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Thema: Der Weltmeister in Topform - Paris 1900

  1. #1
    Administrator Avatar von Kiffing
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    Der Weltmeister in Topform - Paris 1900



    Als sich die Schachwelt nach 276 Jahren 1851 in London die Turniere zurückholte (davor wurden lediglich Zweikämpfe gespielt), wurde die Verknüpfung von Schachturnieren mit Weltausstellungen ein prägendes Element in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Paris sich mit der Weltausstellung 1900 und der gleichzeitigen Austragung eines bedeutenden Schachturniers, aber auch der zweiten Olympischen Spiele der Neuzeit gebührend von dem großen Jahrhundert der Industrialisierung verabschiedete, war es schon das siebte mit einer Weltausstellung verknüpfte Schachturnier. Schon die Schachturniere 1851 und 1862 jeweils in London, Paris 1867, Wien 1873, Philadelphia 1876 und 1878 abermals in Paris wurden allesamt im Rahmen der damaligen Weltausstellungen abgehalten.

    1900 war der Glaube an die industrielle und zunehmend wissenschaftliche Revolution, die der Menschheit den großen Fortschritt bringe, noch nicht wesentlich erschüttert. Das Zeitalter der Dampfschiffe, Eisenbahnen und Fabriken wurde ergänzt durch immer neue wissenschaftliche Verfahren, die eine beschleunigte Produktivität mit sich brachten und auch den Lebensstandard der Arbeiterklasse anhoben. Der Pauperismus, das Phänomen der frühen Industrialisierung, war spürbar zurückgegangen. In der Mitte der 80er Jahre hatten Carl Benz und Gottlieb Daimler unabhängig voneinander das Automobil erfunden, die Menschheit stand kurz davor, für die Luft ähnliche Maschinen zu entwickeln, der Traum vom Fliegen sollte bald Realität werden, und die Erfindung der Elektrizität kündigte im wahrsten Sinne des Wortes ein lichtes Zeitalter an.

    In diesem Zusammenhang war es kein Wunder, daß die Weltausstellung in Paris 1900, die das vergangene Jahrhundert verabschieden, aber auch in die Zukunft eines neuen Jahrhunderts weisen wollte, die Elektrizität gebührend in Szene setzte. Die ganze Stadt war illuminiert, und die rollenden Gehsteige, immerhin 3 Kilometer lang, und mit elektrischem Licht beleuchtet, waren eine absolute Neuerung und Attraktion, aber für die Bewohner auch eine gehörige Lärmbelästigung. Mit der ersten Linie der Pariser Metro wurde während der Weltausstellung ein völlig neuartiges Verkehrsmittel in Betrieb genommen. Das Pariser Riesenrad, das 1937 zur nächsten Weltausstellung demontiert worden ist, blieb mit seinen 100 Metern bis in die 80er Jahre hinein das größte Riesenrad der Welt und ermöglichte den Besuchern der Weltausstellung einen unvergessenen Blick über die Stadt der Zivilisation. Auch der noch in den Kinderschuhen befindliche Kinofilm konnte von den Veranstaltern rechtzeitig realisiert werden, den Besuchern der Ausstellung boten sich erste Einblicke in ein Informations- und Unterhaltungsmedium der Zukunft.

    Insofern war der Rahmen für die Schachmeister an Festlichkeit nicht zu überbieten und damit ein Ereignis der besonderen Art. Fast das ganze Jahr über, außer in den Wintermonaten, präsentierte sich Paris im Lichte der Weltausstellung, mit um die 50 Millionen Besuchern gab es so viele Besucher wie nie zuvor. Es paßte zur nationalen Aufbruchsstimmung, daß sich das Gastgeberland bei der zweiten Olympiade der Neuzeit den Sieg im Medaillenspiegel sichern konnte.

