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Thema: Zur Freundschaft Einsteins und Laskers und zur "Tragik" des letzteren

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    Zur Freundschaft Einsteins und Laskers und zur "Tragik" des letzteren



    In diesem Essay geht es um das produktive Wirken Emanuel Laskers nicht nur auf dem Schachbrette, sondern weit darüber hinaus, das u. a. in die Freundschaft mit Albert Einstein kulminierte, die, was angesichts der Beschaffenheit beider Originale nicht verwundern sollte, nicht frei von Spannungen war. Beide hatten zusammen gerne ausgedehnte Spaziergänge unternommen, wobei Albert Einstein später mit einer gewissen Ironie angemerkt hatte, "mehr der Empfangende als der Gebende" gewesen zu sein. Denn "es war diesem eminent produktiven Menschen meist natürlicher, seine eigenen Gedanken zu gestalten, als sich auf die eines anderen einzustellen." (ebd.) Warum Albert Einstein in Laskers Gesamtwerk schließlich eine gewisse Tragik zu erkennen glaubte, wird im Laufe des Essays ebenso beleuchtet werden wie Laskers Wechselspiel zwischen dem Schachspiel und dem Weltgeist, das Lasker sowohl beflügelt wie auch eingeengt hat. Als Prolog zu diesem Essay soll folgende pointierte Beschreibung aus Goethes Faust dienen, um eine erste Vorahnung zu geben, was Einstein mit der Tragik dieses durchaus faustischen Schachmeisters gemeint haben könnte:

    Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
    Die eine will sich von der andern trennen;
    Die eine hält, in derber Liebeslust,
    Sich an die Welt mit klammernden Organen;
    Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
    Zu den Gefilden hoher Ahnen.
    Bekannt ist, daß der Schachweltmeister mit der längsten Regentschaft sich nicht ausschließlich durch das Schachspiel produzierte, sondern auf vielen geistigen Feldern tätig war. Lasker, der nicht zu Unrecht als Philosoph auf dem Schachbrette bezeichnet wird, hatte einen holistischen Ansatz. Lasker begriff das Schachspiel in seiner Wechselwirkung zur Welt und versuchte, seine das Leben betreffende Philosophie auf das Schachspiel zu übertragen. Manche Schachspieler kennen noch heute seine Bücher, die er über das Schach verfaßt hatte. Aber Lasker hatte auch Werke herausgegeben, in denen er sich in die zeitgenössischen philosophischen Diskussionen einbrachte. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang "Kampf" (1907), "Das Begreifen der Welt" (1913) und "Die Philosophie des Unvollendbaren" (1917).

    In der damaligen Zeit konnte Lasker es sich noch leisten, Schach nur als eine Beschäftigung von vielen anzusehen, große Teile seiner Energie in andere geistige Betätigungsfelder zu stecken und sich trotzdem 27 Jahre auf dem Weltmeisterthron zu behaupten. So setzte er zuweilen mehrere Jahre in Folge mit dem Schach aus, um sich ganz auf das Verfassen seiner wissenschaftlichen Traktate zu konzentrieren. Helmut Pfleger und Gerd Treppner kommentieren die etwa 600 ernsten Partien, die Lasker in seiner langen Laufbahn als Schachspieler spielte, mit dem Hinweis, daß ein "moderner Meister" eine solche Anzahl "heute" (1994) in "wenigen Jahren" schaffe (Pfleger, Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 87).

