Die kommunistische Welt war voller Mythen. Sie lebte von ihren Mythen, von denen die „Revolution“ im Oktober 1917 oder der „Schuß der Aurora“ nur die bekanntesten waren, und sie konnte sich dies auch leisten, denn in einem alles, und damit auch die Medien kontrollierenden Staat ist der Staat in der Lage, seine eigene Geschichte zu schreiben.

Bezogen auf das Schach war eine dieser Mythen die, welche sich auf die Rolle Lenins als Freund und Förderer, ja als spiritus rector des Schachs bezog. In kaum einem Schachbuch aus den Warschauer-Pakt-Staaten fehlte der Hinweis auf die Rolle Lenins hinsichtlich des Aufbaus des Schachlebens in der Sowjetunion, und sehr gerne wurde sein Ausspruch zitiert: Schach ist Gymnastik des Verstandes. Nun kannte Lenin unbestreitbar die Regeln des Spiels, und er hat auch, wie übrigens ein Drittel aller Deutschen das heute tun, das Schach gelegentlich gespielt, und auch Bilder eines Schach spielenden Lenins sind belegt.

Nur wird dabei geflissentlich übersehen, daß Lenin nach dem Staatsstreich der Bolschewiki wichtigeres zu tun hatte, als sich um die Verbreitung des Schachs in seinem Lande zu sorgen. Der Bürgerkrieg, Kriegskommunismus, Hungersnot und die Intervention von sechzehn ausländischen Staaten, welche die Gegner der Bolschewiki unterstützten, um, ein bekanntes Churchill-Zitat verwendend, den Bolschewismus schon in der Wiege zu erwürgen, sorgten dafür, daß das neue Regime von Beginn an ums schiere Überleben kämpften mußte. Auch ein Zeitzeuge, der die ersten Jahre nach dem Staatsstreich und der damit verbundenen revolutionären Umgestaltung des ganzen Riesenreichs unmittelbar erlebt hatte, nämlich niemand anderes als Alexander Aljechin, berichtete in seinem Werk Das Schachleben in Sowjet-Rußland von 1921 neben dem im Zuge der Umwälzungen auch das Schach betreffenden Niedergang zwar auch von einigen Hoffnungsschimmern für die hiesigen „Schachisten“. Von einem Lenin war da aber weit und breit nichts zu sehen. Aljechin:

Was die anderen Städte betrifft, dürfte sich dort das Schachleben in keinem Falle günstiger als in Moskau entwickeln. Nach den letzten Nachrichten, die uns zugekommen waren, beginnen die Schachisten von Petrograd [Leningrad, jetzt St. Petersburg], Kasan und Charkow, sich zu organisieren, doch auch dort – wie überall – hängt alles von dem persönlichen Einfluß irgend eines sowjetischen Regierungsmannes ab, ähnlich wie das Schach in Moskau ein kurzes Aufblühen dank Iljin-Genewsky erlebte.
Es erscheint aber kaum wahrscheinlich, daß man auf einem so unsoliden Fundament etwas Dauerndes bauen könne
Alexander Aljechin, Das Schachleben in Sowjet-Russland, Schachverlag Bernhard Kagan 1921, S. XVI

Wenn ein solcher Förderer auf einmal fehlte, dann konnte in diesen fragilen Tagen das Schachleben in bestimmten Regionen schnell wieder zusammenbrechen, was Aljechin exemplarisch anhand von Iljin-Genewsky beschreibt:

Im Dezember 1920 mußte Iljin-Genewsky Moskau verlassen, da er als sowjetischer Konsul nach Libau ging und im Zusammenhang mit dieser Änderung der Dinge hatte sich die Lage der Moskauer Schachfreunde sehr verschlechtert: Verschwunden waren die Hoffnungen, die Zuweisung des Heizmaterials fürs Spiellokal oder gar die finanziellen Unterstützungen seitens der roten Behörden zu erwirken. Während des Winters kamen daher die Moskauer Schachisten nur in den Privatwohnungen derjenigen Klubmitglieder zusammen, die so glücklich waren, über Brennholz zu verfügen. In der Schachsektion selbst war das Leben wie ausgestorben, trotzdem jeder Besucher auf eine tägliche Brotration, eine Tasse „Sowjet-Tee“ und ein Stückchen Honigmarmelade Anspruch erheben durfte
Ebd. S. XVf.

