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Thema: Schach-WM 1978 Baguio - Duell des Hasses

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    Schach-WM 1978 Baguio - Duell des Hasses



    Nachdem die Schachwelt 1972 in Reykjavik bereits eine Schach-WM im Zeichen des Kalten Kriegs erlebte, kam es 1978 im philippinischen Baguio zu einer Neuauflage. Diesmal kämpfte nicht ein US-Amerikaner gegen einen Vertreter des schachlichen Bollwerks aus dem Osten, sondern mit Viktor Kortschnoi ein Exilrusse gegen solch einen „Vertreter“. Stärker als noch 1972 war die Schach-WM von 1978 von persönlichen Animositäten der beiden Kontrahenten geprägt. Während Fischer Boris Spasski durchaus respektierte, zumal Spasski selbst alles andere als ein Vorzeigesportler der Sowjetunion war, sondern dem in seinem Land herrschenden System skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, war das in Baguio anders. Anatoli Karpov war ein Mann des Systems, der von diesem alle möglichen Privilegien erhielt, was so weit ging, daß die stärksten Großmeister in der Sowjetunion ihm bei Bedarf zuarbeiten mußten, und anders als Fischer kämpfte Kortschnoi bei der WM nicht „nur“ gegen dieses System, sondern auch gegen seinen Gegner, der dieses System für ihn verkörperte. Wie Petra Leeuwerik, Kortschnois Lebensgefährtin im Westen, verlauten ließ, spüre Kortschnoi beim Anblick Karpovs „das Rasseln der Ketten, die meine Familie an das Gefängnis Sowjetunion fesseln“. Tatsächlich wurde seine Frau Bella in der Sowjetunion zurückgehalten – wie vielfach vermutet wird, um Kortschnoi unter Druck zu setzen und für das Duell gegen Karpov zu demoralisieren -, ebenso wie sein Sohn Igor, der ein Jahr später wegen „Wehrdienstverweigerung“ ins Gefängnis gesteckt wurde. Zudem hatte die Sowjetunion nach Kortschnois Flucht einen Boykott gegen ihn verhängt. Kein sowjetischer Großmeister durfte, die WM-Zyklen ausgenommen, in einem Turnier spielen, an dem Kortschnoi mitwirkte. Dieser Boykott veranlaßte viele Veranstalter dazu, sich gegen Kortschnoi und für die sowjetischen Großmeister zu entscheiden. Sowohl Viktor Kortschnoi als auch Petra Leeuwerik, ein früheres Stalin-Opfer und 20 Jahre in Workuta (!) interniert, waren vereint in ihrem Haß auf die Sowjetunion und prangerten unermüdlich Personen aus Karpovs Umfeld an, die teilweise unter Stalin ihre Karriere gemacht hatten. So hieß es im Lager Kortschnoi etwa über den Karpov-Vertrauten und einflußreichen Schach-Funktionär Viktor Baturinski, er solle „für seine Vergangenheit als Ankläger während der Stalin-Ära aufgehängt, gestreckt und gevierteilt“ (ebd.) werden.

    Ein größerer Haß ist nicht denkbar, und so wird dieses WM-Duell immer mit dem Haß beider Kontrahenten und deren Weggefährten in Baguio verbunden bleiben, was sich sowohl am Schachbrett als auch außerhalb des Schachbretts zeigen sollte. Anders als der eher gutmütige und zuweilen phlegmatisch wirkende Boris Spasski stand hier der wütenden Gegenseite kein überforderter Spieler gegenüber, der sich dem Psychospiel der Gegenseite nicht gewachsen zeigte und von den Realitäten überrollt wurde. Wie Garri Kasparov betonte, war Anatoli Karpov bestens gewappnet und niemals dazu bereit, dem Herausforderer etwas durchgehen zu lassen.

