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Thema: Magnus Carlsen und Garri Kasparov im journalistischen Vergleich

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    Magnus Carlsen und Garri Kasparov im journalistischen Vergleich

    Ich hatte hier ja schon erwähnt, daß der Spiegel einen traditionellen Schachbezug hat und regelmäßig gute Schach-Artikel produziert. Vor allem früher war das echter Qualitätsjournalismus. Nun hat der Spiegel-Journalist Erich Follath - evtl. nur ein Hobbyspieler, jedenfalls ist er nicht in der DWZ-Datenbank aufzufinden - es geschafft, beide Schach-Giganten der letzten dreißig Jahre, Magnus Carlsen und Garri Kasparov, zu einer (schnellen) Partie Schach zu laden, die er so, verglichen mit den bekannten Zuschreibungen der beiden Schachmeister, journalistisch auswerten konnte. Vielleicht ist es ganz gut, daß hier ein schachlich eher unbedarfter Journalist seine Eindrücke schildern konnte. Denn jemand, der nicht wie ein aktiver Schachspieler mental in der Schachwelt verwurzelt ist, ist vielleicht weniger vorurteilsbefangen und damit gedanklich freier. Es ist wie mit geschlossenen Gesellschaften. Die Teilnehmer dieser kennen nichts anderes, und ihnen fallen diverse Praktiken schon gar nicht mehr auf. Also braucht es vielleicht den Besucher aus einer anderen Welt, der die Bewohner der geschlossenen Räume auf Auffälligkeiten und Bemerkenswertes hinweisen und somit neue Denkanstösse geben kann.

    Der Journalist hat sicherlich recherchiert, aber daß er kein Spezialist zu Schachfragen sein kann, beweisen diverse Fehler in seinem aktuellen Artikel:

    Er ist der junge Norweger, dem Kasparow noch den letzten Schliff gegeben hat. Inzwischen hat er seinen Lehrmeister sogar übertroffen, kein Mensch dürfte je das komplexe und anspruchsvolle königliche Spiel so durchdrungen haben wie er, die Elo-Zahl des 23-Jährigen liegt bei 2880.
    Die akuelle Elo von Carlsen liegt bei 2881. Ok, nur um einen Punkt vertan, könnte man meinen. Was ist das schon? Aber es kommt schlimmer:

    Rückblick, Köln 2008. Kasparow ist da schon freiwillig vom Schach-Thron abgetreten, nach mehr als einem Jahrzehnt an der Weltspitze, und mit der bis dahin höchsten Wertung irgendeines Spielers: 2815 Elo-Punkte.
    Dieser dem Journalisten unterlaufene Zahlendreher am Ende führt immerhin zu einer spürbaren Faktendifferenz von 36 Punkten. Im Übrigen ist die rein zahlengestützte Aussage, Carlsen habe das Schachspiel tiefer durchdrungen als Kasparov, weil er wesentlich mehr Punkte als er habe, für einen Laien typisch. Denn diese Aussage berücksichtigt nicht den Faktor der Elo-Inflation.

    Bei ChessBase in Hamburg, dem Eldorado der Spitzenspieler und Heimat des stärksten Schachcomputers weltweit [...]
    Das ist ebenfalls sachlich falsch, da Fritz schon lange seinen Platz als stärkster Schachcomputer weltweit verloren hat. Hier die aktuelle Schachcomputer-Weltrangliste: http://www.computerchess.org.uk/ccrl/4040/ Ergebnis: ein Computer der Firma Chessbase, namentlich Deep Fritz 14 64-bit 4CPU liegt nur noch an 12. Stelle.