    Das Schachturnier anläßlich der Weltausstellung fand "in den prächtigen Räumen des Grand Cercle auf dem Boulevard Montmartre" (Die Säulen des Schachs - Paris, Verlag Chesscoach, 2012, S. 187) statt und sollte ursprünglich mit 20 Spielern stattfinden. Aufgrund einiger Absagen, darunter Siegbert Tarraschs, gab es am Ende siebzehn Spieler. Gespielt wurde mit einer Bedenkzeit von 2 Stunden für 30 Züge, und für die nächsten 15 Züge wurden jeweils eine Stunde draufgehangen. Preise gab es für die ersten neun Spieler, wobei für den Sieger 5.000 Frances ausgeschüttet wurde (ebd.). Bemerkenswert war die Remisrestriktion, die beim Turnier dergestalt angewandt wurde, daß bei einem Remis die Gegner ihre Partie bei vertauschten Farben wiederholen mußten. Erst wenn diese erneute Partie dann ebenfalls mit der Punkteteilung beendet wurde, stand das Remis als Resultat fest. Sonderlich beliebt schien diese Remisregelung bei den Spielern aber nicht gewesen zu sein. Ripperger, Wieteck und Ziegler machen das an der Niederlage Mieses´ gegen Pillsbury fest, dem das Remis im 1. Spiel damit nichts nutzte: "So stieß denn auch die Bestimmung, daß das erste Remis nicht gezählt wird, bei fast allen Spielern auf Ablehnung und die Bestimmung verschwand bald wieder von der Bildfläche" (Ripperger, Wieteck, Ziegler, S. 193f.). Favorisiert für das Turnier war Weltmeister Emanuel Lasker, doch die USA setzten auf ihre beiden jungen Asse Frank Marshall (22) und Harry Nelson Pillsbury (27).

    Vom schachlichen Standpunkt aus kann man die Bedeutung des Turniers an der Tatsache messen, daß von den 20 stärksten Spielern der Welt, die eingeladen worden sind, 17 Spieler davon dem Turnier die Ehre gaben. Es ist bekannt, daß Emanuel Lasker das Schach eher im Vorbeigehen praktizierte und viel Zeit und Kraft für andere geistige Schwerpunkte aufwendete. Um die Jahrhundertwende saß ihm sein alter Rivale Siegbert Tarrasch im Nacken, der 1898 das 36 (!) Runden umfassende Kaiser-Jubiläum-Turnier in Wien mit 27,5 Punkten punktgleich mit Harry N. Pillsbury gewann, den er im anschließenden Stichkampf bezwingen konnte, und damit seinen Anspruch auf eine Herausforderung an Lasker aufrechterhielt. Jedenfalls gab kurz darauf der Maulwurf der Schachwelt gleich zweimal die Ehre. In London 1899 siegte er mit 23,5/28 Punkten und 4,5 Punkten vor den Zweitplazierten, und in Paris 1900 plante Lasker, seinen Coup zu wiederholen, eher er wieder für Jahre untertauchen konnte, um seinen Doktor zu machen.

    Das Wiener Abendblatt war in Paris vertreten und gab seinen Lesern am Vorabend der Schachveranstaltung eine Vorstellung sämtlicher Turnierteilnehmer, wobei das Blatt sich besonders auf den zu erwarteten spannenden Zweikampf zwischen Lasker und Pillsbury konzentrierte:

    Unter den Meistern finden wir die von früheren Schachwettkämpfen her wohlbekannten Persönlichkeiten. Da ist zunächst Pillsbury, noch dünner, schmächtiger und länger als sonst. Das Reisen hat ihn etwas angegriffen. Er ist der richtige "Chess Traveller". In der abgelaufenen Saison hat er 119 Engagements absolviert und dabei 28.000 englische Meilen zurückgelegt. Diese respektable physische Leistung tritt aber doch zurück hinter sein unvergleichliches Blindspiel. In diesem hat er alle Leistungen Morphy´s, Blackburne´s, Zukertort´s weitaus überboten. Er spielte im Schach-Club zu Chikago 16, in New Orleans 17 und in Phildadelphia am 28. April gar 20 Partien gleichzeitig ohne Ansicht des Brettes, und bei der letzten Produktion gewann er in 7 Stunden 10 Minuten 14 Partien, machte fünf remis und verlor nur - eine einzige. Der Mann kann also 1280 Felder und 640 Steine nicht nur in den augenblicklichen Stellungen, sondern auch in den verschiedenen sonst denkbaren Möglichkeiten mit seinem inneren Auge überblicken, und da sollte man glauben, daß es dem Steinitz-Bezwinger und dermaligen Weltmeister Lasker, der sich nur auf 64 Felder und 32 Figuren beschränkt, einigermaßen schwer sein dürfte, gegen einen solchen Gegner aufzukommen. Wenn aber Pillsbury in Bezug auf Tiefe der Anschauungskraft keinen Rivalen hat, so ist der deutsche Meister seiner einfachen Spielweise sicher, denn die Züge Pillsbury´s führen doch öfter zu Verwicklungen, die sich bei der beschränkten Bedenkzeit nicht ausrechnen lassen, während Lasker´s Spiel sich gerade dadurch auszeichnet, daß er die einfachen, nüchternsten Züge wählt und daher die Konsequenz derselben genauer zu überblicken im Stande ist.
    Ripperger, Wieteck, Ziegler, S. 188

    Bemerkungen wie "einfache Spielweise" Laskers oder um die Unvereinbarkeit der Spielweise Pillsburys aufgrund der großzügig bemessenen Bedenkzeit zeigen zum einen, daß Laskers psychologische Spielweise 1900 noch nicht recht verstanden worden ist, aber auch das ewige Problem von allgemeinen Zeitungen, über Schachveranstaltungen zu berichten, wo den Redakteuren oftmals der genaue Einblick in die Welt des Schachs und ihre Spitzenspieler fehlt.

    Am Ende des Turniers sollte der Weltmeister tatsächlich gewinnen. Mit 14,5/16, aber einer Niederlage gegen Marshall, verwies er die beiden US-Hoffnungen Pillsbury (12,5) und Marshall (12) deutlich auf die niedrigeren Stufen der Siegertreppe. So hatte der weltmeisterliche Maulwurf seinen zweiten Turniersieg in Serie gefeiert und konnte sich nun wieder ganz auf seine Ambitionen neben den Schachfeldern konzentrieren. Helmut Pfleger und Gerd Treppner schreiben in diesem Zusammenhang, daß Lasker in London 1899 und Paris 1900 "Triumphe" gefeiert habe, "die auch Fischer oder Kasparov kaum hätten überbieten können" (Helmut Pfleger, Gerd Treppner, Brett vorm Kopf, Leben und Züge der Schachweltmeister, Beck´sche Reihe, München 1994, S. 88).

    Das Schachturnier 1900 in Paris untermauerte also die Autorität des Weltmeisters, der es so viele Jahre nicht für nötig befand, sich einem WM-Kampf zu stellen. Schonberg berichtet über die Gründe der insgesamt sieben Jahre langen Dürre, was WM-Kämpfe nach Paris 1900, angeht:

    Obwohl Lasker 27 Jahre lang Weltmeister blieb, verteidigte er seinen Titel nach dem Rückkampf gegen Steinitz 1896 nur sechsmal: 1907 gegen Marshall, 1908 gegen Tarrasch, 1909 und 1910 gegen Janowsky, 1910 gegen Schlechter und 1921 gegen Capablanca. Daß er den Titel so selten aufs Spiel setzte, wurde ihm in Schachkreisen bitter verübelt. Lasker, so schien es, ging systematisch der Gefahr einer Niederlage aus dem Wege. In der Tat pflegte er die Verhandlungen mit seinen Rivalen durch immer neue Forderungen zu erschweren. Bis 1903 wartete er, ehe er mit seinem kampfesdurstigen Herausforderer Frank Marshall überhaupt Verhandlungen aufnahm. Von da an schleppten sie sich endlos hin, und die Schachwelt schäumte. Der amerikanische Spieler und Schachjournalist William E. Napier machte sich im British Chess Magazine mit einigen bissigen Bemerkungen Luft: "Falls Dr. Lasker für den Rest seines Lebens darauf besteht, sich Zeit und Schauplatz einer Begegnung selbst auszusuchen, so läuft jeder rechtmäßige Herausforderer Gefahr, durch eine Laune des Weltmeisters disqualifiziert zu werden ... Dr. Lasker könnte den Wunsch verspüren, in einem Ballon zu spielen, oder tief unten im Schacht einer Kohlengrube, oder in Archangelsk oder Timbuktu."
    Schonberg, Die Großmeister des Schach, Fischer-Verlag 1974, S. 116

