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Thema: New York 1927, Prolog zur Schach-WM Aljechin vs. Capablanca

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    New York 1927, Prolog zur Schach-WM Aljechin vs. Capablanca



    Wenn man als Schachfreund seinen Blick über die Historie an bedeutsamen Schachturnieren schweifen läßt, dann stößt man immer wieder auf das Turnier in New York 1927, das so reich ist an Qualität, interessanten Partien, Einordnung in den schachpolitischen Kontext und Anekdoten um das Drumherum. Die Generation um Lasker und Tarrasch war schon in die Jahre gekommen, Harry Nelson Pillsbury war nach seinem kometenhaften Aufstieg in Hastings 1895 an einer rätselhaften Krankheit verstorben, und der geniale Akiba Rubinstein wurde innerlich immer mehr von seinen tiefen Gedanken zersetzt und außer Gefecht gebracht.

    Mit Jose Raul Capablanca war ein neuer Schachstern am Firmament erschienen, ein geborener Sonnyboy und Siegertyp, galant, weltoffen und charismatisch, Symbol der Goldenen Zwanziger nach den Grauen des Weltkrieges, der nahezu unschlagbar schien. Tatsächlich hatte Capa, wie ihn nicht nur seine Freunde nannten, von 1916 – 1924 keine einzige Partie verloren, bis er 1924 in New York gegen Reti in einer aufsehenerregenden Partie verlor, und 1925 in Moskau gleich zweimal gegen die neuen Vertreter der jungen Sowjetischen Schachschule Verlinsky und Iljin-Genewsky.

    Tatsächlich stand dieser Jose Raul Capablanca im Mittelpunkt dieses Turniers, über dessen offizielle Funktion lange Zeit ein Nebelschwaden über der Schachwelt hing. Und noch heute wird das Turnier gelegentlich als offizielles Kandidatenturnier bezeichnet, um den Herausforderer für den Weltmeister Capablanca zu ermitteln.

    Ursache für diese Verworrenheit ist wohl in erster Linie die Strategie des neuen Weltmeisters, der ähnlich seines Vorgängers nur wenig gewillt war, einen harten offiziellen Kampf um die Schachkrone zuzulassen. 1922 hatte Capablanca beim Turnier in London der Schachwelt quasi seine Bedingungen diktiert. Obwohl er seine Vorgaben auf eine breite Basis stützte, und mehrere Turnierteilnehmer die als Londoner Vereinbarungen in die Schachgeschichte eingegangenen Vorgaben unterzeichneten, waren diese doch kaum mehr als Zaungäste, um den Willen des neuen Schachsterns zu unterstreichen. Die Londoner Vereinbarungen, welche die Bedingungen formulierten, wann ein Schachmeister das Recht erhält, den Weltmeister herauszufordern, bestanden aus 21 Paragraphen. Die Hürden waren bewußt hoch aufgestellt worden. Zur Veranschaulichung nur drei dieser 21 Paragraphen:

    1. Der Titelhalter muss seinen Titel innerhalb eines Jahres verteidigen, wenn er von einem anerkannten Meister herausgefordert wird, sofern dieser einen Preisfonds von mindestens 10.000 Dollar garantiert und 500 Dollar vorab als Sicherheit hinterlegt. Der Weltmeister hat aber das Recht, das genaue Datum für den Beginn des Wettkampfes festzulegen.
    2. Vom Preisgeld gehen 20 Prozent an den Titelhalter, der Rest wird im Verhältnis 60:40 zwischen Gewinner und Verlierer des Wettkampfes verteilt.
    3. Der Wettkampf geht auf sechs Gewinnpartien, Remis zählen nicht. Die Bedenkzeit ist 150 Minuten für 40 Züge. Nach fünf Stunden Spielzeit gibt es eine Hängepartie.
    Kurz vor Ausbruch des Weltkriegs hatte ein junger Russe im europäischen Schach für Aufsehen gesorgt. Dieser junge Russe spielte auch beim Schachturnier in Mannheim 1914 mit und wurde als Führender nach dem Ausbruch des Kriegs zusammen mit den anderen russischen Turnierteilnehmern wie Bogoljubov und Bohatyrchuk von den deutschen Behörden arretiert. Für Alexander Aljechin begann eine sieben Jahre währende Odyssee in deutschen Haftanstalten, in der Hölle des Weltkrieges und in der Hölle der Russischen Oktoberrevolution, wo Aljechin mehrmals nur knapp mit dem Leben davonkam. Als Aljechin 1921 in Berlin wieder sicheren Boden unter den Füßen fand und wenig später nach Frankreich übersiedelte, war sein Wille unerschütterlich. Er mußte Weltmeister werden, und er war bereit, alles dafür zu tun. Eine solche Hingabe kennen wir in der Schachwelt nur von Robert Fischer, und wie der US-Amerikaner einige Jahrzehnte nach ihm, ließ sich Aljechin durch nichts von seinem Ziele abbringen. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, heißt es schon in der Thora, und so fand auch der „von dieser Leidenschaft Besessene“ (zit. nach Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 182) einen Weg, die geforderten 10.000 Dollar aufzubringen. Aljechin hatte in den Jahren zuvor Argentinien besucht und muß dort „sehr überzeugend aufgetreten sein“ (vgl. Treppner/Pfleger, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 125), denn er fand Unterstützer in den argentinischen Schachkreisen bis hin zum Präsidenten der Republik Argentinien, Marcelo Torquato de Alvear, und konnte Capablanca so das geforderte Antrittsgeld hinterlegen. Die argentinische Hauptstadt Buenos Aires wurde deshalb Austragungsort der nächsten Schach-WM.

    Alexander Aljechin hatte die Bedingungen Capablancas erfüllt, doch trotzdem wurde das Schachturnier in New York 1927 ursprünglich als Kandidatenturnier ausgelegt. Der Sieger des Turniers sollte das Recht haben, Capablanca herauszufordern, und sollte der mitspielende Weltmeister das Turnier gewinnen, so sollte der Zweitplazierte sein Herausforderer werden. Erst auf Intervention Aljechins wurde dieser Passus wieder gestrichen. Doch obwohl New York 1927 wieder ein „normales“ Topturnier war, ist es durchaus möglich, daß Aljechin nicht zuletzt deswegen mitspielte, weil er befürchtete, durch den Sieger bzw. Zweitplazierten von New York als Herausforderer noch ersetzt zu werden.

    Generell waren Aljechin und Capablanca zwei völlig unterschiedliche Charaktere und nicht zuletzt deswegen auch völlig andere Spielertypen. Während sich bei dem sonnenverwöhnten Kubaner, dem im Schach ohnehin alles zufiel, was andere sich erst mühselig erarbeiten mußten, eine immer stärkere Unlust einschlich, für das Schachspiel zu trainieren, aber auch in den einzelnen Partien alles zu geben, war das bei Aljechin anders. Aljechin wußte durch sein Schicksal nur zu gut, daß einem auf der Welt nichts geschenkt wird, und er arbeitete mit einer ähnlichen mönchsgleichen Askese für das Schach wie nach ihm nur Robert Fischer. Während Capablanca langsam abbaute, verbesserte sich Aljechin von Jahr zu Jahr, und auch sein Stil wurde immer anspruchsvoller. Er war ein würdiger Nachfolger eines Tschigorins, da er sein schachliches Denken nicht durch übertriebene Dogmen einengen wollte; er glaubte stattdessen an die Ursprünglichkeit einer jeden Stellung, der es immer neue Geheimnisse zu entlocken gebe. Aljechin konnte alles spielen, klassisch, hypermodern, positionell oder taktisch, und auch Laskers psychologisches Denken hatte er für sein Schach adaptiert. Seine flexible Spielweise eröffnete ihm eine originelle Herangehensweise an jede konkrete Stellung, sein Markenzeichen wurde das Spiel am ganzen Brett, das er meistens dergestalt behandelte, daß er langsam vom Damenflügel zum Königsflügel schwenkte, um dort urplötzlich dem feindlichen Monarchen den Todesstoß zu geben. „Schach Total“ nannten Treppner und Pfleger die Spielweise dieses kreativen und vielseitigen Spielers (S. 124), der nicht nur um jeden Preis gewinnen wollte, sondern das auch noch schön. Treppner und Pfleger beschreiben etwa eine Szene, als Aljechin in einem Turnier seinem Gegner, der in „schwere Zeitnot“ (ebd. S. 122) geraten war, mehrere Zugwiederholungen ermöglichte, damit „die Partie ihren logischen Verlauf“ (S. ebd.) nehmen konnte.

