Von Adolf Anderssen dürften die meisten von uns das Bild eines kühnen Kombinationsspielers haben, der, keine Gefahr scheuend und die Blütezeit des romantischen Zeitalters repräsentierend, mit wilden Opferkaskaden die Massen begeisterte. Dieser Adolf Anderssen beherrschte freilich auch das Grundgerüst des positionellen Strategen. Und vielleicht ist die vorliegende Partie auch eine seiner größten Partien, nicht wegen einer seiner "typischen" Kombinationen am Schluß der Partie, mit der er den Sieg besiegelte, sondern vor allem wegen seiner positionellen Vorarbeit. Anderssen, der früh eine Schwächung des Gegners durch einen Isolani auf d6 erzwingt, weiß, daß die Schwäche eines Isolanis weniger durch seine relativ schwache Verteidigungsfähigkeit als vielmehr aufgrund der Schwäche des Feldes vor ihm besteht. Das hat der Isolani mit dem rückständigen Bauern gemeinsam. Und da, wie wir alle wissen, der beste Blockeur der Springer ist, erzwingt er vom 16. bis zum 19. Zug die Unvertreibbarkeit seines starken Springers auf dem Vorposten d5 (18. ...Lxd5 19. Dxd5 mit Bauerngewinn). Dieses Cluster, das die Vorherrschaft über das Zentrum bis zum Schluß der Partie bedeutete, ermöglichte Anderssen schließlich nicht zuletzt einen Flügelangriff gegen den gegnerischen König, den Anderssen mit gewohnter Virtuosität behandelte. Sein Gegner war immerhin einer seiner großen Rivalen, Louis Paulsen!

Übrigens: Adolf Anderssen war einer der Anstoßgeber von Wilhelm Steinitz für dessen wissenschaftlich fundierte Positionstheorie, die eine Revolution im Schach bedeutete und das Zeitalter der Moderne einleitete. Steinitz selbst schilderte:

Zu Beginn meiner Karriere war ich selbst ein unbedingter Anhänger des alten Systems, und ich erinnere mich noch gut, dass ich mich bei meinem ersten Treffen mit Anderssen und Kolisch sehr abfällig über Paulsens Stil äußerte. Aber beide Meister verteidigten Paulsen mit Wärme gegen meine generelle Kritik und das ließ mich nachdenklich werden .... Ich erkannte allmählich, dass Genie im Schach mehr ist als mehr oder weniger brillante Schläge nachdem das ursprüngliche Gleichgewicht der Kräfte gestört worden ist..." (William Steinitz, International Chess Magazine, 1891, S.207-208)
[Event "Vienna"]
[Site "Vienna AUT"]
[Date "1873.08.05"]
[EventDate "1873.07.21"]
[Round "5.2"]
[Result "1-0"]
[White "Adolf Anderssen"]
[Black "Louis Paulsen"]
[ECO "C41"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "107"]

1.e4 e5 2.Nf3 d6 3.d4 exd4 4.Qxd4 Nc6 5.Bb5 Bd7 6.Bxc6 Bxc6
7.Bg5 Nf6 8.Nc3 Be7 9.O-O-O O-O 10.Rhe1 Re8 11.Kb1 Bd7 12.Bxf6
Bxf6 13.e5 Be7 14.Nd5 Bf8 15.exd6 cxd6 16.Rxe8 Bxe8 17.Nd2 Bc6
18.Ne4 f5 19.Nec3 Qd7 20.a3 Qf7 21.h3 a6 22.g4 Re8 23.f4 Re6
24.g5 b5 25.h4 Re8 26.Qd3 Rb8 27.h5 a5 28.b4 axb4 29.axb4 Qxh5
30.Qxf5 Qf7 31.Qd3 Bd7 32.Ne4 Qf5 33.Rh1 Re8 34.Nef6+ gxf6
35.Nxf6+ Kf7 36.Rxh7+ Bg7 37.Rxg7+ Kxg7 38.Nxe8+ Kf8 39.Qxf5+
Bxf5 40.Nxd6 Bd7 41.Ne4 Kg7 42.Ng3 Kf7 43.f5 Ke7 44.Kc1 Kd6
45.g6 Be8 46.Kd2 Kd5 47.Kd3 Ke5 48.Ke3 Kd5 49.Kf4 Kc4 50.Ne4
Kxb4 51.Nd6 Bc6 52.f6 Kc3 53.Nxb5+ Bxb5 54.f7 1-0

Noch eine Randbemerkung: Nach Ansicht von Richard Reti war allerdings schon die Eröffnung eine der Ursachen für die sang- und klanglose Niederlage Paulsens. Vernichtend äußerte sich der hypermoderne Theoretiker über sein gespieltes Philidor-System:

Die Verteidigung des Philidors. Als besser gilt 2. ...Sb8-Sc6, da Schwarz sich damit die Möglichkeit vorbehält, d7-d5 zu spielen und damit energischer in den Eröffnungskampf um das Übergewicht im Zentrum einzugreifen. Der Zug d7-d6 ist gewissermaßen eine Resignation des Nachzuges und überläßt dem Anziehenden, der d2-d4 spielen wird, kampflos die größere Terrainfreiheit. Der von älteren Theoretikern getadelte Umstand, daß d7-d6 den Königsläufer einsperrt, spielt daneben nur eine untergeordnete Rolle.
Richard Reti, die Meister des Schachbretts, Edition Olms, Zürich 1983, S. 23

Aber das gehört wohl eher in die Rubrik über die Dogmen der alten Meister.