Der Begriff des Wunderkindes kommt von Wunder, und damit ist eigentlich schon gesagt, daß die Leistung des Kindes in einer speziellen Disziplin so herausragend ist, daß sie von der Außenwelt mit einem Wunder gleichgesetzt wird. Vor allem gilt es als etwas wundersames, wenn ein Kind einen erfahrenen Erwachsenen in einer Disziplin schlagen kann, denn in puncto Training und Erfahrung, so sollte man meinen, hätte das Kind eigentlich keine Chance.

Insofern bietet gerade das Schach, ähnlich dem Klavier, solcherlei höchstbegabten Kindern die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Denn zum einen können sich im Schach Kinder bereits mit Erwachsenen messen, und zum anderen scheint der Geist Fragen des Alters gelassener anzugehen als der Körper. Bspw. hätte eine F-Jugend-Mannschaft, zusammengesetzt aus „Wunderkindern“, im Fußball gegen eine beliebige Bundesligamannschaft keine Chance, während ein Wunderkind im Schach auch schon einmal Weltmeistern gefährlich werden kann. Und auch ein 80jähriger, der nach den Begriffen der Gesellschaft ein Greis ist, wäre im Fußball schon gar nicht mehr in der Lage, auch nur ansatzweise Leistungssport zu betreiben, während mit Viktor Kortschnoi ein Mann in diesem gesegneten Alter im Schach noch Landesmeister der Schweiz werden kann.

Über Stärke und Entwicklungsprognosen von Wunderkindern im Schach ist schon viel geschrieben worden. In diesem Thread hingegen möchten wir der Frage nachgehen, ob es einen die Wunderkinder weltweit verbindenden Schachstil gibt, den sie zu spielen pflegen, oder wenigstens zu diesem „einheitlichen“ Stil tendieren. Der kürzlich, vermutlich von Schachmeistern, entwickelte und auch im Forum vorgestellte englischsprachige Schachpersönlichkeitstest, in welchem dem Tester anhand von 20 Fragen ein Schachstil diagnostiziert wird, ging in dieser Hinsicht am weitesten und hat gleich Schachstil und Wunderkind als einheitlich gesehen. Unter dem Stil: „prodigy“ (Wunderkind) ist zu lesen:

The Prodigy is the ultimate sportsman. Prodigies play aggressively and fight for the win from the beginning to the end, but place the highest value on maintaining emotional control and utilizing every opportunity that comes their way. Prodigies are not out to prove any kinds of theories, or to create great works of art (though that often happens anyway); for Prodigies winning is everything… because winning is simply more fun.
Doch erscheint dieser unterstellte Einheitsstil wenig überzeugend. Er trifft vielleicht auf den vom Test genannten Magnus Carlsen zu, doch beileibe nicht auf alle Wunderkinder. Ganz im Gegenteil hat Garri Kasparov in seiner Vorkämpfer-Reihe darauf aufmerksam gemacht, daß gerade diese höchstbegabten Schachspieler, denen schon alles zufalle, dazu tendieren können, das ernsthafte Arbeiten am Brett einzustellen und die Züge nur noch intuitiv zu spielen, was zu einer gewissen Oberflächlichkeit führt. Denn warum sollte man sich anstrengen, wenn das Ziel doch auch ohne besonderen Einsatz zu erreichen sei? So kommentierte der von 1985-2005 die Schachwelt dominierende Kasparov den Titelverlust des ehemaligen Wunderkindes Capablanca gegen Aljechin:

Genauer gesagt, spielte die größte Rolle der Umstand, den ich bereits erwähnte: Sein ganzes Leben lang kam Jose Raoul Capablanca relativ leicht zu seinen Siegen. Er war schlicht nicht daran gewöhnt, sich diese hart erkämpfen zu müssen, und im Match gegen Aljechin begriff er zu spät, daß er nun wirklich kämpfen mußte, koste es, was es wolle
Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 2, Edition Olms 2006, S. 218

Es scheint tatsächlich die Intuition zu sein, welcher der für Wunderkinder primäre Zugang zum Schach ist, während sich Schachspieler bezüglich ihres Zugangs normalerweise zwischen den Polen von Ratio und Intuition bewegen. Das ehemalige Wunderkind Samuel Reshevsky hatte 1989, rückblickend auf sein bewegtes Leben, in einem Interview seinen damaligen Zugang zum Schach geschildert:

Ich hatte das Spiel nie studiert. Ich war dazu zu jung. Ich griff es auf beim Zusehen, wie mein Vater zu Hause spielte. Als ich vier Jahre alt war, spielte ich gut genug, um die meisten Spieler in unserem Ort zu schlagen. Mit sechs Jahren hatte ich bereits mit vielen polnischen Meistern in Lodz und Warschau gespielt, unter denen sich auch Großmeister Akiba Rubinstein befand, und mein Ruf hatte sich in Polen durch die Abhaltung von Simultanvorstellungen in den führenden Städten verbreitet.
Dieser intuitive Zugang zum Schach beeinflußt den Schachstil. Der Schach- und Musikhistoriker Harold C. Schonberg führt aus:

Vielleicht gibt es eine Beziehung zwischen Wunderkindern und klassischem Stil. Die bedeutendsten Wunderkinder der Musikgeschichte – Mozart, Mendelssohn, Saint-Saens – entwickelten sich zu Klassikern, zu perfekten Technikern, denen alles mühelos zufiel. Auch im Schach kann man drei der vier berühmtesten Wunderkinder als Klassiker bezeichnen. Die Ausnahme bildet Reshevsky mit seinem Hang zu geschlossenen Spielen und komplizierten Stellungen. Aber die drei übrigen – Morphy, Capablanca und Fischer – haben stets geradliniges, weiträumiges Spiel und übersichtliche Stellungen bevorzugt. Einfachheit anstelle von barocken Komplikationen ist das Hauptmerkmal ihrer Spielweise – und außerdem die technische Perfektion, die daher rührt, daß sie von klein auf mit dem Handwerkszeug ihrer Handwerkskunst aufgewachsen und mit ihm eins geworden sind. Die Mozarts der Musik und die Capablancas des Schachspiels brauchen kaum bewußt zu denken, wenn sie ein Meisterwerk schaffen; sie verlassen sich weitgehend auf ihre Intuition
Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1972, S. 165

Freilich sollte in dieser Liste der Wunderkinder noch Philidor erwähnt werden, der mit dem Schach und der Musik gleich in beiden Kulturdisziplinen ein Wunderkind war, der aber keinesfalls zu den „Klassikern“ gezählt werden sollte. Philidor war es, der mit seinem Ausspruch: "Die Bauern sind die Seele des Spiels" zum ersten Male den Wert der Bauern erfaßte, die vorher nur als Kanonenfutter für furchtlos vorgetragene Figurenangriffe dienten, um diesen den Weg zu bahnen. Heute wissen wir, daß Philidor in vielem Recht hatte. Denn die Rolle der Bauern können als strukturbildendes Element für das Positionsspiel gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, und nicht umsonst erscheinen immer wieder Lehrbücher, die sich ausschließlich mit der Rolle der Bauern im Schach auseinandersetzen. Auch Paul Morphy schuf ein wichtiges Prinzip, nämlich das Prinzip der Geschwindigkeit, mit dem er, bei gleichzeitig gesundem Positionsspiel seine Angriffe mit somnambuler Leichtigkeit vortrug, ohne deswegen in den Bereich des Spekulativen zu fallen, von dem sein späteres Opfer Adolf Anderssen noch befallen war. Und wenn man heute über das Prinzip der Technik denkt, so fällt einem Schachspieler wohl als erstes Jose Raul Capablanca ein, dem damit ebenfalls eine gewisse Vorreiterrolle zukommt. Das Wunderkind der heutigen Tage, der Weltmeister und Weltranglistenerste Magnus Carlsen, hat die meisterhafte Technik von Capablanca übernommen, ohne in dessen grundsätzliche Fehler von Oberflächlichkeit und Komplikationsscheu zu fallen. Magnus spielt, was er objektiv für gut hält, er hält einen Stil und damit persönliche Präferenzen für Schwäche, und insofern könnte auch Magnus Carlsen im Hinblick auf eine Objektivität, dem Zeitgeiste der Engines entsprechend, eine Vorreiterrolle zukommen, eine Vorreiterrolle, die Boris Spasski trotz eines ähnlichen Anliegens, nie wirklich geleistet hatte. Doch einen gemeinsamen Stil der Wunderkinder, den gibt es nicht, man sieht, wohin man blickt, nur andersartig gelagerte Genialität, die aus sich selbst heraus Neues zu schaffen vermag.