    In der Nachbetrachtung von New York 1927 fällt es natürlich leicht, das Turnier auf die kommenden Teilnehmer der Schach-WM 1927 in Buenos Aires zu fokussieren. Doch wird dies den anderen Teilnehmern des sechsköpfigen Feldes in New York nicht gerecht, die mehr waren als nur Statistiker. Neben Capablanca und Aljechin befanden sich unter den Teilnehmern der Jugoslawe Milan Vidmar, der hypermoderne Theoretiker Aaron Nimzowitsch, der alternde Frank Marshall und das österreichische Kombinationswunder Rudolf Spielmann. Der immer etwas überoptimistische Bogoljubov hatte dagegen auf seine Teilnahme verzichtet, da er sich durch seinen Sieg in Moskau 1925 legitimiert fühlte, Capablanca herauszufordern (vgl. Garri Kasparov, Meine großen Vorkämpfer, Band 2, Edition Olms 2004, S. 105). Statt ihm wurde der Sieger von Semmering 1926, Rudolf Spielmann, eingeladen.

    Milan Vidmar haben wir es zu verdanken, daß einige köstliche Anekdoten zu diesem Turnier erhalten blieben, die er in seinen Goldenen Schachzeiten der Schachwelt ins kollektive Gedächtnis schrieb. Milan Vidmar, der in dem Turnier auf einen Score von 50 Prozent kam, beschrieb in seinen Betrachtungen die Zeit um das Turnier als „Ende [s]eines Traums“:

    Es war einfach so, daß mir in diesem Kandidatenturnier [sic] zum Teil die nötige Kraft fehlte. Aber im einwandfreien Teil meiner New Yorker Anstrengungen ist doch noch die Semmeringer Kraft erkennbar. Irgendwie kann aber doch schon damals der Abstieg begonnen haben, nur ist er mir noch nicht sofort ins Bewußtsein gedrungen.
    Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter-Verlag 1960, S. 200

    Der in New York 41jährige, der lange von einem Weltmeistertitel geträumt hatte, mußte der Tatsache Tribut zollen, daß er in seinem Leben zweigleisig gefahren ist und sich so nicht voll und ganz auf das Schachspiel konzentrieren konnte. Doch gewann die Welt, die nicht nur aus der Schachwelt besteht, damit einen der damals größten Experten des Transformatorenbaus dazu.

    Interessant war auch der Teilnehmer aus Österreich Rudolf Spielmann, der ein Jahr zuvor im glänzendsten Stile am Semmering 1926 vor Aljechin und Vidmar triumphiert hatte. Natürlich hatte Spielmann durch sein spektakuläres Opferspiel eine ganze Reihe an Anhängern, die auf einen ähnlichen Auftritt in New York hofften. Doch fehlte Spielmann die Konstanz eines ganz Großen wie Capablanca und Aljechin. Schonberg kam zu der Beurteilung:

    In seiner Glanzzeit war er [Spielmann] ein gefürchteter Gegner, doch nur selten konnte er gegen Capablanca oder Aljechin gefährlich werden. Draufgänger wie Spielmann und Marshall sehen gegen Meister, die alle Bereiche ihrer Kunst souverän beherrschen, nie besonders gut aus. Wie Aljechin schrieb, ging Spielmann zu viele Risiken ein: „Es ist wohlbekannt, daß dieser sensible Künstler fähig ist, Spitzenleistungen zu vollbringen, aber ebenso, daß er ganz kläglich enttäuschen kann, wenn er nicht in Form ist.“ Dabei dachte Aljechin an Spielmanns großen Sieg auf dem Semmering, verglichen mit seinem schlechten Abschneiden in Bad Kissingen 1928. „Er muß Irrtümer sportlicher Art ebenso überwinden wie solcher schachlicher Natur. Als Künstler läßt er sich von einer ungestümen Leidenschaft zu Kombinationen hinreißen, die ihm zwar eine Anzahl von Schönheitspreisen eingebracht, ihn aber auch viele für die Placierung wichtige Punkte gekostet haben.“ Außerdem bemängelte Aljechin, Spielmann sei gelegentlich zu bequem, er neige zu „einer leicht übertriebenen Gutmütigkeit, die manchmal nicht von Gleichgültigkeit zu unterscheiden ist“. In den Augen des schachbesessenen, kämpferischen Aljechin, der sich auf jeden Zug so konzentrierte wie Toscanini oder Széll auf jede Note, war das eine Sünde wider den Geist des Spiels. Széll hielt man einmal vor, er dirigiere, als gehe es bei jedem Ton um Leben und Tod, worauf Széll erwiderte: „Aber verstehen Sie denn nicht? Darum geht es doch! Genau darum!“ Mit der gleichen Intensität prüfte Aljechin jeden Zug, er verachtete Spieler, denen es an solcher Hingabe fehlte.
    Schonberg, S. 157

    Die beiden angesprochenen Angriffskünstler Spielmann und der alternde Marshall kamen so in New York mit 8 bzw. 6 Punkten nur noch auf den vorletzten und letzten Rang. Spielmann selbst wurde damals u. a. als „letzter Ritter“ des als romantisch geltenden Königsgambits bezeichnet, das er mit Erfolg anzuwenden verstand. Wie wenig endgültige Urteile auch im Schach Bestand haben, beweist die Tatsache, daß auch das Königsgambit noch lange nicht ausgestorben ist. Dekaden nach Spielmann wandte Boris Spasski das Königsgambit auf höchster Turnierebene erfolgreich an.

    Wahrscheinlich gilt das Urteil für Spielmann und Marshall, wobei man auch Bogoljubov sehr gut mitdenken kann, gegen die ganz Großen nie gut auszusehen, auch für Aaron Nimzowitsch, der auf anderer Art ein spielerisches Extrem war als die drei genannten Angriffskünstler. Auch er sah gegen Capablanca und Aljechin nur selten gut aus und verlor ein ums andere auf geradezu ernüchternde Weise. Spielerisch war er die Wundertüte des Turniers, der dem Turnierverlauf viel Pfeffer gab. In der ersten Turnierhälfte lag er mit 6,5/10 nur einen halben Punkt hinter Capablanca, gegen den er auch seine einzige Niederlage bis dato quittieren mußte. Doch er hatte gegen Aljechin, gegen den er einmal gewinnen konnte, schon Oberwasser von 1,5 Punkten, so daß er durch eine Plazierung vor Aljechin damit drohte, Anspruch auf die Herausforderung Capablancas zu erheben. Daß er dann in der zweiten Turnierhälfte sein persönliches Waterloo erlebte und mit nur noch 4 weiteren Punkten hinter Aljechin auf Rang 3 landete, lag nicht zuletzt an Milan Vidmar, gegen den er in beiden Partien den Kürzeren zog. Milan Vidmar hat diese Begegnungen in seinen Goldenen Schachzeiten schön beschrieben. Durch eine Einladung zu einer Abendgesellschaft machte er Bekanntschaft mit dem großen Pianisten Moritz Rosenthal, der für ihn seine Paraphrase zu dem Zigeunerbaron spielte. Vidmar wollte sich nach der Darbietung revanchieren, und Rosenthal sagte: „Sie spielen morgen mit Nimzowitsch [...], ich werde zuschauen, morgen werden Sie mir spielen“ (Vidmar, S. 86). Und Nimzowitsch löste sein Versprechen durch einen Glanzsieg gegen Nimzowitsch ein (Partie, siehe Anhang).

