Isaak Lipnitzky ist einer jener tragischen Helden des Sowjetschachs, die aufgrund äußerer Umstände nie den Olymp erklimmen konnten, der auch für sie durchaus reserviert gewesen sein könnte. Der begnadete Ukrainer kämpfte als junger Mann an der Front im Großen Vaterländischen Krieg. Er war erst 18, als das Großdeutsche Reich seine Heimat überfiel. Dort infizierte er sich mit Leukämie, weil er radioaktiver Strahlung ausgesetzt worden sein soll (genaueres weiß man aber leider nicht darüber). Trotz dieser schweren krankheitlich bedingten Schwächung blieb er dem Schach treu und spielte, wo er noch konnte. 1959, im Alter von 36 Jahren, mußte er aber der Krankheit Tribut zollen, für die es damals keine Heilung gab. Trotz dieser widrigen Umstände gehörte er bis zu seinem frühen Tod zu den stärksten Spielern seines Landes und hatte gegen viele der stärksten Spieler der UdSSR spielen können, mit teilweise erfreulichen Resultaten. In seinem Werk: Fragen der modernen Schachtheorie, das erst 2008 durch den Verlag Quality Chess in deutscher Sprache erschien, geht er auf den Wert der Initiative ein, in der er selbst ein Musterbeispiel vorlegt, mit Schwarz gegen den Aseri S. Khalilbeyli. In diesem Sinne sei an diesen großen, tragischen Helden der Schachgeschichte gedacht, an dieser Art sowjetischen Pillsbury, und dem interessierten Schachfreund die spielerische Kunst Lipnitzkys nähergebracht:

In der Stellung nach 16. Sb3 kann Schwarz nur mit radikalen Maßnahmen seine spielerische Überlegenheit durch seine Zentrumsbeherrschung ausspielen. Herkömmliche Methoden wie 16. ...Lc5 17. Sxc5 Dxc5 18. Le3 Dc7 19. Tc1 büßen die Initiave ein. Insofern spielte Lipnitzky mit 16. ...La6! eine wunderbare Kombination, die auch deswegen an Wert gewinnt, daß der Läufer nicht geschlagen werden kann wegen 17. Dxa6 Sf3+! (beachtet die Fesselung des Bf2) -+. Weiß zog sich noch mit dem stärksten Zug 17. Dd1! aus der Affäre, aber er kam schon nicht mehr mit heiler Haut aus dieser Situation. Denn Lipnitzky hatte weiter gerechnet und eine weitere Kombination parat, durch die sich der Stellungsvorteil nach der Beibehaltung der Initiative materialisierte. Eine wunderbare Partie von Isaak Lipnitzky und ein tolles Lehrbeispiel zum Wert der Initiative. Lassen wir den Meister selbst zu Wort kommen, er bringt die Sache auf den Punkt:

Er hätte die gesamte Kombination leicht übersehen können, wenn ihn nicht die Frage der Initiative beschäftigt hätte
Isaak Lipnitzy, Fragen der modernen Schachtheorie, Quality Chess 2008, S. 128

Also kämpft um eure Initiative, und gerne auch mit radikalen Mitteln.

Hier ist das Juwel mit dem Reiz des ganz Besonderen:

[Event "Leningrad 1955"]
[Site "MyTown"]
[Date "????.??.??"]
[Round "?"]
[White "Khalilbeyli"]
[Black "Lipnitzky"]
[Result "0-1"]
[PlyCount "50"]
[TimeControl "1200"]

{767MB, Fritz8.ctg, MYCOMPUTER} 1. d4 Nf6 2. Nf3 e6 3. e3 d5 4. Bd3 c5 5. c3
Nc6 6. Nbd2 Bd6 7. O-O O-O 8. dxc5 Bxc5 9. e4 Qc7 10. Qe2 Ng4 11. h3 Nge5 12.
Bc2 b6 13. Re1 d4 14. Nxe5 Nxe5 15. cxd4 Bxd4 16. Nb3 Ba6 17. Qd1 Bxf2+ 18.
Kxf2 Rfd8 19. Bd2 Nc4 20. e5 Nxd2 21. Nxd2 Qc5+ 22. Re3 Qb4 23. Bxh7+ Kf8 24.
Kg1 Qxb2 25. Qc1 Rxd2 *