antiimperialistisches Profil mit starker Betonung auf das Selbstverteidigungsrecht der unterdrückten Völker gelegt wurde, wurde dieses Profil in der Sowjetunion unter Stalin geändert. Ein nationaler Sozialismus betonte die Kontinuität der Sowjetunion als Erbe des Zarentums mit eigenen Machtansprüchen, um das Erbe zu erhalten und weiter auszubauen. Die Russen als Herrenvolk wurden als führendes Volk im Vielvölkerstaat hervorgehoben, die russische Kultur wurde gepriesen, und der proletarische Internationalismus als Gründungsprogramm des Kommunismus wurde durch eine Politik ersetzt, welche die Herrschaft Rußlands über alle anderen kommunistischen Parteien und Länder festsetzte. Erst unter Chruschtschow besann sich die Sowjetunion wieder ihres originären Anspruchs und begann sich wieder für den Befreiungskampf der Länder der Dritten Welt zu interessieren, allerdings nicht zuletzt auch aus eigenen Interessen, um in diesen Ländern an Einfluß zu gewinnen und sie damit dem eigenen Machtbereich zu überantworten.

    Während bei uns beide Herrscher als Sinnbilder besonders grausamer Herrscher gelten, deren Wirkung uns wohl ausschließlich abschreckt, gab es gute Gründe dafür, warum Stalin ein Bewunderer von Iwan dem Schrecklichen war und Ceausescu von Vlad Draculae. Neben bereits genannten Gründen war es vor allem die Tatsache, daß beide Herrscher sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch große Taten verbrachten, weil sie sich nicht in „sentimentaler Gefühlsdusseligkeit“ verloren, sondern aus ihren Untertanen das Maximum herauspreßten. Bei diesem "Regierungsstil" werden Befehle einfach ohne jedes Zögern ausgeführt, ohne daß sich Bedenken, Diskussionen oder andere Beschränkungen breitmachen können. Weitere Kontinuitäten sind die völlige Negation des Individuums und dessen Rechte und Freiheiten, für die solche Herrscher wohl nur ein müdes Lächeln gehabt hätten bei gleichzeitiger totaler Hervorhebung der Interessen des Kollektivs im Sinne staatlicher Ziele. Wer denkt da nicht an die prestigeträchtigen Großprojekte Stalins, die ein millionenfaches Heer an Zwangsarbeitern unter Aufbietung aller Kräfte bewerkstelligte? Bei Vlad III. und Iwan IV. war ebenso ein Herrschaftsstil gekennzeichnet, der nicht auf Vernunft und Machtbeteiligung basierte, sondern der sich auf der maximal möglichen Hierarchieebene aus Furcht speiste. Beide Herrscher hatten schließlich bewiesen, daß die Furcht ein hervorragendes Antriebsmittel der Menschen sei und sie wirkungsvoll von „schlechten Taten“ abhielt. Stalin selbst hatte in einem Interview mit einer westlichen Zeitung auf die Frage geantwortet, ob ihm ein Volk lieber sei, das ihm aus Furcht oder das ihm aus Überzeugung folge, aus Furcht, denn während Überzeugungen sich ändern könnten, würde die Furcht bleiben.

    In diesem Sinne muß es auf den Teilnehmer des Internationalen Turniers in Moskau 1935, Fjodor Bohatyrtschuk, wie ein Donnerschlag gewirkt haben, als Stalins gefürchteter Geheimdienstchef, Nikolai Krylenko, der zu diesen Zeiten gleichzeitig ein führender Kopf des Sowjetschachs war (auf die Verbindungen des Sowjetschachs mit den Mächtigsten des Sowjetstaats hatte schon Erik S. Tesch aufmerksam gemacht), dessen Wink zwischen Leben und Tod entschied, ihm nach seinem Sieg gegen Michail Botwinnik drohte: „Sie werden Botwinnik nie wieder besiegen!“. 1937, im Siedepunkt der Hölle der Großen Säuberung, wurde Bohatyrtschuk unter der Anklage verhaftet, er habe Gelder unterschlagen, die für den Aufenthalt Laskers und Capablancas in Kiew gedacht waren. Dabei wurde ihm auch sein Sieg gegen Botwinnik vorgeworfen, ungeachtet der „großen Bedeutung für das Prestige der UdSSR, wenn Botwinnik den 1. Platz gewonnen hätte“ (ebd.). U. a. wegen der Niederlage gegen Bohatyrtschuk wurde Botwinnik „nur“ geteilter Erster mit dem Tschechoslowaken Salo Flohr.

    Für gewöhnlich bedeutete die Verhaftung in diesen Zeiten das Todesurteil. Die Anklagen waren meistens konstruiert und die Geständnisse durch Folter erzwungen. Fjodor Bohatyrtschuk, der laut Helmut Pfleger vom Sowjetregime wegen seiner Zugehörigkeit zur „konterrevolutionären Intelligenzija“ (er war Radiologe) ohnehin mißtrauisch beäugt wurde, aber dennoch überraschend schnell freigelassen wurde, beschloß sein Schicksal nicht noch einmal herauszufordern und dieses lebensgefährliche Land bei der erstbesten Gelegenheit zu verlassen.

