Mit diesem Google-Worttool kann man recht zuverlässig die Bedeutung des Schachs in seiner Geschichte ab 1800 in einem bestimmten Kulturkreis ablesen. Je öfter ein Wort in den ausgewerteten Texten einer bestimmten Zeit vorkommt, desto relevanter ist dieses Wort bzw. der sich dahinter verbergende Inhalt in diesem Kulturkreis. Betrachten wir nun die Bedeutung des Schachs im deutschsprachigen Raum, im französischsprachigen Raum, im englischsprachigen Raum und im russischsprachigen Raum:

Wenn wir das Sprachtool benutzen, erkennen wir, daß das Schach im deutschsprachigen Raum um 1800 ähnlich populär war wie in der Nazizeit, aber auch danach ist die Popularität für das Schach sehr hoch. Insofern bestätigt diese Statistik die Zeitlosigkeit des "Königlichen Spiels". Der rapide Bedeutungsverlust kurz nach 1800 hängt mit den Napoleonischen Kriegen zusammen, weil nun andere Ereignisse für das Leben der Menschen relevanter waren. Wir erkennen in diesem Kontext ebenfalls eine stark abfallende Bedeutung des Schachs in den beiden Weltkriegen. Der Peak des Schachs in der Nazizeit liegt wiederum darin, daß auch die Nazis das Schach als Instrument und Gütezeichen der eigenen nationalen Stärke entdeckten und systematisch förderten, ganz wie in der Sowjetunion. Wir erkennen auch, daß Steinitz, Lasker und Tarrasch das Schach lange Zeit um die Jahrhundertwende wieder auf neue Höhen brachten. Zu dieser Zeit war das deutschsprachige Schach durch viele starke Spieler aus dem deutschsprachigen Raum auf der Welt sehr präsent.

Im englischsprachigen Raum ist die Bedeutung für das Schach insgesamt etwas größer als im deutschsprachigen Raum. Es fällt auf, daß der Graph ungleich kontinuierlicher verläuft als im deutschsprachigen Raum, weil einfach die vielen Katastrophen und Umbrüche fehlen, die den deutschsprachigen Raum in seiner Vergangenheit auch nach dem Dreißigjährigen Krieg geprägt haben, und die indirekt sich auch auf das Schach niederschlugen. Erkennbar sind sowohl der Morphy- als auch der Fischer-Boom, wobei hervorzuheben ist, daß der durch Fischer entfachte Schachboom auch nach dessen abrupten Abtritt von der Schachbühne 1972 nicht zu einem ebenso plötzlichen Bruch des Schachinteresses führte, was für eine solide Basis dieses Booms spricht.

In Frankreich hatte die Kaffeehaus-Kultur, wofür paradigmatisch das Café de la Régence steht, bereits im 18. Jahrhundert dazu geführt, daß sich auch das Bürgertum das altehrwürdige „Spiel des Adels“ erschließen konnte. Seitdem gehörte Frankreich zu den großen Schachnationen und brachte mit Philidor, La Bourdonnais und Deschapelles Spieler hervor, die lange Zeit die stärksten Spieler der Welt waren. Erst als Saint Amant gegen den Engländer Staunton 1843 in Paris mit 8:13 (bei einem 0,5-7,5-Rückstand) klar verlor, verlor Frankreich seine Führungsrolle im Schach, und zwar für vorerst immer. Seit etwa 20 Jahren bringt Frankreich aber wieder Spitzenspieler im Schach hervor. Die Statistik weist die Franzosen als schachbegeistertes Volk aus, die sich von ihrer Begeisterung für das Schach auch nicht abhalten ließen, als die internationalen Erfolge ausblieben.

Ein Problem für den russischsprachigen Raum ergibt sich dadurch, daß in der russischen Sprache mit Wasmatbi (?) und Wax (?) zwei Wörter für das Schach zu existieren scheinen, wobei es so aussieht, als wenn das Wort Wasmatbi (?) mittlerweile ein wenig veraltet geworden und zunehmend durch Wax (?) ersetzt worden ist. Beide Wörter wurden von mir aus Tastaturgründen vom kyrillischen Alphabet notdürftig ins lateinische Alphabet übersetzt. Beide Statistiken zusammengenommen ist der langanhaltende Boom durch die systematische Schachförderung der Sowjetunion seit der Oktoberrevolution zu erkennen, der ausgerechnet dann abschwillt, als die Sowjetunion kurz vor dem Großen Vaterländischen Krieg bereits die stärksten Spieler stellte. Wir erkennen einen kurzen, aber heftigen Boom bereits vorher durch Tschigorins theoretisches und praktisches Schaffen, der allerdings nicht nachhaltig war, da er urplötzlich wieder tief fällt. Wahrscheinlich hatte das russische Volk danach andere Sorgen als das Schach. Das galt zwar auch bzw. sogar insbesondere für die Zeit nach der Oktoberrevolution, doch war das Schach von da an Staatsangelegenheit, so daß so die notwendigen Strukturen aufgebaut werden konnten, die ein systematisches, schnelles und stetiges Popularitätswachstum des Schachs ermöglichten.

Generell sollten diese Werte aus zwei Perspektiven betrachtet werden, und zwar aus nationaler und globaler Perspektive, da es zwischen beiden Ebenen starke Rückkopplungseffekte gibt. Bspw. haben das Wirken Fischers oder auch das nachhaltige Wirken der Sowjetischen Schachschule natürlich insbesondere in den Staaten USA und UdSSR das Schach belebt. Aber dieser dadurch ausgelöste Schach-Boom hatte auch Außenwirkungen auf die ganze Welt, da z. B. in dem Wettkampf Fischer vs. Spasski nicht nur US-Amerikaner und Russen mitfieberten.

Nationale Vergleiche:

Deutschsprachiger Raum:
Peak für "Schach" 1940 bei 0,0002482717%
Talsohle für „Schach“ 1814 bei 0,0001126000%

Englischsprachiger Raum:
Peak für „chess“ 1986 bei 0,0003391737%
Talsohle für „chess“ 1812 bei 0,0001503517%

Französischsprachiger Raum:
Peak für „échecs“ 1982 bei 0,0011989923%
Talsohle für „échecs“ 1808 bei 0,0002054725%

Russischer Sprachraum:
Peak für „Wasmatbi (?)“ 1822 bei 0,0001248381%
Talsohle für „Wasmatbi (?)“ 1809 bei 0,0002182054%
Peak für „wax (?)“ 1941 bei 0,000537712
Talsohle für „wax (?)“ 1800 bei 0%