    Emanuel Lasker hatte in seinem Denken neben seinem holistischen Ansatz einen Ansatz, der im Laufe der Zeit von den Experten gerne mit "originell" beschrieben wurde. Damit ist die Lasker charakterisierende Eigenschaft gemeint, quasi aus sich selbst heraus zu denken und auf dieser Basis zu seinen Schlußfolgerungen und Gedankengebäuden zu gelangen. Gerade diese Denkweise war für Lasker wohl geradezu notwendig, um auf so vielen geistigen Disziplinen zu dem Olymp der geistigen Koriphäen auf ihren jeweiligen Fachgebieten aufzuschließen. Denn eine eher traditionelle Denkweise, d. h. sich erst mit den Schriften der jeweiligen Autoritäten auf dem jeweiligen Gebiete, aber auch mit der Geschichte dieser Disziplinen vertraut zu machen, hätte einen Arbeitsumfang erforderlich gemacht, der das Machbare eines einzelnen Menschenlebens überschreitet. Was Ende des 18. Jahrhunderts, d. h. in der Entstehungszeit von Goethes Faust, schon phänomenal war, nämlich zu erkennen, was "die Welt in ihrem Innersten zusammen hält", wäre bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, zumindest nach der Vorgehensweise Doktor Faustens. Dieser Gelehrte hatte sich Ende des 18. Jahrhunderts immerhin noch auf traditionelle Art und Weise mit den geistigen Disziplinen auf der Welt vertraut gemacht (ohne allerdings die von ihm angestrebte Weltformel zu erkennen, was schließlich zu dessen berühmter Tragik führte). So heißt es bei Faust 1 gleich zu Beginn des berühmten Werkes:

    Habe nun, ach! Philosophie,
    Juristerei und Medizin,
    Und leider auch Theologie
    Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
    Anfang des 20. Jahrhunderts, mitten in der technologischen und wissenschaftlichen Revolution, waren die Fächer an den Universitäten bereits von ihrer Anzahl her stark gestiegen, und jedes einzelne Fach besaß bereits einen Umfang, der ein Vielfaches ausmachte im Vergleich zu den Fächern in den Universitäten zu Zeiten Goethes. Diese originelle Denkweise war dadurch Laskers große Stärke, für die er schon von den Zeitgenossen bewundert wurde. So rühmte Milan Vidmar in seinen Erinnerungen:

    Da war vor allem der alte E. Lasker, der Mann, der unglaubliche Turniererfolge durch lange Jahrzehnte gesammelt hat, der unglaubliche Spieler, bei dem man nie wußte, woran man eigentlich ist. Man konnte z. B. von seinem großen Rivalen, S. Tarrasch, sehr viel lernen, weil er ein ganzes System der Mittelspielführung aufgebaut hat. Von Lasker konnte man nie etwas lernen. Der Grund ist sehr einfach: man kann Einfälle nicht lernen und erlernen, und Laskers Spiel war so voll von Einfällen, so voll von waghalsigen Unternehmungen, denen man es ansah, daß sie mit der eigenen überlegenen Kraft rechnen, daß noch bis heute kaum irgend jemand seine großen Partien übertroffen hat. [...]
    Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, 1960, Gruyter&Co, S. 1-3

    Diese originelle Denkweise konnte sich aber auch als Schwäche erweisen, was Laskers Freund und Namensvetter Eduard Lasker bei dem langjährigen Weltmeister beobachtet hatte. Seine Analyse zu den Schwächen Laskers, die auch auf sein Schachspiel abfärbten, war durchaus gründlich und stimmig. In diesem Zusammenhang beschrieb Eduard Lasker Emanuel Laskers Methodik anhand dessen Werkes "Das Begreifen der Welt", das Lasker nach einem langen Ideentausch mit dem weltberühmten Philosophen Ernst Cassirer entwickelt hatte:

    Ermutigt durch Cassirer, der von Laskers originellen Ideen beeindruckt war, verfolgte letzterer seinen Plan mit ungeheurer Energie fünf Jahre lang, wobei er seine Arbeit nur für kurze Perioden unterbrach, um seine Weltmeisterschafts-Zweikämpfe* mit Tarrasch und Schlechter zu absolvieren. Im Jahr 1913 erschien sein Buch mit dem ehrgeizigen Titel: Das Begreifen der Welt. Ich sah tatsächlich Laskers Haar grau werden, während er an diesem Buch arbeitete. Es fiel ihm niemals ein, dass die Lösung des Problems der Kausalität und des freien Willens, die die Philosophen von zwei Jahrtausenden herausgefordert hatte, vielleicht eine Aufgabe war, die die Fähigkeiten des menschlichen Geistes überstieg. Er verfolgte diese Idee, bis er dachte, dass er den mathematischen Beweis dafür erbracht hätte, dass der Wille frei sei.
    Vielleicht war das schließlich wenig enthusiastische Urteil Ernst Cassirers, der Laskers Werk schließlich gelesen hatte, für den selbstbewußten Schachweltmeister eine Ernüchterung. Aber tatsächlich erkannte der Philosoph Laskers Schwäche, Eduard Lasker mitteilend, sehr genau:

    Ernst Cassirer gab, als er Laskers Buch mit mir diskutierte,* einen Kommentar zu Laskers Methode bei philosophischen Problemen, die für Schachspieler von Interesse sein dürften, die mit Laskers Partien vertraut sind. Er sagte, dass Lasker einige bemerkenswerte originelle Gedanken zum Gegenstand vorgelegt habe, aber er habe eine gewisse naive Art, allgemeinbekannte alte Ideen zusammen mit seinen neuen Ideen zu erklären, ohne zwischen ihnen zu unterscheiden, offensichtlich aufgrund der Tatsache, dass er nicht vertraut war mit der enormen philosophischen Literatur der Vergangenheit. Lasker dachte in seinem ursprünglichen Denken von den Ursprüngen an, und er wusste nicht, wieviel von dem, was er herausfand, von anderen vor ihm bereits entdeckt worden war.
    ebd.

    Auch bei einer anderen Größe seiner Zeit, bei niemand geringerem als Albert Einstein, für viele auch heute noch das größte Genie der Menschheitsgeschichte, stieß Lasker nicht nur auf Bewunderung. Das war übrigens auch kein Wunder, denn schließlich hatte Lasker Einsteins Relativitätstheorie, auf die Einstein viele lange Jahre hingearbeitet hatte, in einer Art, die manche vielleicht als unverfroren ansehen mögen, nonchalant zurückgewiesen. In einem Einsteins Relativitätstheorie betreffenden Blog heißt es dazu lakonisch:

    Lasker schreibt gegen den (S. 5) „holden Wahn, durch den Geist die Welt beherrschen zu können. Dies nicht eingestandene, aber heimlich ersehnte Ziel wird von den einen verfolgt mit Hilfsmitteln der mathematischen Physik, von anderen durch den Tiefsinn der Logik, von anderen durch Intuition, von anderen durch Gewebe romantischer Phantasie, das sie Erfahrung taufen.“
    S. 20-33: Fundamentale Kritik der Relativitätstheorien. Reagiert verstört auf die Methoden der Relativistik.
    (S.22): „Manchmal ist es schwierig, keine Satire zu schreiben. Wie soll man mit Leuten verhandeln, die von vornherein alle Autorität für sich und einige sehr wenige in Anspruch nehmen? Wie soll man anders wie satirisch mit solchen Gegnern argumentieren, wenn sie dazu noch eine sehr eigentümliche Auffassung von Vernunft und von den Grund-Erfordernissen eines wissenschaftlichen Streits haben?“
    Fazit (S. 27): „ Die Relativitäts-Theorie als Ganzes, als ein System der Erklärung der Wirklichkeit, ist irrig sowohl in ihren Methoden wie in ihren Ergebnissen.“
    *
    Beitrag von*Emanuel Lasker in Hundert Autoren gegen Einstein, 1931, S. 20.
    Antinomie der Relativitätstheorie:*
    Einsteins Deduktion übersieht, daß die Erfahrung über leeren Raum nichts ausmachen kann. Indem er für c den empirischen Wert von etwa 300 000 km pro Sekunde einsetzt und so argumentiert, als ob die Leere des astronomischen Raumes unbezweifelbar sei, gelangt er zu einer Antinomie. In Wirklichkeit muß lim c = ? sein, wie ich schon 1919 dargelegt habe, und damit ist die Antinomie gelöst. Die Methode der Deduktion Einsteins ist durchaus unschlüssig und die Methode des Disputs, die er befolgt, ist unsachlich.
    Dieser kühne Angriff Laskers auf die Grundlagen der Einsteinschen Theorie, die immerhin das absolute Weltbild Newtons durch ein relatives Weltbild erschütterte, ist von den führenden Physikern der Welt niemals aufgegriffen worden. Vielleicht hielten diese es für unter ihrer Würde, sich mit einer Persönlichkeit zu streiten, die sich mit der Physik nicht hauptberuflich, sondern eher en passant beschäftigte. Trotzdem schätzte Einstein Laskers originelle und unabhängige Denkweise sehr, Lasker war für ihn "einer der stärksten Geister, denen ich auf meinem Lebenswege begegnet bin", und in seinen Nachruf auf Hannaks berühmter Laskerbiographie begründete Einstein, warum er auf den Angriff seines Freundes auf seine physikalischen Grundlage niemals eingegangen ist:

    Nun muss ich mich auch noch rechtfertigen, weil ich auf Emanuel Laskers kritischen Aufsatz über die (spezielle) Relativitätstheorie weder schriftlich noch in den Gesprächen näher eingegangen bin. Ich muss nun aber wohl etwas darüber sagen, da selbst in dieser auf das rein Menschliche eingestellten Biographie an einer Stelle etwas wie ein leichter Vorwurf hindurchklingt, wo von diesem Aufsatz die Rede ist. Laskers scharfer analytischer Geist hatte sofort klar erkannt, dass der Angelpunkt der ganzen Frage in der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit (im leeren Raume) liegt. Er sah klar, dass, wenn man diese Konstanz anerkannte, man der Relativierung der Zeit (die ihm gar nicht sympathisch war) nicht entrinnen konnte. Also was tun? Er versuchte es wie der von den Geschichtsschreibern „der Große“ getaufte Alexander, als er den Gordischen Knoten durchhieb. Laskers Lösungsversuch entspricht folgender Idee: „Niemand hat eine unmittelbare Kenntnis davon, wie rasch sich Licht im völlig leeren Raum ausbreitet; denn selbst im interstellaren Raume ist selbst noch eine - wenn auch minimale - Quantität Materie allenthalben vorhanden, und erst recht in den Räumen, welche der Mensch, so gut er eben kann, leer gepumpt hat. Wer hat also das Recht zu bestreiten, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit im wirklich leeren Raum unendlich groß sei? Die Antwort hierauf kann z.B. so gegeben werden: „Es ist zwar richtig, dass niemand aus unmittelbarer experimenteller Kenntnis weiß, wie sich Licht im völlig leeren Raum ausbreitet; aber es dürfte so gut wie unmöglich sein, eine vernünftige Theorie des Lichtes zu ersinnen, gemäß welcher minimale Spuren von Materie einen zwar bedeutenden, aber von der Dichte dieser Materie nahezu unabhängigen Einfluss auf die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Lichtes haben.“ Bevor eine solche Theorie aufgestellt ist, die zudem mit den bekannten Phänomenen der Optik im fast leeren Raume im Einklang steht, scheint daher für jeden Physiker der erwähnte Gordische Knoten weiterhin seiner Lösung zu harren - wenn er sich mit der gegenwärtigen Lösung nicht zufrieden geben will. Moral: starker Geist kann zarte Finger nicht ersetzen. Mir aber gefiel Laskers unbeirrbare Selbständigkeit, eine so seltene Qualität in einer Menschheit, in der fast alle, auch die Intelligenten, zur Klasse der Mitläufer gehören; und so ließ ich es dabei bewenden.
    Für Albert Einstein, der dem Schachspiel wenig abgewinnen konnte, hatte das Leben Laskers ob seines faustischen Strebens eine tragische Note. Denn Einstein sah in Lasker eine der wenigen nach dem großen Ganzen strebenden Geistesgrößen, die es in der Weltgeschichte gegeben hatte. Lasker sei aber durch das Schachspiel nicht in der Lage gewesen, zu diesen bekannten Geistesgrößen wie Newton, Leibniz oder Spinoza aufzuschließen, weil sein Denken durch das Schachspiel nicht gefördert, sondern eingeengt worden war:

    Für mich hatte diese Persönlichkeit, trotz ihrer im Grunde lebensbejahenden Einstellung, eine tragische Note. Die ungeheure geistige Spannkraft, ohne welche keiner ein Schachspieler sein kann, war so mit dem Schachspiel verwoben, dass er den Geist dieses Spieles nie ganz loswerden konnte, auch wenn er sich mit philosophischen und menschlichen Problemen beschäftigte. Dabei schien es mir, dass das Schach für ihn mehr Beruf als eigentliches Ziel seines Lebens war. Sein eigentliches Sehnen schien auf das wissenschaftliche Begreifen und auf jene Schönheit gerichtet, die den logischen Schöpfungen eigen ist; eine Schönheit, deren Zauberkreis keiner entrinnen kann, dem sie einmal irgendwo aufgegangen ist. Spinozas materielle Existenz und Unabhängigkeit war auf das Schleifen von Linsen begründet; entsprechend war die Rolle des Schachspieles in Laskers Leben. Spinoza aber war das bessere Los beschieden, denn sein Geschäft ließ den Geist frei und unbeschwert, während das Schachspielen eines Meisters diesen in seinen Banden hält, den Geist fesselt und in gewisser Weise formt, so dass die innere Freiheit und Unbefangenheit auch des Stärksten darunter leiden muss. Dies fühlte ich in unseren Gesprächen und beim Lesen seiner philosophischen Bücher immer durch. Von diesen Büchern war es „Die Philosophie des Unvollendbaren“, die mich am meisten interessierte; dies Buch ist nicht nur sehr originell, sondern gibt auch einen tiefen Einblick in Laskers ganze Persönlichkeit.
    ebd.

    So konnten etwa Persönlichkeiten wie Newton, Leibniz oder Spinoza das große Ganze nicht nur schauen, sondern auch wesentlich beeinflussen, während der Nachwelt Lasker "nur" als Schachspieler wirklich bekannt geworden ist, der dort aber einen nachhaltigen Eindruck auf die Schachgeschichte hinterlassen hatte. Die Figur des von ihm entwickelten Macheiden steht symbolisch für Laskers schachlichen Einfluß. Der Schachkritiker Reinhard Munzert sieht Emanuel Lasker von seiner Bedeutung her sogar als Albert Einstein des Schachspiels, was er wie folgt begründete:

    Spielmann nannte Steinitz den Newton des Schachspiels (weil jener allgemeine Schachprinzipien aufstellte). Wenn ich diesen Vergleich aufgreifen darf, könnte man Lasker als den Einstein des Schachs bezeichnen. Er erkannte, daß im Schach vieles relativ ist - vor allem zum Gegner. Die Relativität Einsteins ersetzte die (absolute) Theorie Newtons nicht, sondern ergänzte sie. Einstein erkannte, daß Raum, Zeit und Bewegung keine absoluten, sondern relativen Größen sind (abhängig vom Beobachter und Zeitpunkt des Beobachtens). Viele Phänomene des Kosmos lassen sich aufgrund der Newtonschen Gravitationsgesetze dennoch gut beschreiben, erklären und voraussagen, wie die Umlaufbahn der Planeten und Sonnenfinsternisse. Andere Vorgänge wiederum können mit der Relativitätstheorie am besten verstanden werden (z. B. die Ablenkung des Lichts durch Materie. Beide Denkansätze (der absolute und der relativistische) haben ihre Gültigkeit und schließen sich nicht gegenseitig aus. In der modernen Physik wird eine Vereinigung der wesentlichen Konzeptionen und Ansätze angestrebt [...] für die Psychologie versuchte der Verfasser etwas Ähnliches [...] Wie in der Physik können auch im Schach allgemeine Prinzipien (z. B. über die Beherrschung des Zentrums, die Bedeutung des Läuferpaares) und relativistische Denkweisen nebeneinander bestehen und sich ergänzen. Sie sind kompatibel und komplementär. Üblicherweise wird während einer Partie sowohl die annähernd objektive als auch die relativistische Betrachtung und Beurteilung relevant: hier herrscht kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch! [...] Ähnlich wie Einstein revolutionierte Lasker die Grundlagen seines Fachgebietes, oder besser gesagt, er beschleunigte die Evolution des Schachs
    Edmund Bruns, Das Schachspiel als Phänomen der Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, LIT-Verlag 2003, S. 56f.

    Die Schachtheorie hatte seit den Theorien von Steinitz einen ungeheuren Schub erhalten. Mit ihrem Einstieg in das Zeitalter der Wissenschaften war die Schachtheorie eine Bühne großer fundamentaler Meinungskämpfe zwischen den Modernen und den Hypermodernen, den Wissenschaftlern und den Romantikern, den Dynamikern und den Statikern und den Angreifern und den Technikern. In diesen Kämpfen reihte sich wunderbar der Kampf zwischen den, wie es in der Sowjetischen Schachschule gerne genannt wurde, Spielern und Forschern ein, was im Grunde genommen einen Kampf zwischen Pragmatikern und Analytikern meint. In diesem Zusammenhang war Lasker der erste Spieler gewesen, der die Persönlichkeit des Gegners in seine Überlegungen miteinbezog und aus dem Monolog des Spielers, wie es einmal Bruns formulierte, einen Dialog herstellte.