    Alexander Aljechin selbst hatte zu New York 1927 ein vielbeachtetes Turnierbuch verfaßt und dort über die Rolle Nimzowitschs in dem Turnier geschrieben. Für Aljechin war das wechselvolle Abschneiden Nimzowitschs kein Zufall:

    Es ist kaum möglich, von dem New Yorker Turnier zu reden, ohne die - jedenfalls in sportlicher Beziehung - schwungvolle Rolle zu erwähnen, die Nimzowitsch in der ersten Turnierhälfte zu spielen beschieden war. Vor allem aber muß festgestellt werden, daß sein Erfolg in dieser Periode des Kampfes ein ganz verdienter war, - ebenso verdient wie sein Durchfall in der zweiten Hälfte. Tatsache ist, daß Nimzowitsch im Kampfe gegen ebenbürtige Gegner wohl immer dazu verurteilt wird, von den obersten Höhen in den Abgrund zu fallen, und sich dann wieder nach oben emporzuarbeiten. Denn es ist wahrlich schwer, sich vorzustellen, daß es ihm nach einer etwa 25 jährigen Schachkarriere plötzlich gelingen sollte, sein Temperament gänzlich zu verändern, - dieses Temperament, das ihm bis jetzt zuweilen zu ganz besonderen Leistungen sowohl kombinatorischer als auch rein positioneller Natur verhalf - aber manchmal ihn sportlich in den Abgrund hinunterwarf. Den Hauptfehler in Nimzowitschs Schaffen sehe ich in einer gewissen Unsicherheit in der Behandlung ihm unbekannter Eröffnungsstellungen. Vielleicht kommt die Unsicherheit daher, daß er einen m. E. übertriebenen Wert auf die Ausarbeitung eines "Eröffnungsrepertoires" legt und infolgedessen sich jedesmal nicht zu Hause fühlt, wenn er vor ein neues strategisches, also nicht variantenmäßiges - denn um ein solches zu lösen, besitzt er Technik mehr als genug - Eröffnungsproblem gestellt wird. Tatsache ist jedenfalls, daß, indem wir bei Capablanca ungefähr keinen (die Partie gegen Werlinski bildet die einzige Ausnahme, welche die Regel bestätigt) Fall finden können, wo er direkt infolge der Eröffnung verliert, - kommen bei Nimzowitsch derartige Fälle ziemlich häufig vor (vgl. z.B. seine 3. Partie mit Vidmar aus diesem Turnier, die Partien mit L. Steiner aus Kecskemet und Berlin 1928, einige Partien aus Baden-Baden 1925). Dafür zeigte er aber in New York ebenfalls dasjenige Wertvolle, welches er nach glücklich überstandener Eröffnung produzieren kann (siehe seine Partien mit Vidmar und Spielmann aus dem I. Turnus und mit dem Verfasser aus dem II.) Wie gesagt, bin ich der Meinung, daß er in New York gerade den Platz, der seiner jetzigen Stärke entsprach, besetzt hat. Es wird mich keinesfalls wundern, wenn er in der Folge Größeres schafft, denn sein Weg scheint nach oben zu führen.
    Weder Nimzowitsch noch Vidmar, Spielmann und Marshall kamen auf die begehrten ersten beiden Plätze des Turniers, die damit für die beiden großen Rivalen der kommenden Jahre reserviert blieben. Bei Betrachtung der Turniertabelle fällt der große Abstand zwischen Capablanca, der mit 14/20 wieder glänzend in Schwung gekommen war, und den gemessen an seinen eigenen Ansprüchen doch etwas dürftigen 11,5 Punkten Aljechins auf. Auch in der einzigen entschiedenen Partie der beiden Kontrahenten machte Capablanca mit Aljechin kurzen Prozeß, was diesen in trügerischer Sicherheit wog, bei seinem Gegner aber das genaue Gegenteil auslöste. Bevor es wenig später nach Buenos Aires zum großen Show-Down ging, hatte Jose Raul Capablanca in einem Artikel für die New York Times, den er erneut mit dem für ihn charakteristischen pluralis majestatis verfaßte, seinen Gegner offenbar völlig falsch eingeschätzt. Neben einigen lobenden Worten finden sich darin solche schlichtweg falschen Bemerkungen über seinen kommenden Gegner wie:

    Wir (!) glauben, daß er nicht den richtigen Kampfgeist besitzt. Überdies ist er äußerst nervös, und diese Eigenschaften dürften sich in seinem langen Kampf mit einem kaltblütigen, gewandten Gegner nachteilig für ihn auswirken.
    zit. nach Pfleger/Treppner, S. 115

    Doch hatte gerade dieses Turnier Aljechin neue Zuversicht gegeben, diesen Gegner schlagen zu können. Akribisch hatte er sich dessen Partien in New York unter die Lupe genommen, und dabei kam es bei ihm zu der folgenschweren Erkenntnis. Treppner und Pfleger berichten:

    Erst auf dem Schiff nach Buenos Aires, wo Aljechin die Partien Capablancas aus New York sezierte, vollzog sich nach seinen Worten der Umschwung von Befangenheit zu fanatischem Glauben an den Sieg: „Erst dann wurde für mich endgültig klar, wie übertrieben das allgemeine Lobgeschrei war ... Das soll eine Schachmaschine sein? Ein „champion of all times“? Welche absurden Behauptungen einem Spieler gegenüber, dessen Partien in einer erdrückenden Mehrzahl, wenn keine direkten Fehler, so doch eine jede ungefähr 2-3 Unterlassungen aufweisen, welche entweder den Gewinn in Frage stellen bzw. auslassen oder aber bei richtiger Antwort geeignet wären, seine Stellung bedenklich zu kompromittieren.
    Pfleger/Treppner, S. 125f.

    Im Rückblick betrachtet sieht so auch Alexander Aljechin, der die Schach-WM gegen Capablanca ein paar Monate später schließlich gewinnen konnte, das Turnier als eines der Schlüsselszenen für seinen eigenen Triumph in Buenos Aires:

    Als Prolog zum Weltmeisterschaftskampf hatte das Turnier von New York eine doppelte und sehr reelle Bedeutung, die sich aber vollständig von der Meinung der gesamten Schachwelt über dieses Ereignis unterscheidet: Fortuna beschenkte den kubanischen Helden mit einem zweideutigen Lächeln, in das neben der äußeren Ermunterung auch eine leise Warnung eingeschlossen war; und es ist wahrlich nicht ihre Schuld, daß ihr Liebling dieses Mal ihr Lächeln nicht richtig deuten konnte. [...]
    zit. nach Kasparov, S. 190f.

    Doch noch eine andere Bedeutung hatte dieses Turnier. Der Ausrichter war der bekannte Manhatten Chess Club, in dem auch Robert Fischer und Samuel Reshevsky den Beginn ihrer großen Karriere erlebten. An eben dieser Stelle sollte Capablanca 15 Jahre später seinen Schlaganfall erleiden, an dem er am nächsten Tag verstarb. Gerade diese schreckliche Szene macht das Vanitas-Motiv des Barocks so unmißverständlich deutlich.

