Ebenso wie im in sich heterogenen Deutschland darf man nicht den Fehler machen, das föderalistische Indien undifferenziert über einen Kamm zu scheren. So ist es z. B. kein Zufall, daß der durch Anand ausgelöste Schachboom in Indien im Bundesstaat Tamil Nadu begann, dem Bundesstaat, aus dem Anand herkommt, und das als erster Bundesstaat Schach als Schulfach (wählbare Sportart im Sportunterricht) eingeführt hat. Wie uns der indische Schachtrainer Ebenezer Joseph erklärt, heißt es in Indien: "(...) Chapati, das in Nordindien gegessen wird, macht stark. Dhal, das in Tamil Nadu gegessen wird, macht schlau" (Karl, 4/2013, S. 35).

Doch ist diese systematische Integration des Schachs in den Schulunterricht nicht der einzige Schlüssel für den gegenwärtigen Boom Indiens im Schachsport, der mit staatlichen Mitteln weiter an Substanz gewinnen soll.

Um sich über die momentanen Bedingungen des Schachs in Indien, speziell im „führende[n] Schach-Bundesstaat in Indien“ (ebd.) Tamil Nadu, ein Bild zu machen, empfehle ich die entsprechende Ausgabe des kulturellen Schachmagazins Karl, das diesen Aspekten rund um den WM-Kampf in Chennai einen Schwerpunkt gewidmet hat. Dort erwähnt der indische Schachtrainer Ebenezer Joseph in einem Interview, daß Schachakademien in Indien den Schachvereinen den Rang abgelaufen haben (vgl. ebd.). Joseph führt aus:

Der Michail Tal Schachklub hat sich vor langer Zeit aufgelöst, seit 1996 gibt es vor allem aber das Emmanuel Chess Centre. In diesem Institut haben wir in den letzten elf Jahren 2000 Kinder ausgebildet. Im Moment betreuen wir mehrere Tage die Woche etwa 70 Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren. Schach ist für uns nicht nur ein Spiel, sondern ein Instrument, das vielfach einsetzbar ist. Schach verbessert das Lernverhalten der Kinder, was wir mit begleitenden Untersuchungen belegen wollen
Diese Untersuchungen hat es in Deutschland bekanntlich schon gegeben, und sie bestätigen allesamt die Vermutung Josephs bezüglich der Verbesserung des allgemeinen Lernverhaltens bei Kindern durch gezielten Schachunterricht.

Die Idee, das Schach durch spezielle Schachakademien zu fördern, ist dabei sicherlich interessant, da in Schachakademien viel systematischer und professioneller Schach gelernt werden kann als in Vereinen, auch wenn dies natürlich sehr stark von dem jeweiligen Verein abhängen mag. Eins zu eins ist diese Idee, wenn man von einer Verdrängung der Schachvereine durch Schachakademien ausgeht, sicherlich nicht umsetzbar. Und vor allem, wenn man an das Wettkampfsystem denkt, das wohl nur richtig gut über die Schachvereine geht, wäre das hierzulande auch nicht erwünscht. Doch für die besonders begabten und ehrgeizigen Kinder, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen wäre solch ein Akademie-System natürlich eine willkommene Gelegenheit, ihre eigenen Fähigkeiten im Schach gezielt auszubauen.

Jetzt könnte man fragen, warum so etwas ausgerechnet im reichen Deutschland nicht funktioniert, wenn doch selbst ein Entwicklungsland wie Indien es schafft, den Schachakademien eine so prominente Rolle zuzuweisen. Doch hat das Schach in Deutschland keine Sonderrolle unter den Sportarten, was auch schon während der Teilung Deutschlands beide deutschen Staaten betraf. Die Sonderrolle hat bei uns der Fußball, und für die zahlreichen anderen Sportarten, die mit staatlichen Fördermitteln nahezu gleichmäßig besprenkelt werden, bleibt da nicht mehr allzu viel übrig. Insofern darf man in Deutschland bezüglich des Schachs nicht auf den Staat vertrauen, wichtig ist da eine gute und nachhaltige Politik des Deutschen Schachbundes, der die Notwendigkeit starker Schachakademien schon lange erkannt hat und mit der Zusammenarbeit mit Kasparov und Karpov, die beide Schachakademien in Deutschland aufgebaut haben, diesen Weg fortsetzt.

Meine Schlußfolgerung ist demzufolge, daß in Deutschland aus traditionellen und kulturellen Gründen Schachakademien niemals die Schachvereine ersetzen können, aber durchaus in ihrer Wertigkeit erkannt werden und demzufolge flankierenden Charakter für die aufstrebende Avantgarde im Schach besitzen und mit der Zeit immer wichtiger werden.