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Thema: Der Geniebegriff im Schach - Fallbeispiele

  1. #1
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    Der Geniebegriff im Schach - Fallbeispiele

    Aus Goethes bekanntem Gedicht Prometheus aus dem Sturm und Drang, auch Geniezeit genannt:

    Hier sitz' ich, forme Menschen
    Nach meinem Bilde,
    Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
    Zu leiden, weinen,
    Genießen und zu freuen sich,
    Und dein nicht zu achten,
    Wie ich!
    In unserem Kulturkreis ist es ein Hauptmerkmal eines Genies, aus sich selbst heraus etwas Neues zu schaffen. Ein Genie ist also etwas anderes als eine Art im übertragenen Sinne solider Handwerker, der zwar in der Lage dazu ist, Gelerntes anzuwenden, aber nicht darüber hinauszugehen vermag. Natürlich ist es unstrittig, daß gerade im Schach, dem Experimentierfeld menschlichen Intellekts, sehr viele Schachspieler froh sein würden, könnten sie das vielfach Gelernte im Schach so zielsicher anwenden wie dieser solide Handwerker. Gerade im Schach ist es so schwierig, Gelerntes in die Praxis umzusetzen, und gerade deswegen ist die Steigerung der Spielstärke im Schach für die allermeisten Spieler ein so mühseliger, langer Prozeß.

    Doch auch der sicherste solide Handwerker ist kein Genie, er vermag im begrenzten Rahmen Erfolg zu haben, aber die Herzen der Massen erobert er nicht. Es ist das Geniale, das uns reizt, das Ingeniöse, Idiosynkratische, dem konkreten Lebensumfeld Entsprungene, das aus sich selbst heraus Neues schaffen kann. Wie viele Erfinder sind diese Genies Menschen, die dem Zeitgeiste weit voraus und demzufolge in der Lage sind, Wegweisendes zu leisten. Lassen wir uns anhand der Schachgeschichte auf die Suche machen nach Meistern, die schachlich etwas Eigenes schufen. Mir selbst sind dabei folgende Meister aufgefallen:

    Philidor: Sein Positionsspiel war in der damaligen Zeit revolutionär. Als erstes entdeckte er die besondere Rolle der Bauern und kehrte die zu der Zeit gepflegte Geringschätzung der Bauern in ihr Gegenteil um. Auch wenn diese Umkehrung übertrieben sein mag, wissen wir heute, daß es gerade die Bauernstrukturen sind, die der Partie ihr Gesicht geben und anhand derer die jeweiligen Pläne abgeleitet werden. Mit seiner Lehre antizipierte er zudem die Französische Revolution.

    Paul Morphy: Sein Spiel erschien den Menschen als geradezu von Gott geschaffen. Wie ein Wirbelwind fegte er über die altehrwürdigen schachlichen Strukturen in Europa, und noch heute wird die kristallene Klarheit und Harmonie seines Stils bewundert, und seine Partien geben auch den allerstärksten Meistern heute noch ästhetischen Genuß. Auf Harmonie und Geschwindigkeit baute er sein Spiel auf. Niemand hatte ihm da etwas entgegenzusetzen, da entweder das Können fehlte oder irrationales Wunschdenken an der ehernen Logik eines Morphys zerschellte.

    Wilhelm Steinitz: Zwar baute er auch auf den Ideen Philidors auf. Die Systematik und Wissenschaftlichkeit aber, mit der er sein Positionsspiel aufbaute, ist bis heute beispielgebend. Nicht mehr und nicht weniger als sein Name steht für den Beginn der schachlichen Moderne. Und auch heute noch beruft sich im Schach alles, was Rang und Namen hat, auf die Steinitzschen Prinzipien der Stellungsbeurteilung, die auch heute noch im Kern als zutreffend gelten.

    Aaron Nimzowitsch: Der Gegenspieler Tarraschs ging zusammen mit Reti am entschiedensten gegen die Einseitigkeit der Modernen vor und fand zahlreiche ebenso wichtige allgemeine Prinzipien wie die Modernen, die teilweise auch als Antithese zu den Regeln der Modernen fungierten wie die Rolle des Zentrums. Heute, da wir aus dem Abstand der Zeit nüchterner auf diese Zeit des Umbruchs blicken und Moderne und Hypermoderne in ein rechtes Verhältnis rücken können, sind wir dankbar um die zahlreichen Anregungen eines Aaron Nimzowitschs wie Blockade, Überdeckung oder das Spiel gegen die Bauernketten. Mein System war der Titel seines bekanntesten Lehrbuches, und dieser Titel war seine schachliche Philosophie.