    [Event "New York"]
    [Site "New York City, NY USA"]
    [Date "1927.02.24"]
    [EventDate "1927.02.19"]
    [Round "5"]
    [Result "0-1"]
    [White "Alexander Alekhine"]
    [Black "Jose Raul Capablanca"]
    [ECO "E15"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "84"]

    1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nf3 b6 4. g3 Bb7 5. Bg2 c5 6. d5 exd5
    7. Nh4 g6 8. Nc3 Bg7 9. O-O O-O 10. Bf4 d6 11. cxd5 Nh5
    12. Bd2 Nd7 13. f4 a6 14. Bf3 Nhf6 15. a4 c4 16. Be3 Qc7
    17. g4 Nc5 18. g5 Nfd7 19. f5 Rfe8 20. Bf4 Be5 21. Bg4 Nb3
    22. fxg6 hxg6 23. Rb1 Bxc3 24. bxc3 Qc5+ 25. e3 Ne5 26. Bf3
    Nd3 27. Kh1 Bxd5 28. Rxb3 Nxf4 29. Rb1 Rxe3 30. Ng2 Rxf3
    31. Rxf3 Nxg2 32. Kxg2 Re8 33. Kf1 Bxf3 34. Qxf3 Qxg5 35. Re1
    Rxe1+ 36. Kxe1 Qg1+ 37. Kd2 Qxh2+ 38. Kc1 Qe5 39. Kb2 Kg7
    40. Qf2 b5 41. Qb6 bxa4 42. Qxa6 Qe2+ 0-1

    [Event "New York"]
    [Site "New York City, NY USA"]
    [Date "1927.03.05"]
    [EventDate "1927.02.19"]
    [Round "10"]
    [Result "0-1"]
    [White "Aron Nimzowitsch"]
    [Black "Milan Vidmar"]
    [ECO "A00"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "70"]

    1. e3 d5 2. Nf3 Nf6 3. b3 Bg4 4. Bb2 Nbd7 5. h3 Bh5 6. Be2 e6
    7. Ne5 Bxe2 8. Qxe2 Bd6 9. Nxd7 Qxd7 10. c4 c6 11. O-O O-O-O
    12. Nc3 Bc7 13. d4 h5 14. c5 g5 15. b4 h4 16. b5 Rdg8 17. bxc6
    bxc6 18. f3 Nh5 19. e4 f5 $3 20. exd5 exd5 21. Rae1 g4 $1
    22. hxg4 fxg4 23. fxg4 Rxg4 24. Nxd5 h3 $1 25. Ne7+ Kb7
    26. Rf3 Rxg2+ 27. Qxg2 hxg2 28. d5 Qg4 $1 29. Rb3+ Ka8
    30. Bxh8 Qh4 31. d6 Qxe1+ 32. Kxg2 Bd8 33. Bd4 Bxe7 $1
    34. dxe7 Qxe7 35. Bf2 Qe4+ 0-1
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    Frage AW: New York 1927, Prolog zur Schach-WM Aljechin vs. Capablanca

    @ kiffing
    hi hats du die turnier bücher von new York 1927 ( auch 1924 war eins oder)
    und würdest du mir die mal für 3 tage leihen ob sich ein eiger kauf lohn

    @ all was denkt ihr über diese turnier bücher oben????

    gruss lonny22

  3. #3
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    AW: New York 1927, Prolog zur Schach-WM Aljechin vs. Capablanca

    Richtig, auch 1924 gab es in New York ein Turnier, das wieder einmal der berühmte Manhatten Chess Club ausgerichtet hatte. Diesem Turnier hatte sich Frank Mayer bereits gewidmet und zu diesem Anlaß eine Hommage an den ewig jungen Emanuel Lasker verfaßt, der es nach seiner Entthronung durch Capablanca noch einmal allen zeigen konnte. Sehr empfehlenswerter Beitrag, der auch reich ist an Anekdoten rund um das Turnier wie z. B. die mehr als beschwerliche Anreise Laskers: http://schach-und-kultur.de/?p=8658

    Zu New York 1927 hat wie gesagt Aljechin ein Turnierbuch verfaßt. Ich habe es aber nicht gelesen. Versuche es doch einmal über ein Antiquariat, mein Stamm-Antiquariat ist das hier: http://www.buecherkiste.eu/
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