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Thema: Schicksale sowjetischer Schachspieler im Zweiten Dreißigjährigen Krieg

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    Schicksale sowjetischer Schachspieler im Zweiten Dreißigjährigen Krieg



    Die beiden Werke von Alexander Aljechin Das Schachleben in Sowjet-Rußland von 1921 und von Efim Bogoljubow Das internationale Schachturnier Moskau 1925 können von ihrer Bedeutung her gar nicht hoch genug gewürdigt werden, boten sie dem interessierten Zeitgenossen außerhalb der UdSSR doch Momentaufnahmen in ein abgeschottetes und rätselhaftes Land. Sowohl Alexander Aljechin als auch Efim Bogoljubow haben den Leser außerhalb der UdSSR mit den Spielern vertraut gemacht und ihnen so Einblick in die schachlichen Zusammenhänge des Landes gegeben. Beide ursprünglich aus Rußland stammenden Schachmeister haben zudem in ihren Werken ein bedeutendes Turnier beschrieben. Bei Aljechin war es das Allrussische Championsturnier in Moskau 1920, das später zur ersten sowjetischen Landesmeisterschaft gezählt wurde, und bei Bogoljubow wenig überraschend das im Titel seines Werkes angesprochene Internationale Schachturnier in Moskau 1925.

    Für die damals in beiden Turnieren mitwirkenden Spieler sowjetischer Nationalität standen die härtesten Prüfungen noch bevor. Damit sind nicht die rein schachlichen Prüfungen gemeint, sondern die allgemeinen Prüfungen des Lebens, denn ganz Europa steuerte damals auf die Katastrophe zu, der Friede war äußerst fragil und an vielen Stellen Europas schon gebrochen; manche Historiker sprechen in diesem Zusammenhang von dem Zweiten Dreißigjährigen Krieg, der bereits seit 1914 tobte. Diese Katastrophe gilt für die sowjetischen Spieler im Besonderen, denn neben Polen und dem Aggressor des Zweiten Weltkrieges Deutschland wurde die UdSSR von eben diesem am härtesten getroffen. Zudem sollte sich später mit Josef Stalin ein Mann an der Spitze des Landes behaupten, der neben Hitler und Mao Tse-Tung zu den gefährlichsten Massenmördern des 20. Jahrhunderts gerechnet wird, und deren Verbrechen bis dato in vielen Bereichen beispiellos waren. Der Historiker Karl Schlögel meint bspw. zu den Stalinschen Säuberungen 1937/38, daß dieser von Stalin dem Land aufgezwungene Massenterror in der sowjetischen Bevölkerung Verluste hinterließ, die mit einem realen Krieg zu vergleichen seien. Ein anderer Vergleich ist der Vergleich mit der Pest. Denn da immer mehr Menschen in diesen Zeiten spurlos verschwanden, war die Gefahr für den einzelnen Bürger des Riesenreichs im Osten in etwa so real wie das Wüten einer mittelalterlichen Pest.

    Wir begutachten nun die Teilnehmer des Allrussischen Championsturnieres in Moskau 1920. Neben dem Gewinner des Turniers, Alexander Aljechin, wirkten mit (nach der Plazierung in diesem Turnier geordnet): Pjotr Romanowski, Grigori Löwenfisch, Ilja Rabinowitsch, Nikolai Grigoriev, Leonid Kubbel, Abram Rabinowitsch, Benjamin Blumenfeld, Danjuschewsky, Ilja Iljin-Genewsky, Nikolai Zubarev, Nikolai Pawlov-Pjanov, Izelikot, August Mundt, Povlov, Golubef.
    Pjotr Romanowski überlebte Krieg und Stalin. Er sollte einer der verdienstvollsten Schachmeister des Landes werden, die sich um den Aufbau der Sowjetischen Schachschule kümmerten. Er befand sich in seiner Heimatstadt Leningrad während der Blockade. Selber fast gestorben, verlor er bei diesem Verbrechen seine Familie.

    Grigori Löwenfisch entwickelte sich zu einem starken und international bekannten Schachmeister. Da er aber nicht die Gunst des Apparates besaß, durfte er nicht ins Ausland reisen, und er wurde 1938 klar übervorteilt, da er 1937 die sowjetische Landesmeisterschaft gewann, seinen Titel durch ein 6,5-6,5 gegen Michail Botwinnik verteidigte, aber dennoch nicht zum berühmten AVRO-Turnier von 1938 in diversen niederländischen Städten reisen durfte. An seiner Statt nahm bekanntlich Botwinnik teil.

    Ilja Rabinowitsch überlebte hingegen den Zweiten Weltkrieg nicht. Er wurde Opfer der Leningrader Blockade und starb auch nach seiner Evakuierung in Perm an den Folgen der extremen Unterernährung.

