Bekanntlich haben die Nazis das Schach für sich vereinnahmt, weil sich dieser Denksport als Abstraktum gut in ihre Ideologie einführen lassen konnte. Das Schach wurde von den Nazis nicht nur gefördert, sondern es wurden auch bestimmte Erwartungen hinsichtlich des Spielstils geäußert. Von dem heute demokratischen Charakter des Schachspiels, bei dem jeder Stil seine Berechtigung hat und sich nur am Erfolg messen lassen kann, hielten die Nazis nichts. Sie gestalteten Schach in ihrer Ideologie um und stellten dem arischen risikobereiten Kampfschach das feige jüdische Sicherheitsschach entgegen. Der arische und der jüdische Stil fungierten also als Symbole, die beide eine Allegorie zur rassistischen Weltanschauung der Nazis leisteten.

Wenn man sich diese Gedanken vergegenwärtigt, so war kein deutscher Schachspieler – nicht einmal Klaus Junge – fanatischer als Emil Josef Diemer, der in der Geisteswelt der Nazis voll aufging, dort seine Erfüllung fand und diese Gedankenwelt mit einer unglaublichen Verve propagierte. Lassen wir Diemer selbst zu Wort kommen:

Zitat Zitat von Diemer
Ich sehe in dieser Angst vor der Verantwortung, vor dem Risiko, vor der großen Tat, vor dem Gefährlich-Leben den letzten Ausdruck jüdischen Einflusses auf unsere Schachjugend. Warum sollte es auch im Schach anders sein, diesem Symbol des menschlichen Lebens, dieser Parallelerscheinung zu allen menschlichen Auseinandersetzungen auf kulturellem und politischem Gebiete, als auf allen anderen Gebieten des heutigen menschlichen Daseins? Hie Kampf, hie Maginotgeist!
In diesen Worten wird auch die Bedeutung des Schachs für die Nazis deutlich. Schach sollte, immer im Bewußtsein seines symbolischen Allegorie-Charakters, das die Lebenswirklichkeit in Form der Allegorie abbilde, die Jugend zu wahrhaften teutonischen Männern erziehen, die dabei das erlernen, was für die Nazis ideal sei. Ein deutscher Mann stellt sich den Gefahren tapfer entgegen, zeigt Verantwortung für sein Handeln und fürchtet nicht den Tod. Das Schachspiel bereitet zudem auf das Leben dahingehend vor, daß das Leben ein einziger Kampf sei, dem sich der tapfere deutsche Mann zu stellen habe. Im Schachspiel erlernt der deutsche Junge das Rüstzeug für sein Leben.

Emil Josef Diemer, der diese Lehre so konsequent verinnerlicht hat wie kein Zweiter, war in diesem Sinne auch produktiv tätig. „Er versuchte Schacheröffnungen nach politischen und rassischen Merkmalen zu beurteilen.“ defekter Link gelöscht, Kiffing Schachgeschichte und Geschichten Er kreierte eine Eröffnung, das heute bekannte Blackmar-Diemer-Gambit, das genau diesen Gedanken des riskobereiten Kampfschachs und Diemers Devise: vom ersten Zug auf Matt gerecht wird. Weiß opfert einen wertvollen Mittelbauern für eine Stellung, in der er später einen gewaltigen Königsangriff aus dem Hut zaubern wird. Die Abspiele sind immer hochgradig taktisch und erfüllen alle Qualifikationen eines risikobereiten Kampfschachs. Ein Endspiel ist im Blackmar-Diemer-Gambit nicht vorgesehen. Scheitert Weiß mit seinem Königsangriff, gewinnt fast immer der Gegner wegen des nach den weißen Opfern drückenden Materialvorteils. Das Blackmar-Diemer-Gambit ist aber noch heute ein Phänomen. Zwei Drittel aller Spiele, die so eröffnet werden, gewinnt Weiß. Das kann aber auch darin liegen, daß Weiß, ein glühender BDG-Fan, in diesen Fällen sich in den theoretischen Abspielen einfach besser auskennt als der Gegner, der durch das BDG oft genug überrascht wird. Das BDG ist jedenfalls für Schwarz brandgefährlich, Leistet er sich im Eifer des Gefechts – leicht passierende – Ungenauigkeiten, so schlägt der Königsangriff in der Regel durch. So erging es auch mir, der nicht durch sein technisch perfektes Spiel bekannt ist. In allen Spielen, wo Weiß mit dem BDG eröffnete, verlor ich. Meine Quote in dieser Eröffnung liegt bei 0%.

Wie es für 150-Prozentige üblich ist, wittern sie auch in den eigenen Reihen Inkonsequenzen bezüglich der Ideologie. So griff Emil Josef Diemer in einem Artikel den deutschen Vorzeigeathleten Klaus Junge wegen angeblich zu positioneller Spielweise an, der zudem die Chuzpe besaß, mit positionellen Eröffnungen wie 1. c4 oder 2. d4 sein Spiel zu eröffnen. Dieser Angriff auf den von vielen als kommenden Weltmeister gesehenen Junge wurde aber nicht unwidersprochen hingenommen. Die darauffolgende Kontroverse zeigte, daß über die Idee des arischen Kampfschachs auch bei den Offiziellen noch keine vollständige Einigkeit vorherrschte.