    Daß sich der bereits 47jährige Viktor Kortschnoi überhaupt für das WM-Finale in Baguio qualifizieren konnte, war schon eine Überraschung, mit der man nicht unbedingt rechnen konnte. Bevor Kortschnoi und Karpov im Kandidatenfinale des letzten Zyklus´ bereits miteinander die Klingen gekreuzt hatten, hatte Harold C. Schonberg den Spieler folgendermaßen charakterisiert:

    So sind jetzt nur noch zwei Mann im Rennen. Wenn dieses Buch erscheint (im September 1974) treten die beiden zur Entscheidungsschlacht an. Auf der einen Seite steht der 43jährige, erfahrene Turnierlöwe Kortschnoj, der viermal die Sowjetische Meisterschaft gewann (nur Botwinnik hatte ihn mit sieben Mal übertroffen) und der in seinem Leben mehr Turniersiege errungen hat als jeder andere heute aktive Großmeister – Bobby Fischer eingeschlossen. Kortschnoj nimmt nun bereits zum vierten Mal an den Kandidaten-Wettkämpfen teil und gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zum engsten Kreis der Titelanwärter. Er spielt nicht besonders brillant, aber äußerst sicher, und wurde schon vor acht Jahren von Botwinnik als künftiger Weltmeister bezeichnet
    Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag, 1974, S. 304

    Allerdings waren das die einzigen Zeilen, die Schonberg Kortschnoi in seinem Universalbuch gewidmet hatte. Doch wie bereits Kasparov darauf aufmerksam gemacht hatte, fehlten der Sowjetunion in diesen Zeiten ganz einfach die starken Talente aus der nachrückenden Generation. In den Turnieren spielten immer dieselben erfahrenen Großmeister aus der Sowjetunion um die oberen Plätze mit, und oft war Michail Tal mit Ende 20 der jüngste Teilnehmer bei den sowjetischen Spielern. Der schreckliche Krieg mit den 27 Millionen Toten auf sowjetischer Seite hatte seinen Tribut gefordert. Und diese ungeheuerliche Zahl nimmt noch an Brisanz zu, wenn man bedenkt, daß gerade die jungen Männer diejenigen sind, die der Krieg am schnellsten frißt. Schon der erstmalige Verlust des Weltmeistertitels 1972 seit dem Zweiten Weltkrieg muß ungeachtet der Einzigartigkeit der Person Fischers auch unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Und fehlen die Talente, so hat die alte Garde um Kortschnoi die Möglichkeit, sich nach wie vor ins Rampenlicht zu spielen. In diesem Sinne lechzte die Sowjetunion nach dem fehlenden alles überragenden Supertalent, und als es in Gestalt von Karpov dann endlich kam, war die Hoffnung des Apparates in dieses Supertalent derart groß, daß dieser sich Karpov mit einer solchen alles Maß überschreitenden Vorzugsbehandlung annahm. Kortschnoi hatte sich in diesem Kandidatenfinale bereits über diese Vorzugsbehandlung seines Gegners beschwert, der auch im Spiel gegen ihn selbst auf großzügige Hilfen bauen konnte. Wenig später setzte sich Kortschnoi in einem Interview für die jugoslawische Zeitung Politika kritisch mit der Schachkunst seines jungen Rivalen auseinander und verstieß damit gegen die ungeschriebenen Gesetze in der Sowjetunion. Wegen „inkorrekten Verhaltens“ (Kasparov, S. 88) wurde ihm ein Jahr verboten, an internationalen Turnieren teilzunehmen, und ihm wurde sein Großmeistergehalt um ein Drittel gekürzt. Als er schließlich im Juli 1975 das Land verließ und damit die bereits beschriebene gewaltige Sanktionsmaschinerie seiner Heimat in Gang setzte, tat er dies in erster Linie seiner schachlichen Zukunft wegen, für die er in der Sowjetunion keine Grundlage mehr sah. Und hier kommen wir zu einer weiteren Erklärung für die Leistung Kortschnois, sich erstmals durch den schweren WM-Zyklus durchzukämpfen und im Kandidatenwettbewerb solche Koriphäen wie Petrosjan, Polugajewski und Spasski zu überwinden: die Flucht in die Freiheit hatte noch einmal ein großes Kreativitätspotential in Kortschnoi freigesetzt, der sich übrigens aus steuerlichen Gründen für die Schweiz und gegen Deutschland entschieden hatte. Als Bürger im Westen besaß er zudem für sein neues Leben neue Anreize auch als Schachspieler und damit ganz neue Motivationsstimuli.

