Wir befinden uns in der Zeit, als die Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt hatten und zehntausende von zumeist Frauen verbrannt, ertränkt oder enthauptet wurden, weil sie bezichtigt wurden, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Die neue Radikalität in dieser Frage war eine Folge der aufkommenden Moderne, in der sich immer schneller die politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Ereignisse einem Wandel unterzogen. Markierungspunkte für den das träge Mittelalter ablösenden beschleunigten Zeitgeist sind die Erfindung des Buchdrucks, die Entdeckung Amerikas und die damit verbundene Kolonialisierung dieses Kontinents, die Reformation und die damit verbundenen Religionskriege, die Bedrohung durch die Osmanen, die 1529 mit 150.000 Soldaten bereits vor Wien standen, und die Kriege der damals mächtigsten Nationen Europas im Zeitalter des Kolonialismus. Die Auflösung des mittelalterlichen Trägheitsmoments durch die Aufbruchsstimmung in der frühen Neuzeit spiegelte sich auch im Schach durch die Reformen der Regeln wieder, durch die das Schach massiv an Geschwindigkeit und Dynamik dazugewann. Das 16. Jahrhundert als erstes Jahrhundert, in dem europaweit nach den neuen Regeln gespielt wurde, auch wenn die Übernahme der neuen Regeln beileibe nicht problemlos vonstatten ging, waren damit die Kindheit eines nun völlig neuen Spiels, und die Entdecker- und Experimentierfreude, das Lebensgefühl jenes ersten nachmittelalterlichen Jahrhunderts, konnte sich auf dem Schachbrett entfalten.

In diesem Thread soll der Frage nachgegangen werden, wie es 1575 in Madrid zu dem ersten internationalen Schachturnier nach den neuen Regeln gekommen ist, aber auch sollen die damaligen Schachgrößen und die Hintergründe dieser nach den Fesseln des Mittelalters so überschäumenden Schachkultur ihrer Bedeutung angemessen gewürdigt werden. Mit der Ballade Scachs d´Amor hatten zeitgenössische Künstler bereits vor der Wende zum 16. Jahrhundert die Tür zum modernen Schach weit aufgestoßen, und danach ging alles ganz schnell.

Wenn man dem namhaften Schachhistoriker Antonius van der Linde folgt, dann erlebte das Schach im 16. Jahrhundert eine Blütezeit, die es aufgrund politisch-kulturellem und damit auch schachlichem Zerfalls in Italien und Spanien viele Jahrzehnte danach nicht mehr erreichen konnte. In der Tat waren das Italien und das Spanien in der Blütezeit der Renaissance die tonangebenden Schachmächte. Linde schreibt in seinem Werk Das Schachspiel des XVI. Jahrhunderts von 1873, daß der in Italien und Spanien "gehegte gesunde Schachgeist sich nicht über Europa verbreitete". Der große Spanier Ruy Lopez, der heute als erster Schachtheoretiker gilt, weil er der in manchen Ländern nach ihm benannten Spanischen Partie einer ernsthafte Analyse unterzog und nach Damiano als zweiter bekannter Schachspieler wichtige Positionsregeln herausarbeitete, war noch am Leben und galt als der stärkste Schachspieler der Welt, was die beiden Italiener Paolo Boi und Leonardo da Cutri dazu motivierte, nach Spanien zu reisen, um Ruy Lopez herauszufordern.

Vielleicht gehört diese Schachreise zu den aufregendsten Abenteuergeschichten, welche die Schachwelt bis heute zu bieten hat. Denn eine Reise durch das politisch aufgewühlte Zeitalter der Renaissance, wo es auf den wenig wirtlichen Wegen Räuber, Outlaws und andere Wegelagerer gab, und wilde Tiere noch in den Wäldern hausten, war alles andere als eine Urlaubsreise mit dem heute bekannten Komfort. Tatsächlich aber scheint bei der Rezeption dieser Schach-Wanderungen der beiden Italiener vieles übertrieben oder gar erfunden dargestellt worden zu sein. Die Quellenlage ist auffällig spärlich, und der italienische Meisterspieler Alessandro Salvio, welcher die Geschichten seiner "großen Vorgänger" Boi und Cutri, die er "Licht und Glanz des Schachspiels" nennt, in seinem 1634 erschienenem Werk Il Puttino (Spitzname von Leonardo da Cutri = der Kleine) in die Welt gesetzt hatte, aber schon 30 Jahre zuvor über Boi und Cutri berichtete, gilt als äußerst zweifelhaft; es war auch weniger ein Geschichtswerk als vielmehr ein "Schachroman" (Linde) und damit in seinen Szenen bewußt romanhaft. Linde gibt zwar die Geschichten von Salvio wieder, kommt aber zu dem begründeten Urteil:

Salvio´s Kartenhaus stürzt also vor der leisesten Berührung der Kritik zusammen. Er schrieb augenscheinlich (und zwar in schlechtem Stil) eine romantische Tendenzschrift, er wollte Leonardo sogar auf Kosten des Paolo, des älteren und mehr berühmten Sizilianers verherrlichen. Carrera´s Geschichte des Paolo Boi lag ihm vor, und er verwerthet jeden Zug darin auch für seinen Helden; ich darf es aber dem Leser überlassen, selbst diesen Parallelismus herauszufinden. Der Kern der erzählten Abenteuer bleibt aber immerhin geschichtlich: Paolo Boi aus Syracus und Giovanni Leonardo da Cutri haben in der That mit dem Spanier Ruy Lopez und den anderen spanischen Meistern (auch wol am Hofe Philipps II. und Don Sebastian´s) in der Periode 1562 - 1575 Schach gespielt. Der nach Salvio´s Angaben unbestimmten Angaben ausgerechnete internationale Schachcongress zu Madrid 1574-1577 ist blos eine ungeschichtliche Fiction, die internationalen Schachturniere aber sind Thatsache. (Es bleibt natürlich Jedem unbenommen, auch die märchenhafte, sich selbst fortlaufend widerlegende Einkleidung des Salvio anzunehmen: ich selbst glaube kein Worth davon.)
Gemäß den Angaben Salvios 1634 (Linde, S. 80ff.) in seinem "Schachroman" Il Puttino kam Ruy Lopez 1560 nach Rom, "um die päpstliche Bestätigung eines Beneficiums, das der ´gute König´ Phillip II. ihm geschenkt hatte, nachzusuchen". Dort "spielt er jeden Tag" Schach, schlägt alle namhaften römischen Schachspieler, die aber die "Überlegenheit des Puttino" erwähnen. Ruy Lopez sucht den 18jährigen Il Puttino auf, "sie spielten viele schönen Partien ohne Vorgabe", und "allein Leonardos Jugend mußte vor der größeren Geübtheit des spanischen Meisters die Waffen strecken". Angespornt durch diese Niederlage ging Leonardo da Cutri nach Neapel, um sich dort ausschließlich dem Schach zu widmen, damit er anschließend dafür gewappnet ist, Revanche am spanischen Meister zu nehmen. Durch seine zahlreichen Siege in Neapel erfährt der 16 Jahre ältere Paolo Boi, genannt nach seiner Heimatstadt "der Syracuser", von dem immer stärker werdenden Ruf seines Landsmanns, und so macht sich Boi nach Neapel auf, um Leonardo da Cutri zu fordern. Ohne alle romanhaften Wendungen des Aufeinandertreffens Bois und Cutris wiederzugeben, so spielen die beiden zahlreiche Schachpartien und erweisen sich ungefähr als gleichstarke Spieler. Wie Salvio beschrieb, zeigte Leonardo da Cutri "tiefes Spielverständnis", dafür erteilte Paolo Boi seine Schläge rascher. Leonardo da Cutri wollte nun nach Madrid reisen, um seine Scharte gegen Ruy Lopez auszuwetzen, aber vorher noch seiner kalabrisischen Heimatstadt Cutro einen Besuch abstatten. In Cutro erfährt er davon, daß türkische Seeräuber seinen jüngeren Bruder entführt hatten. Er löst diesen ein und macht sich dann nach Madrid auf. In Genua macht er Bekanntschaft mit einem "reichen Edelmann", der sich zwar nicht für das Schach interessiert, wohl aber dessen Tochter, in die er sich verliebt und mit ihr eine heimliche Verlobung schloß. Weiter freundet er sich mit Schachspielern an, die sich ihm anschließen, und gemeinsam gewinnen sie in Partien gegen Fremde viel Geld, indem sie nach immer demselben Muster vorgehen: Sie zeigen sich anfangs als eher schwache Schachspieler, sobald aber um Geld gespielt wurde, zeigen sie mehr von ihrem Können, aber immer nur so, daß sie sich als nur unwesentlich besser als die Gegner erweisen, so daß diese immer mehr Spiele gegen die Spieler spielen und folglich immer mehr Geld verlieren. Salvio schreibt, daß das "Triumvirat" allein aus einer Nacht einen Gewinn von 700 Scudi (Scudi sind vergleichbar mit den deutschen Talern) herausschlagen konnte. Denselben Schabernack treiben sie schließlich mit dem spanischen Meister höchstpersönlich, denn auch Ruy Lopez gegenüber geben sie sich erst einmal nicht zu erkennen, spielen am Anfang absichtlich schwach, um dann immer mehr zuzulegen und den verwunderten Lopez schließlich mitsamt dessen Landsmann Alfonso Peron eindeutig zu besiegen. Die Kunde dringt zu König Philipp II., der schließlich das in die Annalen der Geschichte als "erstes internationale Schachturnier", zumindest nach den neuen Regeln, eingegangene Aufeinandertreffen von Leonardo da Cutri, Paolo Boi, Alfonso Ceron und Ruy Lopez an seinem Hof in Madrid organisiert, wo Cutri ebenfalls absichtlich die ersten beiden Partien gegen Lopez verliert, nur um dann nachher umso vernichtender zuschlagen zu können. Schließlich erhält der Sieger des Turniers, Leonardo da Cutri, vom König tausend Goldstücke, einen königlichen Hermelinmantel, einen reich mit Edelsteinen verzierten Salamander, und er darf wie in der Weizenkornlegende einen Wunsch aussprechen, wonach seine Heimatstadt Cutro 20 Jahre von allen Steuerpflichten gegenüber dem König befreit wird. Danach geht es in demselben Stil weiter, die beiden Italiener erleben noch viele Abenteuer, aber das soll uns vorerst nicht interessieren, weil es zum einen genauso unglaubwürdig ist und zum anderen das auf das Turnier in Madrid begrenzte Threadthema überschreitet bzw. nichts zu dessen Relevanz beiträgt. Für die Legende erwähnen möchte ich freilich noch, daß beide italienischen Meisterspieler am Ende ihres Lebens vergiftet worden seien, und zwar ihres Geldes wegen. Durch das Schach haben beide es tatsächlich zu einem Vermögen gebracht. Gemessen an dem Durchschnittseinkommen in der damaligen Zeit sollen beide steinreich gewesen seien. Paolo Boi soll laut Wikipedia allein 30.000 Scudi im Jahr verdient haben. Boi wurde immerhin 70 Jahre alt, Leonardo da Cutri starb mit 45 Jahren wesentlich früher.