    Nikolai Grigoriev hingegen überlebte Stalins Terror nicht. Auch er war einer der verdienstvollsten Pioniere der Sowjetischen Schachschule und darüber hinaus als Komponist von Schachstudien geschätzt. Er verendete in den Folterkammern des NKWD.
    Auch Leonid Kubbel machte sich als Schachkomponist einen Namen. Grigoriev lobte ihn sogar, er habe einen eigenen Stil in der Problemkunst entwickelt. Auch er verschwand in den Zeiten der Pest bzw. des Großen Terrors. Im Gegensatz zu Grigoriev wurde er nicht zu Tode gefoltert, sondern erschossen.

    Abram Rabinowitsch starb im Zweiten Weltkrieg an Hunger, nicht in Leningrad, sondern in Moskau.

    Benjamin Blumenfeld entwickelte sich zu einem sehr starken Spieler, der sich auch als Eröffnungstheoretiker einen Namen machte. Er starb zwar 1947, aber offenbar eines natürlichen Todes. Zumindest habe ich nichts Gegenteiliges gefunden.
    Über den Lodzer D. Danjuschewsky habe ich nichts gefunden. Wer kann helfen?
    Der Revolutionär und Schachenthusiast Ilja Iljin-Genewsky ist wahrscheinlich der bedeutendste Pionier der Sowjetischen Schachschule. Offiziell verstarb er im Zweiten Weltkrieg an einer Fliegerbombe, aber es wird gemunkelt, sein Tod sei vom eigenen Staat fingiert gewesen. Dazu paßt, daß nahezu alle alten Revolutionäre und Mitstreiter Lenins in der Stalinzeit weggesäubert worden sind.

    Der Moskauer Schachspieler Nikolai Zubarev starb 1951. Er wurde nur 56 Jahre alt. Einwirkungen staatlicher Gewalt sind mir nicht bekannt.

    Nikolai Pavlov-Pianov spielte bis 1929 erfolgreich Schach. Dann versiegen die Quellen.
    Über den Moskauer „N. Izelikot“ habe ich nichts gefunden.

    Bei dem Lodzer August Mundt verlieren sich schon 1920 seine Spuren. Auf www.chessgames.com sind nur vier Partien von ihm gelistet. Auch die beiden Tabellenletzten des Allrussischen Championats 1920, „D. Powlof“ aus „Mohilef“ und „J. Golubef“ aus Petrograd (später Leningrad, dann St. Petersburg) verlieren sich nach dem Turnier.

    Wir nehmen uns nun die Teilnehmerliste von Moskau 1925 vor, das deutlich hochkarätiger besetzt war als das Allrussische Championat von 1920 und sogar zu den ganz großen Turnieren der Schachgeschichte zählt:

    Wir widmen uns hier wieder nur den sowjetischen Staatsbürgern, von denen der Turniersieger Bogoljubov bald endgültig nach Deutschland übersiedeln und das deutsche Schachleben künftig bereichern sollte. Wir sehen Romanowsky wieder, ebenso Ilja Iljin-Genewsky, Grigori Löwenfisch, Ilja Rabinowitsch und Nikolai Zubarev. Neu erscheinen dem Zeitgenossen aus dem Westen Spieler wie Fedor Bohatyrchuk, Boris Verlinsky, Solomon Gotthilf und Fjodor Duz-Khotimirsky. Es fällt auf, daß das Gros der Teilnehmerzahl nicht mehr nahezu ausschließlich um die großen Metropolen und traditionellen Schachzentren Moskau und Leningrad konzentriert ist. Insofern war die Verbreitung des Königlichen Spiels in der Sowjetunion schon weiter fortgeschritten. Der ukrainische Teilnehmer Fedor Bohatyrchuk sollte in seinem Leben noch eine ganz besondere Rolle spielen. Er erlebte die böse Zeit des Holodomors an seinem Volk und überlebte eine Verhaftung ausgerechnet im Hexenjahr 1937, u. a. weil er in Moskau 1935 Botwinnik schlug und damit den ungeteilten Sieg von Botwinnik verhinderte (Botwinnik mußte sich den ersten Platz mit Salo Flohr aus der Tschechoslowakei teilen). Später kämpfte er auf Seiten der Wehrmacht gegen sein Land und emigrierte nach dem Krieg nach Kanada, wo er noch ein langes Leben vor sich hatte. Er starb erst im Orwell-Jahr 1984.

    Boris Verlinsky hingegen, Zeit seines Lebens ein starker Schachspieler, verstarb 1950 an den Spätfolgen von Meningitis. Solomon Gotthilf und Fjodor Duz-Khotimirsky schienen unbehelligt geblieben zu sein.

