Zu einem Markenzeichen von Alexander Aljechin wurde das Spiel auf dem ganzen Brett, das Aljechin zumeist dergestalt anwandte, daß er vom Damenflügel langsam zum Königsflügel pendelte, den Gegner überforderte und dem feindlichen Monarchen dann den Todesstoß gab. Daß Alexander Aljechin mit diesem komplizierten und tiefen Spiel seiner Zeit weit voraus war, machen z. B. Helmut Pfleger und Gerd Treppner in ihrem Buch über die Weltmeister des Schachs deutlich, die in diesem Zusammenhang von „Schach Total“ sprechen, das von dem damaligen Modewort des „Fußball Totals“ abgeleitet wurde, das damals der FC Barcelona zelebrierte, und das damals (1994) Vorbild für alle Vereins- und Nationalmannschaften gewesen war. In ihrem Werk skizzieren die beiden deutschen Großmeister Aljechins scharfe Waffe folgendermaßen:

Sein Markenzeichen war das „Spiel auf dem ganzen Brett“; er manövrierte gern weit ab vom Ort der Entscheidung, bereitete diese mit scheinbar nebensächlichen Kleinigkeiten vor, um dann mit einer blitzschnellen Schwenkung zuzuschlagen. Dieses Schema skizzierte er in seinen Werken ganz offen; aber trotzdem waren die Gegner meist nicht fähig, am Brett seinen Ideen zu folgen. Selbst Bobby Fischer gab zu, manche Kombinationen Aljechins habe er bis heute nicht verstanden.
Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 123f.

Später prägte H. C. Opfermann den Begriff der Schachgestalt, der schon früh einen großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Die Idee, die hinter diesem Begriff steckt, hat das Mathematik- und Schachgenie John Nunn aus England später sehr gut erklärt. Nunn, der in diesem Zusammenhang von einer „Verbundenheit aller Dinge“ spricht, macht diesen holistischen Ansatz deutlich:

“Ich glaube, wie Sie wissen, ... an die grundlegende Verbundenheit aller Dinge!
Douglas Adams, Dirk Gentlys Holistische Detektei

Wäre Douglas Adams´ Detektiv ein Schachspieler gewesen, so hätte er zweifellos das Mittelspiel sehr stark gespielt. Mit seinem Glauben, daß alle Dinge versteckte, tieferliegende Verbindungen teilen, hätte er einen der Hauptaspekte des Mittelspiels begreifen können, nämlich daß alle Teile des Bretts verbunden sind und daß sich Pläne, Strategien und taktische Schläge auf einem Brettabschnitt auf unerwartete Weise auf einem anderen Teil des Bretts auswirken können.
John Nunn, Das Verständnis des Mittelspiels im Schach, GAMBIT-Verlag 2011, S. 16

Das Spiel auf dem ganzen Brett ist vor allem deswegen so kompliziert, weil es ständige Aufmerksamkeit erfordert, und weil man mit diesem Spiel seine eigene Spieltiefe und Variationsbreite deutlich erhöht. Um ein Beispiel zu geben, war der erste Schachcomputer von 1956, übrigens entwickelt von IBM in Los Alamos und auf dem 30-Tonnenrechner Manic 1 programmiert, noch nicht in der Lage, auf einem normalen Schachbrett 8x8 zu spielen und lief nur auf einem 6x6 großen Spielbrett. Die Läufer wurden deshalb weggelassen.

Der Blick des Schachspielers, der das Wesen der Schachgestalt internalisiert hat, ist eher organisch denn schematisch. Drei Partien sollen dieses „Schach Total“ veranschaulichen:


[Event "St Petersburg"]
[Site "St Petersburg"]
[Date "1914.??.??"]
[EventDate "?"]
[Round "?"]
[Result "0-1"]
[White "Sergey Nikolaevich von Freymann"]
[Black "Alexander Alekhine"]
[ECO "D30"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "48"]