    Auch rein vom Spielerischen her sollte Paris 1900 die Schachgeschichte bereichern. Es gab wie später in Karlsbad 1911 in der Partie "Bauer" Süchting vs. Dus-Chotimirsky" eine später als Anekdote gerne zitierte Humoreske, und zwar in der "Pfeifenpartie" zwischen Marshall und Burn; Jacques Mieses schuf mit seinem 24. Dg7!! gegen David Janowsky einen Zug für die Ewigkeit, wofür er den Schönheitspreis gewann; Harry N. Pillsbury opferte seine Dame gegen Geza Maroczy sogar nur gegen einen Bauern, und das mit Erfolg, und auch der Weltmeister zeigte sich gegen eben diesen Maroczy von seiner Sonnenseite. So konnte die Zukunft beginnen.

    [Event "Paris"]
    [Site "Paris FRA"]
    [Date "1900.05.25"]
    [EventDate "1900.??.??"]
    [Round "5"]
    [Result "1-0"]
    [White "Emanuel Lasker"]
    [Black "Geza Maroczy"]
    [ECO "D37"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "59"]

    1.d4 d5 2.c4 e6 3.Nc3 Nf6 4.Nf3 dxc4 5.e3 c5 6.Bxc4 a6 7.a4
    Nc6 8.O-O cxd4 9.exd4 Be7 10.Be3 O-O 11.Qe2 Qa5 12.Rfd1 Rd8
    13.Rac1 Nb4 14.Ne5 Nfd5 15.Bb3 Rf8 16.Ne4 Qd8 17.f4 b6 18.Bd2
    Bb7 19.Ng3 Rc8 20.f5 Rxc1 21.Rxc1 exf5 22.Nxf5 Bf6 23.Bxb4
    Nxb4 24.Nxf7 Rxf7 25.Qe6 Kh8 26.Qxf7 Bxd4+ 27.Kh1 Nd3 28.Rf1
    Bxg2+ 29.Kxg2 Qg5+ 30.Kh3 1-0

    [Event "Paris"]
    [Site "Paris FRA"]
    [Date "1900.05.28"]
    [EventDate "1900.??.??"]
    [Round "6"]
    [Result "1-0"]
    [White "Harry Nelson Pillsbury"]
    [Black "Geza Maroczy"]
    [ECO "C05"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "91"]

    1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nd2 Nf6 4.e5 Nfd7 5.f4 c5 6.c3 Nc6 7.Ngf3
    Be7 8.Bd3 Qb6 9.dxc5 Nxc5 10.Nb3 Nxb3 11.axb3 Bd7 12.b4 Rc8
    13.Qe2 a6 14.Be3 Qc7 15.Qf2 Nb8 16.Bb6 Qc6 17.O-O O-O 18.Ra5
    f5 19.Kh1 Rce8 20.Bc5 Qc7 21.Bxe7 Rxe7 22.g4 Nc6 23.Raa1 fxg4
    24.Qh4 g6 25.Qxg4 Rg7 26.h4 Ne7 27.Nd4 Nf5 28.Bxf5 gxf5 29.Qh5
    Qd8 30.Rg1 Rff7 31.Qh6 Qe7 32.Nf3 Kh8 33.Kh2 Rf8 34.h5 Rg4
    35.Ng5 Rxf4 36.Nf7+ Qxf7 37.Qxf4 Qxh5+ 38.Kg3 Qe2 39.Kh4 Rc8
    40.Rae1 Qxb2 41.Kh3 Rxc3+ 42.Rg3 Rc2 43.Rh1 Rc8 44.Qh6 Qxe5
    45.Qxh7+ Kxh7 46.Kg2# 1-0