    Richard Reti: Der Weggefährte Nimzowitschs kritisierte die Modernen mit demselben Furor. Ebenso wie Nimzowitsch ein eigener Kopf, ging er seinen eigenen Weg und hatte den Mut, auch verblüffende Antworten zu geben. Warum muß man immer gegen die Schwächen spielen, fragte er und erklärte, daß man auch gegen die Stärken des Gegners spielen könne, um die Grundlage des gegnerischen Spiels zu erschüttern. Sein Markenzeichen war das Reti-System, mit Zurückhaltung der Zentrumsbauern, beiden Fianchetti und natürlich sein Lieblingszug Da1.

    Tigran Petrosjan: Strenggenommen sei sein Stil mit den Prinzipien der Sowjetischen Schachschule nicht vereinbar, konstatierte der bekannte DDR-Schachfunktionär und –Trainer Ernst Bönsch in einem seiner Lehrbücher. Und tatsächlich könnte man ihn fast als Gegengewicht zu Paul Morphy bezeichnen. Dem Meister der tiefen Strategie und allmählichen Austrocknung des Gegners ging der Wert der Geschwindigkeit fast völlig ab, und insofern waren ihm offene Strukturen nicht geheuer. Er liebte die geschlossenen Positionen, wo er lange und nachhaltig seine Pläne schmieden und langsam, aber zielsicher den Gegner ausmanövrieren konnte. Seine positionellen Qualitätsopfer sind bis heute legendär und sorgen auch heute noch für Verblüffung, Bewunderung und Erstaunen.

    Ulf Andersson: Kaum ein Meister seiner Zeit hatte eine derart individuelle Handschrift wie Ulf Andersson. Galt schon damals der Raumvorteil als axiomatisch hoher Wert im Positionsspiel, bewies er unermüdlich, daß der Raumvorteil des Gegners auch eine besondere Verpflichtung mitbringt und man von daher auch auf engstem Raume hervorragend manövrieren kann. Während sich die Gegner an seinen gedrungenen Stellungen die Zähne ausbissen, war er unumstritten der Meister der ersten drei Reihen.

    Anatoli Karpov: Er hatte ein unverwechselbares Gespür für die Aufstellung und Koordinierung seiner Figuren. Vielleicht hatte niemand so wie er das Wesen der Schachgestalt als einheitliches, aufs Tiefste miteinander verwobene Gebilde begriffen. Vom Geiste ein Positionsspieler, war sein Spielstil dennoch aggressiv, nicht im Sinne eines blindlings drauflosstürmenden Berserkers, sondern im Sinne subtiler Tiefenwirkung. Zug für Zug nahm der Druck auf den Gegner zu, bis der Zeitpunkt kam, wo der Gegner erwürgt war. Politisch umstritten, war er schachlich ein großer Künstler.

    Fallen euch noch weitere Genies im Schach ein, die ihrer Zeit weit voraus waren? Und gehören dazu auch zeitgenössische Meister trotz des fortgeschrittenen Computerzeitalters?
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  2. #2
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    AW: Der Geniebegriff im Schach - Fallbeispiele

    Bei Petrosjan würde ich noch die hohe Kunst seiner Verteidigung ergänzen.

    Weitere bedeutende positionelle Genies waren der legendäre Akiba Rubinstein und der Meister der Harmonie Wassili Smyslow.

    Deren Partien kann ich für die Erhöhung des Schachverständnisses sehr empfehlen !



  3. #3
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    AW: Der Geniebegriff im Schach - Fallbeispiele

    Mir fällt noch Bobby Fischer ein, obwohl "Legende" hier vielleicht besser paßt als "Genie", denn Neues hat er meines Wissens nicht geschaffen.

