Und noch ein königsindisches Meisterwerk aus der Zauberküche der Sowjetischen Schachschule. Der renommierte Schachlehrer Alexei Suetin wählt in diesem Königsinder gegen Isaak Birbrager 1964 ein Abspiel, das ihm auf d4 einen starken Spitzenbauern beschert. So entsteht eine dieser im Schach beliebten Strukturen mit Doppelbauern im Zentrum, die aber der Stellung Stabilität geben. So ist die schwarze Bauernformation e6+f7+g7+h7 erst einmal unangreifbar, während Schwarz Raumvorteil, die halboffene e-Linie und das Feld e5 gut unter Kontrolle hat. Tatsächlich gelang es ihm trotz späterer Vereinzelung seines Doppelbauern im Zentrum aus den genannten Vorteilen Kapital zu schlagen. Der Bd4 wirkt später wie ein lebender Beweis für Nimzowitschs Überdeckungsphilosophie, der davon sprach, daß ein solcher überdeckter Bauer eine Strahlkraft über mehrere Felder bishin sogar über das ganze Brett entwickelt. Zudem erinnert der Druck über die a+b-Linie an die schwarzen Vorteile im Wolga-Gambit, derer sich Suetin bedient. Sein Gegner war in dieser Partie alles andere als ein Opfer. Mit hypermodernen Methoden setzte er dagegen und immer auf einen Konter lauernd. Nach 24 Zügen schien der Druck abgeschlagen und Birbrager hoffte auf seine Chance. Doch ein unglaubliches positionelles Damenopfer, das man unmöglich in allen Einzelheiten berechnen konnte, sorgte für weitere schwarze Initiative. Das Damenopfer muß auch aus intuitiven Erwägungen heraus gespielt worden sein, und tatsächlich erwiesen sich die positionellen und strategischen Vorteile der schwarzen Stellung als so entscheidend, daß Suetin in dem "dunklen Wald, wo 2+2=5 ist" (Tal) den Überblick behielt und den Punkt nach Hause fuhr. Eine vielseitige und gehaltvolle Partie, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt.

[Event "USSR Ch semi-final"]
[Site "Minsk, USSR"]
[Date "1964.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "Isaak Birbrager"]
[Black "Alexey Suetin"]
[ECO "A40"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "76"]

1. d4 g6 2. e4 Bg7 3. c4 d6 4. Nf3 e5 5. Be2 Nc6 6. d5 Nd4
7. Nxd4 exd4 8. O-O Ne7 9. Nd2 c5 10. dxc6 bxc6 11. Rb1 c5
12. b4 cxb4 13. Rxb4 O-O 14. Bb2 Nc6 15. Rb3 Re8 16. Bd3 a5
17. Qa1 a4 18. Ra3 Bd7 19. Nf3 Qb6 20. Rb1 Qc5 21. Ne1 Be6
22. Bf1 Ne5 23. Rc1 Reb8 24. Rg3 d3 25. Bd4 d2 26. Bxc5 dxc5
27. Rcc3 Nxc4 28. Nc2 Rd8 29. Be2 Rab8 30. Ne3 Bxc3 31. Qxc3
Nxe3 32. fxe3 Rb1+ 33. Kf2 Rc1 34. Qe5 Re1 35. Bf3 Bc4
36. Rxg6+ hxg6 37. Qxc5 Rf1+ 38. Kg3 Rxf3+ 0-1