So fragwürdig die Quelle von Alessandro Salvio auch sein mag, die Abenteuergeschichten um die stärksten Schachspieler weisen doch immerhin den Weg in die Erkenntnis, welch frohes Geschäft das Schachleben in der damaligen Zeit gewesen ist. "Das Leben ist eine Partie Schach", befand der Zeitgenosse Miguel Hervantes poetisch, und die Schachspieler der damaligen Zeit zeigten sowohl auf dem Schachbrett als auch in ihrem Lebensstil, um wieviel froher, aufregender und abenteuerlicher das Leben nach der Abstreifung des Mittelalters geworden war, was sowohl zum Guten wie auch zum Schlechten hin führte, denn die neuen Freiheiten brachten durchaus auch neue Gefahren mit sich, denen sich die Zeitgenossen damals aussetzten. Aber wo keine Gefahr, da auch kein Abenteuer, und insofern waren die besten Schachspieler der Welt hervorragende Verkörperungen des damaligen Zeitgeistes. Der Schachhistoriker Harold C. Schonberg zeigte in seinem Werk Die Großmeister des Schach auf, warum die damaligen Spitzenspieler soviel Geld mit ihrem Spiel erwerben konnten, aber auch welchen Zauber sie auf ihre Zeitgenossen ausübten:

Hochklassiges Schachspiel setzt gewisse geistige Fähigkeiten voraus - welche genau, das haben die Psychologen allerdings noch nicht herausgefunden - [nach 1974 sind die Psychologen in der Frage wesentlich weiter, Anm. Kiffing] und die Großmeister aller Zeiten, seit ar-Razis Sieg über al-Adli, konnten intellektuelle Höchstleistungen vollbringen, die dem Stümperer an Zauberei zu grenzen schienen. Bald stellte sich heraus, daß Zuschauer bereit waren, Geld zu bezahlen, um diesen intellektuellen Wundermännern bei ihren Kunststücken zuzusehen, daß man also vom Schachspielen leben konnte. So tauchten im 16. Jahrhundert die ersten Berufsspieler auf, anfangs in Italien und Spanien, später auf dem ganzen Kontinent. Lucena, Lopez, Damiano, Gioacchino Greco, Paolo Boi, Giovanni Leonardo da Cutri, Guilio Polerio, Carrera und Alessandro Salvio gehörten zu den Berühmtheiten des 16. und 17. Jahrhunderts [...]
Diese Meister bildeten eine kleine, internationale Elite. Sie schrieben Bücher, reisten umher, gaben Vorstellungen und spielten um hohe Einsätze.
Harold C. Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 10f.