  4. #4
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    AW: Der Geniebegriff im Schach - Fallbeispiele

    Zitat Zitat von Kampfkeks Beitrag anzeigen
    Mir fällt noch Bobby Fischer ein, obwohl "Legende" hier vielleicht besser paßt als "Genie", denn Neues hat er meines Wissens nicht geschaffen.
    Wenigstens der Königsangriff bei kleiner Rochade mit Kh1 und Tg1 geht auf sein Konto. Aber mehr fällt mir zu Fischer leider auch nicht ein. Ach doch, mit dem weißfeldrigen Läufer konnte er Wunder bewirken.
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  5. #5
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    Ist Wassili Iwantschuk ein Genie?

    Passend zum Threadthema hat Chess24 auf einen Artikel von GM Vladislav Tkachiev aufmerksam gemacht, der sich in Essay-Form mit der Frage auseinandersetzt, ob Wassili Iwantschuk ein Genie ist und damit in einer Reihe steht mit Schachgenies wie, laut Verfasser, "Morphy, Capablanca, Aljechin, Fischer und Kasparov". Tkachiev führt eine Reihe von Pro- und Kontra-Argumenten an, von Pro- und Kontraaussagen von Spitzenspielern, und er führt zur Orientierung die Geniedefinition von Cesare Lombrosia ein, die mir persönlich übrigens nicht gefällt, weil die Definitionen nicht in jedem Fall notwendige Bedingung für ein Genie zu sein scheinen, sondern, wie Tkachiev selbst anmerkt, statt ein Genie nur eine Spielart eines Genies beschreiben, nämlich ein "psychisch labiles Genie", oder anders gesagt, Genie und Wahnsinn können m. E. zusammengehören, müssen aber nicht. Zum Beispiel könnte man in dieser Definition Wassili Iwantschuk gut wiederfinden, aber die Definition scheitert an allen Ecken und Enden bei den Schachgenies Philidor und Capablanca. Die Genie-Definition von Cesare Lombroso (1835-1909):

    1. Die unnatürliche Entwicklung eines Talents in einem besonderen Feld und ab einem frühen Alter
    2. Gewohnheiten, die schädlich dafür sind, in Form zu bleiben
    3. Der Drang, sich zu bewegen, Ruhelosigkeit
    4. Die Tendenz, den Beruf und die Tätigkeit zu wechseln
    5. Den Wunsch, die kompliziertesten Fragen der Wissenschaft, der Kunst und des Lebens zu beantworten
    6. Ein besonderer - bunter und leidenschaftlicher - Schreibstil
    7. Tiefes, inneres Leiden aufgrund religiöser Zweifel
    8. Abnormale Sprachmuster
    9. Erhöhtes Interesse an den eigenen Träumen
    Was den Artikel von Vladislav Tkachiev aber ausmacht, ist, daß er die Frage nicht abschließend beantwortet, sondern offen läßt, da es im Falle von Wassili Iwantschuk tatsächlich für jedes Proargument ein Gegenargument gibt. Für mich steht Wassili Iwantschuk übrigens in einer Reihe mit Akiba Rubinstein, er repräsentiert den Typus des labilen Genies, so daß ich die Frage, ob Iwantschuk ein Genie ist, also positiv beantworte. Und daß ein stabiles Genie, das es im Ggs. zur Meinung von Cesare Lombroso sicherlich gibt, stärkere Leistungen zustande bringt als ein labiles Genie, ist offensichtlich und selbsterklärend. Wären Akiba Rubinstein und Wassili Iwantschuk also stabil gewesen, wären sie m. E. ziemlich sicher Schachweltmeister geworden. Ist für euch denn Wassili Iwantschuk ein Genie?

    Zum Nachdenken noch ein Zitat aus dem Artikel von Vladislav Tkachiev, das deutlich macht, daß bezogen auf das Schach Spielstärke und Geniehaftigkeit zwar stark miteinander korrelieren, aber eben keine Synonyme sind:

    Was das Konzept eines "Genies" angeht, so ist das Geschmackssache. Tal wurde als Genie bezeichnet, aber niemand nannte z.B. Botvinnik ein Genie. Oder Lasker, der 27 Jahre lang Weltmeister war, er wurde auch nicht Genie genannt. Man kann sich über Genialität streiten und es gibt keine klaren Kriterien dafür.
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