    Das Maß an psychologischer Kriegsführung beider Lager in Baguio war unbeschreiblich, und es wurde gar das Kunststück fertiggebracht, den legendären „Nervenkrieg in Reykjavik“ zu übertreffen. Die Kriegsführung fing mit „Kleinigkeiten“ wie dem Flaggenstreit (die Sowjetunion setzte sich durch, daß Kortschnoi nicht unter Schweizer Fahne auftreten durfte) und dem verweigerten Handschlag an. Schon ab der 1. Partie gab Kortschnoi seinem Gegner nach der Partie nicht die Hand. Karpov reagierte, indem er ab der 8. Partie seinem Gegner nun vor der Partie nicht mehr die Hand gab. Das Ergebnis waren Partien ohne Handschlag. Zudem machten beide WM-Finalisten Gebrauch von sich als übersinnlich gerierenden Kräften, die ausdrücklich nicht nur der Stärkung der eigenen Seite verpflichtet waren, sondern explizit auch aufgeboten wurden, um den Gegner in seiner Konzentration zu stören. Das Schach als Krieg der Gehirne fand seine groteske Überspitzung, die Wirkung auf die Außenwelt war frappierend.

    In der Schachwelt wird bis heute über die Rolle des „Parapsychologen“ Dr. Suchar gerätselt. Dieser rätselhafte Mann wurde von der sowjetischen Seite aufgeboten. Vielleicht sollte er als Psychologe ursprünglich tatsächlich Karpov mental unterstützen. Zunehmend trat er jedoch in Erscheinung durch eine Art Basiliskenblick, mit dem er Kortschnoi ununterbrochen betrachtete und diesen völlig aus dem Konzept brachte. Kortschnoi, von Natur aus oder durch seine Erfahrungen in der Sowjetunion ohnehin schon mißtrauisch bis paranoid, glaubte tatsächlich, daß dieser Mann übersinnliche Kräfte hätte, die ihn, Kortschnoi, schädigen würden, und er wurde damit wie gewünscht aus dem Konzept gebracht. Natürlich wollte nach dieser WM die Welt mehr von der Rolle Suchars wissen, was er überhaupt war, was seine Mission betraf usw. Garri Kasparov hat dazu mit Alexander Roschal einen Zeugen befragt, der ihm bereitwillig Auskunft gab. Zwar konnte Roschal später in der UdSSR schachlich Karriere machen und zu den einflußreichsten Köpfen aufsteigen. Aber der blinde Terror Stalins traf seinen Vater, der erschossen wurde, und seine Mutter, die vertrieben wurde. In der Stalinzeit haftete ihm zudem das Schisma an, ein Kind von „Volksfeinden“ zu sein. Vielleicht haben diese schrecklichen Jugenderfahrungen dazu beigetragen, daß Roschal so unbefangen mit Kasparov über diesen Fall sprach und sich keinerlei Schweigepflicht mehr auferlegte. Nach Roschal hatte Suchar „natürlich“ keine übersinnlichen Kräfte, wurde von der Sowjetunion aber zweifellos als eine Art Geheimwaffe benutzt. Seine Wirkung ähnelte dabei der einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Roschal:

    Kortschnoi hat sich immer durch Argwohn ausgezeichnet, er glaubte an die Parapsychologie und allerlei Mystik (später spielte er sogar eine Partie mit dem Geist von Maroczy). In Baguio hat sich Kortschnoi von Anfang an beschwert, selbst als Suchar noch gar nicht aufgetaucht war: ´Sie haben einen geheimen Psychologen mitgebracht!´ Wahrscheinlich hat er sich an Suchar vom Moskauer Match her erinnert. Kurz gesagt, sobald Kortschnoi erkennen ließ, daß er Hypnose fürchtete, wurde dies sofort ausgenutzt. Wir wußten, daß Suchar kein Hypnotiseur war, aber da es der Gegner wollte, taten wir so. Der Doktor, der von seiner Rolle fasziniert war, hielt sich bald fast für den Haupthelden des Kampfes.
    Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 7, Edition Olms 2007, S. 340