    In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß die Entwicklung des Schachs nicht nur dialektisch durch diese Konfliktlinien fortgeschritten wird, sondern auch durch eine Antithese gegenüber der Denkweise selbst, die zu solchen Konfliktlinien überhaupt geführt hatte. Munzert hatte beschrieben, wie in der modernen Physik das postmoderne "Sowohl-Als-Auch" das moderne "Entweder-Oder" ersetzt hat, was, auf die moderne Physik bezogen, das Lagerdenken pro Newton und anti Einstein oder pro Einstein und anti Newton überwunden hatte und beide Theoretiker in ihr Weltbild integrierte und sich je nach gegebenem Bedarf ihrer Methoden bediente. Als Spiegelbild der geistig-kulturellen Entwicklungen hat das Schachspiel diese, von dem großen Schachlehrer Alexei Suetin bereits in den 80er Jahren entdeckte Konvergenz-Entwicklung, die für die heutigen Wissenschaften selbstverständlich geworden sind, längst überschritten. Das alles hat zwar nicht zu einem Ende der Widersprüche und damit zu einem "Ende der Geschichte" (Fukuyama) geführt. Die ausgetragenen Konflikte sind lediglich feiner geworden, weniger fundamental und weniger weltanschaulich.

    Vielleicht ist es tatsächlich eine gewisse Tragik Laskers, auf anderen geistigen Disziplinen nicht eine ähnlich beeinflussende Rolle gespielt zu haben wie im Schach, wo Reuben Fine ihn als "Supermann des Schachspiels" rühmte. Ich denke, daß die Beurteilung in dieser Frage nicht einfach ist. Um hier zu einem Urteil zu gelangen, sollten die Spannungsfelder zwischen den Potentialen Laskers einzigartiger Persönlichkeit und dem Menschenmöglichen in einer immer komplexer gewordenen Welt sehr gut bewogen werden. Als Schachspieler empfinden wir angesichts Laskers Wirken eher Dankbarkeit als Gefühle der Tragik, doch sollte auf der anderen Seite nicht übersehen werden, daß Lasker sich bewußt nicht ausschließlich als Schachspieler sehen wollte. Seine Ambitionen gingen weit über das Schachspiel hinaus, und vielleicht ist es eine der gewaltigsten Leistungen dieses trotzdem so ambivalenten Mannes, quasi en passant 27 Jahre lang den Weltmeistertitel im Schach behauptet zu haben, während Schachmeister wie Rubinstein, Aljechin oder Fischer dem Schachspiele alles opferten.
    Alles wartet auf das Licht
    Oh, ihr Menschen, fürchtet euch nicht

  2. #2
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    AW: Zur Freundschaft Einsteins und Laskers und zur "Tragik" des letzteren

    Danke für diesen hochkarätigen Essay "Die Freundschaft Einsteins und Laskers und zur 'Tragik' des Letzteren".Besonders aus philosophisch-psychologischen Blickwinkel habe ich diesen mit viel Interesse gelesen. Aber die Facetten sind noch viel reichhaltiger - die Verknüpfungen von Wissenschaft, Schachgeschichte und Literatur sind sehr interessant und gelungen, da nachvollziehbar und verständlich.

    Auch wenn ich die Relativitätstheorie wohl nie so ganz verstehen werde und auch der Faust nicht unbedingt zu meiner Lieblingslektüre zählt – ein bißchen habe ich selbst darüber noch dazu gelernt.
    Sehr spannend auch die Einsicht, wie das Entweder-Oder und das Sowohl-als-auch einander nicht ausschließen, sondern einander bedingen, vielleicht sogar einander brauchen. Im Schach wie auch im Leben.

    Ein aus meiner Sicht sehr anspruchsvoller und sehr gelungener Artikel. Sehr lehrreich, aber nie belehrend. Danke dafür. Ein überaus spannender Gang und Einblick in die (Schach-)Geschichte, bis hin zu den Verbindungen zur Gegenwart.

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