Die Stadt der Diebe von David Benioff ähnelt in einiger Hinsicht den im Forum bereits vorgestellten zwölf Stühlen von Ilja Ilf und Jewgeni Petrov. Haben die Hauptpersonen in den Zwölf Stühlen noch versucht, eben diesen Sitzmöbeln durchs ganze Land nachzujagen, weil in einem der zwölf Stühlen wertvolle Brillanten der verstorbenen Großmutter versteckt sind, befinden sich die Protagonisten in der Stadt der Diebe auf einer ähnlichen Odyssee.

In der Stadt der Diebe sind es diesmal zwölf Eier, welche die jungen Protagonisten aufspüren müssen, um ihre Haut zu retten. Was wie ein alltäglicher Botendienst aussieht, ist es nicht. Denn wir befinden uns in der Sowjetunion, im belagerten Leningrad während des Großen Vaterländischen Krieges. Hitlers Ausspruch, die Stadt vom Erdboden auszuradieren, war durchaus wörtlich zu nehmen, denn durch die Aushungerung der Stadt und der damit verbundenen Vernichtung der Bevölkerung erhoffte sich Hitler entweder die Kapitulation der Stadt oder aber ihr Verschwinden, so daß die deutschen Truppen geschont wurden, die in langwierigen Häuserkämpfen extreme Verluste erlitten hätten.

Doch Leningrad dachte nicht an Kapitulation, und während die Bevölkerung sich mit „Leimkuchen“ behalf, das heißt mit gebackenem Leim, der von den Büchern abgekratzt wurde, da der Leim lebenswichtige Proteine enthält, werden die beiden jugendlichen Protagonisten vom Oberst der Stadt vor die unlösbare Aufgabe gestellt, die zwölf Eier binnen sechs Tagen aufzutreiben. Andernfalls würden beide erschossen werden, denn auf Plünderung bzw. auf Desertion, was beiden vorgeworfen wurde, steht die Todesstrafe.

Die Suche nach den zwölf Eiern führt die beiden Helden des Romans inmitten der sterbenden Stadt zu Akteuren wie Kannibalen, Partisanen und den gefürchteten deutschen Einsatzgruppen. Die deutschen Einsatzgruppen waren die gefürchtetsten Einheiten von Hitlers Vernichtungsmaschinerie. Sobald die regulären Truppen der Wehrmacht sowjetischen Raum eroberten, rückten die Einsatzgruppen nach, um Juden, Kommunisten, aber auch Gebildete zu erschießen. Eine Szene wird in dem Buch beschrieben, als die Gefangenen vor die Aufgabe gestellt wurden, Zeitungsartikel zu lesen. Den Lesekundigen wurde dabei versprochen, mit leichter Büroarbeit davonzukommen, während denjenigen, die diesen Test nicht bestanden, wesentlich entbehrungsreichere Arbeit im Bergwerk winkte. Doch statt in die Büros der Deutschen ging es für die Lesekundigen geradewegs in den Tod bzw. zum Erschießungskomitee. In seinem Ziel, die „slawischen Untermenschen“ in Rußland für die dort angesiedelten deutschen „Herrenmenschen“ zu versklaven, wollte Hitler keine Gebildeten in diesem Volk mehr haben, weil organisierter Widerstand nur von diesen zu befürchten sei. Der Krieg der Deutschen im Osten war von vornherein als Vernichtungskrieg angelegt.

Zu der Schachszene kommt es, als die inzwischen von der deutschen Einsatzgruppe gefangengenommenen überlebenden Partisanen vor dem berüchtigten SS-Sturmbannführer Abendroth stehen. Ein Treffen hatte der immer findige Ältere der beiden Helden arrangieren können, und hier kommt es zu einer Art des in der Schachliteratur so beliebten Topos einer Partie um Leben und Tod. Abendroth, der selbst Schachspieler ist, war das Treffen nicht ungenehm, da er in dem Land, das „die besten Schachspieler der Welt“ habe, nach eben jenen suchte, um sich privat unterhalten zu können. Und Lew, der Jüngere der beiden Helden, war früher ein aktiver Schachspieler im Schachzirkel der Leningrader Pioniere, der bei Turnieren seiner Altersklasse regelmäßig Preise gewinnen konnte.

Das Schachspiel zwischen Lew und Abendroth sollte den Helden im Falle eines Gewinns u. a. die besagten zwölf Eier bescheren. Doch war das nicht das einzige Motiv rund um die Partie. Von den Partisanen war nur noch die Scharfschützin Vika übriggeblieben, die zusammen mit Kolja, dem Älteren der beiden Helden, den auf die Partie konzentrierten Major ermorden wollte. Ihre Waffen am Leib waren gut versteckt und von den Einsatzgruppen bei der Untersuchung nicht entdeckt worden. Im Prinzip war diese Aufgabe ein Himmelfahrtskommando; der Sturmbannführer selbst war von der Statur her eine Kampfmaschine und natürlich nicht unbewaffnet. Außerdem befanden sich im Büro mehrere Gebirgsjäger. Das Schachspiel zwischen Abendroth und Lew begann mit 1. d4 d5 2. c4 e6. Die Schachpartie wurde von David Benioff durchaus hintergründig beschrieben, und zwar in einer Art, die sowohl Laien als auch Profis anspricht. Überhaupt hat der Autor für den mehr als düsteren Hintergrund der beiden Helden ausgezeichnet recherchiert und für einen US-Amerikaner die sprichwörtliche russische Seele erstaunlich gut eingefangen.