Ich weiß ja nicht, wie es euch so geht, aber mit 1984, Die letzten Kinder von Schewenborn und Schöne neue Welt habe ich bereits mindestens drei bekannte dystopische Werke gelesen. Um von der Fiktion zur Realität zu gelangen, so erschien den Menschen vor 36 Jahren der Gedanke schrecklich, ja geradezu dystopisch, daß der Computer bald die stärksten Menschen der Welt im Schach schlagen könne. Schreckliche Zukunft titelte der Spiegel 1978 entsetzt und schrieb:

Die späteren Nachfolger der Computer -- darüber sind die Experten mittlerweile einig -- können Konrad Zuses Traum verwirklichen: Gegen Großmeister spielen und gewinnen.
Natürlich kann man manchmal darüber streiten, ob etwas eher als Dystopie oder Utopie angesehen wird. Zum Beispiel würden sicherlich nicht wenige Menschen aus dem Jahre 1978 eine vorgestellte spätere Zeit als dystopisch ansehen, wo bereits jedes Kind über einen tragbaren Multifunktionsbildschirm mit der gesamten Welt vernetzt ist, währenddessen die stärksten Großmeister besiegende Schachcomputer auch als bereichernd empfunden werden konnten. Tatsächlich hat sich die Schachwelt von diesem "Schock" erholt, und als die Schachwelt bedrohende Dystopie werden heute weniger die Schachcomputer gesehen als vielmehr der Tag X, der Tag, an dem das Schach gelöst sein wird.

Der Artikel ist aus schachhistorischer Sicht dennoch interessant. Denn viele Schachspieler fragen sich heute, wann das Jahr gewesen ist, wo die Computertechnologie zum Durchbruch gekommen ist, wo also zum ersten Mal die Experten nach langer Odyssee und vielerlei falschen Prämissen auf dem richtigen Weg waren und endlich davon überzeugt waren, mit ihren Maschinen die stärksten Schachmeister besiegen zu können. 1978 war dieses Jahr offenbar, denn in demselben Artikel heißt es auch:

Noch bis vor zwei Jahren hatten fast alle Schach-Größen über die Chancen eines Computers gegen einen international erprobten Turnierspieler allenfalls mitleidig gelächelt. Den Wunschtraum des deutschen Rechenmaschinen-Pioniers Konrad Zuse, "eines Tages den Schachweltmeister mit einem Computer zu besiegen", bewerteten sie als Hirngespinst eines Mannes, der offenkundig vom Schach nicht genug wußte.