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Thema: Latrunculi - das Schach der Römer

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    Latrunculi - das Schach der Römer



    Als das Schachspiel in Indien und China erfunden wurde, brauchte es bekanntlich eine lange Zeit, bis es über Arabien ins Abendland kam. Die europäische Antike mit den griechischen Poleis, den makedonischen Eroberern und dem römischen Weltreich war schon lange Geschichte, die Städte waren verlassen, da sie den Menschen vor Raub und Überfall keinen Schutz mehr boten, die Menschen waren in die Wälder geflüchtet, und erst langsam konnte sich im beginnenden Mittelalter eine ganz neue Ordnung bilden.

    Es ist bekannt, daß in der europäischen Antike Schlachten und Kriege im Bewußtsein der Menschen nicht weniger, vielleicht sogar mehr verankert waren als in Indien oder China. Und insofern liegt der Verdacht nahe, daß auch die Griechen und Römer ein Strategiespiel kannten, in dem zwei Partner eine Schlacht im Mikrokosmos eines Spielbretts simulieren konnten. Vor allem waren im alten Rom Strategiespiele ungleich höher angesehen als die Glücksspiele. Letztere waren verpönt und verboten, weil sie regelmäßig dazu führten, daß sich Menschen, die solche Spiele i. d. R. um Geld spielten, ruinierten oder daß sie Gewalt gegen ihre Bezwinger anwendeten. Kriminalität und Schlägereien waren oft die Folge von Glücksspielen, die wegen des Verbots aus der Öffentlichkeit weitgehend verbannt waren und entweder im stillen Kämmerlein oder heimlich in Tavernen gespielt wurden. Diese Geringschätzung von Glückspielen, d. h. Spielen, wo nicht der Verstand des Spielers entscheidet, sondern der Würfel oder die Karten, ist allerdings keine römische Spezialität gewesen. In seinem Werk Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts beschrieb Edmund Bruns, wie das Schachspiel in den sowjetischen Lagern der Umerziehung von Häftlingen diente, während alle Arten von Glücksspielen verboten waren. Und auch noch in der Spätphase der DDR belehrte Ernst Bönsch 1985 in seinem Werk Schachlehre die Jugendleiter bei Jugendveranstaltungen mit erhobenem Zeigefinger, daß sie streng darauf achten sollten, daß die Kinder und Jugendlichen in ihrer Freizeit nicht solchen moralisch zweifelhaften Tätigkeiten wie dem Kartenspielen nachgehen.

    Ludas Latrunculorum (Das Spiel der Soldaten) oder kurz Latrunculi (Soldaten) hieß also das „Schach der Römer“, das die Römer allerdings nicht selbst erfunden hatten, sondern von den Griechen übernahmen und modifizierten. Bei den Griechen hieß das Spiel Polis und besaß damit einen Bezug zur Lebenswelt der Griechen, die lange Zeit keine zusammenhängenden Staatsgebilde kannten, sondern sich selbst organisierende Poleis (=Stadtstaaten), die sich mal miteinander verbündeten oder mal miteinander verfeindet waren. Das Spiel wurde in der hellenischen Welt allerdings auch Petteia genannt.

    Die Übersetzung "Soldaten" für "latrunculi" gibt allerdings nicht den ganzen Kern der römischen Bezeichnung für ihr Spiel wieder. Tatsächlich ist die Endung: "culi" für "Latro" (=Söldner, Soldat) eine römische Verniedlichungsform, die auch einen verächtlichen Unterton haben kann. Wenn ein Römer z. B. von graeci spricht, so redet er neutral von den Griechen. Redet er aber über graeculi, so ist dies ein Schimpf- und Spottname und heißt in etwa soviel wie "Griechlein". Die Römer hier schienen einen spielerischen Umgang mit dem Spiel zu pflegen. Sie konnten es neutral latrones nennen, aber eben auch latrunculi, was wohl als ein eher "liebevoll-augenzwinkernder" Ausdruck für die eigenen Spielsteine, die "Soldatlein", gemeint und wohl der populäre volkstümliche Ausdruck der Römer für ihr Spiel gewesen war. Im Laufe der Römischen Geschichte in der Zeit des Prinzipats veränderte sich der Begriff "latrones" zudem zu "Räuber", "Wegelagerer", "Bandit", aber mit der urspünglichen Bedeutung des Spiels hatte das nichts mehr zu tun. Als die Römer das Spiel von den Griechen übernahmen und weiterentwickelten, hatten sie bei der Umbenennung des Spiels in latrunculi Soldaten und keine Banditen im Sinn. Als nahezu ausschließliche Bezeichnung für Soldaten im allgemeinen Sinne setzte sich später der Begriff "miles" durch.