    Bereits 1909 konnte Duz-Chotimirsky mit einem Sieg gegen Weltmeister Lasker auf sich aufmerksam machen:

    [Event "St Petersburg"]
    [Site "St Petersburg RUS"]
    [Date "1909.03.08"]
    [EventDate "1909.02.15"]
    [Round "16"]
    [Result "1-0"]
    [White "Dus Chotimirsky"]
    [Black "Emanuel Lasker"]
    [ECO "D37"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "83"]
    1.d4 d5 2.Nf3 Nf6 3.c4 e6 4.Nc3 Be7 5.Bf4 O-O 6.e3 Nbd7 7.Bd3
    c6 8.Qc2 dxc4 9.Bxc4 Qa5 10.O-O Nd5 11.Bg3 Nxc3 12.bxc3 Nf6
    13.Bd3 h6 14.Ne5 Qd8 15.f4 Nd5 16.Rf3 c5 17.e4 Nf6 18.Bf2 cxd4
    19.cxd4 Bd7 20.Nxd7 Qxd7 21.h3 Rac8 22.Qe2 Rc7 23.f5 Nh7 24.e5
    exf5 25.Bxf5 Qd8 26.Rd1 g6 27.Bc2 Qc8 28.Bb3 Rc1 29.Kh2 Ng5
    30.Rfd3 Rxd1 31.Rxd1 Bd8 32.h4 Ne6 33.d5 Nf4 34.Qe4 Qg4 35.g3
    Bxh4 36.gxh4 Rc8 37.Rd3 Rc1 38.Qf3 Qf5 39.Rd4 g5 40.e6 Qe5
    41.Re4 Qd6 42.e7 1-0

    Ein anderer Großteil der von Stalin ermorderten Schachspieler stammt übrigens aus den besetzten Gebieten vor allem in den baltischen Staaten nach dem Machtzuwachs der UdSSR nach Winterkrieg und Hitler-Stalin-Pakt 1940 und den weiteren Einflußgebieten in Osteuropa nach dem Krieg. Diese Staaten wurden nun ebenfalls brutalen Säuberungen unterworfen. Viele dieser Spieler, die von der Geschichte verschluckt wurden, sind in Vergessenheit geraten. Sie haben es sich verdient, in unserem Andenken zu bleiben.
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  2. #2
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    AW: Schicksale sowjetischer Schachspieler im Zweiten Dreißigjährigen Krieg

    Soeben ist auf Chessbase ein super Artikel zu Bohatyrchuk erschienen: https://de.chessbase.com/post/der-ma...or-bohatirchuk
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  3. #3
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    AW: Schicksale sowjetischer Schachspieler im Zweiten Dreißigjährigen Krieg

    Ein weiterer sehr guter Beitrag: Stalins Terror hat auch vor Schachspielern nicht halt gemacht.

    Man sollte auch Vladimirs Petrovs gedenken, der Lette war. Die baltischen Staaten waren zwischen den beiden Weltkriegen unabhängig und sind von Stalin 1940 "geschluckt" worden, so wurde Petrovs "Sowjetbürger".

    Er war ein sehr guter Spieler, der Lettland bei allen Schacholympiaden zwischen 1928-1939 sehr erfolgreich vertrat (individuelle Goldmedaille am 3. Brett 1931 in Prag, Bronze am ersten Brett 1939 in Buenos Aires) und in Margate 1938 auch Aljechin schlagen konnte.

    1942 wurde er aufgrund seiner Kritik an der sowjetischen Herrschaft über Lettland verhaftet und zu 10 Jahren Straflager verurteilt; das Jahr darauf verstarb er an einer Lungenentzündung. Er wurde nur 35 Jahre alt.

  4. #4
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    AW: Schicksale sowjetischer Schachspieler im Zweiten Dreißigjährigen Krieg

    Danke schön. Allerdings war der Terror gegen Schachspieler in der Sowjetunion offenbar geringer als gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. So schrieb Karl Schlögel in "Terror und Traum":

    Manchmal war die Selektion zufällig, manchmal nicht und man kann nur raten, welches die ausschlaggebenden Erwägungen waren. Schlögel erwähnt, dass die sowjetischen Alpinisten besonders hart getroffen wurden, vielleicht weil sie Beziehungen zum Ausland besaßen oder im Ausland gewesen waren. Die führenden Schachspieler der Sowjetunion wurden hingegen verschont, obwohl man sie in gleicher Weise hätte verdächtigen können.
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  5. #5
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    AW: Schicksale sowjetischer Schachspieler im Zweiten Dreißigjährigen Krieg

    Ich glaube, dass die Tatsache, dass Schach in der Sowjetunion von staatlicher Seite so gefördert wurde, den Spielern einen "gewissen" Schutz gewährt hat.

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