    [Event "Paris"]
    [Site "Paris FRA"]
    [Date "1900.06.12"]
    [EventDate "1900.??.??"]
    [Round "14"]
    [Result "1-0"]
    [White "Jacques Mieses"]
    [Black "David Janowski"]
    [ECO "C26"]
    [WhiteElo "?"]
    [BlackElo "?"]
    [PlyCount "71"]

    1.e4 e5 2.Nc3 Nc6 3.Bc4 Bc5 4.d3 d6 5.f4 Nf6 6.f5 Na5 7.Qf3 c6
    8.g4 h6 9.h4 b5 10.Bb3 Nxb3 11.axb3 h5 12.gxh5 Nxh5 13.Nge2
    Qb6 14.Ng3 Nf6 15.Bg5 Bb7 16.h5 Nh7 17.Bd2 O-O-O 18.h6 g6
    19.O-O-O Rhg8 20.fxg6 fxg6 21.Rdf1 Kb8 22.Qf7 Rh8 23.Qxg6 Rdg8
    24.Qg7 Bc8 25.Nf5 Bxf5 26.Rxf5 Bb4 27.Kb1 Bxc3 28.bxc3 Nf8
    29.Rhf1 Ng6 30.Qd7 Rd8 31.Qe6 Nf4 32.Bxf4 exf4 33.R5xf4 Qc5
    34.Rf7 Qg5 35.Rf8 Qc5 36.Qe7 1-0
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  2. #2
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    AW: Der Weltmeister in Topform - Paris 1900

    Heutzutage können Videos bereits aus der Pionierzeit des Films rekonstruiert werden. Dieses Video enthüllt, wie die Menschen damals in Paris um das Jahr 1900 herum gelebt haben, und auch, was es mit den im Thread erwähnten rollenden Bürgersteigen auf sich hatte – eine Attraktion der Pariser Weltausstellung. Auf den Straßen regierte Pferdekraft statt Motorstärke und auch die Feuerwehr kam auf Schimmeln, allerdings im Galopp! Video leider nicht direkt einbindbar, deswegen als Link: https://www.youtube.com/watch?v=NjDclfAFRB4
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  3. #3
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    AW: Der Weltmeister in Topform - Paris 1900

    Schonberg: "Obwohl Lasker 27 Jahre lang Weltmeister blieb, verteidigte er seinen Titel nach dem Rückkampf gegen Steinitz 1896 nur sechsmal: 1907 gegen Marshall, 1908 gegen Tarrasch, 1909 und 1910 gegen Janowsky, 1910 gegen Schlechter und 1921 gegen Capablanca. Daß er den Titel so selten aufs Spiel setzte, wurde ihm in Schachkreisen bitter verübelt. Lasker, so schien es, ging systematisch der Gefahr einer Niederlage aus dem Wege. In der Tat pflegte er die Verhandlungen mit seinen Rivalen durch immer neue Forderungen zu erschweren. Bis 1903 wartete er, ehe er mit seinem kampfesdurstigen Herausforderer Frank Marshall überhaupt Verhandlungen aufnahm. Von da an schleppten sie sich endlos hin, und die Schachwelt schäumte. Der amerikanische Spieler und Schachjournalist William E. Napier machte sich im British Chess Magazine mit einigen bissigen Bemerkungen Luft: "Falls Dr. Lasker für den Rest seines Lebens darauf besteht, sich Zeit und Schauplatz einer Begegnung selbst auszusuchen, so läuft jeder rechtmäßige Herausforderer Gefahr, durch eine Laune des Weltmeisters disqualifiziert zu werden ... Dr. Lasker könnte den Wunsch verspüren, in einem Ballon zu spielen, oder tief unten im Schacht einer Kohlengrube, oder in Archangelsk oder Timbuktu."