Die Tatsache, daß Lenin von diesem wichtigen Zeitzeugen in seinem Werk überhaupt nicht erwähnt wurde, ist kein Zufall. Martin Weteschnik macht z. B. auf eine Äußerung von Lenins Bruder Dimitri aufmerksam:

Vom Jahre 1893 an fand Wladimir Iljitsch immer weniger Zeit, sich dem Schachspiel zu widmen. Das letztemal spielte ich im Jahre 1903 mit ihm in Genf. Er hatte nicht einmal ein Schachspiel im Haus, und wir gingen deshalb in ein Café. ...
Nach der Revolution spielte Wladimir Iljitsch fast nie mehr Schach. Es war ihm zu anstrengend. In seiner Freizeit bevorzugte er Gorodki, ein Spiel mit Holzklötzen und Stäbchen, den Spaziergang und die Jagd [...]
Bei seinen [Lenins] systematischen Vorgehen, seiner Hartnäckigkeit und seinen geistigen Fähigkeiten hätte er ohne Zweifel ein hervorragender Schachspieler werden können. Aber Wladimir Iljitsch betrachtete Schach stets nur als Unterhaltung, als ein Spiel. Ich erinnere mich, daß ich einmal äußerte, man sollte statt des idiotischen Latein oder Griechisch lieber das Schachspiel als Geistesübung einfügen, worauf Wladimir Iljitsch antwortete: „Damit würdest Du vom Regen in die Traufe kommen. Du darfst nicht vergessen, daß Schach eben doch nur ein Spiel ist, und nicht mehr
Martin Weteschnik, Schachtaktik in Rußland und der Sowjetunion vom 19. Jahrhundert bis 1990, Caissa KFT 2007, S. 7

Für den später systematisch vom jungen Staat aufgezogenen Aufbau der Schachstrukturen im Lande macht Weteschnik den von Aljechin mehrfach geschilderten Iljin-Genewsky verantwortlich, der glühender Revolutionär und glühender Schachliebhaber in einem war. Dessen „Rolle als Protektor und Motor des Sowjetschachs“ (ebd. S. 11) nahm dann später der hochrangige Geheimdienstmann Nikolai Krylenko ein (ebd.), der von Bogoljubov in seinem Werk zum Turnier in Moskau 1925 als Organisator erwähnt wird, und dessen „Grußwort“ wenig freundlich klang, sondern dem, wie es auch zu einem Mitglied des gefürchteten sowjetischen Geheimdienstes paßt, etwas unterschwellig sinistres anhaftete. In seinem „Grußwort an die Welt“ war z. B. von „unansehnlichen Schächern“, „Krähwinkeln der bürgerlichen Welt“ und „armseligen Kleinbürgern" die Rede. Krylenko, der im Zuge der Stalinschen Säuberungen erschossen worden ist, war zudem bekannt als Protegé von Botwinnik, der Krylenko zu einem guten Teil seinen eigenen Aufstieg als einflußreichen und privilegierten Schachspieler zu verdanken hatte und was ihm so den Einsatz bei internationalen Meisterturnieren außerhalb der Sowjetunion ermöglichte.

In diesem Sinne war es also nicht Lenin gewesen, der dem Schach in der Sowjetunion zum Durchbruch verhalf, sondern die von Aljechin genannten „einflußreichen Regierungsmänner“, von denen Iljin-Genewski im Besonderen zu nennen ist, die einen starken Bezug zum Schach hatten und dieses Spiel so kräftig förderten. Erst als die Strukturen schon standen, nahm die revolutionäre Staatsmacht das Spiel an, so daß die Förderung des Schachs nun zentral geleitet werden konnte.