    Kortschnoi verbrachte viel Energie damit, sich an Suchar aufzureiben und seinen Ausschluß vom Turniersaal oder wenigstens seine Verlegung in die 7. Reihe zu fordern. Doch auch er wartete als Reaktion auf die Sowjets mit einer Geheimwaffe auf. Seine eigene Geheimwaffe, in der Presse gerne als „indische Yogis“ oder einfach nur als Angehörige einer indischen „Sekte“ bezeichnet, waren Mitglieder einer spirituellen indischen Bewegung, der Amanda Marga (=Weg der Glückseligkeit), allerdings US-Bürger und keine Inder. Aus der Selbstdefinition von Amanda Marga:

    Ein Zustand geistiger Ausgeglichenheit und Balance wird Frieden genannt. Es ist wichtig zu wissen, wie der Zustand des Friedens erlangt und wie er gestört wird. Systematische spirituelle Praktiken führen zu psychischer Ausgeglichenheit, wohingegen dogmatischer Aberglaube den geistigen Frieden stört. Spirituelle Disziplin und unnachgiebiges Bemühen, sich von Aberglauben zu befreien, sind notwendig, um geistigen Frieden zu bewahren.
    Das Hauptziel des menschlichen Lebens ist, frei von Not und Leiden zu sein. Sonst kann man nicht hoffen, inneren Frieden zu erlangen. Das Aufhören des Leidens ist hat zwei Aspekte, den vorübergehenden und den dauerhaften. Das, was die vorübergehende Beendigung des Leidens bewirkt, wird Artha (psycho-physische Befriedigungsquelle) genannt. Aber Artha ist ein grobes Objekt, und somit kann es nur grobe und vorübergehende Befriedigung bewirken. Um dauerhafte Erlösung von Sorgen und Leiden zu erlangen, benötigt man Paramartha [spirituelle Erfüllung]. Paramartha kann nur durch spirituelle Praktiken erlangt werden. Deswegen wird in Ananda Marga jedes Mitglied ermutigt, vom fünften Lebensjahr ab zu üben. Während man so wächst, erwirbt man enorme körperliche, psychische und spirituelle Nutzen.Die Ananda-Marga-Methode der spirituelle Praktiken ermutigt eine Person nicht dazu, alle weltlichen Aufgaben aufzugeben. Im Gegenteil, sie lehrt, wie man die physischen, feinstofflichen und kausalen Potentiale am besten nutzt, um dauerhafte geistige Ausgeglichenheit und inneren Frieden zu erlangen und um den physischen, geistigen und spirituellen Fortschritt zu fördern. Ananda Marga lehrt ein methodisches und wissenschaftliches System von spirituellen Praktiken
    Wie in der Definition schon anklingt, sollten die Amanda-Marga-Mitglieder Kortschnoi spirituell unterstützen. Schon Robert Fischer hatte sich zur Leistungssteigerung ähnlicher Methoden bedient. Er setzte auf die Church of god und „verschwand jeden Freitagmorgen zu einer 24-stündigen Meditation in die Einsamkeit (Darrach 1971)“. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang daran, wie ein Schachfunktionär in den USA damals sein Mißfallen äußerte, daß die Schachspieler in den USA, ihrem Leitstern folgend ebenfalls auf Meditation setzen würden anstatt ordentlich Schach zu lernen. In Kortschnois Fall fühlten sich Karpov und sein gewaltiger Anhang natürlich von den in farbenprächtigen Gewändern im Turniersaal erscheinenden und im Lotussitz Platz nehmenden „Yogis“ natürlich bedroht, und wahrscheinlich war das von Kortschnoi auch beabsichtigt. Als die „Yogis“ in der 19. Partie zum ersten Mal erschienen, brachten sie tatsächlich den gefürchteten Suchar zu Fall, der das Gesicht mit einem Tuch bedeckte und den Turniersaal verließ (vgl. Kasparov, S. 134). Campomanes, noch nicht FIDE-Präsident, dem schon damals sehr enge Beziehungen zu den sowjetischen Schachfunktionären nachgesagt wurden, entschied im Sinne der Sowjets, kriminalisierte die beiden Amanda-Marga-Mitglieder, die gesuchte Mörder seien, verhängte vor der 21. Partie Saalverbot, und später wurden sie sogar aus den Philippinen ausgewiesen.

