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Thema: Das Kotov-Syndrom

  1. #1
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    Das Kotov-Syndrom

    Das Kotov-Syndrom gehört zur Schachpsychologie und beschreibt das Phänomen, wenn Spieler, die an einer Stellung sehr lange gerechnet haben, aber zu keiner klaren Entscheidung kommen, auf einmal einen Zug spielen, den sie vorher nicht geprüft hatten. Das Kotov-Syndrom ist eng mit dem Zeitnot-Problem verbunden, denn es tritt bevorzugt dann auf, wenn die eigene Bedenkzeit knapp wird. Der bekannte sowjetische Großmeister und Schachtrainer Alexander Kotov hatte dies in seinem Lehrbuch von 1970, Denke wie ein Großmeister, geschildert. In diesem hat er sich wissenschaftlich mit dem Denkprozeß von Schachspielern auseinandergesetzt und versucht, das schachliche Denken zu systematisieren. Die Kotovschen Regeln sind, was Variantenberechnung anbelangt, mit der Zeit immer mehr verfeinert und von ihren Überspitzungen befreit worden. Aber wie Wilhelm Steinitz mit seiner Positionslehre, war Kotov der Erste, der das Variantenberechnen auf wissenschaftlicher Grundlage in das Schach eingeführt hatte. Heute würde ich jedem Schachspieler Angriff und Verteidigung von Mark Dworetzki und Artur Jussupov empfehlen; ein ungeheuer vielseitiges Lehrbuch, in dem die Autoren u. a. das richtige Variantenberechnen auf moderner Grundlage vorstellen.

    Wie kommt es zu dem Kotov-Syndrom? Ich vermute, der Spieler, der in Zeitnot kommt, ist unzufrieden mit seinen bisherigen Varianten. Da die Zeit drängt, muß er aber nun was spielen. Und da liegt es doch sehr nahe, dann eben etwas zu spielen, was man vorher wenigstens nicht verworfen hatte. Da kann man so noch eine gewisse Hoffnung und Zuversicht in die Zeitnotphase mitnehmen. Kotov wies allerdings auch darauf hin, daß die meisten der unter dem Kotov-Syndrom gefällten Entscheidungen schlecht sind und das Spiel teilweise sofort einstellen. Evtl. ist hier Wunschdenken der falsche in der Hektik (und Panik?) zu Hilfe genommene Ratgeber. Am besten ist aber natürlich, erst gar nicht in Zeitnot zu kommen. Doch das ist leichter gesagt als getan.

    Übrigens: Zu dem Kotov-Syndrom gibt es sogar einen Song:

    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Das Kotov-Syndrom

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    ...
    Wie kommt es zu dem Kotov-Syndrom? Ich vermute, der Spieler, der in Zeitnot kommt, ist unzufrieden mit seinen bisherigen Varianten. Da die Zeit drängt, muß er aber nun was spielen. Und da liegt es doch sehr nahe, dann eben etwas zu spielen, was man vorher wenigstens nicht verworfen hatte. Da kann man so noch eine gewisse Hoffnung und Zuversicht in die Zeitnotphase mitnehmen. Kotov wies allerdings auch darauf hin, daß die meisten der unter dem Kotov-Syndrom gefällten Entscheidungen schlecht sind und das Spiel teilweise sofort einstellen. Evtl. ist hier Wunschdenken der falsche in der Hektik (und Panik?) zu Hilfe genommene Ratgeber. Am besten ist aber natürlich, erst gar nicht in Zeitnot zu kommen. Doch das ist leichter gesagt als getan. ...
    Du beschreibst es gut.
    Wenn ihm die Position nicht gefällt oder dem Spieler nicht so liegt, dann fällt die Entscheidung schwerer, als wenn es eine verheißungsvolle Position ist, in der die aktiven Optionen nicht gänzlich zu durchschauen sind. dort entscheidet man sich eher für einen als gut erfühlten Zug trotz nicht vollständiger Berechnung.
    Wenn man keinen guten zug erfühlt und auch die Berechnungen wenig konkretes oder Brauchbares ergeben, dann ist die Grundlage für irrationale Entscheidungen bereitet.