    Insofern bieten seine Erfahrungen mit den beiden Schach-Giganten also den besagten Besuchereffekt in eine geschlossene Gesellschaft. Und somit dürfte dem Schachfreund interessieren, daß sich die „Klischees“ über den wilden Feuerkopf Kasparov und der coolen Würgeschlange Carlsen in den Erfahrungen dieses Journalisten bestätigt haben, und zwar sowohl, was ihr Verhalten als auch, was ihren Spielstil angeht. Und auch die Kritik der überwältigenden Mehrheit der Schachspieler an der Aussage des DSB-Ehrenpräsidenten Robert von Weizzäcker nach Chennai, der neue Weltmeister spiele „blutleeres“ und „seelenloses“ Schach, wird auch von dieser neutralen Person geteilt und als unqualifiziert angesehen. Follath:

    Ich wähle gegen Carlsen die Eröffnung mit dem Damenbauern, wie gegen Kasparow. Es entwickelt sich dann bald ein ganz anderer Kampf als der mit seinem Vorvorgänger auf dem Schach-Thron. Eine positionelle Partie, bei der ich fast unmerklich in Nachteil gerate. Langsam, nach und nach. Um mich aus der drohenden Umklammerung zu befreien, entschließe ich mich zur langen Rochade. Er zeigt keine Emotionen, bleibt stoisch gelassen. Pokerface. Was gegen Gleichstarke womöglich noch chancenreich gewesen wäre, erweist sich gegen Carlsen als der falsche Weg. Mit präzisem Spiel stürzt er sich auf meinen Schwachpunkt c3, der sich bald nicht mehr sinnvoll decken lässt. Ich muss Material abgeben. Als nach dem 22. Zug feststeht, dass ich seiner Dame nur mehr den Turm entgegenzusetzen habe, gebe ich auf.

    War das nun "seelenlos" - oder auf eine ganz andere, konsequent positionelle Weise spektakulär? Carlsen hat Schach auf seine Weise meisterhaft weiterentwickelt. Er verschafft sich auch gegen weitaus Stärkere als mich leichte Vorteile, weitet sie zu Gewinnstellungen aus. Das als unkreativ abzutun, zeugt von wenig Schachverständnis. Mit einer ähnlichen Argumentation könnte man auch den Fußball, den Bayern München spielt, mit hohem Anteil an Ballbesitz, geduldigem Warten und dann blitzschnellem Zuschlagen als seelenlos beschreiben. Carlsen, der als schwieriger Interviewpartner gilt, gibt sich nach der Partie ganz locker. "Ich nehme die Fehler meiner Gegner für mich in Anspruch", sagt er.
    Es ist bekannt, daß der Spiegel über wirkliche Schach-Experten bei seinen Journalisten verfügt und auch jederzeit gute Schachspieler zu Gastbeiträgen bewegen kann. Insofern war es eine gute Idee, einmal eine weniger schacherfahrene Person über die beiden Weltmeister schreiben zu lassen, die Vorteile wurden schon beschrieben.
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  2. #2
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    AW: Magnus Carlsen und Garri Kasparov im journalistischen Vergleich

    Zitat Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
    Das ist ebenfalls sachlich falsch, da Fritz schon lange seinen Platz als stärkster Schachcomputer weltweit verloren hat. Hier die aktuelle Schachcomputer-Weltrangliste: http://www.computerchess.org.uk/ccrl/4040/ Ergebnis: ein Computer der Firma Chessbase, namentlich Deep Fritz 14 64-bit 4CPU liegt nur noch an 12. Stelle.
    Hier sollte man vielleicht fairerweise anmerken, dass ChessBase auch Houdini zusammen mit der Fritz-Oberfläche verkauft
    http://shop.chessbase.com/en/product...cessor_version
    http://musescore.com/tobefree

    Zitat Zitat von derair
    also ich hab jetztd en internet explorer 9 und der ist toll
    der ist viel übersichtliger geworden und íst viel besser als fire fox
    "Alle aussteigen, wir klauen jetzt einen A380."

  3. #3
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    AW: Magnus Carlsen und Garri Kasparov im journalistischen Vergleich

    Oh, Houdini gehört zu Chessbase? Das ist ja interessant. Ich dachte, Houdini sei ein Konkurrent. Hab immer nur Fritz mit Chessbase in Verbindung gebracht. Hat Chessbase also auch Houdini entwickelt?

    Edit: Chessbase hat Houdini Ende 2012 übernommen. Insofern ist Fritz natürlich Chessbases ursprüngliches Kind, Houdini eher sowas wie ein Adoptivkind, alllerdings im sehr fortgeschrittenen Alter: http://de.wikipedia.org/wiki/Houdini_%28Schach%29
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