    Es soll auch nicht vergessen werden, daß die sowjetische Seite Kortschnois Sessel, den dieser eigens aus der Schweiz herangeschafft hatte, im Krankenhaus von Baguio röntgen ließ.
    Auch Kortschnoi witterte ähnliches. Der Schachhistoriker Edmund Bruns führt aus:

    Ein Geigenzähler, den Kortschnoi während des Wettkampfes immer mit sich führte, schlug nach seinem Dafürhalten immer hoch aus. Er warf der sowjetischen Delegation vor, ihn mit radioaktiver Strahlung zu bestrahlen. Die philippinische Atomenergiebehörde mußte diesem Vorwurf nachgehen, konnte Kortschnois Behauptung jedoch nicht unterstützen.
    Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 289

    Auch der Joghurt, der Karpov während des Spiels von seiner Delegation gereicht wurde, bediente Kortschnois Argwohn. Er befürchtete verschlüsselte Botschaften und erreichte mit seinem Protest immerhin, daß Karpov der Joghurt so gereicht wurde, daß verschlüsselte Botschaften nicht mehr möglich seien. So mußte der Joghurt immer die gleiche Sorte sein, und der Zeitpunkt, an dem ihm der Joghurt gereicht wurde, war nun festgelegt. Auch die legendäre Sonnenbrille von Pal Benko, mit der dieser sich 1959 gegen Michail Tal „schützen“ wollte, kam zu ihrem Revival. Nun trug Kortschnoi eine Sonnenbrille, sogar eine spiegelnde; sein Kommentar:

    Das Ziel war ganz klar: Es ging mir darum, Karpow daran zu hindern, sich seiner Lieblingsbeschäftigung hinzugeben – am Brett zu stehen und auf den Gegner zu starren. Während ich diese Brille trug, konnte er dabei nur sein eigenes Spiegelbild sehen
    Kasparov, S. 123

    Die Zeit brachte die Atmosphäre in Baguio anläßlich des Rematches 1981 in Meran folgendermaßen auf den Punkt:

    Schrecklich vergiftet ist dagegen die Atmosphäre vor und hinter dem Brett. Flaggenstreit, Glaswandstreit, Remisangebotsstreit, Joghurtstreit, Hypnosestreit, Röntgenstrahlenstreit und viele andere stehen auf den Listen der Schiedsgerichte der früheren Kämpfe zwischen den beiden. Gleiche und andere Streitigkeiten werden auch diesen Wettkampf begleiten, Seit Kortschnoj 1976 die Sowjetunion verließ, finden die Weltmeisterschaftsfinals in einem Wirbelsturm von Haß, Psychoterror, Verleumdung, Beleidigung und Hysterie statt, wie es das in der Geschichte des Sports, der Spiele, der Kunst und der Wissenschaft noch nicht gegeben hat. Ob Schach sich im Laufe seiner Geschichte mehr zu Sport, Spiel, Kunst oder Wissenschaft entwickelt hat, ist umstritten – nach Meinung einger Schachmeister freilich hat es sich unter der Herrschaft von Karpow und Kortschnoj zum Ursprung zurückentwickelt – zum Kriegsspiel: „Schachweltmeisterschaft? Schachweltkrieg!“
    Bei all diesen Nebenkriegsschauplätzen darf es nicht verwundern, daß das Spiel der beiden Feinde für eine Weltmeisterschaft erschreckend schwach war. Vor allem am Anfang gab es zahlreiche langweilige Salon-Remis, zudem fiel besonders Kortschnoi durch ungewohnte Fehler auf. Ein zeitgenössischer Spiegel-Artikel hat das Problem geschildert:

    Bei all diesen Scharmützeln auf der Schachbrettl-Bühne konnte sich offenbar die Spielkunst der Kontrahenten nicht recht entfalten. Die ersten sieben Partien lahmten unentschieden dahin. Unentwegt murmelten die Matadoren "Nitschja", das russische Remis-Angebot.
    In der feudalen Spielhalle, dem "Convention Center" von Baguio, dämmerten meist nur eine Handvoll Journalisten und ein paar pensionierte amerikanische Offiziere vom nahegelegenen US-"Recreation-Center". Hin und wieder füllten dienstverpflichtete Filipino-Kadetten von der örtlichen Marineakademie die leeren Ränge; die zuschauenden Schachgroßmeister machten Witze. "Die Figuren", unkte der Amerikaner Robert Byrne, "stehen in sehr gefährlichen Positionen -- für die Zuschauer. Diese könnten einschlafen." Auf die Frage, ob er glaube, Weihnachten wieder zuhause zu sein, gab er zurück: "Welches Weihnachten?"
    Spielerische Klasse blitzte so nur selten auf, so als Anatoli Karpov in der 17. Partie ein sehenswertes Matt zum 4:1 - allerdings begünstigt durch einen Zeitnotpatzer Kortschnois - aufs Brett zauberte, dem immerhin die Ehre zukam, wie eine Stellung aus der berühmten Partie Botwinnik gegen Capablanca 1938 auf einer Torte dargestellt zu werden (vgl. Kasparov S. 345). Die Partie ist im Anhang zu sehen. Doch kam die WM gegen Ende noch in Schwung, als Kortschnoi, auf den nach einem hoffnungslos scheinenden 2:5 wohl keiner mehr einen Pfifferling mehr gesetzt hätte, seine legendäre Aufholjagd startete und in den Partien 28, 29 und 31 gegen Karpov gewann. So kam die Spannung zu ihrem Siedepunkt, aber schon in der nächsten Partie bewies Karpov seine Nervenstärke und kam zu seinem entscheidenden Sieg. Kortschnoi hatte Karpov mit einer seltenen Variante in der Pirc-Verteidigung überraschen wollen, doch löste Karpov alle Probleme, stand schon in der Eröffnungsphase klar überlegen und führte die Partie zielsicher zum Sieg. Wie Schattenblick poetisch beschrieb, habe sich „Karpows kalte Berechnung, sein stilles Feuer und seine unnachahmliche Art, Geduld aufzubringen“ als stärker erwiesen als als Kortschnojs „ganzer verbissener Ehrgeiz“. Es paßt zum Charakter dieser WM, daß Kortschnoi wegen der sicheren Eröffnungsbehandlung Karpovs befürchtete, von dem sowjetischen Geheimdienst in seinem Hotelzimmer abgehört worden zu sein, das Ergebnis der WM nicht anerkannte und deswegen erfolglos Klage gegen die FIDE führte. Tatsächlich gab es während der entscheidenden 32. Partie einige Merkwürdigkeiten zu konstatieren:

    Gemäß Viktor Lwowitsch ähnelte der Spielsaal bei seiner Ankunft einem Übungsplatz für Polizisten: Das Gebäude war voll von Uniformierten und Beamten in Zivil. Vor der Partie sah er zufällig „einen schlecht unterdrückten Ausdruck von Triumph, einen boshaften Glanz in den Augen der Sowjets. Die Partie begann. In der ersten Zuschauerreihe saßen die Direktoren der sowjetischen Schachföderation und in der vierten Reihe war... unser alter Bekannter – Suchar!“
    Kasparov, S. 159

    Dies alles wurde möglich, weil der Schiedsrichter Lothar Schmid, der in Deutschland dringende Angelegenheiten zu erledigen hatte, ab der 27. Partie von Miroslav Filip aus der CSSR ersetzt wurde, einem sowjetischen „Bruderland“, dem schon aufgrund dieser Tatsache hinsichtlich der geforderten Neutralität Mißtrauen entgegengebracht werden kann. Und tatsächlich beschrieb Vlastimil Hort dessen Landsmann alles andere als eine integre Persönlichkeit:

    In einem solchen System ist man sensibilisiert. Es gab so viele Symptome. Neben Sajtar war auch einer unserer besten Schachspieler, Miroslav Filip, wahrscheinlich ein Mitarbeiter [des Geheimdienstes]. Ich vermute sogar, daß er direkt mit dem KGB verbunden war. Er war auch Schiedsrichter und hat später im WM-Match in Baguio Kortschnoi geschädigt, weil er den Sowjets für Karpow jeden Gefallen tat. Und als Kortschnoi emigrierte, wetterte Filip über ihn in seiner halbstündigen, wöchentlichen Rundfunksendung und bewarf ihn mit Dreck. Dieser Abgesang wurde von anderer Stelle bestellt und er war derjenige, der ihn ausführte
    KARL, 1/2014, S. 56