    Als die Deutsche Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel und dabei seine Heimat, die Ukraine, besetzte, bot sich für Bohatyrtschuk diese Gelegenheit. Obwohl die deutschen Besatzer in der Ukraine unvorstellbare Grausamkeiten verübten, Massaker um Massaker veranstalteten, und allein 6,5 Millionen Zivilisten in der Ukraine den Krieg und die deutsche Besatzung nicht überlebten, wurde Bohatyrtschuk ein Kollaborateur. Er engagierte sich zuerst im Roten Kreuz, wo er seine medizinischen Kenntnisse einsetzen konnte, lernte im Krieg Andrei Wlassow kennen und freundete sich mit ihm an. An der Seite der Russischen Befreiungsarmee (auch als Wlassow-Armee bekannt) kämpfte Bohatyrtschuk schließlich auch als Soldat gegen die Rote Armee. Die Russische Befreiungsarmee war eine von den Nazis eingesetzte Armee aus Freiwilligen aus der Sowjetunion unter Führung des von den Nazis 1942 gefangengenommenen Generalleutnant Wlassows, die zusammen mit der Wehrmacht gegen die Rote Armee kämpfte und die der Haß auf Stalin mit den Nazis verband. Nachdem Hitler besiegt war, landete Bohatyrtschuk nach langer Odyssee schließlich in Kanada, wo er wieder ein ziviles Leben führen konnte und weiter dem Schach treu blieb. Dort wirkte er auch politisch gegen das Regime in seinem Land und engagierte sich für die Sache ukrainischer Nationalisten, die in Kanada lebten. Die Oktoberrevolution und generell die Phase der Sowjetunion hatte Millionen von Flüchtlinge in alle Herren Länder verstreut, die sich vielfach in der Diaspora organisierten und eine unüberhörbare Stimme gegen das Sowjetsystem waren. In diesem Sinne sind diese Exilrussen (wenn man Russen im alten Sinne mit Sowjetbürgern gleichsetzt) durchaus mit den Exildeutschen während der Nazityrannei vergleichbar.

    Fjodor Bohatyrtschuk schließlich wurde in seiner Heimat natürlich als Verräter gebrandmarkt. Und nicht nur das. Er unterlag dem in seinem Land exzessiv gegen Systemgegner angewandten Prinzip der damnatio memoriae: seine Spiele wurden annuliert, seine in der Sowjetunion errungenen Titel aberkannt, sein Name aus allen Schacherzeugnissen gestrichen und er wurde von sowjetischen Spielern boykottiert, lange bevor der sowjetische Staat dieses Mittel gegen Ludek Pachman und Viktor Kortschnoi anwandte.

    Michail Botwinnik, der gegen den Ukrainer mit (-3 =2) übrigens auch generell eine niederschmetternde Bilanz aufwies, hatte diesen Mann nicht vergessen. Als Boris Spasski ihm gegenüber 1970 erwähnte, was für ein netter und interessanter Mensch Bohatyrtschuk sein, erwiderte der Patriarch dem verblüfften Spasski: „Ich würde diesen Mann eigenhändig auf dem Marktplatz der Stadt aufhängen!“ (vgl. Pfleger) Botwinnik war sehr nachtragend und hatte ein Elefantengedächtnis. Er vergaß nichts und verzieh nie.

    [Event "Moscow"]
    [Site "Moscow, URS"]
    [Date "1935.03.07"]
    [EventDate "1935.02.15"]
    [Round "15"]
    [Result "1-0"]
    [White "F Bohatirchuk"]
    [Black "Mikhail Botvinnik"]
    [ECO "C49"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "75"]

    1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Nc3 Nf6 4.Bb5 Bb4 5.O-O O-O 6.d3 d6 7.Bg5
    Bxc3 8.bxc3 Qe7 9.Re1 a6 10.Bc4 Na5 11.Nd2 h6 12.Bh4 Be6
    13.Bb3 Nxb3 14.axb3 g5 15.Bg3 Ne8 16.d4 f6 17.Nf1 Ng7 18.c4
    Rad8 19.Ne3 Qf7 20.Re2 Qg6 21.f3 Rd7 22.Rd2 exd4 23.Rxd4 Re7
    24.Be1 f5 25.Bc3 Rfe8 26.Qd3 Bc8 27.Rf1 fxe4 28.Rxe4 Rxe4
    29.fxe4 Qxe4 30.Nd5 Qxd3 31.Nf6+ Kf7 32.cxd3 Rd8 33.Nd5 Nf5
    34.g4 Re8 35.gxf5 Re2 36.Rf3 Rc2 37.Be1 g4 38.Rf1 1-0
    Geändert von Kiffing (14.08.2013 um 22:52 Uhr) Grund: Satz eingefügt
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

Ähnliche Themen

  1. 1988 - das Jahr, als der erste Großmeister gegen einen Schachcomputer verlor
    Von Kiffing im Forum Computerschach und Schachsoftware
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 10.08.2013, 23:10
  2. Der erste Schachautomat, entworfen 1890, vollendet 1912
    Von Kiffing im Forum Computerschach und Schachsoftware
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 10.08.2013, 22:28
  3. Schach-WM 1948 - die erste einheitliche Weltmeisterschaft
    Von Kiffing im Forum Schach in der Metaebene
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 25.04.2013, 22:01
  4. Der Schachstil in der stalinistischen Sowjetunion
    Von Kiffing im Forum Schach in der Metaebene
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 25.09.2012, 15:37
  5. Der erste Super Moderator ist da!
    Von Kiffing im Forum Neuigkeiten
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 06.09.2011, 22:28

Stichworte

Lesezeichen

Lesezeichen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  
. . . .