    Ich habe Schonbergs Buch. Es ist meiner Ansicht nach eine interessante (Vergleich Schach und Musik) und amüsante Lektüre, aber ich halte es nicht für eine zuverlässige schachhistorische Quelle. Übrigens, welche Spielstärke hatte er?

    Zuerst einmal: Die meisten Schachhistoriker glauben, dass er erste längere Wettkampf gegen Janowski (1909) kein WM-Match war; auch André Schulz nimmt ihn nicht in sein Buch Das große Buch der Schachweltmeisterschaften auf.

    Milan Vidmar, ein Weltklassespieler und echter Insider, schreibt in Goldene Schachzeiten: „Allerdings: Seine Vorfahren im Schachreich, Steinitz und Lasker, waren immer bereit dem Herausforderer entgegenzutreten, sie versuchten es meines Wissens niemals, mit allzu schwer zu überwindenden Hindernissen das Herannahen der vermeintlichen Weltmeisterschaftskandidaten möglichst zu drosseln.“ (S. 175)

    Marshall galt erst mit seinem Turniersieg in Cambridge Springs 1904 als potentieller Herausforderer. Lasker war bereit, den WM-Wettkampf 1907 für „nur“ 1.000 Dollar zu bestreiten.

    Ich glaube, dass der Grund für die Pause zwischen WM-Wettkämpfen (1896/7 bis 1907) Laskers erdrückende Dominanz war, die auch mögliche Sponsoren abschreckte.

    Vidmar: „G. Maroczy dachte meines Wissens tatsächlich nie an die Weltmeisterschaft. Ich war sehr gut mit ihm und weiß genau, warum er den Kampf um die höchste Ehre im Schachreich mied. Er war überzeugt, ehrlich überzeugt, daß man Lasker nicht schlagen könne.“ (S. 19)
    Erst 1906 (10 Jahre nach Maroczys zweitem Platz in Nürnberg 1896) gab es Verhandlungen zwischen Lasker und Maroczy, die aber zu keinem Match führten, weil Maroczy keine Sponsoren gewinnen konnte (ähnliche Probleme gab es bei Lasker-Schlechter, s. https://www.schachburg.de/threads/76...Schach-WM-1910).

    Pillsbury war der einzige Zeitgenosse Laskers, der gegen ihn nicht katastrophal abschnitt: In Turnierpartien erzielte er ein -1, 4 Siege gegen 5 Niederlagen (in Datenbanken wird Pillsburys Schwarzsieg in Augsburg 1900 angegeben, doch dabei handelte es sich um eine freie Partie, also nicht unter Turnierbedingungen, was man schon an der Eröffnungswahl Laskers erkennen kann, der keine hohe Meinung vom Königsgambit hatte).
    In Emanuel Lasker Volume 1 geht das vierte Kapitel (Lasker: The American Views) auf ein mögliches WM-Match Lasker-Pillsbury um die Jahrhundertwende ein (es betont auch, dass Marshall 1903 keine Sponsoren gewinnen konnte, S. 162):
    „But Pillsbury's world championship ambitions received yet another setback the next year, when Lasker won Paris 1900, scoring 14,5:1,5, two points ahead of the American champion.“ (S. 158)

    Damals liefen WM-Wettkämpfe ähnlich wie Pferdewetten; man musste Sponsoren finden (backers), die auf einen Spieler setzten, und wer wollte schon Geld gegen einen übermächtigen Gegner setzen?

    Ich will Lasker nicht besser darstellen, als er war: Er hatte seine Ecken und Kanten.
    Ich finde z.B., dass seine kleinen „Psychospielchen“ 1908 gegenüber Tarrasch – nicht auf dem Brett (Lasker spielte kein „psychologisches“ Schach), sondern daneben – nicht gerade die feine englische Art waren (Emanuel Lasker Volume 1 Kapitel 8). Ich glaube auch, ohne mir ganz sicher zu sein, dass er Capablanca 1911 unfaire Bedingungen gestellt hat („2-Punkte-Klausel“, welche nur für den Herausforderer galt).

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