    Als Harold C. Schonberg 1974 sein Werk über die stärksten Schachmeister veröffentlichen konnte, war Robert Fischer noch Weltmeister, aber er hatte bereits seit zwei Jahren kein Spiel mehr gespielt und war kaum noch zu erreichen. Schon damals lag also die Möglichkeit sehr realistisch im Raum, daß Fischer dem Schach für immer den Rücken kehren würde, und die Folgen dieser möglichen Hiobsbotschaft hatte Schonberg in den schwärzesten Farben geschildert:

    Aber noch sitzt Fischer auf seinen Thron, und zumindest als schillernde Persönlichkeit überstrahlt er alle Konkurrenten. Weder Karpow noch Tal, noch Spasskij besitzen ein ähnliches Charisma. Solange Fischer die Turniersäle unsicher macht, wird die nervenzerfetzende Spannung wiederkehren, die das königliche Spiel in jenen wahnwitzigen Tagen von Reykjavik zum erstenmal in seiner langen Geschichte erlebte. Neue Höhepunkte stehen bevor, die gleichviel Aufsehen erregen und gleichviel Geld einbringen wie ein Fußball-Länderspiel. Denn Fischer ist mehr als ein Schachspieler; er ist eine Naturgewalt. Sollte er sich aus irgendwelchen Gründen, aus der Arena zurückziehen, dann würden Schachwettkämpfe wieder in den Schatten treten und mit zwei- oder dreitausend Dollar honoriert werden wie Anno dazumal. Wenn er indessen weiterspielt, so bleibt das Schach auch künftig eine glanzvolle, berauschende, in Schlagzeilen gefeierte Mischung aus Sport, Kunst, Wissenschaft und Spiel. Bobby Fischer hat es im Alleingang der Welt demonstriert: daß Schach auf höchstem Niveau so kampferfüllt ist wie Fußball, so aufregend wie ein Pistolenduell, ein ästhetischer Genuß wie ein großes Kunstwerk und geistig so anspruchsvoll wie die komplizierteste wissenschaftliche Arbeit. Allein aus diesem Grund ist und bleibt Bobby Fischer der größte Schachweltmeister aller Zeiten
    Schonberg S. 304

    Schonbergs Prophezeiung fand ein ähnliches Schicksal wie so viele Prophezeiungen selbst der anerkanntesten Meister ihres Metiers. Sein fataler Irrtum über die Folgen einer immerwährenden Fischer-Abstinenz sind dem chronischen Mangel der Menschen geschuldet, sich die Zukunft auch nur ansatzweise zielsicher vorzustellen. Schon immer wurden wir von den Entwicklungen überwältigt, die wir nicht haben kommen sehen, denn die Zukunft mit ihren Milliarden an potentiellen Gestaltern ist zu komplex, als daß sie ein einziges menschliches Gehirn zu fassen vermag. Nicht nur sind seit Fischers Abgang die Gagen für hochklassige Schachwettkämpfe nie wieder in den Bereich der von Schonberg genannten „zwei- oder dreitausend Dollar“ gefallen, allein die Schachweltmeisterschaft 1978 brachte dem Sieger umgerechnet 700.000 DM ein, und dem Verlierer noch 400.000 DM (ebd.). Und auch was Schonberg nicht vorhergesehen hatte, fand der Kalte Krieg im Schach nach Fischers Abgang noch lange nicht sein Ende in den so prestigeträchtigen Schach-Weltmeisterschaftskämpfen. Im Gegenteil blieb der Kalte Krieg bis zu seinem vorläufigen Ende mit dem Zerfall des Warschauer Paktes um 1990 seit Fischer bei Weltmeisterschaften immer präsent und brachte dem Schach damit weiterhin eine solch geartete Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Und selbst als nach 1990 das Lagerdenken auch im Schach stark an Wirkung verlor, verlor das Schach nicht an Aufmerksamkeit. Auch wenn Indien und Norwegen keine Atomraketen aufeinander richten, wie es Vishy Anand einmal sehr plastisch beschrieb, bot der Kampf der Generationen 2013 in Chennai zwischen Anand und Carlsen, von dem es bald eine Neuauflage geben wird, genug Reize, um sich in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit zu spielen.