Schachhistorisch wurden im 16. Jahrhundert also die Weichen gestellt, und es scheint interessant, daß viele dieser Errungenschaften wie das sichere Verdienst eines Schachmeisters oder das Absolvieren von Turnieren über Jahrhunderte lang nicht gegeben war, selbst als sich später durch die Kaffeehauskultur, die sich bilden konnte, als die neuen Kolonien das Luxusgut Kaffee boten, welches dadurch nach Europa kam, das Bürgertum sich das Schach erschließen konnte. Auch das Blindspiel beherrschten die Italiener bereits vortrefflich, und es ist interessant, daß mit Polerio bereits ein Sekundant seine beiden Landsleute in Madrid 1575 unterstützt hatte. Chesstigers schreibt in diesem Zusammenhang, nachdem Leonardo da Cutri in Madrid 1575 die ersten beiden Partien - sicherlich nicht absichtlich - verloren hatte:

Dann aber trug die profunde Beratung seines Trainers und Sekundanten, des großen Theoretikers Polerio Früchte: Leonardo gewann die nächsten drei Partien. Da auch Paolo Boi gegen Lopez und Seran gewann, war der italienische Triumph vollkommen.
Rein von der qualitativen Entwicklung des Schachs als Spiel hoben Helmut Pfleger und Gerd Treppner hervor, daß Ruy Lopez in seinem 1561 erschienenen Lehrbuch Die Erfindungsgabe und Spielkunst im Schach "immerhin Ansätze positionellen Denkens" gezeigt habe. Treppner und Pfleger:

Ruy Lopez hob den Wert der Mittelbauern hervor und postulierte, daß man sie mit dem c- bzw. f-Bauer unterstützen sollte; mit letzterem jedoch nur, wenn das ohne fatale Schwächung der Königsstellung möglich ist. Auch Ideen, die im Spiel erst langfristig wirksam werden, wie die Entwicklung des Königs nach Damentausch, präsentierte er.
Pfleger/Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 10.

In dieser Hinsicht möchte ich darauf hinweisen, daß es für die positionellen Ideen Lopez´ bereits in Damiano de Odemiro einen Vorreiter gab. Zu Damiano, der in dieser frühen Periode des Schachspiels noch einmal eine Generation vor den beiden Italienern Boi und Cutri sowie Ruy Lopez gewirkt hatte, hatte bereits der portugiesische Schachspieler Mario Silva Araujo in einem Chessbase-Interview von 2009 zwei markante Positionsregeln von Damiano aus dessen Lehrbuch 1512 erwähnt. Er schreibt:

Der Portugiese hat strategische Prinzipien formuliert, die über die Jahrhunderte Bestand haben. Zwei Beispiele: "Führe niemals einen Zug aus, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben." Oder: "Wenn Deine Steine eine überlegene Position eingenommen haben, darfst Du das nicht durch den Raub eines unwichtigen Bauern auf's Spiel setzen."
Sogar eine der wichtigsten zeitlosen Positionsregeln, nämlich: "wenn nichts zu tun ist, entwickele die am schlechtesten stehende Figur" findet ihre Urheberschaft in dem portugiesischen Apotheker.

Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, daß Garri Kasparov in seiner Vorkämpfer-Reihe glatt das ganze 16. Jahrhundert unterschlägt und mit Gioacchino Greco beginnt ohne wiederum dessen italienische "Vorkämpfer", die durchaus im Geiste Grecos gespielt haben und mit ihren Siegen in der Italienischen Partie die theoretische Aufbauarbeit für Greco selbst geleistet haben, zu erwähnen. So beurteilt etwa Antonius van der Linde Gioacchino Greco wesentlich nüchterner als dies die meisten Schachspieler heute tun würden:

Als Schachspieler war Greco weniger ein schöpferisches Genie als ein reproducierendes, sich die vorhandenen Productionen Anderer schnell und selbständig aneignendes Talent. Die Zahl der zu seiner Zeit bekannten Spieleröffnungen hat er daher nicht, die Varianten in den gebräuchlichen Spielen dagegen mit vielen geistreichen Zügen bereichert.
Linde, S. 114f.

In der Tat hatte sich im 16. Jahrhundert eine Schachkultur auf eine so stürmische Weise gebildet, wie sie typisch war für die Neuzeit nach der langen Nacht des Mittelalters. Es war eine vergleichsweise kurze, aber heftige Zeit von Freude und Heldentum, von Jammern und Schaudern, die so lange währte, bis der 30jährige Krieg nicht nur ganz Europa entvölkerte, sondern auch diese Schachkultur unter sich begrub, die sich lange nicht mehr von diesem so furchtbaren Schlage erholen konnte.