Die Namen von Schacheröffnungen sind aus vielerlei Gründen entstanden. Neben dem Namen des Erfinders, dem Land oder der Stadt, in denen diese Eröffnung entstand, können Schacheröffnungen auch mythologische, humoristische oder sonstwie sprechende Namen bekleiden. Die Eröffnung, die wir hier behandeln wollen, trägt sowohl einen sprechenden als auch einen humoristischen Namen. Es geht um die Fort-Knox-Variante, die aus dem Rubinstein-Franzosen hervorgeht. Denn auf dem US-amerikanischen Stützpunkt Fort Knox sind die Goldreserven der USA gelagert, die von der Armee bewacht werden. Fort Knox gilt als bestbewachter Standort der Welt.

Dieser Name für dieses französische Abspiel ist nicht zufällig, denn ähnlich dem Dameninder ist die Verteidigung für Schwarz Trumpf. Sein Aufbau gilt als „bombensicher“, aber auch als langweilig und wenig inspirierend.

Nach der Rubinsteinvariante mit 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sd2/c3 dxe4 4. Sxe4 spielt Schwarz hier nicht mit dem Hauptzug 4. ...Sd7 weiter. Er zieht stattdessen seinen Läufer nach d7, mit der Idee, das Problem seines schlechten französischen Läufers durch Abtausch gegen einen Springer zu lösen. Das erinnert an eine andere französische Idee, den schlechten französischen Läufer über a6 abzutauschen. Nur tauscht sich der Läufer hier nicht gegen einen anderen Läufer, sondern gegen einen Springer, was also dem Gegner das Läuferpaar überläßt und somit verpflichtender ist. Nach vollzogenem Abtausch spielt Schwarz meistens ...c6, mit dem er seinen Damenflügel geschlossen hält. Nach 5. Sf3 Lc6 6. Ld3 Sd7 7. 0-0 Sgf6 8. Sg3 Le7 9. b3 0-0 10. Lb2 Lxf3 11. Dxf3 c6 erinnert seine Königsstellung auf dem Damenflügel tatsächlich an eine hermetisch verteidigte Festung. Folglich gewinnt Schwarz hier selten, aber seine Remisquote ist hoch. Shredder vermeldet nach 4. ...Ld7 eine Quote von 40,2 Prozent in 536 Partien bei einer Bilanz von +93, =246, -197. Da die Figuren von Schwarz hier konsequent defensiv ausgerichtet sind, scheint er wenig Ambitionen auf eigenes Spiel zu besitzen, sondern möchte lieber abwarten, was passiert, und darauf hoffen, daß sich der Weiße zu unvorsichtigen Angriffen hinreißen läßt und seine Stellung überzieht. Der bekannte Eröffnungstheoretiker, GM Neil McDonald, meint dazu: „if you play the Fort Knox as Black you must be very patient and wait for your opponent to weaken himself.”

Ein früher Fehler wäre 5. d5?!, auf das Schwarz sogar wartet, weil er nach 5. ...De7 bereits besseres Spiel hat, vor allem wegen den Drohungen auf der offenen e-Linie gegen den weißen König. Der brisante Zug in dieser Variante ist allerdings der 8. Zug von Weiß, bei dem sich entscheidet, welchen Verlauf die Partie nimmt. Denn ähnlich wie Schwarz im 5. Zug im offenen Sizilianer hat Weiß hier mehrere Möglichkeiten auf Lager:

Interessant wäre hier 8. Sed2!?, wohinter sich eine tiefe Idee befindet. Nach 8. Sed2 Le7 9. Sc4 0-0 10. Te1 ist Weiß zwar nach wie vor weit davon entfernt, dem sich einbunkernden Schwarzen vor unlösbaren Problemen zu stellen. Er hat aber bereits Raum gewonnen und drückt auf das Feld e5.

Der Hauptpfad ist 8. Sg3, nach GM Neil McDonald ein „solider“ (ebd.) Zug. Hier läßt sich Weiß alle Möglichkeiten.

Nicht gut ist allerdings 8. Sxf6. Der Springertausch auf f6, den Weiß oft im Caro-Kann unternimmt, krankt daran, daß die schwarzen Springer sich gegenseitig decken und Schwarz sein Raumproblem durch den Tausch verbessert. Nach 8. ...Dxf6 ist es schwer, hier einen weißen Vorteil nachzuweisen, während Fort-Knox generell als eine der Eröffnungen gilt, wo Schwarz, hier aus Sicherheitsgründen, bewußt ein sicheres += in Kauf nimmt.

8. De2 wäre im Interesse eines offenen Spiels auch eine Idee, denn auch nach dem Tausch zweier Leichtfiguren auf e4, etwa nach 8. ...Sxe4 9. Lxe4 Lxe4 10. Dxe4 c6 11. Te1 dürfte er seinen leichten Vorteil beibehalten haben.

Die brachialste Variante, zumindest in Relation zu den Möglichkeiten, die in dieser reinen Verteidigungsstellung von Schwarz gegeben sind, wäre 8. Seg5, wo Weiß auf 8. ...h6 hofft, um daraufhin einen taktischen Schlag landen zu können. GM McDonald:

As long as Black avoids falling for a sucker punch like 8...h6 9.Nxe6! he shouldn't have any difficulties in this line. I managed to equalise against strong GM Sutovsky in the game given here and even achieved some edge- check out Sutovsky-McDonald. White also achieves little in the similar line 7.Qe2 [rather than 7.0-0] 7...Ngf6 8.Neg5, which is examined in O'Shaughnessey-McDonald.
Schauen wir uns mal die Variante an, die sich ergeben könnte, wenn die Falle nicht zuschnappt: 8. Seg5 Ld6 9. Te1 h6 10. Sh3 Lxf3 11. Dxf3 c6 12. Sf4 0-0 13. Sh5 Te8. Ich meine, Weiß hat zwar erfolgreich die Schwächung durch ...h6 provozieren können, aber im Prinzip nichts herausgeholt, weil sein langwieriges Manöver Se4-g5-h3-f4 Schwarz Zeit gelassen hat, sich zu konsolidieren.

Mein Fazit, natürlich aus weißer Sicht: Wegen des sicheren Aufbaus von Schwarz sind hier radikale Manöver verfehlt. Weiß sollte eher versuchen, mit subtilen Mitteln seinen leichten Stellungsvorteil allmählich zu vergrößern und im Notfall ein Remis in Kauf zu nehmen, sollte es sich nicht vermeiden lassen. Die Idee mit 8. Sed2 gefällt mir dabei noch am besten, weil sie über eine gewisse Tiefe verfügt, während die anderen Ideen entweder unangebracht waghalsig (8. Sg5) und/oder schwach (8. Sxf6) sind oder die Stellung derart konventionell halten, daß Schwarz sich vergleichsweise gut verteidigen kann (8. Sxf6, 8. De2, 8. Sg3). Was würden hier die anderen spielen?