    Wie beim Schach besaßen beim Latrunculi beide Spieler jeweils eine Armee (Legion) mit ihrem Anführer, dem Adler (aquila), der Standartenträger seiner Legion ist, die beide Spieler gegeneinander in die Schlacht führen mußten, und wie beim Schach gewann die Seite, welche die gegnerische Leitfigur gefangennehmen konnte, so daß das Spielprinzip also dasselbe war wie beim Spiel der Inder und Chinesen. Hintergrund für diese pars-pro-toto-Bezeichnung "Adler" für den Standartenträger ist der, daß auf der Standarte des Truppenführers einer Legion der Römische Adler prangte.



    Den Adler als zusätzliche Figur führten allerdings die Römer ein. Denn diese Leitfigur gar es beim griechischen Petteia noch nicht. Allerdings unterschieden sich vor allem Spielsteine und Kampfführung von latrunculi und Schach doch erheblich voneinander. Während feindliche Figuren beim Schach bekanntlich geschlagen werden können, indem man mit einem eigenen Stein auf das Feld des gegnerischen Steins zieht, müssen bei Latrunculi zwei Steine der eigenen Armee sich neben einem gegnerischen Stein befinden, bevor dieser als besiegt vom Brett genommen werden darf (nur in den Randlinien sind die Soldaten geschützt, aber auch nicht sonderlich aktiv). Die Gefangennahme ist allerdings nur durch eine direkte Aktion möglich. Das heißt, eine Figur wird gefangengenommen, wenn ein zweiter Soldat neben einen gegnerischen Soldaten gezogen wird, nicht aber, wenn ein Soldat sich selbst auf ein Feld zwischen zwei feindlichen Soldaten bewegt. Um Irritationen zu vermeiden, war es Usus, daß der Spieler eine solche Aktion ankündigt. Das Latrunculi ermöglichte übrigens auch das Schlagen einer ganzen Gruppe. Wenn nämlich eine bestimmte Anzahl feindlicher Soldaten in einer Reihe steht, dann kann die gesamte „Kette“ an Soldaten aus dem Spiel genommen werden, wenn man es schafft, einen Soldaten vor und einen Soldaten hinter der „Kette“ zu plazieren. Wie beim Schach sind also Vorsicht und Konzentration oberste Spielerpflicht.

    Ansonsten ist die Variabilität der Figuren noch nicht so entwickelt wie beim späteren Schach. Die Soldaten ziehen dabei beliebig viele Felder horizontal oder vertikal und dürfen nicht überspringen, aber sie sind im Unterschied zum Schach die einzige Waffengattung. Sie ziehen also wie die Türme beim Schach. Der Standartenträger darf nur ein Feld zur Seite oder nach vorne ziehen, dafür hat er einen besonderen Vorteil: er kann nur geschlagen bzw. gefangengenommen werden, wenn er von vier statt zwei gegnerischen Steinen umringt ist. Der Fachbegriff lautet hierzu: Immobilisierung. Der historische Hintergrund für diese Siegvariante ist der, daß mit der Einkreisung des Standartenträgers dessen Fahne erobert wird, was symbolisch als Sieg der eigenen Legion zu verstehen ist. Neben den Sieg durch Immobilisierung des Adlers ließen die Spielregeln beim Latrunculi auch einen Eroberungssieg zu, wenn eine Seite neben dem Adler keine Soldaten mehr hat. Der Eroberungssieg wurde auch beim Tschaturanga, also dem Schach in Indien, oft noch zugelassen. Eine weitere Parallele zum Schach: es gab tatsächlich eine 50-Züge-Regel. Bei Latrunculi besagte diese, daß die Seite mit der Mehrheit an Soldaten gewinnt, wenn 50 Züge lang nicht geschlagen wurde. Und auch Zugwiederholungen waren verboten.