1. d4 {Notes by Alekhine} d5 2. Nf3 Nf6 3. c4 e6 4. Bg5 {This
move is of doubtful value, for it allows the following reply,
hit upon by Duras. It is better to play Nc3 first.} h6 {!
After this move White has nothing better than to take the
Knight, leaving his opponent with two Bishops, for if the
Bishop retreats, the acceptance of the Gambit is in favour of
Black.} 5. Bh4 dxc4 {More precise would have been 5...Bb4+;
followed by dxc4; as then the Gambit Pawn could be held by
...b5, etc.} 6. Qa4+ {The only way of regaining the
Pawn. Black threatened 6...Bb4+; followed by 7...b5.} Nbd7
7. Qxc4 c5 8. Nc3 a6 {With the intention of developing the
Queen Bishop on the long diagonal, a plan which White, as the
sequel shows, will be unable to frustrate.} 9. a4 b5 {! Black
still persists, for if 10.axb5 axb5; the White Queen and Rook
would both be en prise.} 10. Qd3 c4 11. Qb1 Bb7 {! A Pawn
sacrifice, the object of which is to obstruct White's
development through pressure on c3.} 12. axb5 {It would have
been preferable to decline the offer of a Pawn. But in any
event, even after 12.e3 Qb6 White's position would have
remained distinctly inferior.} axb5 13. Nxb5 Bb4+ 14. Nc3 g5
15. Bg3 Ne4 16. Qc1 {All White's last moves were obviously
forced.} Nb6 {Threatening 17...Na4.} 17. Rxa8 Qxa8 18. Nd2
Nxd2 19. Kxd2 Qa2 {! Initiating the deciding manouver. Black
again threatens 20...Na4 and does not allow his opponent the
respite he needs to disentangle his position by 20.e3} 20. Kd1
Qb3+ 21. Qc2 {Now the Black c-Pawn will move straight on to
Queen.} Bxc3 22. bxc3 Be4 {! Simple and immediately decisive.}
23. Qxb3 cxb3 24. e3 {24.Kc1 Nc4 and mates in a few moves.} b2
0-1

[Event "AVRO"]
[Site "The Netherlands"]
[Date "1938.11.22"]
[EventDate "1938.11.06"]
[Round "11"]
[Result "1-0"]
[White "Mikhail Botvinnik"]
[Black "Jose Raul Capablanca"]
[ECO "E40"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "81"]

1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4 4.e3 d5 5.a3 Bxc3+ 6.bxc3 c5 7.cxd5
exd5 8.Bd3 O-O 9.Ne2 b6 10.O-O Ba6 11.Bxa6 Nxa6 12.Bb2 Qd7
13.a4 Rfe8 14.Qd3 c4 15.Qc2 Nb8 16.Rae1 Nc6 17.Ng3 Na5 18.f3
Nb3 19.e4 Qxa4 20.e5 Nd7 21.Qf2 g6 22.f4 f5 23.exf6 Nxf6 24.f5
Rxe1 25.Rxe1 Re8 26.Re6 Rxe6 27.fxe6 Kg7 28.Qf4 Qe8 29.Qe5 Qe7
30.Ba3 Qxa3 31.Nh5+ gxh5 32.Qg5+ Kf8 33.Qxf6+ Kg8 34.e7 Qc1+
35.Kf2 Qc2+ 36.Kg3 Qd3+ 37.Kh4 Qe4+ 38.Kxh5 Qe2+ 39.Kh4 Qe4+
40.g4 Qe1+ 41.Kh5 1-0

[Event "Second Piatigorsky Cup"]
[Site "Santa Monica USA"]
[Date "1966.08.11"]
[EventDate "1966.07.17"]
[Round "16"]
[Result "0-1"]
[White "Tigran Vartanovich Petrosian"]
[Black "Bent Larsen"]
[ECO "A16"]
[WhiteElo "?"]
[BlackElo "?"]
[PlyCount "122"]

1. c4 Nf6 2. Nc3 g6 3. g3 Bg7 4. Bg2 O-O 5. d4 d6 6. e3 c6
7. Nge2 a5 8. b3 Na6 9. O-O e5 10. Bb2 Re8 11. a3 Rb8 12. h3
h5 13. Qc2 Be6 14. Kh2 Qc7 15. Rac1 b5 16. cxb5 cxb5 17. Qd1
Qe7 18. Nb1 Bd7 19. Nd2 e4 20. Nf4 d5 21. Qe2 Qd6 22. Rc2 Rec8
23. Rfc1 Rxc2 24. Rxc2 h4 25. Nf1 hxg3+ 26. fxg3 b4 27. a4 Rc8
28. Rxc8+ Bxc8 29. h4 Nc7 30. Bh3 Bxh3 31. Nxh3 Bf8 32. Kg2
Qc6 33. Qd1 Bd6 34. Nf2 Ne6 35. Bc1 Ng7 36. Bd2 Nf5 37. Kh3
Qc8 38. Kg2 Kg7 39. Nh1 Nh6 40. Be1 Qa6 41. Nf2 Nf5 42. Qd2
Bb8 43. Nd1 Ng4 44. Kg1 f6 45. Kg2 g5 46. Nf2 Ngh6 47. hxg5
fxg5 48. Nd1 Kg6 49. Nh2 g4 50. Qc2 Bd6 51. Nf1 Ng8 52. Nh2
Nf6 53. Nf1 Kh5 54. Nh2 Kg5 55. Nf1 Nh5 56. Bf2 Nf6 57. Be1
Nh5 58. Bf2 Qa8 59. Be1 Qh8 60. Qc6 Bxg3 61. Bxg3 Nhxg3 0-1