    Ein striktes Zeit- und Zugauswahlmanagement befolgte, wenn ich nicht irre, der große "Bobby". Er schrieb, daß er sich nach spätestens 20 min für einen Zug entscheidet und daß nach seiner Beobachtung längere Entscheidungsprozesse nicht zu besseren Ergebnissen führen.
    Diese Erfahrung mach(t)en auch andere Spitzenspieler und Amateure. Statistisch auffällig sind Züge nach sehr großem Bedenkzeitverbrauch unterdurchschnittlich bis Schlecht oder gar grob fehlerhaft. Ein Teil beruht auf "Kurzschlußhandlungen" mit Auswahl eines gar nicht groß betrachteten Zugs.
    Es gibt aber auch Fälle, in denen trotz exzessiven Bedenkzeitverbrauchs die (wohl) besten Züge gespielt wurden. Allerdings hatte dieser Bedenkzeitverlust dann andere, spätere Nachteile.
    Berühmt ist die 2. WM-Partie 1987 zwischen K. u. K.
    Karpow brachte hier eine schon für Kortschnoj ausgekochte Neuerung im Engländer mit 9. ... e3 aufs Brett.
    Kasparow überlegte 82 Minuten (damals wurde mit 2,5h/40Z. gespielt), um dann mit 10. d3! und 11. Db3! auch nach Karpows Ansicht den schwarzen Aufbau zu gefährden/ widerlegen (siehe Karpow Englisch - richtig gespielt, Beyer-Verlag).

    Kasparow nützte diese Zeitinvestition allerdings wenig, weil er später ingroßer Zeitnot die immer noch umfangreichen Probleme nicht lösen konnte. Er vergaß zusätzlich an einer stelle sogar dieUhr zu drücken, was nochmal Zeit kostete...
    Die Kommentatoren wunderten sich, warum Karpow die Variante nicht in dieser Form wiederholt.Dazu meinte Karpowspäter, daß Kasparow eben am Brett unterhohem Zeitaufwand die Fortsetzung gefunden hatte, die diese Variante für Karpow mit Schwarz jetzt unattraktiv machte.


    [Site "WCh Sevilla"]
    [Date "1987.10.14"]
    [Round "2"]
    [Result "0-1"]
    [White "Garry Kasparov"]
    [Black "Anatoly Karpov"]
    [ECO "A29"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "64"]

    1.c4 e5 2.Nc3 Nf6 3.Nf3 Nc6 4.g3 Bb4 5.Bg2 O-O 6.O-O e4 7.Ng5
    Bxc3 8.bxc3 Re8 9.f3 e3 10.d3 d5 11.Qb3 Na5 12.Qa3 c6 13.cxd5
    cxd5 14.f4 Nc6 15.Rb1 Qc7 16.Bb2 Bg4 17.c4 dxc4 18.Bxf6 gxf6
    19.Ne4 Kg7 20.dxc4 Rad8 21.Rb3 Nd4 22.Rxe3 Qxc4 23.Kh1 Nf5
    24.Rd3 Bxe2 25.Rxd8 Rxd8 26.Re1 Re8 27.Qa5 b5 28.Nd2 Qd3
    29.Nb3 Bf3 30.Bxf3 Qxf3+ 31.Kg1 Rxe1+ 32.Qxe1 Ne3 0-1


    http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067245

  3. #3
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    AW: Das Kotov-Syndrom

    Zitat Zitat von zugzwang
    Statistisch auffällig sind Züge nach sehr großem Bedenkzeitverbrauch unterdurchschnittlich bis Schlecht oder gar grob fehlerhaft
    Das könnte allerdings auch daran liegen, daß die Stellungen, die einen Spieler zu einem sehr starken Bedenkzeitverbrauch "nötigen", überaus komplex sein dürften. Wie die Züge in derartigen Stellungen bei deutlich niedrigerem Bedenkzeitverbrauch aussehen würden, will ich gar nicht wissen.

    Grundsätzlich meine ich, daß nur in manchen Fällen der hohe Bedenkzeitverbrauch auf eine im Schach typische mentale Schwäche der übertriebenen Ängstlichkeit und eine damit verbundene Angst, Entscheidungen zu fällen, zurückzuführen ist. Du sprichst es ja selbst an, daß es Fälle gibt, wo man gerade in dieser sehr langen Zeitspanne noch eine Lösung findet. Das ist dann der Geistesblitz bzw. der Aha-Effekt, der sich manchmal bei mir einstellt, wenn ich eine gefühlte Ewigkeit an einer schwierigen Taktikaufgabe knobele.

    Dworetzki hat es ja schön beschrieben mit seinem ökonomischen Zeitverbrauch, daß man nachdenken sollte, wo man nachdenken sollte und man schnell spielen sollte, wo man schnell spielen sollte. Gerade dieser wie eine Binsenweisheit klingende Gedanke wird selbst von wirklich starken Spielern viel zu selten beherzigt. Sie überlegen an Stellungen, wo das Konzept eigentlich klar sein sollte (und dem Spieler sogar selbst klar ist), und gehen achtlos an Schlüsselstellen vorbei. Aber hier gehen Spielstärke und Zeitverbrauch wieder ineinander über. Denn man muß schon ein guter Spieler sein, um die von Yermolinski so schön beschriebenen "Wendepunkte" aufzuspüren.
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