    Die Schachweltmeisterschaft in Baguio 1978 steht damit für einen nach Reykjavik 1972 vorläufigen neuen Höhepunkt des Kalten Krieges in der Schachwelt, der bis zum heutigen Tage immer noch nicht aufgearbeitet ist. Als der sowjetische Dissident Boris Gulko mit seinem Werk Der KGB setzt Matt – wie der sowjetische Geheimdienst KGB die Schachwelt manipulierte gar die These aufstellte, der KGB habe im Falle eines Sieges von Kortschnoi über Karpov die Ermordung Kortschnois geplant, waren seine Beweise offenbar nicht triftig genug, da sich diese Aussage, die in punkto Brisanz immerhin kaum zu überbieten ist, ansonsten in der Schachwelt folgenschwer durchgesetzt hätte. Hätte Anatoli Karpov diese WM gegen Kortschnoi nach dessen furioser Aufholjagd noch verloren, so wäre seine Zukunft im sowjetischen Schach möglicherweise ganz anders verlaufen. Aber Anatoli Karpov bestand seine Feuertaufe, und das ist aus meiner Sicht kein Zufall. Denn aus solchem Holz sind Siegertypen geschnitzt. Sie mögen zuweilen in Gefahr geraten. Aber wenn es darauf ankommt, sind es doch meistens sie, die hinterher mit dem besseren Ende für sich aus der Auseinandersetzung gehen.

    PS.: Der weltbekannte Schachfilm Gefährliche Züge arbeitet die Ungeheuerlichkeiten von Baguio auf. Das Erschreckende an diesem Film ist, daß es sich trotz einiger künstlerischer Veränderungen wie z. B. das Alter der beiden Protagonisten so ähnlich zugetragen hat, auch wenn die Handlung vollkommen dystopisch und surreal wirkt.


    [Event "Baguio City, WCH"]
    [Site "17"]
    [Date "1978.08.26"]
    [EventDate "?"]
    [Round "17"]
    [Result "0-1"]
    [White "Viktor Korchnoi"]
    [Black "Anatoly Karpov"]
    [ECO "E47"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "78"]

    1.c4 Nf6 2.Nc3 e6 3.d4 Bb4 4.e3 O-O 5.Bd3 c5 6.d5 b5 7.dxe6
    fxe6 8.cxb5 a6 9.Ne2 d5 10.O-O e5 11.a3 axb5 12.Bxb5 Bxc3
    13.bxc3 Ba6 14.Rb1 Qd6 15.c4 d4 16.Ng3 Nc6 17.a4 Na5 18.Qd3
    Qe6 19.exd4 cxd4 20.c5 Rfc8 21.f4 Rxc5 22.Bxa6 Qxa6 23.Qxa6
    Rxa6 24.Ba3 Rd5 25.Nf5 Kf7 26.fxe5 Rxe5 27.Rb5 Nc4 28.Rb7+ Ke6
    29.Nxd4+ Kd5 30.Nf3 Nxa3 31.Nxe5 Kxe5 32.Re7+ Kd4 33.Rxg7 Nc4
    34.Rf4+ Ne4 35.Rd7+ Ke3 36.Rf3+ Ke2 37.Rxh7 Ncd2 38.Ra3 Rc6
    39.Ra1 Nf3+ 0-1
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    AW: Schach-WM 1978 Baguio - Duell des Hasses

    Hier wurde in diesem Zusammenhang schon ein Maschendrahtzaun um einen Schachspieler gezogen:

    http://www.schachburg.de/threads/133...schnoi-verhext

  3. #3
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    AW: Schach-WM 1978 Baguio - Duell des Hasses

    Ja, mein Thread, den Du verlinkt hast, ist uralt und entstand nicht erst in der Schachburg. Verstehe ihn einfach als Appetithäppchen für das neue, umfangreichere Thema ähnlich wie "das unmoralische Angebot" zur Schach-WM 1948, oder Kafkas Heizer zu seinem Gesamtwerk Der Verschollene.
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