    Da es im alten Rom noch keine hochentwickelte Spieleindustrie gab, mußten sich die Spieler selbst behelfen. Sie ritzten z. B. die Spielfelder in den Steinboden, Lehm oder Sand (sofern sie es sich nicht vorher auf einem Tuch aufgezeichnet hatten) und bedienten sich für die Spielfiguren der Murmeln, Muscheln, Hölzer oder kleinere Steine. Das Spielfeld beim Latrunculi unterschied sich ein wenig vom Schachbrett. Wird z. B. auf einem Spielfeld mit 12x8 Quadraten gespielt, so besitzt jede Seite zwölf Soldaten und den Adler. Das Spielfeld war noch nicht einheitlich, manchmal war es geringfügig kleiner als beim Schachspiel, manchmal auch schon deutlich größer. Und auch das Quadrat des Spielfeldes war den Spielern nicht heilig. Manchmal wurde im Quadrat gespielt, manchmal wurde aber auch z. B. mit 10x9 Kästen gespielt.

    Meine Schlußfolgerung zu diesem Spiel ist die, daß die Tatsache, daß sich zwei von dem Spielprinzip her identische Spiele mehr oder weniger gleichzeitig in Indien, China und der europäischen Antike entwickeln konnten, dafür spricht, daß dieses Spiel ein tiefes Grundbedürfnis der Menschen ist und gleichzeitig ihre Lebenssituation widerspiegelt. Schach gilt kulturübergreifend als die Königin der Spiele. Aber auch im Römischen Reich war das von den Griechen übernommene Latrunculi das „verbreitetste und beliebteste Spiel“ von allen.

    Mittlerweile gibts sogar eine App für dieses Spiel: Spiele, was die alten Römer spielten
    Und hier sogar eine kostenlose App: https://play.google.com/store/search...i&c=apps&hl=de

    Geändert von Kiffing (03.04.2014 um 21:46 Uhr) Grund: Überarbeitung
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  2. #2
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    AW: Latrunculi - das Schach der Römer

    Passend zum Latrunculi zeigt das Krefelder Museum Burg Linn eine Sonderausstellung zum Thema Glück und Spiel in der Antike, wo natürlich das Soldatenspiel nicht zu kurz kommt. Im Gegensatz zu meiner Einordnung als "Schach der Römer", weil beide Spiele eine Schlacht auf dem Spielbrett simulieren, bewertet der Autor des Krefelder Artikels das Latrunculi als "zwischen dem Damespiel und dem Schach angesiedelt". Für diese Deutung spricht natürlich die geringe Komplexität der Figuren, bei denen nur eine übergeordnete Spielfigur eine Masse an hierarchiegleichen Fußsoldaten begleitet. Backgammon und Mühle sollen übrigens ebenfalls römische Wurzeln haben.

    Artikel: http://www.extra-tipp-krefeld.de/die...-aid-1.5142540
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    AW: Latrunculi - das Schach der Römer

    Hier seht ihr zwei Spieler, die Latrunculi spielen. Der ältere der Beiden gibt zudem zu dem Spiel Erklärungen ab, so daß der Spielverlauf besser nachvollzogen werden kann:

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  4. #4
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    AW: Latrunculi - das Schach der Römer

    Wobei mir ehrlich gesagt dieses Video besser gefällt, es ist atmosphärisch dichter:

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